Jim Avignon malt Cartoonfiguren, die mit der deutschen BA fliegen, auf Socken durch die Gegend laufen, zu seiner Band Neoangin tanzen und Sammlern die lange Nase zeigen. Wahre Popart bedeutet, berühmt zu sein und trotzdem nur ein paar Mark zu kosten.
Text: Evelin aus De:Bug 43

One Jim and a Million Pictures
Malen mit Jim Avingon

“Ich bin viel zu schnell für Euch!”, stand einmal auf einem Zettel in einer Jim Ausstellung, deren Titel ich dummerweise vergessen habe. Aber auf dem Zettel ist eigentlich Jims komplette Philosophie zusammengefasst. Er ist der malende Oktopus, selbst farbenblinde Leute können ein Bild von Jim erkennen (siehe Müntefering), und eigentlich jeder könnte sich ein Bild von ihm leisten.

De:Bug: Sind deine Bilder wie ein Tagebuch für dich?

Jim Avignon: Ich weiß tatsächlich noch ziemlich genau, welches Bild ich wann und warum gemalt habe. Zu fast jedem Bild gibt es eine Entstehungsgeschichte, und die meisten gemalten Figuren gibt es auch in echt. Allerdings löse ich auch gerne meine realen Probleme auf meinen Bildern und glaube, damit sei der Fall erledigt.

De:Bug: Iih. Du sublimierst?! Mmmh. Was hältst du von den Leuten, die sagen, dass du oberflächlich malst?

Jim Avignon: Sagt das jemand? Ist wahrscheinlich als Kompliment gemeint, aber ich würde erst mal sagen, dass derjenige selbst nur oberflächlich hingeschaut hat.

De:Bug: Wann ist Kunst langweilig für dich?

Jim Avignon: Mit der Kunst ist es ja wie mit dem Käse: Für sich genommen stellt ja so ziemlich jede Sorte ein geschmackliches Erlebnis dar, aber kaum kommt irgendein Schlaumeier dazu und erklärt, warum dieser Käse jenem vorzuziehen sei, wird die ganze Sache leider langweilig. Im übrigen würde ich aber jede Ausstellung für ein gutes Käsebrot links liegen lassen.

De:Bug: Wunderst du dich noch über was, wenn du in Ausstellungen gehst?

Jim Avignon: Eigentlich über das Talent einiger Galeristen, mit etwas Licht und weißer Farbe Kunst so zu präsentieren, dass man ein völlig irrationales Respektsgefühl mit sich herumträgt, das man am liebsten sofort wieder loswerden möchte.

De:Bug: Wann bekommt man richtigen Ärger mit dir?

Jim Avignon: Eine der Berufsgruppen, mit der ich schon mal Ärger bekomme, sind die Türsteher. Auch mit einigen Firmen hatte ich schon Ärger, mit McDonalds und West zum Beispiel. Das war dann für keinen erfreulich.

De:Bug: Glaubst du, du wärst berühmter und teurer, wenn du tot wärest?

Jim Avignon: Das hoffen wohl einige. Als ich damals ankündigte, dass die Preise die nächsten 20 Jahre nicht hochgehen würden, haben das viele wohl nicht geglaubt. Und heute kostet ein Bild immer noch soviel wie vor 15 Jahren. Das hat natürlich einigen Sammlern, die sich damals die ganze Garage mit meinen Bildern vollgestellt haben, zur Verzweiflung gebracht.

De:Bug: Was passierte mit den früheren Figuren von dir?

Jim Avignon: Die müssen jetzt im Keller sitzen und auf die erste große Retrospektive warten. Einige wie zum Beispiel der Mann, der in zwei Richtungen läuft, oder der “unbeatable king of good mood” wären eigentlich reif für eine Renaissance.

De:Bug: Siehst du dich selbst als ‘enfant terrible’?

Jim Avignon: Vielleicht schon. Künstler haben Angst, in Gruppenausstellungen neben mir zu hängen, Galeristen müssen heimlich die Unterschriften fälschen, und nach wenigen Jahren blättert die Farbe wieder ab, so wie jetzt bei dem Bild, das bei SPD-Müntefering hängt.

De:Bug: Glaubst du, daß es Popart noch gibt ?

Jim Avignon: Knifflige Frage, denn wenn ich Popart sage, meine ich eigentlich was ganz Anderes. Warhol und Lichtenstein sind doch, wenn man mal von Haring und Hundertwasser (!) absieht, die einzigen Modernen, von denen man sich zum Beispiel einen Kalender kaufen kann. Das zeigt doch, wie wenig moderne Kunst sich ins kollektive Bewusstsein der ‘common people’ einschleichen kann. Beuys hat es vielleicht noch geschafft, sich zu einem Cartooncharacter aus Filz zu formen, aber alle anderen Künstler können oder wollen nicht aus dieser elitären Schublade heraus. Popart ist für mich, wenn Flugzeuge mit deinem Motiv herumfliegen und man seine eigene Sockenkollektion draußen hat und sich trotzdem jeder, der will, für ein paar Mark ein Original kaufen kann.

De:Bug: Wie bezeichnest du deinen Stil?

Jim Avignon: Als Schönmalerei.

De:Bug: Deine Lieblingscomicfigur als Kind?

Jim Avignon: Snoopy

De:Bug: Was kannst du jungen Künstlern mit auf den Weg geben?

Jim Avignon: Don’t take money from anyone. Viele junge Künstler erleben ihre Anfangsjahre als eine ziemlich trübe Zeit voller Armut und finanzieller Abhängigkeit, beenden die Akademie, ohne jemals eine Arbeit verkauft zu haben, und sind dann regelrecht davon besessen, schnell viel Geld zu machen. Kein Wunder also, dass später viele zu geldgierigen Zynikern werden. Das müsste nicht sein, wenn Künstler früher lernen würden, mit dem Verkaufen von Kunst umzugehen.

De:Bug: Was ist dir wichtiger? Malen oder Zahlen?

Jim Avignon: Als Künstler nicht vom Wohlwollen eines Sammlers oder Sponsors abhängig zu sein und selber zahlen zu können, ist schon nicht ganz schlecht. Insofern ist mir Zahlen nicht völlig unwichtig.

De:Bug: Woran arbeitest du gerade?

Jim Avignon: Ich habe vor kurzem im Verbrecherverlag einen Prachtbildband mit dem Titel “TV made me do it” herausgebracht und arbeite bereits an einer Fortsetzung, “attack/delay”, die im Frühjahr erscheinen soll. Sie wird aber ausschließlich digitales Material enthalten. Längerfristig arbeite ich an einer Kollektion von Charakteren, die “Choose a character” heißen wird. Außerdem habe ich eine neue NEOANGIN CD aufgenommen und mastere diese gerade.

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Elektronische Lebensaspekte.