"Das ist ein Generationending"
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 176

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Das Debütalbum von Jessy Lanza auf Hyperdub verbindet sexy R&B mit tanzbarer Elektronik, und hat dabei genauso wenig Angst vor Pop wie davor, dessen Potential nicht komplett auszuschöpfen. In neun sanften, starken, hypnotisierenden Stücken funkelt die Vielseitigkeit der Kanadierin und ihrer klaren, schönen Stimme. Nach dem Studium des Jazzklaviers in Montreal und etwas Zeit in Toronto zog Jessy Lanza in ihre Heimatstadt Hamilton zurück, die anstelle horrender Mieten ein überschaubares, aber inspirierendes Netz von Künstlern und Musikern bietet. Teil dessen ist unter anderem ihr alter Freund Jeremy Greenspan, besser bekannt als eine Hälfte der Junior Boys, mit dem sie zwei Jahre an “Pull My Hair Back” arbeitete.

 
Lass uns über dein Jazzklavierstudium sprechen.

Was ich hauptsächlich daraus mitgenommen habe, ist die Fähigkeit, anderer Leute Lieder zu lernen. Einen Song hören und auseinander nehmen zu können, die Akkorde zu erkennen: Das hilft mir selbst sehr beim Schreiben. Wenn ich eine Schreibblockade habe, spiele ich ein paar Akkorde, die ich schon kenne, und entwickle daraus etwas Neues. Es ist auch cool, einem Song so anhören zu können, was ihn wirklich gut macht. Meistens ist es ein lächerlich einfaches Detail, das man schon aus 100 anderen Songs kennt, zu denen es nie so gut gepasst hat. Das beste Songwriting ist für gewöhnlich auch das einfachste.

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Wegen seiner Einfachheit ist Pop schließlich auch so beliebt. Oder R&B.

R&B höre ich schon mein ganzes Leben. Die ersten Tracks, an denen Jeremy und ich zu Beginn arbeiteten, waren eher Dance-Tracks. Es hat ungefähr ein Jahr gebraucht, um herauszufinden, dass wir eigentlich R&B machen wollten. Und dann zwei Jahre um das Album zu schreiben. Aber genau diese Musik höre ich wirklich am liebsten. Ich freue mich, dass mein Album das nun auch widerspiegelt.

Woher kommt diese Vorliebe?

Ich glaube, die rührt aus meinem Jazzstudium. Die Akkordfolgen sind im R&B sehr ähnlich. Außerdem waren R&B-Sänger immer meine Lieblingssänger. SWV oder New Edition: Das gefiel mir vor allem auch wegen dieser beeindruckenden, einnehmenden Stimmen.

Und der inhaltlichen Simplizität ihrer Vocals?

Gefühle sind im R&B recht überschaubar: Liebe, Sex, Traurigkeit. Diese Einfachheit finde ich sehr anziehend.

Wie schreibst du eigentlich deine Texte?

Ich persönlich tue mich damit eher schwer. Wenn ich etwas Bedeutungsvolles schreiben möchte, klingt das am Ende ziemlich erzwungen oder gekünstelt. Darum nehme ich meist viele Takes auf, und füge die am nächsten Tag in einer Art Cut-Up zusammen. Das ergibt meistens textlich nicht viel Sinn, dafür gefällt mir der Klang besser. Den Klang von ausgefeilten, durchdachten Lyrics finde ich meistens ziemlich schwierig. Und ich bin auch noch besonders schlecht darin, solche zu schreiben.

 
Mit dieser Technik hat dein Song “Kathy Lee” schon Verwirrung gestiftet. Geht es darin tatsächlich um Kathie Lee Gifford, die Talkshow-Moderatorin?

Ich finde die Idee ziemlich lustig, einen Song über sie zu schreiben, entstanden ist das Lied aber auf andere Art. Kennst du dieses Sports-Illustrated-Model Kate Upton? Es gibt ein Video von ihr und Terry Richardson auf YouTube, das ist schon ein paar Jahre alt, indem sie den so genannten “Cat Daddy” tanzt. Es ist wirklich ein bisschen eklig, weil sie nur diesen winzigen Bikini trägt und ihre riesigen Brüste dabei so hüpfen, aber es ist auch total hypnotisierend. Und verrückt: 18 Millionen Views hat dieses Video von einem herumtanzenden Mädchen. Jedenfalls stellt er sie am Anfang vor und sie den “Cat Daddy”, was auch immer das sein soll, und dieser Moment, in dem ihre Stimmen ineinander übergehen, klingt so wie ich ihn geloopt habe, einfach wie “Kathy Lee”.

Wo wir gerade bei der merkwürdigen Darstellung von Frauen in den Medien sind: Wie fühlst du dich denn in deiner Rolle in der Musikindustrie?

Ich mache zwar schon lange Musik, aber für dieses Album gebe ich zum erste Mal wirklich Interviews. Aus den wenigen Erfahrungen heraus, die ich bisher gesammelt habe, kommt mir das ziemlich hart vor. So oder so ist Kritik schwer auszuhalten, aber mit Frauen wird doch besonders hart ins Gericht gegangen. Vor allem ist es schwer, wenn man den Erwartungen der Kritiker nicht entspricht, also wenn man zum Beispiel Instrumente spielt oder sein eigener Produzent ist. Viele gehen davon aus, dass ich singe und Jeremy für die Produktion verantwortlich ist. Das ist wirklich dumm. Und das stellt niemand in Frage! Aber ich glaube, dass diese Leute sich auch korrigieren lassen. Wenn du denen sagst, dass du auch produzierst, wird ja keiner sagen: “Nee, tust du nicht.” (lacht)

Aber du scheinst immerhin mit den richtigen Leuten zu arbeiten, die keinen Hang zum Patronisieren haben.

Auf jeden Fall. Anders ginge das auch gar nicht. Ich kenne Jeremy schon seit wir Teenager waren. Matt, der zweite Junior Boy, hat eine kleine Schwester, die immer meine beste Freundin war. Da gibt es keine Hierarchien. Und genauso lief es auch mit Hyperdub: Der Labelchef Kode 9, Steve Goodman, quetschte Jeremy über seine aktuellen Produktionen aus und als er unsere Sachen hörte, gefielen sie ihm. Jeremy erwähnte, dass wir nach einem Label suchen, und Steve sagte nur: “I’ll put that out.” Wir waren beide recht verwirrt, haben uns aber auch irre gefreut. Steve steht einfach auf interessante Musik. Und obwohl mein Album auf jeden Fall R&B ist, ist es kein gewöhnlicher Pop, etwas ist immer leicht off.

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R&B scheint derzeit wieder an Beliebtheit zuzulegen. Bands wie Inc., Rhye oder FKA twigs zeigen sich, genau wie du, massiv von diesem Sound beeinflusst. Woher kommt das?

Diese Bands haben auf jeden Fall einen ähnlichen Vibe, der klar vom R&B der 90er geprägt ist. All diese Sachen haben wir als Jugendliche auch gehört und obwohl ich nicht für alle sprechen kann, hängt zumindest meine Vorliebe für R&B stark damit zusammen. Unter vielen Umständen geht man zu dem zurück was man kennt, zu Dingen, mit denen man aufgewachsen ist, die man als Teenager wirklich liebte. In diesem Sinne haben wir sicher alle einen ähnlichen popkulturellen Hintergrund. Das ist meine einzige Erklärung: Dass es einer dieser Zyklen ist, fast ein Generationending. All das ist jetzt lang genug her um zurückzukommen.

Und trotzdem schauen Leute immer noch auf das ganze Genre herab.

Ja, das verstehe ich überhaupt nicht. Was für Unterhaltungen ich schon über “echte Musik” führen musste! Manche Leute haben anscheinend ein Problem mit Musik, die nur mit elektronischen Mitteln produziert wurde. Dass man eine Steckdose oder Computer braucht, um Musik zu machen, regt diese Leute unheimlich auf. Zum Glück will mittlerweile keiner von denen mehr mit mir darüber sprechen. Das spart unheimlich viel Energie.

 
Jessy Lanza, Pull My Hair Back, ist auf Hyperdub erschienen.