Blackberry-User sind miserable Tänzer
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 170

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Musik, Drogen, Gadgets und vor allem: Liebe. Der ehemalige Modejournalist Joachim Bessing verarbeitet in seinem Roman “Untitled” die Arbeit als weltreisende Edelfeder des Fashion-Business, die Zeit im Axel-Springer-Hochaus und eine fulminante entkörperlichte Love Story. Durch die 300 Seiten hüpft ein Werther mit iPad, der sich fragt: Was kann die Liebe in Zeiten modernster Kommunikationstechnologie? Antwort: Ganz schön viel.

Interview: Timo Feldhaus, Bild: Anne Waak

Lieber Joachim, wo bist du, was tust du?

Ich bin in Addis Abeba, Äthiopien. Es ist Frühling, weil das äthiopische Jahr im September anfängt. Und ich mache, was ich immer gemacht habe: Schreiben, Lesen, Spazierengehen, und dabei gern Musikhören. Zuvor war ich in Südfrankreich, dann hat mir in Spanien eine Frau mein Maya-Horoskop gelegt – und das wies nach Äthiopien. Wenn man seine Geburtsstunde und die Koordinaten des Geburtsortes weiß, berechnet das Maya-System das haargenau.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du durch Addis Abeba spazierst?

Spontan würde ich zu gerne sagen: nix mehr, das wäre herrlich. Aber das geht ja nicht. Es gibt hier immer was zu sehen. Addis Abeba ist eine sehr seltsame Stadt – vom Namen her stellt man sie sich irgendwie orientalisch vor, aber es ist alles ganz anders. Es ist ja ein Bergdorf mit Millionen von Einwohnern. Vieles in den Straßen erinnert mich an das Paris des 18. Jahrhunderts, wie man es aus französischen Romanen kennt. Irre und Sterndeuter am Wegesrand. Exorzismen, Herden von Eseln im Straßenverkehr, der Kerosin verbrennend die steilen Hänge hinauf drängt.

Was für Musik hörst du dort am liebsten? Der Erzähler deines Buches hat ja einen sehr guten Geschmack: Mount Kimbie, Washed Out und Nicolas Jaar. Außer die Foals, die sind doch doof!

Ich finde die neue Platte auch nicht gut. Aber die blaue war etwas Besonderes! Ich glaube, dass Musik ausdrücken kann, was ich empfinde. Dass Musik mir von der Seele erzählen kann. Manche Stücke scheinen mich genau zu kennen. Aktuell finde ich “Luxury Problems” von Andy Stott umwerfend.

Bist du eigentlich aktuell “in love”?

Das ist eine sehr interessante Frage. In dem Roman habe ich beschrieben, dass dieses Lieben eine Welt werden kann. Wie es im Englischen heißt: being in love. In diesem Sinne: ja. Und ich will auch nirgendwo anders mehr sein.

Ich frage mich: Ist die von dir geschilderte Sehnsucht – die sich aus dem Dilemma des Helden ergibt, dass er sehr viel liebt, aber nicht genügend geliebt wird – nicht der perfekte Zustand für den Narziss? Er darf sich melancholisch verschwenden, wird angehimmelt, und es bleibt stets viel Raum für die große Trauer um sich. Zudem muss man sich nicht um die schrecklich banalen Alltagssorgen grämen.

Das sind ja Fragen! Hat er das in der Hand? Ich finde den Narzissmus-Begriff schwierig. Die ganze Psychologie ist heikel.Und er wird doch jede Menge zurückgeliebt!

Anders: Was nützt die Liebe in Gedanken?

Dazu kann ich etwas sagen: Die Frage nach dem Nutzen verbietet sich von selbst.

Wie kam das mit Titel und Titelthema, Martin Margielas Parfüm namens “Untitled”?

Ich mag Parfüme, eigentlich Düfte generell. Ich finde es wichtig, dass alles gut riecht. Damit meine ich nicht unbedingt parfümiert, aber ich bin für Wohlgerüche empfänglich. “Untitled” war das letzte Produkt, das Martin Margiela noch für die Maison selbst entworfen hat. Und ich war großer Margiela-Bewunderer.

Was mochtest du an dem belgischen Design-Avantgardisten?

Die Geschichte mit den alten Kaffeetassen, die im Buch kolportiert wird. Die Farbe Weiß. Dass man über altes Zeug einfach Weiß drüberstreicht und alles sieht klasse aus. Die Ideen des Inkognito und des Trompe-l’oeil. Die vier Stitches. Die Grafik. Die Laborkittel. Die Replika-Linie, die Haute Couture. Und diesen Duft.

Wann hast du gemerkt, dass du dein Leben schönen Dingen widmen möchtest?

Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich an die nicht so schönen keine Sekunde verschwenden darf.

Hat das Internet eigentlich die Mode verändert?

Klar. Da hastete Suzie Menkes (die berühmteste Modejournalistin der “Welt”, Anm. d. Red.) zu Burberry und man hat sie beinahe nicht mehr reinlassen wollen, weil das weltweite Streaming schon angefangen hatte. Und es gab natürlich auch Veränderungswünsche an die Designabteilungen. Denn nach den Streamings kommen die wenigsten noch zu den Re-Sees, bei denen man die Details der Kleidung unter die sogenannte Lupe nehmen kann. Das musste alles deutlicher, streaming-fähiger, weniger hochauflösend entworfen werden. Ist doch nicht schlimm!

Hast du eine Idee, warum die Oberfläche interessanter sein könnte als das, was sich unter ihr verbirgt?

Es gibt da für mich keinen Unterschied. Es ist eine Frage des Interesses.

Hat moderne Kommunikationstechnologie die Liebe verändert, lately?

Ich hasse die Antwort. Aber es stimmt leider, das steht in dem Buch: Ja!

Ich würde sagen nein. Es geht natürlich jetzt etwas schneller. Die Geschwindigkeit hat sich verändert, in der Gefühle, Ideen und Bilder von sich und anderen ausgetauscht werden.

Das ist aber entscheidend.

Was unterscheidet Liebe heute von der Liebe Werthers?

Werther ging vielleicht an einem Bach entlang und entdeckte dort plötzlich so ein Glitzern auf dem Wasser und er wünschte sich, er könnte das der Geliebten genau so mitteilen, wie er den Anblick gerade empfindet. Das ging natürlich technisch nicht. Er könnte es ihr aufgemalt haben, beschrieben, aber dann kommen die Laufzeiten der Nachricht verzögernderweise on top. Dabei hat er nur in dem Moment gespürt, dass sie das anginge. Ob das was an den Gefühlen verändert, weiß ich nicht. Aber an den Empfindungen ganz sicherlich. Es entstand ein Gefühl der Versichertheit des Anderen, das Werther nie kennenlernen konnte.

Ich interpretiere dein Buch: Die neuen Kommunikationsinstrumente lassen den Menschen bei sich sein. Er kann nicht zum anderen durchdringen. Je mehr hinübergesandt wird, desto weniger kann er ein- und hindringen. Er wird verrückt, bleibt allein. Klingt vielleicht banal, ist aber wasserdicht.

Stimmt, sagt auch Neil Postman, aber ich würde dir raten, es nicht so negativ zu lesen. Was sollen die Leute denn sonst machen? Was machen sie denn, wenn sie erst zusammen sind, wie es so heißt?

Der Held liebt sein iPad und sein iPhone. Was ist das Tolle an diesen Produkten?

Zu der Erzählzeit des Buches, 2010, waren das die Geräte, die hübsch aussahen und einiges konnten. Dazu kommt etwas Emotionales. Ich bilde mir ein, dass das Anfassen und Swipen und Betasten eine Art Beziehung konstituiert, die das iPhone oder das iPad in einem emphatischen Sinn mit Leben erfüllt. Neulich zeigte mir ein Chinese sein weißes Professional Pad, das nur etwas kleiner ist als mein altes iPad, aber nur hundert Dollar kostet und auf Android läuft. Gab es damals einfach noch nicht. Und es tippt sich einfach schöner auf dem Touchscreen. BlackBerry-User sind miserable Tänzer meiner Erfahrung nach.

Magst du eigentlich Romeo oder Werther lieber?

Ich bin ein mediterraner Typ. Bei “Romeo und Julia” findest du diesen Satz, der deine Frage nach der Bedeutung der Geschwindigkeit erklären hilft. Er verschwindet vom Balkon, Julia macht sich Sorgen. Er verspricht ihr, raschest wiederzukommen. Und sie sagt: So wie ein Blitz, der wieder fort ist, bevor man sagen kann, es blitzt.

Fast am Ende kommt dann allerdings der Name Werther vor. Der steht aber als Modellname auf dem Tank einer silbernen Honda – eine klassische Technik der Popliteratur, in der du dein Referenzsystem offenlegst, in dem du es lässig an einen Markennamen klebst. Wieso lässt du den Werther in dieser Art auftreten?

Das Motorrad stand eines Tages einfach so da.

Also dein Bruder im Geiste hat sich aus Versehen in den Text gewoben?

Ich habe ein Bild gemacht davon. Wie kommen die Leute bei Honda bloß darauf?

Ich frage mich: Wie kam Goethe damals darauf, das Wort ULTRA zu benutzen als wäre er Frank Ocean? Du hast einem Kapitel ein Zitat von Johann Wolfgang vorangestellt, in dem er wirklich dieses Wort verwendet.

Das fand ich ebenso fabelhaft!

“Julias Finger sahen aus, wie das famose Zartgemüse aus der Dose.” Was meint wohl so ein Satz?

Dazu bist du zu jung. Auch diese Antwort hasse ich, aber leider stimmt es wohl.

Florian Illies wird es bestimmt verstehen.

Du musst auf YouTube nachschauen, das war die Killer Application für Generation Golf. Auf YouTube kannst du auch alle Werbespots aus meinen Kindertagen finden. So auch sicher Bonduelle.

Auf Seite 100, ausgerechnet, schreibst du über ein wahres Lebensgefühl? Was zur Hölle soll denn das sein?

Ich schreibe es wenig später auf: Es gab recht viele Worte, die eventuell kitschig wirken. Das Lieben ist meiner Erfahrung nach ein absorbierender Prozess. Man wird eingesogen in eine andere Schicht der Wirklichkeit, eine Welt, die um wenige Grade verschoben wirkt, äußerst angenehm. Die ursprüngliche Welt erscheint dann als Klischee.

Joachim Bessing, Untitled, ist im Kiwi Verlag erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. bosch

    Wer den “Unbegabtenpreis für Literatur 2013” erhält: Joachim Bessing.