Das alte Zickenpaar Pathos und Zynismus: Zwei Parallelgesellschaften treffen sich auf der Tanzfläche und reden über Weltschmerz, Sound-Beseelung und Kuscheln im Club.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 101


Jugendliche Räude

Der Typ muss ein abgebrühter Zyniker sein: Nimmt einfach zwei Synthies und lässt es krachen. Jeder Break ein exakter Schlag auf den Raver-Solarplexus, eiskalt programmiertes Kreischen, punktgenaues HiHat-Säbeln, chirurgisch Tanzflächen-Hirne halbierend. Bratziges Bassgetreibe, immer am Energiemaximum, jeder Schritt zurück in der durchsichtigen Absicht, den optimalen Stand für den nächsten Monstersatz nach vorne zu gewinnen. Aus jeder Soundpore dampft grimmige Entschlossenheit, Schluss mit lustig, hier werden Ärsche geschüttelt, Arme geschwenkt und bitte schön energisch in den Strobonebel gestarrt. Unvermeidlich die Verdichtung kurz vor dem Aussetzen des Beats, dann das prompte Öffnen des maximalen Raums und immer mittig rein in die reine Schönheit des klassischen Maschinenklangs. Mehr düsteres Pathos geht nicht, heftige Sehnsucht nach dem diskreten Zischen der Nebelmaschine und ihrem köstlichen Chemo-Geruch, unbändiges Verlangen nach Rumstampfen auf Betonboden und optischer Überforderung durch reine Atomstrom-Flashs. Und zuletzt, wenn die Wahrnehmung sich fast an die Schläge gewöhnt hat, weisen weggesperrrte Stimmen mit gesäuselten, jenseitigen Satzfetzen den Weg zum nächsten Level des eigenen Wahnsinns.

Wer 2006 so was macht, auch noch in Albumlänge inklusive klassischen Chillout-Flächen-Nummern als Garnierung und das Produkt “Freaks R Us” nennt, der muss ein verdammt abgebrühter Zyniker sein. Aber: Johannes Heil macht all das und ist dabei dreisterweise so gar kein Zyniker, im Gegenteil, wenn Heil Pathos in bedrohlicher Molllage produziert, dann meint er eins zu eins auch Pathos in bedrohlicher Molllage. Kein abgeklärtes Konzept weit und breit, stattdessen: echtes Fließen, authentische Gefühle und die Gewissheit menschlicher Beseelung, die durch die Maschinen ihren direkten Ausdruck erfährt. Wie ist das möglich?, fragt sich der garantiert zynische Herr Musikjournalist und bekommt als Antwort: Glauben. “Ich würde jetzt nicht an sehr abstruse Dinge glauben. Aber die Empfindung, für die Beseeltheit, die gibt es schon sehr lange in mir”, verkündet Herr Heil ohne jedes Wimpernzucken. Und auf den Einwand, dass man sich doch auch im Bewusstsein, einfach nur eine biochemische Maschine zu sein, ganz prima des Lebens erfreuen kann: “Das Gehirn mag eine perfekt funktionierende Maschine sein, aber ob der Komplexität, in der es funktioniert, muss ich davon ausgehen, dass hinter Gefühlen, Sorge, Leid, Glück oder der Bindung zu anderen Menschen eine beseelte Intelligenz steckt.”

Schauen, was bei den Schafen geht
Weiter ins Universum des Herrn Heil, der – jetzt wundert uns sowieso nichts mehr – in seinem Geburtsort mit dem pittoresken Namen Ober-Mörlen im Frankfurter Dunstkreis lebt: Nach dem Glaubensbekenntnis kommt unweigerlich die Frage nach der Inspiration.
“Ich gehe gerne in den Wald. Im Winter bin ich da natürlich fauler, aber im Sommer bin ich viel draußen und genieße es, viel Zeit alleine zu verbringen. Beispielsweise habe ich letztes Jahr eine Schafsherde getroffen, da habe ich mir zwei Stunden Zeit genommen, die Tiere zu beobachten. Wie die sich so verhalten, was für eine Atmosphäre herrscht, bei den Schafen: Wenn man sich die Zeit nimmt, wird man auch merken, dass da etwas ist, das eine spezielle Atmosphäre schafft, eben auch etwas Beseeltes. Die Natur ist für mich ein einziges, großes Lebewesen, in verschiedene Wahrnehmungsfacetten gespalten. Nach so einem heißen Tag, an dem ich draußen eine Menge gespürt habe, passiert mir im Studio so etwas wie ‘Last’, ein sehr liebevoller Elektro-Track. Aber natürlich habe ich auch einen Clubmodus, da trinke ich ein paar Bier, rauche ein paar Joints und komme kräftiger in Fahrt. Dann kommt auch eine bestimmte Räude, so eine jugendliche Räude. Etwas Dreckiges, leicht Exzessives.”

Für alle, den hessischen Formulierungsgepflogenheiten Unkundigen: Mit “Räude” meint Herr Heil selbstredend nicht die Krätzevariante, die Hunde oder Katzen befallen kann, sondern jugendlichen Überschwang mit den dazugehörenden Gelüsten: Knallo-Ballo eben. Und diese Räude oder die Schafsherden-Erfahrung bahnt sich im Studio ihren Weg. Fließt um die Synthie-Sammlung, durch die Sounddatenbank und in einen Rhythmus:
“Ich klopfe mir was zusammen, nicht so rein Kopf-mäßig. Danach gucke ich einfach, was sich aufschaukelt, und manchmal, wenn ich die Spuren schon ein, zwei Stunden gehört habe, empfinde ich eine besondere Nähe. Dann habe ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen.”

Der Track sagt: “Verpass mir Vocals“? Und nachher ist er im Wortsinn stimmiger?
“Ja, ich habe das Gefühl, er verlangt danach. Ich versetze mich in einen sehr hingebungsvollen Zustand, öffne mich komplett und lassse, was ich Seele nenne, aus mir sprechen. Ohne zu denken, zu designen, zu manipulieren, zu herrschen.”

Ein Lichtkrieger
Da stehen die Parallelgesellschaften und staunen: Was der einen als eiskalt kalkulierte Gefühlsproduktion mit bewährten Zutaten und Rezepten dünkt, ist der anderen authentischer Ausdruck der eigenen Metaphysik: Wenn eine Zombie-Stimme “Rescue me” in den Kathedralen-Hallraum flüstert und sich dazu die düstere Bombastvariante eines Housepiano-Riffs anschickt, den Boden zu heben, muss ich auch lachen: Weil das so punktgenaues, plakativ vertrautes und daher auch irgendwie albernes Pathos ist!
“‘Rescue me’ ist für mich ein Gebet. Oder eine Meditation. Trance. Die Melodie erinnert mich an Pyramiden und Kamele. Zugleich hat es etwas Futuristisches. Für mich ist das ein Sonnenbeschwörungslied. Oder ‘Warrior of light’: Da hat mich ein Hörspiel von Paulo Coelho inspiriert. Ich habe mich aber auch mit Lichtbrechung auseinander gesetzt, über die Bedeutung von Licht nachgedacht und mich dann als einen Lichtkrieger erkannt. Jemand, der auf seine Gefühle hört und ihnen treu bleibt. Ein Mensch, der an die Liebe glaubt. Ein fantasievoller Mensch. Ein Freak. Jemand, der sich seine Kindlichkeit bewahrt.”

Johannes Heil hat seinen Punkt gemacht und wir bleiben hochgradig verdattert zurück. Aufraffen für ein letztes Nachhaken: Du wirst einerseits eher mit Raves assoziiert, andererseits heißt es im Pressetext zu “Freaks R US”, dass du zuletzt sogar noch weiter “thematisch in dich gekehrt und an mystischen oder mythischen Zusammenhängen interessiert” warst. Wie ging das zusammen, wie geht das weiter?
“Ja, ich habe sehr viele Raves gespielt. Ab 20.000 Leuten ist da auch ein strammeres Tempo von Nöten. Und ein relatives plakatives und Signal-haftes Verhalten, um die alle gleichzeitig zu kriegen. Jetzt will ich gerne wieder mehr in die Clubs, da kann man auch kleinteiliger und detaillierter arbeiten. Beim letzten Album war das Gefühl noch eher: Scheiße, die Welt zerhaut´s in zwei Teile. Bedrohlich. Jetzt habe ich mal die Welt Welt sein gelassen, weil ich kann sie nun mal nicht ändern. Ich kann das zwar als Thema aufgreifen, aber wie lange Weltschmerz zu ertragen ist, muss jeder selbst wissen. Ich kann´s nicht länger als ein Jahr. Aber man kann ja auch wieder zurück in den Kreis der Freaks treten. Dann ist die Welt ja so weit auch wieder in Ordnung.”

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Elektronische Lebensaspekte.