Jimi Tenor nimmt sich der Klassik an. Er will damit nicht die elektronische Musik zur E-Musik adeln, sondern die Klassik verdemokratisieren. Um zum Claydermann der Elektronika zu werden, ist er aber viel zu sehr Querkopf.
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 106

Klassik ohne Konzept
Jimi Tenor

Jimi Tenors musikalische Laufbahn ist nicht wirklich geradlinig. In
England wurde er Anfang der 90er für seinen avantgardistischen Industrial
als Techno-Gott gefeiert, in Berlin schaffte er auf der Loveparade 1996
mit seinem Charthit “Take Me Baby“ den Durchbruch und wurde als finnischer Sunnyboy gebrandet. Sein darauffolgender Vertrag bei Warp ermöglichte ihm, seine introviertere Seite zu zeigen und vor allen Dingen frei zu sein. Jetzt geht der autodidaktische Fotograf und Modedesigner einen Schritt weiter. Im September performte Jimi Tenor sein Werk aus der Reihe “Recomposed“ der Deutschen Grammophon mit einem großen Orchester und zwei DJs in der Deutschen Oper in Berlin. Die Stücke, die er für dieses Album ausgewählt hat, zeigen seine Orientierung: allesamt sind es Kompositionen der Avantgarde. Ein bunter Mix aus Steve Reich, Strawinsky, Boulez und Edgar Varese – innovativ rekomponiert. Seine direkten emotionalen Assoziationen waren bei den Reworks der wichtigste Ansatz. So klingt das mal wippend und zerschliffen, nach Hillbilly oder afrikanischem Tribal oder durch dazugefügte 4/4 Beats geordnet. Die oft verkopften Originale werden auf einmal extrem zugänglich. “Musik-Demokratie“ nennt sich das in der Sprache von Presseagenturen und irgendwie passt das auch zu Jimi Tenor. Er ist und bleibt ein Querkopf, seine Lebenseinstellung ist Hippie.

Du hast klassische Musik studiert?

Ja, aber ich war ein schlechter Student. Ich habe nicht geübt. Das Studium war engstirnig. Improvisation zum Beispiel wurde gar nicht gefördert. Auch nicht Komposition. Nur wenn man bestimmte Kurse besucht hatte.

Warum kommst du nun auf klassische Musik zurück?

Ich habe schon einmal eine Platte mit einem Orchester eingespielt. Da haben die Leute von der Grammophon offenbar gedacht, ich wäre für das Projekt geeignet.

Konntest du dir die Stücke aussuchen?

Ja. Allerdings habe ich mit der Bearbeitung von Strawinskys “Sacre du Printemps“ und einem Stück von Olivier Messiaen begonnen. Dann bekamen wir die Rechte nicht. Also habe ich eigentlich zwei Alben gemacht. Das eine ist die CD. Das andere liegt zu Hause.

Von Strawinsky das ganze Sacre?

Ich hab es auf 4 Minuten gekürzt. Ein bisschen hier, ein bisschen da. Einige Tempowechsel. Alles im 4/4-Takt gehalten. Es ist gut geworden. Aber wir dürfen es nicht veröffentlichen.

Finden wir es irgendwann im Internet?

Vielleicht. Wenn ich mal versehentlich die CD in irgendeinem Café liegen lasse.

Hast du etwas neu eingespielt?

Nein, alles stammt von CDs.

Über die Musik von Steve Reich hast du einmal gesagt, sie sei simpel und trocken.

Ja , ziemlich trocken, aber für den Zweck hat sie sich perfekt geeignet. Es ist wie afrikanische Musik ohne afrikanischen Spirit. Ich mag seine Idee. Es gibt gute Gründe, warum so etwas existiert.

Die Stücke sind sehr verschieden. Gibt es etwas Gemeinsames?

Ja, ich habe bestimmte Sounds und Soundscapes gebraucht, darin liegt wohl eine Gemeinsamkeit.

Wie bist du mit dem einzelnen Stücken umgegangen?

Ganz verschieden. Manchmal habe ich Samples genommen, manchmal längere Stücke auf Band überspielt. Einmal war ich mit der ursprünglichen Aufnahme nicht richtig zufrieden. Bei Erik Satie, das war zu steif. Ich habe es selbst neu eingespielt und ein wenig geschummelt. Aber das bleibt ein Geheimnis.

Wie entscheidest du, was du aus einem Stück machst?

Weiß ich nicht. Eher mit dem Gedanken: Wäre es nicht lustig, wenn es soundso anders klingen würde. Damit fängt es an. Zum Beispiel bei dem zweiten Boulez. Beim Anhören dachte ich, das klingt wie Hillybilly, wie Bluegrass. Also lass uns Bluegrass daraus machen.

Hast du dir die Partituren angeschaut?

Nein, ich wollte mit dem akademischen Ansatz nichts zu tun haben.

Wie lange hast du für ein Stück gebraucht?

Normalerweise drei bis vier Tage. Ich mache immer eins nach dem anderen. Bis vor kurzem hatte ich keine Computer. Da ging es ohnehin nicht anders. Ich mag die altmodische Studioarbeit. Mein Haus ist voller Kabel. Ich drehe gerne an Knöpfen rum. Computer brauche ich normalerweise nur als Clock, über Midi.

Hast du je daran gedacht, den Beat wegzulassen?

Bei einem Stück fehlt der Beat. Aber die meisten meiner Stücke haben einen Beat. Es ist einfacher. Man muss nicht so viel planen. Du schaltest einfach den Beat an und …

Die meisten deiner Vorlagen kommen aus der Zeit, als die klassische Moderne mit Experimenten ohne Beat begonnen hat.

Ja, das stimmt. Ich glaube, sie haben einen Fehler gemacht. Cage war eher ein Philosoph als irgendetwas anderes. Man will bei der Musik ja auch Spaß haben. Und Tanzen ist etwas ganz Natürliches.

Würdest du dich als postmodern bezeichnen?

Ja vielleicht. Am ehesten würde ich mich mit Jeff Koons vergleichen, von der Arbeitsweise her, auch wenn er seine Sachen nicht selbst herstellt.

Spielt das eine Rolle?

Nein, das ist wahrscheinlich das Konzept. Ich bin da auch nicht pingelig. Manche Leute legen unglaublich viel Wert drauf, jeden einzelnen Sound selbst zu kreieren. Ich halte das für überflüssig.

Könntest du dir Komponieren auch als eine konzeptuelle Tätigkeit vorstellen, die mit Sounds erst einmal gar nichts zu tun hat?

Warum nicht, wenn es sich am Ende gut anhört, wen kümmerts, wer es gespielt hat?

Nachträglich gesehen: Was hat dein Lounge-Hit “Take me baby“ gebracht?

Er gab mir vor allem die Freiheit zu machen, was ich wollte. Ich hatte Geld, ich konnte Musiker bezahlen. Das war großartig. Jetzt ist alles weg.

Wenn du genug Geld hättest, würde man dich nicht mehr zwischen Knöpfen, sondern unter Musikern finden?

Ja, am liebstem würde ich mit einer Big Band arbeiten. Aber das ist wirklich teuer.

An was arbeitest du gerade?

Was ich gerade mache, geht ziemlich in eine Hippie-Richtung, sehr frei, mit Band.

Die Klassik-CD ist ziemlich das Gegenteil von Hippietum. Hat die Arbeit dich bei deinen anderen Projekten gestört?

Nein, überhaupt nicht. Manchmal ist es wie eine Art von Ferien, wenn Leute nach Remixen fragen. Es lenkt ab.

Hippie: Verbindest du damit eher einen Musikstil oder eine Lebenshaltung?

Beides. Hippie ist keine Frage der Technik. Es heißt einfach zu spielen. Frei.

Du gehst oft so vor, dass du Musik sozial neu verortest und Codes mischst.

Ja, auf eine Art schon. Aber es geht mir mehr um Stimmungen, um meine eigene Stimmung. Die Stücke der CD habe ich so verkürzt und verändert, dass ich selbst einen Zugang dazu finden kann.

Im Pressetext wird behauptet, du würdest Musik “demokratisieren“. Macht das Sinn?

Ja doch. Indem ich sie so verändere, dass jeder etwas damit anfangen kann.

Verbindest du mit Musik generell politische Ideen?

Nicht so sehr. Aber vielleicht ist mein Lebensstil und die Entscheidungen, die ich getroffen habe, eine Art von politischem Statement. Mit dem ganzen Geld, das für die Musiker drauf ging, hätte ich mir locker ein paar Autos kaufen können, anstatt Platten zu machen, die sich nicht verkaufen. Das ist schon eine Art Statement.

Würdest du gern wieder mal eine Platte machen, die sich verkauft?

Das muss ich. Und ich will es auch.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Riley Reinhold aus De:Bug 21

“Mein Musiklehrer wäre stolz auf mich” Jimi Tenor: Jetzt orchestral und teutonisch Riley Reinhold rrr@de-bug.de Ein Popstar, der seine Nerven verliert, ist keiner. Nach fast zwei Jahren Performance als Alleinunterhalter, etlichen Alben mit Liebesliedern über Abhängigkeiten etc. scheint für Jimi Tenor der Zeitpunkt gekommen zu sein, einen Bruch zu vollziehen. Mit seinem neuen Album befreit er sich vom Druck des Entertainments und widmet sich mehr als zuvor in komplexeren, komponiert erscheinenden Stücken, seiner ganz großen Liebe Sun Ra. Anders als seine Freunde Pan Sonic, die mit ihm zusammen auf dem kleinen unabhängigen Label Sähkö begannen und inzwischen in die Kunstwelt abgetaucht sind, wählt er das – wie er sagt – kleinere Übel und veröffentlicht eine persönlichere Platte, mit der er etwas Abwechslung für sich selbst schafft, anstatt sich einer Musik zu verschreiben, auf die sich alle einigen können. Die Musik seiner neuen Platte sei dennoch genau so entstanden wie alle seine Alben zuvor, versichert er uns. Sein Minisequenzer, der durch Zufall Melodien erstellt und dann bearbeitet, ist noch immer Tenors Lieblingssystem. Dennoch, so fügt er an, verstehe er den Vorwurf, sein neues Album “Organism” sei im Vergleich zu seinen Low Tech Produktionen der Vergangenheit geradezu orchestral und teutonisch. Kritisiert habe ihn auch schon Tommi Grönlund, Labelchef von Sähkö, bemerkt er und lacht dabei. “Er meinte, mein Musiklehrer sei jetzt bestimmt stolz auf mich.” Mit Jimi Tenors Vertrag beim Mega-Indie Warp begann eine hörbare Trennung von Minimal-Elektronik und komponierten, jazzigen Stücken. Unter diversen Pseudonymen wie z.B. KocMoc oder im Zusammenspiel mit anderen finnischen Künstlern wie dem Freestyle Man erscheinen aber weiterhin diese liebenswert trashigen und charmanten Stücke auf Sähkö. Sehr zum Unmut von Warp, wie er sagt, die ihn als Popkünstler vermarkten wollen und dementsprechend versuchen zu beeinflussen. Remixer wie Daft Punk und etliche andere französische Produzenten, die man ihm vorschlug, hat er abgelehnt. Daß Jimi Tenor allerdings mit seinen Vorstellungen, sich von japanischen Noise Terror Performern remixen zu lassen, auf Wiederstand trifft, scheint ebenso nachvollziehbar. Tenors Liebe gilt weiterhin auch dieser für Sähkö/PUU typischen Art von Deephouse, die er mit dem Amerikaner Maurice Fulton (Basement Boys) produziert. Remixe des Albums sind in Zusammenarbeit mit ihm entstanden. Jimi Tenor wird in den nächsten Wochen eine LP mit Brian Ifgray auf Sähkö herausbringen Jimi Tenor, Organism, ist bei Warp / Rough Trade erschienen.

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