Die Postmoderne kommt in der Musik an
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 110


Die Postmoderne-Lanze wurde in der elektronischen Musik inflationär gebrochen. Dabei ging sie gerne kaputt. Erst mit dem “&” in “Monsters & Silly Songs”, dem Titel von Joakims neuem Album, kommt die Postmoderne in der Musik an. Epochal.

Achtung, hier kommt eine etwas verschwurbelte These. Musik ist endlich postmodern. Mit Joakim konnte ich mich jedenfalls darauf einigen. Auch wenn er gerne schnell einen anderen Namen dafür hätte, schließlich wäre Musik dann ja das letzte Genre, das das von sich behaupten könnte. Vielleicht ist es aber auch das erste, bei dem es jetzt erst Sinn macht. Und da die These so unglaublich altbacken, fast schon banal klingt und einen obendrein einlädt, sie komplett misszuverstehen, muss ich weiter ausholen.

Seitdem Deleuze, Derrida, Foucault und andere, glücklicherweise (das passt besser, wenn man über einen französischen Musikanten redet) meist französische Freunde nicht nur zu Theorie-Stars geworden waren, sondern auch ziemlich verwüstenden Einzug in die Popkultur und sämtliche anderen Bereiche kultureller Produktion hielten, hat man die Postmoderne nahezu sämtlichen Dingen aufgepfropft. Nicht zuletzt auch Musik. Nicht selten war das, was in der Theorie auch heute noch immer überraschend erfrischend ist, in anderen Bereichen etwas schmerzlich. Es sei denn, man begnügte sich, z.B. im Schreiben über Musik damit, eben einfach gute Texte zu produzieren, deren Energie sich zum Teil aus genannter Theorie bezog.

Aber schon Deleuze z.B. hatte einen schwer zu widerstehenden Drang, Pink Floyd etwas Deleuzianisches anzudichten. Ein wenig Schizo war das. Weit entfernt von Materialismus und Maschinen. Mit Grauen erinnert man sich auch an die – manchmal jetzt noch überpräsenten – Jahre von Referenz-, Diskurs- oder gar Differenz-Pop. Hey, das Ende der Geschichte ist da! Lass uns die Haare frisieren. Scritti Politti mag ja “in love with Derrida” gewesen sein, seine Musik als dekonstruktivistisch zu begreifen, war aber doch etwas sehr weit hergeholt. Mit Foucault konnte man dann gut über den Bruch (und Krawall) diskutieren, der mit elektronischer Musik in der Geschichte stattfand. Anhand der parallelen – wenn auch gelegentlich überraschend straighten – Entwicklung von Technologie und neu entstehender Musik in den frühen 90ern ganz schön deleuzianisch abgehen. Und selbst das eigentlich typisch moderne Projekt einer Weiterentwicklung war – schließlich waren es ja nicht mehr die Künstlersubjekte, sondern die Maschinen, die die Entwicklung der Kultur maßgeblich in der Hand hatten – ließ sich so irgendwie postmodern einfärben. Genug Irre gab’s allemal. Die Schwulen waren eh dabei, nur die Lesben hingen irgendwie scheinbar konterrevolutionär rockistisch in Grrl-Movements fest. Verflixt. Minoritäten aller Länder, das galt, aber auch irgendwie nicht so richtig.

Und dann kam die Phase, als man offen erklärte, dass jetzt nicht mehr der Inhalt (Gott, wie konnte man sich nur so lange am Signifikat abarbeiten) die Entwicklung der Musik bestimmt, sondern die Distribution. MP3, P2P, das hatte schon was von differance, anti-ödipal war es allemal und die Medientheorie liebt es per se. Und war obendrein noch weltwirtschaftlich interessanter als der neuste Laptopact und seine prima elektro-akustischen PlugIn-Schredderein. Selbst “das Andere“ war jetzt irgendwie im Boot (hey, warst nicht eigentlich du sogar von den Machtinhabern erklärte Person des Jahres?). Der Logozentrismus war endlich vom Materialismus (hatte ich erwähnt, dass für mich Poststrukturalismus immer primär Materialismus und Marxismus war?) zerquetscht worden. Puh. Aber irgendwas fehlte noch. Sonst hätte es Retro-Bewegungen, Mash-Ups und Elektrorock nicht geben müssen. Irgendwas war da noch an Hartnäckigkeit bäumchenhafter oder linearer Geschichts-Aufhebung übrig. Irgendwie war das alles doch noch klassische Dialektik. Live vs. DJ, Clubabend vs. Konzert, Elektronik vs. Rock, DRM vs. OpenSource, das sind immer noch quasi gemeißelte Gegensätze, an denen man sich abarbeiten kann, tut man es, kann man auf die Postmoderne auch noch etwas länger warten. Und erzählt mir jetzt nicht, Neurave wäre die Lösung. Eher kann man sich jetzt auf eine Revolution der Interfaces bereit machen, aber ob es da noch viel zu hören gibt, lässt sich bezweifeln. Und, zugegeben, der Raum (3D, Surround etc.) und die Musik stehen noch etwas auf Kriegsfuß, aber hier hilft zumindest die Grenze zwischen Musik und Geräusch über einiges hinweg.

Zusammenfassend: die Elektronik macht jetzt musikalisch irgendwie alles möglich. Die musikalischen Ideologien sind – en gros – zusammengebrochen. Selbst auf struktureller Ebene. (Und ja, ich sehe schon, dass es früher immer auch schon Ansätze gab, ein Ansatz ist aber noch kein Plateau, und so ein Bruch muss auch erst mal sacken, damit man das Vorher vergessen haben kann). Vielleicht hat das – wenn man so will – kulturell-mediale Geflecht Musik auch einen Vorteil (denn ob es Poststrukturalismus in Kunst, Architektur etc. je anders als Metapher oder Willen gegeben hat, ließe sich genaugenommmen bestreiten). Hören ist rein physikalisch ganz schön begrenzt. Psychoakustik ist nicht umsonst so überpopulär. Oberflächen z.B. dürfen da noch auf die Nanotechnologie warten, virtuelle Welten auf eine sinnvolle Verknüpfung von Synapsen und Kybernetik.

Backup-Mythos Mensch
Und was hat das alles mit Joakim zu tun? Genau. Ich also zum Interview mit einer These, die bestätigt bekommen, und danke Joakim. Joakim ist aber auch überaus sympathisch. Aber hätte ich ihn nicht ernster nehmen müssen? Seine Musik zum Beispiel? Ihr ahnt es. Joakims Musik ist postmodern. Seriously. Joakim ist z.B. eine Liveband. Joakim ist auch Produzent, weshalb er im Studio lang genug Zeit hatte, darüber nachzudenken, warum Musik eigentlich ein Studio ist, er ein Studio ist, sein Drummer seine Drummachine. Und warum so aus dem Bauch heraus physikalischer werden zu wollen, eben auch mal bedeuten kann, dass man eine Liveband wird. Joakim produziert auch andere Bands. Macht sein Label Tigersushi. Die aus den anderen Bands sind natürlich auch Teil von Joakim der Band. Sie tun einfach, was er will, ohne das er es ihnen groß sagen müsste oder dass er es wirklich hätte wollen oder inszenieren müssen. Es gibt diese Geschichte, dass das neue Album von Joakim schon fertig war, von ihm allein, der physischen Person Joakim, oder die mit einer bestimmten Biographie, produziert. Dann starb die Festplatte und er konnte es nicht noch mal machen. So viel zum Backup-Mythos. Und dann gibt es die Geschichte, dass er für sein neues Album von Anfang an Live spielen wollte. Und sie stimmen beide und vertragen sich überraschend gut.

Ich hätte auch zum Interview gehen können und denken, hey, Joakim, Verräter, du machst jetzt Rock mit 303. Du bist jetzt ein französischer Elektroraver mit Sonic-Youth-Fundament. Nur das die vermuteten Gegensätze sich in “Monsters & Silly Songs” so ineinander verbissen haben, dass man sie nicht mal mit viel Blut auseinander seziert bekommt. Klar, es gibt geschichtliche Einflüsse. Joakim gibt das zu. Anders. Er liebt es, nimmt es völlig auf. Joakim lässt sich von allem beeinflussen. Und trotzdem ist es keine neue Beliebigkeit. Schließlich ist Joakim kein Gott. Egal wie optimistisch sein Album wirkt. Er ist nicht mal Franzose. Man könnte genauso behaupten, er wäre Deutscher, weil da so viel Neu (wie in der Band) in “Monsters & Silly Songs” ist.

Ich gebe zu. Ich hatte noch eine andere These. Zum besseren Verständnis vorausgeschickt: Ich bin leicht soziopathisch fixiert auf Albumtitel. Sogar auf Tracktitel. Ich mache Worte, die Typen machen Musik, irgendwie muss man sich ja wehren. “Monsters & Silly Songs”, so die These, betrachtet man die einzelnen Bestandteile mal als Tags, die man den einzelnen Tracks (Songs war in diesem Zusammenhang schon weg) anhängen könnte, ist schizophrene Folksonomy in Vollendung. Metatags mit einem gewissen Hang zum Unsinn. Verkürzt formuliert, jeder Track ist ein Monster, jeder Track ist ein “Silly Song”, “silly” kann dabei für vieles stehen, z.B. romantisch oder eben auch albern, jeder Track ist auch beides zusammen, auch wenn man entschieden vertreten könnte, dass der eine ein Monster ist, der andere ein silly Song. Aber da ist noch etwas anderes. (Ich wusste schon, dass Joakim gerne Monster malt, aber das ist hier nicht gemeint.) Diese These war also etwas komplexer. Und sie hieß z.B. nicht – das herumgeistern von Beliebigkeit legt das irgendwie nah -, dass “Monsters & Silly Songs” einfach ein anderes Wort für Musik ist. Das “und” war wichtig (geschulte Deleuzianer vermuten das eh immer). Und so war es. These bestätigt bekommen, als Zuckerguss sind die Snippets zwischen den Stücken das, was mir fehlte (wie soll man auf so was kommen?). Die entstanden mit einer Software, die nicht nur Musik macht, sondern auch Bilder. Und die Bilder sind die in der CD. Und die kleinen Stücke zwischen den Stücken sind das, was das Album zusammenhält. Jedes für sich ein Monster. Jedes für sich auch einigermaßen silly, vor allem, wenn man sie sich als Song denkt.

Weiterlesen: Joakim-Interview aus der De:Bug 73

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Elektronische Lebensaspekte.