Mit "Jitter" setzt eine kleine Programmierergruppe rund um Kit Clayton bei "Cycling74" an, den Videosoftwaremarkt komplett aufzurollen. Das auf MAX/MSP basierende Killertool bietet dem VJ Möglichkeiten, die andere Firmen nicht mal in ihrem Businessplan vermerkt haben. Fröhliches Kabel ziehen.
Text: Robert Henke aus De:Bug 64

Jitter: Willkommen in der Matrix
MAX/MSP Objekte für Video, 3D Grafik und Matrix Processing.

Wer sich ernsthaft mit Musiksoftware beschäftigt, dem wird MAX/MSP von Cycling74 ein Begriff sein. Dem ungläubigen Rest sei verkündet: Es ist Himmel und Hölle zugleich. Eine unglaubliche Auswahl an Objekten, die auf dem Bildschirm durch Kabel verbunden werden und mit denen man Dinge tun kann, die mit keiner anderen Soft- oder Hardware zu realisieren sind, ein Paradies für experimentierfreudige Zeitgenossen und ein immer währender Quell von Inspiration, Überraschung und tiefster Verzweiflung. Jitter, programmiert von Cycling74-Mitarbeiter Joshua Kit Clayton und drei weiteren hochbegabten jungen Männern ist eine Sammlung von zur Zeit 133 Objekten für MAX/MSP, deren Schwerpunkt die Manipulation und Erzeugung von Matrixdaten ist.

Die Matrix

Mit Jitter kann man alles Mögliche und Unmögliche mit maximal 32-dimensionalen Matrixen in bis zu 32 Ebenen anstellen. In Echtzeit oder auch in nächtelangen Rendersessions. Das klingt etwas abstrakt und schwer vorstellbar, deshalb hier ein kleiner sachdienlicher Hinweis: Ein Video ist eine zeitliche Abfolge von 2D-Matrixen mit 4 Ebenen (rot, grün, blau, alpha). Eine 3D-Animation ist logischerweise das Ganze mit einer Dimension mehr. Jitter ist also unter anderem das ultimative Video/Animations-Tool, aber die Entwickler legen Wert darauf, dass man damit auch Wetterprognosen, Atomtestsimulationen und ähnlich nützliche Dinge programmieren kann. Dazu dienen insbesondere diverse Objekte für lineare Algebra, die mit einer Genauigkeit von bis zu 64bit floating point rechnen können. Einen sehr, sehr, sehr leistungsfähigen Laptop nehmen wir hierfür mal als gegeben an. Übrigens, MAX, obgleich hauptsächlich für Musik entwickelt, wurde auch schon als Steuersoftware in Forschungslabors und Erlebnisparks gesichtet…

Video

Viele Objekte in Jitter sind optimiert für die Manipulation von Videodaten und holen dabei dank Altivec alles an Geschwindigkeit aus dem Rechner, was derzeit machbar ist – zumal die Architektur von Jitter so angelegt ist, dass ein Prozess, der sich nicht ändert, auch nicht gerechnet werden muss.
Zur Verfügung stehen unter anderem: Mehr als 60 mathematische Funktionen, Cromakeying, Luminanzkeying, diverse Filter, Scharfzeichner und eigentlich alles, was man von Photoshop kennt, aber hier in Echtzeit. Wer Lust hat, kann also auch ein Bild nehmen, ein paar Jitter-Objekte zusammenbauen und mit einer MIDI-Faderbox bequem zurückgelehnt gleichzeitig wölben, Graduationskurven ändern und Ebenen überblenden. Alternativ kann man Kaffee trinken gehen und das Ganze von einem Zufallsgenerator oder den Börsenkursen steuern und als Video ausgeben oder als Bildsequenz auf Festplatte rendern lassen. Das ultimative VJ-Mischpult inklusive Farbkorrektur, Keying, Mosaik, Strobe und dem ganzen klassischen Fernseh-Effektkram ist natürlich auch machbar. Um Videosignale in Jitter hinein und wieder hinaus zu bekommen, gibt es u.a. einen Quicktime Player, der alle QT Features unterstützt inklusive Editing / Import / Export auch einzelner Tracks, QT Effekte, QTVR sowie direkten DV Kamera / Firewire Input und Output, bei Bedarf auch auf mehreren Monitoren. Selbst der (automatische) Upload und Download auf einen Webserver ist möglich.

3D-Animation

Ein weites Set von Objekten dient insbesondere der Erzeugung von 2D- und 3D-Animationen, in Echtzeit oder gerendert. Jitter stellt dabei die nötigen Werkzeuge zur Nutzung des OpenGL Standards bereit, was bedeutet, dass geeignete Grafikkarten selbst Polygone malen können und damit die Rechner CPU entlastet wird. Jitter-Objekte können Video- oder Audio-Daten in 3D-Geometrien überführen, Video auf Oberflächen projizieren, Lichtquellen setzen, 2D- und 3D-Text darstellen (Mach dir deinen eigenen Starwars Abspann!!!) oder auch in einem virtuellen Raum Lautsprecher bewegen und in MSP gleichzeitig den Hall dazu ausrechnen oder aus den Farben eines Videosignals Audiowellenformen generieren.
Neben hochsprachlichen, sprich benutzerfreundlichen Objekten, die z.B. dazu dienen, Polygone zu erzeugen, gibt es auch die Möglichkeit, direkt OpenGL-Befehle an die Grafikhardware zu schicken – das für diejenigen Zeitgenossen, die im Zweifel auch ihr eigenes Betriebssytem schreiben würden oder grundsätzlich jedes Pixel per Hand einfärben.
Des Weiteren hat es ein paar sehr charmante Objekte zum Thema Teilchensysteme. Der Autor verbrachte einst einen schönen Nachmittag mit der Erstellung eines Springbrunnens, dessen Wasserdruck sich im Takt zur Musik änderte, bis er versuchte, auch noch einen Farbverlauf drüberzulegen, und dabei sehr tief abstürzte. War aber eine frühe Betaversion…

Dokumentation

Soviel Freiheit und Abenteuer hat natürlich ihren Preis. Einen monetären, siehe Kasten, und einen ideellen: Man muss sich mit Jitter beschäftigen, wenn man mehr tun will als das Übliche. Aber die Herren Clayton, Bernstein, Jones und DuBois haben nicht nur grandiose Software geschrieben, sie haben auch ein Tutorial dazu gebaut und eine webbasierte Objektreferenz, die man in dieser Form noch nie bei ähnlich komplexer Software gesehen hat. Die erspart einem zwar nicht das Denken, aber unterstützt einen so weit wie möglich. Hinzu kommt die Tatsache, dass es rund um MAX eine sehr offene, hilfsbereite Community gibt, die sich in Zukunft sicher auch Jitter annehmen wird. Die gesamte Jitter-Dokumention ist übrigens auf http://www.cycling74.com online!

Wer braucht Jitter?

Jitter ist wohl nicht das perfekte Werkzeug für jemanden, der mal ein Video schneiden will, sondern schreit nach intensiver Beschäftigung. Wer aber die Limitierungen seines Videomischers leid ist oder sich abgefahreneres als den iTunes Bildschirmschoner vorstellen kann, kommt an Jitter nicht vorbei. Auch für MAX/MSP/Jitter gibt es übrigens eine Runtime-Version. Diese kostenlose (!) Variante erlaubt zwar nicht das Erstellen eigener Patches (also Verkabelungen), aber das Nutzen von Applikationen, die andere mit MAX/MSP/Jitter gebaut haben. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten coolen Jitter-Anwendungen auftauchen. Jitter verträgt sich übrigens auch mit anderer MAX-basierter Videosoftware, es gibt spezielle Objekte für Kommunikation und den Datenaustausch. So ist das eben bei wunderbarer Software von freundlichen Menschen.

Welcome to the Matrix.

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Elektronische Lebensaspekte.

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