Macht der Isländer Johann Johannsson nun Musik oder visuelle/plastische Kunst? Solche Unterscheidungen sind ihm völlig egal. Wichtig ist, dass seine analytischen Konzepte zwischen Wagner und Abba das Trance-ähnliche Abtauchen zum emotionalen Kern der Musik aushalten.
Text: Hendrik lakeberg aus De:Bug 89

Unterbewusst mit Konzept
Johann Johannsson

In einer besonders kleinen Szene trifft man oft mit ganz unterschiedlichen Vorlieben und Prägungen aufeinander. Ungünstige kulturelle Basics für gemeinsame Projekte, könnte man zumindest meinen. Gleichzeitig erzwingt dieser Umstand aber förmlich eine produktive Unbefangenheit, die häufig zu den überraschendsten und interessantesten Formen von Kunst, Musik, Film oder was auch immer führen kann.
Johann Johannsson stammt aus Reykjavik, also aus genau so einem Umfeld. Wenn man die dortige überschaubare Gesamteinwohnerzahl bedenkt, einem unglaublich aktiven Umfeld dazu. Aber das ist ja durch Acts wie Múm, Sigur Ros und zu guter Letzt Björk weitestgehend bekannt.
Um Johann Johannsson und das Label/den Think Tank “Kitchen Motors“ formierte sich seit 1999 eine Gruppe aus Filmemachern, Musikern und bildenden Künstlern, die gemeinsam Projekte anschieben, Platten veröffentlichen, Veranstaltungen kuratieren und unterm Strich mittlerweile ein effektives Netzwerk auch über die Grenzen Islands hinaus etabliert haben.
Dieser erst mal rein soziale und organisatorische Hintergrund geht natürlich auch an Johanns Musik nicht spurlos vorbei.
Seine neue Platte “Virthulegu Forsetar“ wirkt auf den ersten Blick wie eine dronige Ambient/Elektronika-Platte. Unter der Oberfläche verästeln und kreuzen sich aber Einflüsse wie die Klassik Wagners, die Ambient-Platten Brian Enos und Harold Budds, eine aufrichtige Vorliebe für die klaren, poppigen Harmonien Abbas und musikferne Dinge wie der architektonische Raum, Literatur und das Visuelle ganz allgemein.
Johann Johannsson spielt Anfang Februar im Rahmen der diesjährigen Transmediale. Ein guter Anlass, um anhand des Transmediale-Themas “Basics” mal nachzuhaken, was da in Johanns Musik sonst noch so wirkt und arbeitet an grundlegenden Themen, Fragestellungen und Perspektiven. Grundlagen als ordnender Fokus also, als Schritt zurück, um Komplexität greifbarer zu machen, auch die von Johanns Musikuniversum.

Debug:
Was sind deine musikalischen Basics?

Johannsson:
Ich fange mit einem Konzept an. Ich kann ein Stück nicht beenden, ohne ein klares Konzept vor Augen zu haben. Wenn ich mir aber über das Konzept klar geworden bin, dann ist das Schreiben fast einfach. Ich finde es sehr wichtig, die Musik mit anderen Ebenen kommunizieren zu lassen. Deswegen mag ich es, mit Film oder im Theater zu arbeiten, weil Film und Theater im konstanten Dialog mit Künstlern anderer Bereiche funktionieren. Wenn ich Musik als solche schreibe, dann immer mit einem Bündel von Ideen oder einem Konzept im Hinterkopf. Die Musik geht meistens von etwas Abstraktem aus, von etwas nicht Musikalischem, oft auch visuellen Ideen, eher als von einer Melodie oder Akkord-Sequenz. In Island ist das ein normaler Weg zu arbeiten. Viele Künstler produzieren in verschiedenen Gebieten gleichzeitig, ob es Musik, Film oder die bildenden Künste sind. Das gilt natürlich auch für andere Länder, aber ich glaube, in Island sehen die Leute die Künste als sehr zusammenhängend an. Es gibt einen regen Dialog unter Künstlern aus verschiedenen Disziplinen. Ich finde es sehr schwer zu entscheiden, ob zum Beispiel mein neues Album ”Virthulegu Forsetar“ Musik ist oder visuelle/plastische Kunst. Vielleicht spielt das auch gar keine Rolle.

Debug:
Auf die Basics zu fokussieren, ist eine Möglichkeit, die Komplexität der technologischen Entwicklung neu zu denken und übersichtlicher zu machen. Gibt es dafür eine Notwendigkeit sowohl im technologischen wie im politischen Sinne?

Johannsson:
Die Allgegenwart von Technologie und Computern macht sie ironischerweise immer weniger präsent, weil sie immer mehr in die Gesellschaft und die Menschheit an sich integriert werden. Weniger wichtig wird, wie wir mit ihnen umgehen, sondern wie wir uns ihnen gegenüber verhalten. Was möglich ist, wird weniger wichtig, wichtiger wird, was richtig ist.

Debug:
Die Transmediale konzentriert sich unter anderem auf die ethischen, moralischen Aspekte von technologischer Entwicklung. Spielt das auch in deiner Musik eine Rolle?

Johannsson:
Das ist eines der Themen, von denen mein Stück IBM 1401 handelt (eine Kollaboration mit der Tänzerin Elnar Omarsdottir). Wie wir uns gegenüber Maschinen verhalten, wie wir größtenteils von ihnen abhängig sind und wie sich das auf unser Verhältnis zu den Maschinen auswirkt. Es hat viele dualistische Inhalte: Techno-Nostalgie vs. Technologie-Verzicht, Körper vs. Maschine, menschliche vs. künstliche Intelligenz, Maschinen und Sexualität, technischer Fortschritt vs. menschliche Evolution. Die daran interessiert sind, sollen lieber auf meiner Webseite nachlesen, als mir hier zuzuhören, aber es gibt eine starke ethische Dimension in meiner Musik, obwohl wir insgesamt eher ambivalent sind. Ich bin generell mehr daran interessiert, Fragen zu stellen, als an Antworten.

Debug:
Wie performst du deine Musik?

Johannsson:
Ich spiele mit meinem Ensemble. Das besteht aus vier Streichern, einem Perkussionisten und Elektroniker und mir selbst an der Orgel und elektronischen Geräten. Ich benutze ab und zu auch visuelle Elemente. Bei der ersten Performance von “Virthulegu Forsetar“ in Island haben wir Helium-Ballons unter die Decke des Raumes steigen lassen, die dann während der Aufführung ganz langsam wie in Zeitlupe zu Boden gefallen sind. Das ist mit dem langsam einsetzenden Sonnenuntergang zusammengefallen, also eine natürliche Lichtshow, die der Musik sehr gut gestanden hat. Wie eine Demonstration physikalischer Gesetze.

Debug:
Hattest du eigentlich immer schon eine Vorliebe für klassische Musik?

Johannsson:
Ich habe Klavier und Posaune gelernt. Meine Eltern haben wahrscheinlich mein Interesse an klassischer Musik geweckt. Aber ich mag auch Abba und The Velvet Underground. Meine CD-Sammlung ist sehr eklektisch, es gibt fast nichts, an dem ich nicht interessiert bin, ich könnte fast sagen, dass ich Pop-Musik liebe, von Bacharach bis zu den Ramones. Wenn ich nach Hause komme, könnte ich ebenso gut die Residents oder Suicide anmachen wie Purcell oder Messiaen. Ich bin an Genre-Grenzen bei Musik nicht interessiert. Es stört mich eher, wenn Leute meine Musik als neo-klassisch beschreiben. Der einzige Unterschied zwischen meinen Solo-Arbeiten und der Musik von Apparat Organ Quartet, einem meiner anderen Projekte, ist die Wahl der Instrumente, die ich für die bestimmte Klangfarbe benötige, die mir vorschwebt. Ich glaube, wenn man bei meiner Musik genau hinhört, ist das offensichtlich. Es hat nichts mit klassisch, neo oder sonst irgendwas zu tun.

Debug:
Wie fängst du mit einem Stück an? Gibt es einen emotionalen Zustand, den du in Musik übertragen möchtest, oder gehst du auch da eher von einem konzeptionellen Hintergrund aus?

Johannsson:
Das ist schwierig zu beschreiben. Ich finde es schwer zu schreiben, ohne vorher meinen Kopf fast ganz leer zu machen. Ich versuche, meine Gehirnaktivitäten komplett zu minimieren, um einen fast Trance-ähnlichen Zustand zu erreichen. Dann versuche ich, den innersten emotionalen Kern der Musik zu finden, um die musikalischen Ideen so einfach wie möglich auf den Punkt zu bringen. Das findet alles eher auf einem unterbewussten Level statt und ist sehr wichtig, um das Basis-Material zu generieren. Das ist die wichtigste Phase bei der Arbeit an einem Stück. Für den Rest benutze ich eher analytische Methoden und schalte mein Gehirn an, wie es vorher war. In dieser Phase analysiere ich das Material, das entstanden ist, und versuche zu verstehen, was zur Hölle da vorgeht in meinem Unterbewussten. Ich versuche immer, eine offene Atmosphäre herzustellen, in der Zufälle passieren können und wo Fehler entstehen können. Das Fehlerhafte ist generell interessanter als das Gewollte oder Richtige.

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Elektronische Lebensaspekte.