Text: j.m. da costa aus De:Bug 13

EIN SELTSAMES PAAR Jose da Costa Dag und Jim Avignon sind Maler. Heutzutage klingt das ein wenig fremd, wie aus einer fernen, vergangenen Zeit. Aber man kennt sie sehr unmittelbar und physisch von tausend Partys, bei denen sie so etwas wie Decos gemalt haben. Auch ihre eigenen Aktionen sind berühmt geworden. Jim gründete mit anderen die mythische Radio Bar, hat die Kunsthalle Schirn mit hunderten Schnellbildern besetzt, Surf-Bretter bemalt, bei Parteitagen agiert und dazu spielt er eine verblüffend leichte Musik, kleine Pop Juwelen, die alle Grenzen von Easy-Listening-Low-Fi sprengen. Er hat auch Probleme, wie neulich als McDonalds ohne seine Genehmigung einige seiner alten Bilder für Cola-Becher benutzt und mit seinem Namen wirbt. Eine ärgerliche Sache die darauf hindeutet, daß eine Gratwanderung zwischen Underground und Mainstream nicht immer leicht ist. Während Jim ziemlich klein geraten ist, sieht Dag aus wie ein langgestreckter Romantiker mit noch größeren Klamotten. Er ist etwas später ans Licht der Öffentlichkeit getreten als Jim, aber er tat es zielstrebig, obwohl seine Präsenz nur in merkwürdigen Berliner Events zu bemerken ist. Er malte von Anfang an ein bißchen anders, sich mit komplizierten formalen Problemen beschäftigend, Leinwand und Öl benutzend… Mehr wie ein “echter” Maler. Jetzt veröffentlichen sie ein Buch, “Busy” heißt es. Je ein Drittel Bilder von Jim, Dag, und beiden zusammen. De-Bug.- Wie kommt man zu einem solchen Buch? Dag.- Wir wollten uns gegenseitig steigern und wollten uns auch dokumentieren. Wir machen ja keine Kataloge für unsere Ausstellungen. Jim.- Wir machen vieles in Orten, wo ein sehr starker Hintergrund vorherrscht, Klubs, Bands, Bilder in Ergänzung zu musikalischen Veranstaltungen… Wir dachten, daß die Arbeiten zu denen wir kommen wichtig genug sind, und daß man sie in einer anderen Form zeigen könnte. D-B.- Aber in den Veranstaltungen sind die Bilder normalerweise nicht so miteinander verbunden wie in diesem Buch… Jim.- Als Ausgangsposition haben wir die total vereinfachte Vorstellung, daß die Bilder wie Platten sind und wir versuchen wie ein DJ unsere Bilder zusammenzuspielen. Meine Bilder sind wie kleine Lieder, mit kleinen Titeln und minimalen Inhalten und seine Bilder als Spielarten elektronischer Musik mit Strukturen, Vordergrund und Hintergrund… D-B.- Welche Funktion kann so ein Buch haben? Dag.- Für uns ist es schon ein Dokument. Es ist, als ob man in eine Kuchen hineinschneidet und die verschiedenen Schichten sieht… D-b.- Ich spreche von Funktion für den Betrachter. Dag.- Es ist ein Angebot. Es gibt die Liveauftritte und das ist wie eine Platte, die man zuhause hört. Man muß es nicht so religiös betrachten. Jim.- Du willst unterhalten, du willst Informationen geben. Das machen wir auch. Außerdem versuchen wir diese Haltung Künstler=Ego und Abgrenzung zu durchbrechen. Im Prinzip wie Musiker zu arbeiten, wie in einer Band zusammenspielen… Ich glaube das gab es ja nicht so stark in Kunst. D-B.- Was denkt ihr über folgende Themen? Musik Dag.- Es ist eine Inspirationsquelle. In meinem persönlichen Leben ist sie immer präsent und das steigert sich, wenn ich in einen Klub gehe. Und ich gehe in Klubs wegen der Musik. Big Beat ist gut zum Tanzen und beim Arbeiten finde ich Musik besser, die vom Fluß her monotoner ist. Jim.- Für mich ist Musik das wichtigste überhaupt. Über die Musik definiert sich der Zustand der Zeiten. Die Art wie in der Musik Themen ausgesprochen, Inhalte rübergebracht werden, liegt mir am stärksten. Wesentlich mehr als Kunst. Ich bin so sehr Musikfan, daß ich täglich zwei oder drei Stunden Radio aufnehme und Mischkassetten mache, immer an neuen Bands oder DJs interessiert bin. Ich fing mit dem Malen an, um diese Art mit Themen umzugehen von der Musik in die Malerei zu übertragen. D-B.- Bei Jim scheint das weniger abstrakt als bei Dag zu funktionieren… Jim.- Tatsächlich mag ich Musik mit Texten oder mit cleveren Titeln, aber ich mag grundsätzlich die Haltung die Musik transportiert, egal welchen Stils. Dag.- Ich benutze keine Titel für die Bilder und meine Haltung ist, daß eigentlich alles schon gesagt ist. Bei mir paßt sich alles der Form an. Aber uns beide interessiert die Geschwindigkeit mit der sich die Musik verändert, die wollen wir auf unsere Arbeit übertragen. Nicht nur was in den Nachrichten vorkommt, sondern auch der alltägliche Tagesablauf. Zeitgeschehen im weitesten Sinn. D-B. Wörter? Jim.- Erstmal braucht man nicht viele Wörter um etwas auszudrücken. Fast jede Platte, auch wenn sie instrumental ist, hat einen Titel, oder hat Titel für die Songs. Es reicht ja völlig mit drei Wörtern einen Bezug herzustellen zum restlichen Werk. Ich nehme einen Titel den ich mag und suche ein Bild das dazu paßt Dag.- Ich habe immer gedacht, daß meine Handschrift sehr schlecht ist und ein Zeichen dafür, daß man sich nicht ausdrücken kann. Jetzt benutze ich auch meine Schwächen als Element. Jim.-Man nimmt Sätze, die man in einem Klub hört, Sprachsamples, Sprüche die nicht zu Ende gehen… Ich denke es ist so eine Aussage über die Hilflosigkeit der Zeit… D-B.- Eure sparsamen Texte sind nicht so fröhlich wie eure Farben…. Dag.- Im Grunde ist es wie Eulenspiegel. Erst die Leute durch Fröhlichkeit in der Ausstrahlung locken um dann zu sagen: “Guck mal, so sieht es wirklich aus”. Jim.- Ich würde niemals etwas machen das 100% gutgelaunt ist. Im Grunde ist genau diese Mischung wichtig. Dag.- Wenn ich ausgehe möchte ich etwas nach Hause bringen. Es ist ein bißchen Klischee, denn es geht auch nicht um diese Samstagabendstimmung… Eher eine Donnerstagstimmung. Jim.- Ich muß aber sagen daß ich nie einen Draht hatte zu Leuten, die eine nüchterne oder trockene Atmosphäre brauchen, um sich drauf einzulassen, daß es möglicherweise Inhalte gibt. Ich fand es immer fair wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, einfach Spaß damit zu haben… Für mich gab es immer etwas zu parodieren oder zu kritisieren und jetzt, da eine gewisse Nüchternheit herrscht, mache ich meinen Kram weiter. D-B.- Hohe Kunst Dag.- Man sollte es nicht nur in Frage stellen, und wir arbeiten auch da auf unsere Art. Der Witz ist, daß neuerdings der Klub als Symbol in die Museen reinkommt… Aber auch das ist nicht authentisch. Die Authentizität entsteht an der Basis, kleiner, schmutziger, schäbiger Klubs… Jim.- Auch wenn wir vieles in Klubs machen sind wir nun mal Künstler, wir haben Interesse daran, Ausstellungen zu machen. Ich mache auch Ausstellungen in Museen weil ich wichtig finde, daß diese Idee von Billig-Kunst, Kunst für wenig Geld für eine breitere Masse, propagiert werden sollte. Wenn ich in einem Klub ein Bild für 50 DM verkaufe ist es fast normal, irgend jemand nimmt einen Teil der Deko nach Hause. Wenn ich in einem Museum 50 DM für ein Bild verlange ist es ein politischer Akt. Dag.- Wenn du den Kontext verläßt und einen angeblich größeren Kontext betrittst und dann in deinen alten Kontext zurückgehst, dann ist es auch Politik. Jim.- Was wir momentan machen ist eine Ausstellungstour in Klubs und mit DJs. Dag.- Wir sehen es als eine Art Pionierarbeit, nach diesem Technoboom nochmals an die Front zu gehen. Jim.- Es ist nicht so daß die Jungs gewöhnt sind, Ausstellungen zu besuchen. Es ist mehr ein Ding für Vierzigjährige, die ihre neue Wohnung einrichten. Außerhalb Berlins ist es völlig neu daß man in einen Klub kommt und sich eine Ausstellung ansieht. D-B.- Ökonomie Jim.- Ich habe angefangen billig zu verkaufen als eine Art Sabotageakt gegenüber dem Kunstmarkt. Ende der Achtziger war ein Künstler nur so gut, wie er sich verkauft hat. Und wenn man einen logischen Schritt weiterdenkt muß es ja heißen, daß es immer weniger Leute gibt, die in der Lage sind, immer teurere Preise zu zahlen und bestimmen können, was gut ist oder nicht. Die Leute die ich kenne sind nicht in dieser Lage, 1.000 DM für ein Bild zu bezahlen. Es ist auch ein Grund warum sich die breite Masse nicht für Kunst interessiert. Dann habe ich diesen Umkehrschluss gemacht. Wenn ich die Bilder ganz günstig verkaufe, sage ich: diese Bilder sind für euch, bezahlbar, also auch für euch interessant und haben auch Inhalte, die euch interessieren können. Das hat funktioniert. Obwohl ich viel produzieren muß, selbst wenn ich keine Lust habe… Es gibt auch immer Leute die mein System zu sabotieren versuchen, in dem sie alle Bilder sehr schnell kaufen und dann versuchen, sie teurer zu verkaufen. Aber im Grunde habe ich es vielleicht zu 50% geschafft, ein Maler für eine gesellschaftliche Schicht zu werden, die vorher keinen Bock auf Kunst hatte. Dag.-Ich mag es, Bilder zu malen. Und trotzdem lehne ich es nicht ab, billig zu verkaufen, weil ich an Demokratie glaube und auch daß die Leute, die wenig Geld haben, interessanter sind als jene, die sich damit schmücken. D-b.- Kommerz Jim.- Es ist Teil meines beabsichtigt naiven Weltbilds, daß Privatleute mit wenig Geld wenig bezahlen sollen und Unternehmen mit viel Geld viel bezahlen sollen. Es ist auch eine Möglichkeit, mit diesen Jobs die ich bekomme und mit denen ich kein Problem habe, andere Sachen zu finanzieren. Ich finde es wichtig, daß man selbst über die nötigen Mitteln verfügt, ein Projekt zu realisieren. Außerdem finde ich es interessant, wenn ich ein Bild an einem Tag für 20.000 DM an eine Firma verkaufe und am nächsten irgend jemand etwas anderes für 200 DM verkaufe. Das gibt es im Kapitalismus nicht und es funktioniert nur in dem Maß, wie die Firmen mitmachen. Aber es muß sich noch zeigen ob so eine Haltung auf lange Sicht und für viele Künstler möglich ist. Dag.- Es ist alles offen. Aber es beginnt sich eine Struktur zu bilden. Jim.- Und ich glaube diese Gleichung Qualität=Preis wird vielerorts unterlaufen. D-B.- Institutionen. Dag.- Wir haben nicht studiert, so daß selbst wenn wir uns für ein Stipendium bewerben würden, wir schlechte Karten hätten, aufgenommen zu werden. Und irgendwie ist es alles so versnobbt. Ich würde nicht auf sie zugehen. Falls sie zu mir kommen sollten… Jim.- Also, ich hab nichts damit zu tun gehabt. D-B.- Technologie Dag.- Ich bleibe bei dem was ich am besten beherrsche und versuche, den Zeitgeist über dieses Medium zu vermitteln und die maximalen Ausdrucksmöglichkeiten herauszuarbeiten. Jim.- Ich habe immer Leute daran gemessen, was sie gemacht haben und nicht, wie sie es gemacht haben. Man kann erstklassige Ergebnisse mit höchster Technologie aber auch mit einem Blatt Papier erzeugen. Ich mache auch Sachen mit dem Rechner, aber die alte handwerkliche Arbeit macht mir einfach Spaß. D-B.- Ruhm Jim.- Ich habe keinen Bedarf daran in der U-Bahn erkannt zu werden. Ich habe auch kein Bedürfnis nach Unsterblichkeit. Ich möchte eigentlich nicht, daß meine Dinge später als stumme Zeugen im Museum hängen. Das schönste wäre es wenn die Leuten denken: ein seltsamer Typ, man wußte nicht genau was er wollte, aber er hat verschiedene Sachen probiert und einiges damit bewirkt. Dag.- Paul Gascoine hat gesagt er möchte ein UFO sehen. Das finde ich geil.

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Elektronische Lebensaspekte.