Trance war nie oder höchstens kurz mal gestern, sagt Herr Lieb, der in den letzten 16 Jahren so viele Pseudonyme gesammelt hat, wie andere Produzenten Veröffentlichungen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 102

Der Mann scheint schwer auf Missverständnisse gebucht zu sein: “Maschine” heißt das Label, mit dem er seit 2005 auf Techno-Tanzflächen re-reüssiert: “Die Leute könnten denken, dass da Maschinen am Start sind, also 1000 kleine Boxen. Sachen, die sich so beißen, finde ich eigentlich ganz nett”, bekennt Oliver Lieb, dessen persönliche elektronische Renaissance nämlich mitnichten aus der Reduktion auf analoge Geräte gespeist wird, sondern durch die Fokussierung auf wahrhaft komplizierte Software, in seinem Fall auf Kyma: “Eine Art modularer Alles-Könner, also Reaktor hoch zehn.” Und dann war da noch die Sache mit dem T-Wort, von dem nicht wenige behaupten, Oliver Lieb hätte es sogar ganz vorne mitgestaltet, aber da haben wir wohl nicht richtig zugehört: “Zu der Zeit, in der ich das gemacht habe, gab es noch gar keinen ‘Trance'”, korrigiert Lieb. Höchstens: “Gegen Ende dieser ganzen Trance-Sache, also 2000, 2001, mag das so gewesen sein, dass ich mich nach Trance angehört habe.” Und zuletzt das Missverständnis mit dem vibrierenden Studio: 1998, als die Soße auf den Tanzflächen schon mächtig anfing zu stinken, hatte Lieb sein Studio in direkter Nachbarschaft zur Frankfurter Hauptbahnlinie und jedes mal, wenn ein Zug vorbeikam, vibrierte es mächtig. Eines Tages hörte das Vibrieren aber gar nicht mehr auf und als Lieb Nachschau hielt, sah er die 25 Meter hohen Stichflammen, die Explosion und die einstürzenden Hochspannungsleitungen. Wenn der Zug zehn Meter früher entgleist wäre, wäre er frontal in das Haus mit Liebs Studio gerasselt und danach konnte er das Vibrieren des regulären Zugverkehrs nicht mehr ertragen. Woraufhin es ihn mit dem nächsten Missverständnis nach Königstein im Taunus verschlug: der Ort mit der höchsten Kaufkraft in ganz Hessen, an dem auch der Hochstapler Dr. Jürgen Schneider gewohnt hat, bevor sein Immobilienimperium zusammenfiel: “Ich habe dieses Haus an einem Sonntag besichtigt und erst später bemerkt, dass direkt daneben auf der Bundesstraße ganz schön was los ist.” Um vom ungesunden Schimmel in den meisten Räumen gar nicht erst anzufangen: “Das Studio ist hier eigentlich der einzige Raum, der normal und gesund zu benutzen ist.” Das ist dafür ideal in ein Fünfzigerjahre-Betonschwimmbad eingebaut.

Neustart auf der blanken Platte
Oliver Lieb als Dorfpunk des reichsten Ort Hessens und das Studio als einziger Ort ohne Missverständnisse: Ein Schelm, wer da nicht mal ordentlich auf den Metaphernsack eindrischt. Nach dem Umzug ging es jedenfalls mit den Clubs und auf den Tanzflächen so richtig bergab: “Klar sind wir heute an einem Punkt, an dem wir schon einmal waren. Aber in der Zwischenzeit hat sich so viel getan und es wurde so scheiße, dass das, was jetzt möglich ist, schon wieder Weltklasse ist. Das man jetzt sagen kann, man macht, was man will. Nenn es trancy, minimal, housig, acid, jetzt ist wieder alles möglich. Das ist ein Ding, was jetzt endlich wieder geht. Eine Zeit lang war klar: Minimal ist Minmal oder Deep-House ist Deep-House. Ein Label, egal wer da releast hat, war immer der gleiche Sound und am besten auch immer der gleiche Track. Dagegen ist es heute wieder so frei, dass ich überhaupt wieder Bock habe, Clubmusik im weitesten Sinn zu machen”, bekennt Oliver Lieb. “Jetzt sind offensichtlich genug Leute da, denen alles scheißegal ist, die sagen: ‘Style? Ist mir doch Wurst.’ Den Style an sich gibt es nicht mehr, jetzt ist es wieder frisch.” Da ist es nur konsequent, dass Lieb jetzt auch ganz schnell wieder raus muss aus dem Schimmel von Königsstein, wenn er “da nicht Rentner werden” will. Und es ist nur konsequent, dass er nach einem halben Telefonbuch Aliases von Alpha Omega, Arte Bionico, L.S.G. und Psilocybin über Smoked und Snakeman bis hin zu Spicelab jetzt fast auf seinen eigenen Namen setzt: “Solieb”. Punkt. Also: Hat es Techno so richtig gut getan, dass er von der Mainstream-Bildfläche verschwunden ist? “Ja, aber vor allem tut es dem Techno gut, dass Trance von der Bildfläche verschwunden ist,” sagt Solieb.

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Elektronische Lebensaspekte.