Electro-Funk mit Robotern, Bass und - natürlich - Sex.
Text: Dominikus Müller aus De:Bug 144

Der Detroiter Jimmy Edgar hat sich endgültig vom kühlen, mathematischen Beat-Crushing seiner frühen Warp-Platten verabschiedet und macht jetzt auf Sex. Sein neues Album heißt konsequent “XXX” und gibt dem digitalen Funk von heute ein zeitgemäßes, verschwitztes Gesicht. Sleaze me!

“Als ich das Album aufgenommen habe, hatte ich vier oder fünf Monate keinen Sex,” sagt Jimmy und wischt sich mit dem Handrücken einen weichen, blütenweißen Pappel-Samen aus dem Gesicht, den Schnee des Frühsommers. Die ganze Energie ging also direkt in die Musik? “Genau,” antwortet Jimmy. Und fügt hinzu: “Es war ein Experiment. Ich wollte sehen, mit wie viel sexueller Energie man leben kann. Und um ehrlich zu sein, es war unglaublich. Denn wenn man sich von jedem sexuellen Kontakt fernhält, schaltet der Verstand schnell in den Modus totaler Überlastung. Alles zittert vor sexueller Energie, alle Gedanken drehen sich nur noch darum. Man fängt an, von Sex zu träumen.”

Während er das erzählt, gucke ich mir Jimmy, der vor ein paar Jahren als minderjähriges Elektronica-Wunderkind bei Warp Records gestartet ist, und in der Zwischenzeit seine Liebe zur Modefotografie entdeckt hat, noch einmal genauer an: er ist ziemlich groß und auch ziemlich schlank, er trägt knallenge, helle Hosen, die seine nagelneuen Adidas High-Tops mit den monströsen Oversize-Laces noch größer erscheinen lassen und ihn noch dünner. Sein blaues Hemd ist mit einem seltsamen Geschirr aus Leder besetzt, das sich um Kragen, Schulter und Rücken windet. Auf seiner Oberlippe sitzt ein schmaler, akkurat geschnittener Bleistiftschnauzer und auf der Nase eine ebenso schmale, dunkle Sonnenbrille, die seine Augen verdeckt. An seinem rechten Ohr baumelt ein kleiner, silberner Ohrring und an seinen Fingern prangen zahllose Ringe. Einer davon hat die Form einer Haifischflosse und sitzt auf der Hand, mit der er sich gerade die Pappel-Samen aus dem Gesicht gewischt hat.

Ägypten oder Egyptian Lover
Jimmy Edgar hat also ein neues Album. Und weil viel sublimierter Sex drin ist, heißt es dann auch gleich “XXX”. Was das heißt, ist klar, Jimmy erklärt es trotzdem noch einmal: “Im Grunde geht das X auf den altgriechischen Buchstaben Chi zurück, geschrieben als Kreuz. Und das XXX repräsentiert die Dreieinigkeit von Vater, Mutter und Sohn. Man kann das bis ins alte Ägypten zurückverfolgen, wo es eine Art Pyramide darstellte, hat also auch etwas mit der Geometrie des Heiligen zu tun.” Ich frage nicht weiter nach, denn Jimmys Antworten haben trotz der nervösen Schüchternheit ihres Vortrags eine bewundernswerte Souveränität und Direktheit.

Und bis Ägypten muss man sowieso nicht zurückgehen beim Hören von “XXX”. Eher schon bis Egyptian Lover, also in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts: Denn die Musik auf “XXX” hat ihre Wurzeln unverkennbar in diesem Jahrzehnt, in Electro, Funk, in kantiger Electronic Body Music, in den schwülen Slow Jams und dem Sex Funk des kleinen großen Mannes aus Minneapolis, der damals schon einmal Prince hieß.

Das ist großes Körperkino, hart, metallisch und dann wieder weich und einfühlsam, das sind digitale Kälte und analoge Wärme, singende Computer und flehende Synths. Doch alles hier ist gefiltert und vermittelt durch die Maschinenästhetik von Detroit, Jimmy Edgars kaputter Heimatstadt, von der er nicht müde wird, zu betonen, wie dysfunktional sie ist, wie zerfallen – weshalb er sie erst für New York und nun Berlin verlassen hat. In Detroit aber hat er Klavierspielen gelernt, in der Gospelkirche, sanfte, weiche, meist mollige, aber immer körperliche Akkorde. Man hört die Stadt in jeder Note seines Albums.

Und so erinnert XXX stellenweise auch an Acts wie Adult, an Dopplereffekt oder gar an Japanese Telecom; an die poppigeren Releases auf Ersatz Audio oder ähnlichen Labeln wie Inuit Solar eben – und damit auch an das intelligentere Ende jener seltsamen Bewegung, die vor etwa 10 Jahren unter dem unsäglichen Label “Electroclash” zusammengefasst wurde und antrat, einer Clubkultur, die sich immer als Zukunft begriffen hatte, weil sie als radikal gelebte Gegenwart konzipiert war, mit ihren 80er-Jahre Anleihen den ersten handfesten Retrotrend und damit auch ein sichtbares Körperbild zu bescheren.

Intelligenter als der Rest waren diese Acts und Labels deshalb, weil sie in der Lage waren, den dystopischen Furor der kaputten Motorenstadt Detroit einmal mehr anzuzapfen und aus dem schwarzen Loch in ihrer Mitte wie Phoenix aus der Ghettoasche aufzuerstehen.

Gemeinsamer Atemrhythmus
Aber noch einmal zurück zum Sex. Denn Jimmy sieht da noch Differenzierungsbedarf. “Viele Leute denken fälschlicherweise, dass meine Musik sich immer nur um Sex dreht. Aber ich glaube, dass es viel mehr um die Momente geht, die dem Sex unmittelbar vorausgehen. Darum geht es, und nicht direkt um Sex – mit Ausnahme des Songs “Hot Raw Sex” vielleicht. Denn Sex selbst ist nicht wirklich inspirierend. Viel wichtiger sind mir Spannung und Geheimnis, sind mir das Kennenlernen und Dinge wie das Finden eines gemeinsamen Atemrhythmus.”

Auf jenes angesprochene “Hot Raw Sex”, in dem es wirklich nur um das eine geht, folgt mit “Turn You Inside Out” alsdann auch ein ziemlich mainstreamig anmutender Autotune-Exzess-Pop, der auch Christina Aguilera und Britney Spears in ihrer wirklich harten Phase zum Besten gereicht hätten. Die Maschinen laufen allmählich warm und pendeln sich im folgenden ziemlich genau in der Mitte zwischen Electro-Anleihen und Underground-Sex-Devianz und Lovers-R&B und schmieriger, körperlich gedachter Einfühlsamkeit ein.

In “One Twenty Detail” gelingt es Edgar zudem völlig selbstverständlich und ohne das stilistische Korsett seines alles vereinenden Sleaze-Konzepts zu verlassen, sogar noch für einen Moment an das Beat-Crushing und Percussion-Ping-Pong seiner früheren Releases auf Warp anzuknüpfen.

Der Rest aber ist Sex. In “Rewind Stop That Tape” etwa: Die analogen Synths singen warm und weich, sie verlieren sich in sich selbst, sie filtern sich nach unten und schrauben sich strahlend glühend und verzückt nach oben Richtung Kerzenlicht, sie fließen, flirren und baden ohne Reue oder einen Blick zurück in einem Meer aus parfümiertem Massageöl. Ja, das ist der Sound dieses Albums, das ist die Musik zweier klebriger Körper, die auf einer chromblitzenden Motorhaube zueinanderfinden; Haut gleitet über Haut, Lippen finden Lippen, Atem folgt auf Atem, Herzschlag Du, Herzschlag Ich, Beat. Getuned, stay tuned for the moment, gemeinsam – fürwahr.

“My rhythm is a physical motion”, wie es im Monster-Über-Jam “Physical Motion” heißt, einem zitternden Ritt auf den glitzernden Wellen synthetischer Sexualität; der Vocoder brennt durch, die Beats pochen und zucken ganz langsam und gleichmäßig, gerade noch so beherrscht, kurz vor knapp, ja, alles explodiert beinahe, aber eben nur beinahe, die Synths flehen nach mehr; die Geräusche einer innigen Zweisamkeit, die eigentlich schon längst eins ist, ein grandioses Duett, herausgequetscht aus dem Hohlraum zwischen zwei übereinander gleitenden Bauchdecken. Berührung, Körper, Sex, Gefühl nicht Kopf, unten, nicht oben. So und nicht anders. Mehr, Baby! Ja.

Blade-Runner-Phantasie
Mehr davon gibt es in der Tat in “Midnite Fone Call” und “Vibration”, den beiden letzten Songs des Albums, aber Spaß beiseite. Denn um was es hier eigentlich geht, ist natürlich nicht der wörtlich zu verstehende Sex zwischen zwei Menschen, nein, um was es eigentlich geht, das ist die Koppelung von Mensch und Maschine, von Körper und Technik. Hier geht es darum, dass wir schon längst in der Zukunft leben, darum, das Maschinen eine Körperlichkeit bekommen, die das Morgen eben nicht nur denkbar sein lassen, sondern eben, ja, fühlbar machen. Bis hin zum Sex und zur Liebe. Es geht darum, dass das Gegenüber und damit auch wir selbst eigentlich schon längst eine Maschine ist.

Natürlich ist auch das ein klassischer Topos der 1980er-Jahre, Blade-Runner-Phantasie und Neuromancer-Mythos. Also spreche ich Jimmy auf diese längst kanonische Koppelung von Mensch und Maschine an und seine Antwort spricht Bände. “So richtig habe ich noch nie darüber nachgedacht,” sagt er. “Aber ich mochte schon immer die Idee von Roboter-Prostituierten.”

About The Author

3 Responses