Unterhaltungskanone mit Fingerspitzengefühl
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 130


Jesse Rose repräsentiert unverblümten House. Mit seiner abgebrühten Methodik zwischen britischer Rauhbeinigkeit und frivoler Slickness ist nun endlich sein Album auf Dubsided erschienen, das den Wink zum glitzernden Pop genauso wenig scheut, wie den Stil konsequent weiterzuentwickeln, der vor ein paar Jahren Fidget genannt wurde. Im Interview parliert Jesse Rose über Pioniertum, Britney Spears und Optimismus als Erfolgszweck.

Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, der ist König. Natürlich kennt Jesse Rose diesen Kinderreim von August Mühling nicht, aber nichts scheint die Art, Lebensüberzeugung und Erscheinung des Engländers besser zu treffen. Jesse Rose ist einer der veritabelsten Multitasker der Szene. Die Art und Weise, wie er House produziert, die Schnittstellen zwischen Peak und Deep nonchalant auslotet und dabei den sprichwörtlichen britischen Humor direkt in seine Sounds einarbeitet, ist einzigartig. Wäre er nicht Musiker, dann wäre er wahrscheinlich Optimismus-Coach geworden. Einnehmend in seiner Sicht der Dinge, erhellend in der Auffassung, dass Musik mehr ist als understates Cool-Getue oder chauvinistisches Besserwissertum. Nein, Musik ist Ekstase, darf vor den Kopf stoßen, schocken und Pop so sedimentieren und clever zerclashen wie die zahllosen von ihm auseinander genommenen Dancefloors dieses Planeten.

ONCE AGAIN
Sein nun erschienenes Album ”What do you do if you don’t?“ wird schon seit Jahren angekündigt, aber der Release immer wieder verschoben. Eigentlich hätte es bereits zu Zeiten erscheinen sollen, als die schmierige Schublade Fidget gerade einen Spalt breit offen stand, noch bevor die allgemeine Musikpresse sich darüber hermachte wie seinerzeit über den Liebing’schen Schranz. ”Ich hatte bereits ein fertiges Album, aber Switch (Dave Taylor/Solid Groove) von Dubsided hat zu lange gebraucht, um es zu veröffentlichen. Als ich das Album ein zweites Mal gemacht habe, war es sehr tricky. Aber dann sah ich, dass eine Menge Kids das gleiche Zeug machen wollten, und hatte das Gefühl, es wäre nicht mehr sonderlich originell. Beim dritten Versuch bin ich ins Studio gegangen und wollte House Music machen, Musik, die für mich nicht alt wird, der Sound, den ich mochte, als ich 14 war. Ich wollte etwas, wo die Tricks im Hintergrund sind und soulful Samples und ähnliche Ideen in den Vordergrund rücken. Klar wäre es mir lieber gewesen, wenn das Album deutlich früher erschienen wäre, aber im Moment bin ich sehr glücklich damit, wie es passiert ist“, erklärt Rose in seiner Berliner Wohnung. Die Musik war aber nicht der ausschlaggebende Grund für seinen Umzug von London an die Spree: ”Ich wollte ein entspannteres Leben führen. Ich wollte um drei Uhr morgens durch die Straßen gehen können, ohne von irgendwelchen Crackheads und Gangs angemacht zu werden, und ich wollte mir ein Sandwich holen können, ohne permanent das Gefühl zu haben, dich will jemand verarschen und dir irgendeinen Scheiß draufschmieren.“

HOUSE
Seine Auslegung von House war schon immer weiter gefasst, als nur über stereotype Sounds wie Claps oder Chords zu funktionieren. Das manifestiert ”What do you do if you don’t?“ auch mit Variabilität und einem sehr popkonzeptuellen Ansatz. Da kreischen die Ringmodulatoren und Blaskapellen humpen im Bierzelt auf ADHD. Da zählen die Vocal-Features der Digi-Rumpelpop-Überflieger Hot Chip genauso dazu wie die Einbindung der ”Incredible Beatbox Band“ aus Japan, deren Album er im vergangenen Jahr produzierte. Jesse Rose probiert vieles aus und immer scheint er ein Händchen dafür zu haben, was gut funktioniert. So wie das aktuelle Liveprojekt mit Henrik Schwarz namens “Black Rose”, das im Januar Weltpremiere hatte und diesen Sommer auf einigen Festivals zu sehen sein wird. Dabei ist gerade Black Rose aus einem ”Zufall“ heraus entstanden. ”Wir haben auf einer Party improvisiert, er am Rechner, ich an den Plattenspielern. Am nächsten Tag riefen dann Leute bei uns an und wollten Black Rose buchen. Wir meinten nur: Wer? Und sie antworteten: Black Rose! Henrik Schwarz und Jesse Rose. Gut, dachten wir, dann machen wir das auch.“ Wenn auch der Projektname so improvisiert scheint wie das Konzept, kommen kaum Zweifel auf, dass nicht auch diese Idee erfolgreich sein wird. Wenn Jesse davon erzählt, wirkt er wie ein gut gelaunter Danny de Vito, ganz wie seine Tracks, die immer ein serotonisches Grinsen hervorrufen und selbst in den hintersten HiHats Funk versteckt halten. Rose schenkt derweil in englischer Manier schwarzen Tee aus, während draußen der Hauptstadttransit nervös und ruppig auf sich aufmerksam macht.

Inwiefern ist deine Platte für dich auch ein Popalbum geworden?

Normalerweise macht man einen Track, der bis zu zehn Minuten lang ist, und kürzt den dann auf vier Minuten runter. Aber hier war es wirklich umgekehrt. Das war auch für mich ein neuer Ansatz. Es hat sich herauskristallisiert, dass ein kommerzieller Fokus nicht falsch ist, nicht im Sinne von cheesy, aber Tracks einfach größer zu denken. Lustigerweise haben dadurch erst die Leute vom NME und Clash Magazine diesen Release spitz gekriegt, OK, vielleicht auch wegen der Hot-Chip-Geschichte. Es war aber definitiv kein Kalkül dahinter.

Wenn du vom NME redest … was für einen Bezug hast du zu diesem Pop-Ding und könntest du dir vorstellen, als reiner Pop-Producer zu arbeiten?

Absolut. Auch wenn man vom Underground kommt, rufen plötzlich bekanntere Leute an und wollen was gemeinsam machen. Wenn jetzt Britney Spears käme und von mir ihr nächstes Album produziert haben möchte, mache ich das sofort. Es geht doch nicht um Overground oder Underground. Ich mag Cécille genauso wie Cameo.

Du hattest schon immer eine Menge Projekte und bist mit Dubsided, Front Room und Made To Play in vielen Labels involviert. Viele Leute haben genug damit zu tun, ein Label zu betreiben, gerade in heutigen Zeiten des Vertriebssterbens und der Musikkrise.

Ich bin in London großgeworden, dort muss man eine Million Sachen parallel machen, um zu überleben. Zur allgemeinen Lage denke ich, dass es schwierig ist, gerade jetzt mit was ganz Neuem zu beginnen, sei es als DJ oder als Produzent oder mit einem Label. Es ist ein schwieriger Markt. Glücklicherweise habe ich vor einiger Zeit angefangen und da sind wir nicht wirklich von der Krise betroffen. Klar, wenn ein Vertrieb Pleite geht, tut es uns auch weh. Wir sind an dem Punkt, wo man mit einem gewissen Namen konstant weiterarbeiten und auch gut verkaufen kann. Andererseits, hätte ich zehn Jahre vorher angefangen, wäre ich vielleicht ganz woanders gelandet. Alle Freunde, die zehn Jahre älter sind als ich, haben sich Ferraris gekauft und besitzen dicke Villen, und das nur als DJs! Dave Angel zum Beispiel. Er hat ein riesiges Haus in Swinden und mehrere Sportkarossen in seiner Garage stehen. Vielleicht sähe das alles anders aus, wenn ich ein paar Jahre vorher dagewesen wäre. (lacht)

Kommt da kein Neid auf?

Ach was. Ich bin superglücklich. Ich sehe so viele unglaubliche DJs, wenn ich reise. Residents, die technisch brillant sind, eine hervorragende Selection haben und man weiß nicht, ob sie je die Stadt verlassen werden.

Druck oder Pessimismus scheinen ja gänzlich an dir vorbeizugehen.

Ich bin sehr optimistisch. Ich habe mich nie gefragt, was ich in zwei Jahren machen würde. Natürlich hatte ich Platten, die mal erfolgreicher waren als andere. Aber ich finde auch, dass es im Moment viel gute Musik gibt, worum es mir ja immer ging. Diejenigen Leute, die aus Geldgründen ins Business gegangen sind, sind jetzt nicht mehr am Start. Eigentlich muss man das positiv sehen, weil wir durch den Crash auch eine Menge Schrott losgeworden sind. Eigentlich ist es doch sehr positiv, wie es gerade läuft.

Als du nach Berlin gekommen bist, war Minimal ziemlich präsent, zu einer Zeit, wo du gerade für einen gänzlich anderen Entwurf von Dance standest …

Das war heftig. Egal wo ich war, lief Minimal: beim Zahnarzt, in jeder Rezeption, im Café, überall. An den absurdesten Orten lief Minimal.

Ich wäre ja immer davon ausgegangen, dass euer House-Sound potentiell die Minimal-Wachablöse hätte sein können.

Worüber wir reden, ist ja relativ Berlin-fixiert. Was wir damals mit unserer Definition von Musik angefangen haben, hat ja international durchaus Wellen geschlagen. Die ganzen Ed-Banger-Leute kamen irgendwann und meinten: Was wir machen, ist total durch euren Sound beeinflusst. Oder den ganzen House- und Danceboom in den USA gibt es doch deshalb, weil das gewissermaßen daraus entstanden ist. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass das allein auf meinem Mist gewachsen wäre. Aber die Sachen, die jetzt in den USA berühmt sind, wie die Crookers und MSTRKRFT, kommen doch genau aus dieser Richtung. Es hat also schon eine größere Auswirkung gehabt, auch wenn das auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Die ganzen Indie-Kids haben vorher nie Dancemusic gehört. Als wir anfingen, House auseinander zu hacken, hat das die damalige Formel abgelöst, woraufhin einige Kids angefangen haben, solche Sounds selber zu machen. Da haben sich für die ganz neue Möglichkeiten ergeben: Du kannst die Kickdrum nehmen, aber den Rest kannst du gestalten, wie du willst. Gewissermaßen könnte man sagen, dass unsere Idee Dancemusic maßgeblich mitverändert hat. Ausschlaggebend für mich war einfach, dass ich nicht immer wieder den gleichen Track machen wollte.

Aber magst du persönlich die Sachen? Diesen Neon-Sound aus Frankreich oder den USA?

Ganz ehrlich: Am Anfang war ich kein Fan davon. Als die Ed-Banger-Geschichte losging, habe ich ja schon einige Jahre zuvor Spuren gecuttet, zerhackt und eine verzerrte Bassline druntergelegt. Daher habe ich wieder angefangen, mehr zu den Roots zurückzukehren und groovebasierter zu arbeiten. Da alle Leute CutUp-Platten machten, war ich halt ein bisschen davon gelangweilt. Als ich die Sachen von Ed Banger hörte, dachte ich zwar: Ach kommt, das ist doch eine Spur zu sehr over the top. Aber dann merkte ich, dass es auf mich gewirkt hat. Seitdem kann ich in den USA Festivals spielen, weil die Kids jetzt Dance hören und das ein Stück weit auch besser verstehen. Ich kann das schon wertschätzen, was Justice und Pedro dort aufgebaut haben. Das hat Dancemusic dort immens weitergebracht und auch wenn du ein Techno-DJ bist, bekommst du dort mittlerweile viel mehr Anerkennung für das, was du tust.

Deiner Meinung nach hatte dieser Ed Banger/Kitsuné-Boom also eine große Auswirkung auf Amerika?

Gewaltig! Bevor Justice oder Daft Punk kürzlich in den USA getourt sind, gab es keine große Danceszene dort. Aber jetzt ist das Interesse immens.

Die Wahrnehmung deiner Person hat sich dadurch auch verändert?

Absolut. Ich war ja schon in Amerika, bevor das alles passiert ist, aber jetzt bekommen wir eine komplett andere Wertschätzung, genauso in Australien. In Amerika gab es nur Rock im Radio, jetzt ist das alles danciger geworden. Schau dir Timbaland an, der Trance-Elemente im HipHop verarbeitet. Genauso Pharrell, der hat sich genau angeguckt, was in Frankreich passiert ist. Manchmal brauchen die Leute halt so ein Phänomen, um einen Einblick in das große Bild zu bekommen. Und ehrlich: Eigentlich hilft es jedem, der elektronische Musik macht.

Wenn man jahrelang etwas aufbaut, einen Sound etabliert und nun amerikanische Teenies mit ihrem Laptop billige, verzerrte, aber dennoch erfolgreiche Tracks bauen und das Geld damit machen, all die Drogen und die ganzen Mädchen abbekommen …

Zum Glück brauche ich die Drogen nicht – aber die Mädchen bekomme ich noch immer (lacht). Nein im Ernst, ich verstehe, was du meinst, aber Fair Play, Mann! Justice haben die Platten gemacht, nicht ich habe die größten Fidget-Platten gemacht, Crookers haben sie produziert. Wenn ich deprimiert wäre, arm oder in der Klapse, würde ich vielleicht anders argumentieren. Das, was ich für mich geschafft habe, ist das Größte, was man mit House Music erreichen kann. Es gibt Leute wie Trevor Loveys, die den Sound nach vorne gebracht haben, und andere Leute bekommen die Props dafür, weil er nicht so geschäftstüchtig ist und lieber eine Platte macht und danach für ein paar Monate abhängt. Er wohnt auch lieber in Bournemouth als in London. Da denke ich natürlich, dass er das Recht dazu hätte, es besser zu haben, weil er nicht auf den Magazincovern ist und nicht derjenige ist, der die großen Acts remixt. Aber der scheißt doch genauso drauf (lacht).

Noch mal zurück nach Europa. Wie siehst du das aktuelle Deephouse-Revival? Da hat man doch den Eindruck, dass das alles sehr formelhaft verläuft: Ich habe den gleichen Beat, aber bringe einfach ein paar Chords dazu …

… oder ich benutze Claps anstatt einer Snare und eine alte Kickdrum statt einer 808-Kick. Wenn ich jetzt 26 wäre, würde unser Gespräch wohl anders ausfallen. Damals wäre ich da direkt drauf angesprungen. Gerne würde ich sagen: Kommt, macht doch lieber das, was ihr ohnehin schon gemacht habt. Fickt euch und lasst House in Ruhe. Was ich aber sagen kann: Ich mag die Sachen, die gerade passieren, da werden große Tracks gemacht. Als ich Sascha Dive und Johnny D gehört habe, musste ich zugestehen, dass sie einwandfreien House machen. Die Produktionen sind gut, ich würde sogar behaupten, dass selbst Masters at Work diese Platten spielen würden. Das ist nicht so wie bei Tech House, wo zu viele billige Scheiben gemacht wurden. Wenn Minimalproduzenten jetzt House-Platten machen, um im Spiel zu bleiben, muss man sehen, dass sie Platten verkaufen wollen. Aber man merkt, dass sie nicht den Funk oder den Groove haben, den es braucht. Im Moment hört man viele Scheiben, wo man sofort merkt: Das ist ein Techno-Produzent und er hat keine Ahnung, wie man einen House-Track macht. Da ist kein Groove. Da ist der Groove auf der Drei und sie haben keine Ahnung, wie man Synkopen macht oder was eine Synkope überhaupt ist.

Es ist doch aber auch so, dass Techno und House immer mehr verwachsen und die Grenzen kaum noch auszumachen sind. Die Geschwindigkeiten haben sich ja auch immer mehr angepasst.

Total, aber für mich ist das super. Als ich 16 war, war ich in London oft im Laden Plastic People. Da lief damals Deephouse und es gab diesen speziellen Groove, der über acht Stunden lief, und alle waren auf Ecstacy und haben irgendwann den Groove gefangen. Das wollte ich immer haben, bekam aber die Platten nicht. Jetzt gibt es genau diese Platten, nach denen ich damals gesucht hatte. Natürlich ist es langweilig, wenn ich zwei Stunden lang auf dem gleichen Conga-Beat reite. Wenn man House nicht versteht, kann das sehr langweilig sein. Man muss über drei, vier Platten den Groove aufbauen und dann in den Tune wechseln. Und ehrlich, ich habe eher das Problem meine Tasche zu packen, weil ich zu viel mitnehmen will. (lacht) Wie lange das jedoch gut geht, kann ich natürlich auch nicht sagen. Klar kann sich das schnell abnutzen, aber dann ist es Zeit sich weiterzuentwickeln.

Was macht deine Auffassung von House dann aus?

Es hat keinen Sinn, einen Style vorzutäuschen, in dem man nicht tatsächlich tief drinsteckt. HipHop-Produzenten können House machen, weil sie wissen, was dazu gehört, weil da der Rhythmus drin ist. Es gibt erst mal die Kickdrum. Aber die Kick kann soft sein, wie bei einer Pépé-Bradock-Scheibe oder aber auch so hart wie bei einer Switch-Platte. Für mich braucht House einen Bezug zur Black Music. Man muss nicht schwarz sein, um die Musik zu machen. Da sind die Einflüsse viel wichtiger. Isolée hat den Funk – auch wenn er nicht schwarz ist. Und ohne etwas über seinen Background zu wissen, ist er extrem funky. Ich bin in West London geboren, habe die ganzen Soundsystems mitgekriegt, Piratenradios und Drum and Bass. Aber selbst wenn du in Heidelberg aufwächst und Miles Davis hörst, kannst du genauso den Zugang zu House bekommen.

Meinst du damit Move D?

Nein, eigentlich eine meiner Ex-Freundinnen. (lacht)


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Elektronische Lebensaspekte.

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