Ethnografie einer postmodernen/anderen Subkultur
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 125


Jochen Bonz
Subjekte des Tracks. Ethnografie einer postmodernen/anderen Subkultur
Kadmos Verlag

Das Bemühen, Sound und Track als musikalisches, theoretisches Paradigma einzuführen, hatte bislang verschiedenste Ansätze und Ideen. Mark Butler versuchte sich in “Unlocking the Groove” erst vor kurzem über die ethnografisch-rhythmisch-analytische Seite. Hier wurde zum Verhängnis, Technobeats in Partitur-Notationen als Interpretationsbasis zu nehmen. Zu starr und zu unholistisch war das Ergebnis. Die Idee von Friedrich Kittler, Sound als Ergebnis medialer Errungenschaften zu verstehen, ist durch die Eigendefinition der Medienarchäologie sehr gut beschrieben.

Die Geschichte der Medien als Ausgangspunkt der Möglichkeiten zu nehmen ist hilfreich, bringt jedoch wenig Einblick über die Ästhetik der Kultur des Tracks und lässt das Individuum und die Phänomenologie des Sounds weitestgehend außen vor. Im Allgemeinen ist es also noch immer nicht möglich, medial produzierte Klänge und die daraus entstandenen Kulturen fernab von rein ökonomischen und nicht-musikalischen Parametern theoretisch zu manifestieren. Es fehlen noch immer die richtigen Analysewerkzeuge dazu.

Der Bremer Kulturwissenschaftler Jochen Bonz versucht sich in seinem aktuellen Buch “Subjekte des Tracks” in der Analyse der Kultur des Tracks. Der Untertitel “Ethnografie einer postmodernen/anderen Subkultur” steckt hierbei das Theoriefeld ungefähr ab: Birmingham School, Lévi-Strauss, Hebdige, Zizek, Lacan, Eshun. Das gesamte Alphabet zeitgenössischer Poptheoriebildung wird hier herangezogen. Für das Bemühen, zeitgenössische Trackphänomene in die Almer Mater zu transferieren, sind das zweifelsohne notwendige Tools.

Für die hinreichende Erklärung einer Soundkultur fernab der Gemäuer der Institutionsintelligenz leider nicht immer subsidiär. Bonz sieht in der Trackkultur, die in den 90ern um Techno und House entstanden ist, keine dezidierte Gegenkultur. Vielmehr besteht “ihr Wesen darin, produktiv mit dem fundamentalsten Zug der Gegenwartskultur umzugehen – der prinzipiellen Unverbundenheit des Individuums mit Wissensgegenständen und Werten von kollektiver Gültigkeit.”

Was hier vorliegt, ist ein Mix aus beispielhaften Exkursen wie Interviews mit Hans Nieswandt, individuellen Rave-Erlebnissen und Theorieblöcken, die sich darum bemühen, Erlebtes und Euphorie einer vom Autor hochgeschätzten Kultur in den Diskurs zu shiften. Hierbei ist allerdings das grundlegende Problem des Buches zu finden. Zwischen basalen Subkulturdefinitionen, teils sehr sprechigen Transkriptionen (“Q-Base ist so wie Fender Strattokaster.“) und schwierigen Absätzen wie jene über das selbstreferenzielle Konstitutionsverfahren wird viel Luft gelassen.

Soll heißen, dass der Leser selten an die Hand genommen wird und man das Gefühl nicht los wird, es handele sich eher um ein Mash-Up zwischen Glitch und Fuckparade als um ein geschmeidiges, homogenes DJ-Set. Was das Buch nicht kann, ist eine zukunftsweisende, theoretisch nachhaltige Sicht auf das zu produzieren, was die Kultur der Sounds und Tracks nun wirklich ist und war. Was aber “Subjekte des Tracks“ dennoch anbietet, ist ein guter Überblick über relevante Theoriespektren und informative Notizen aus den “Welten“ der Trackkultur.
Ji-Hun Kim
http://www.kv-kadmos.com

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Elektronische Lebensaspekte.