Jesper Dahlbäck schwebt im zweiten Frühling. Die Wiederentdeckung alter Acid-Tugenden hat ihn nach seiner Deephouse-Phase zu einer entwaffnenden Direktheit zurückfinden lassen, die ihn zum heißesten Beisitzer auf dem Tiga-Thron macht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 84

Acid-House

Schwedisch Acid
Jesper Dahlbäck

Stockholm ist eine gemütliche Stadt, sagen alle, die dort gewesen sind. Latent verschlafen und von pittoresker Schönheit mit vielen kleinen Brücken und einer Menge Natur drumherum. Clubs sind rar und die, die es gibt, drehen dem DJ schon um drei Uhr den Strom ab und verleihen ihrer Aufforderung zu gehen durch den gezielten Einsatz von Putzlicht noch mehr Nachdruck. Alkohol ist wahnsinnig teuer, was die Stockholmer logischerweise nicht wirklich vom Trinken abhält, aber, laut Jesper Dahlbäck, der dort einen Großteil seines Lebens verbracht hat, aus einem schwer nachvollziehbaren Grund dafür sorgt, dass sie, wenn sie sich denn besaufen, gemeinhin ein wahnwitziges Tempo vorlegen. Tanzen scheint als soziale Praxis nur von untergeordneter Bedeutung zu sein. Tatsachen, mit denen sich Jesper Dahlbäck arrangiert hat, fällt es ihm so doch leichter, sich voll aufs Produzieren zu konzentrieren. Die Zeiten, in denen er mit Freunden in einem schlaflosen Ravemarathon von Stockholm nach Hamburg und dann, eine durchtanzte Nacht und einen Rausschmiss aus dem Hamburger Club Unit später, nach Berlin zur Love Parade reiste, sind definitiv vorbei. Heute lässt er sich lieber von Aril Brikha bekochen, wenn beide in der Stadt sind, und reist mit dem Ruf, einer der vielseitigsten schwedischen Produzenten zu sein, als vielbeschäftigter DJ durch die Welt.

Thors Hammer …
Vor etwas mehr als zehn Jahren gründete Jesper Dahlbäck mit Adam Beyer und Peter Benisch die Globe Studios. Eine Studiogemeinschaft, in der nicht wenige Tracks der so genannten “Swedish Invasion” entstanden. Harter, schneller, monotoner Techno, der auf Adam Beyers Label Drumcode seine endgültige Zuspitzung fand. Looptechno, der kein Verschnaufen und keine Kompromisse kannte. Sozusagen der Prototyp von Schranz, der auch Chris Liebing gut gelaunt mit dem Kopf nicken ließ.
Ab 1995 verdingte sich Jesper tagsüber als vertrauenswürdiger Vinylfachverkäufer im Stockholmer Plattenladen Planet Rhythm und produzierte in seiner freien Zeit für das gleichnamige Label Tracks unter dem Pseudonym Lenk. Es folgten Platten auf Cari Lekebuschs Label Hybrid, auf Drumcode und einer ganzen Hand voll weiterer Technolabel weltweit. Mit den Veröffentlichungen wuchsen mit der Zeit nicht nur die Pseudonyme, unter denen Jesper seine Tracks gen Dancefloor schickte, sondern auch der Drang, musikalisch in eine andere Richtung zu gehen. Mittlerweile hatte er mit Blank und DK (zusammen mit Thomas Krome) zwei eigene Label gegründet, auf denen er das technoide Hämmern früherer Releases mit einer housigeren Deepness vermischt hatte. Anfang 1996 lernte er Stephan Grieder kennen und die beiden beschlossen, das House-Label Svek zu gründen. Stephan Grieder als Labelmanager und Jesper als Hausproduzent. Von da an standen die Zeichen auf Deep House, auch wenn Jesper nebenbei immer mal wieder eine härtere Gangart einschlug. Auf Svek veröffentlichte er zum ersten Mal Tracks unter seinem eigenen Namen, was mitunter zu einiger Verwirrung führte, wenn der DJ Jesper Dahlbäck soundtechnisch nicht so recht mit dem Produzenten Jesper Dahlbäck korrespondieren wollte. Denn als DJ war und ist er heute vielleicht mehr denn je der drängelnden Intensität Chicagos verpflichtet.

… schmeckt Acid
Der zweite Acidfrühling schlägt weltweit auf den Dancefloors bunte Blasen und Jesper Dahlbäck ist mittendrin und teilt ordentlich aus. Wie kaum ein anderer wischt er mit Wikingerfaust alle Verzagtheiten vom Tisch und ersetzt sie durch frische Acidtugenden, die sich einmal mehr als zeitlos erwiesen haben. Der Mann steht unter Strom. Egal ob mit Alexi Delano auf Pokerflat, mit Thomas Krome auf DK, mit seinem Cousin John Dahlbäck als “Hugg & Pepp” (was übrigens die Kosenamen sind, die die beiden von ihrem Onkel bekommen haben, als sie klein waren) auf deren neuem Label Dahlbäck Recordings oder auf eigene Faust, jeder seiner Tracks besticht zur Zeit durch zwingende Direktheit, die einmal mehr zeigt, dass ein gut gemachter Acid-House-Track eben doch den perfekten, unverdächtigen Popappeal mit sich bringt. Und wenn Tiga mit “Pleasure from the Bass” in diesem Jahr die Charts stürmt, müsste der Gerechtigkeit halber Jesper kurz darauf folgen. Denn wo ist der Track gemacht? Welcher Name versteckt sich in den Credits? Na? Genau, Jesper Dahlbäck. Produziert “in a matter of hours at the lovely Globe Studios”. Warum also Tiga auf dem Cover alleine im braunen Kordanzug vor einer mächtigen Bassbox sitzt, bleibt vorerst das Geheimnis der beiden. Wahrscheinlich ist es Jespers freundlicher Zurückhaltung zuzuschreiben, dass er während des Interviews nur kurz mit einem zufriedenen Grisen erklärt, dass er “da auch was mit Tiga gemacht hat” und es dem Zufall überlässt, dass man, wie ich, über seinen Namen in den Credits der Platte stolpert. Die Zeiten der Deep-House-Exkursionen sind definitiv erst einmal vorbei, was unter anderem auch am Ende von Svek Records liegt. “Es war eine sehr interessante, schöne Zeit, aber es hat mich auch von anderen Projekten abgehalten. Jetzt, ohne Svek, beginnt für mich eine neue Ära, andere Dinge zu entdecken. Ich habe wieder großen Spaß am Produzieren.” Das hört man. Aciieed!

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Elektronische Lebensaspekte.