Deephouse, Clashsound, Minimal-Techno: Der zwanzigjährige Cousin von Jesper Dahlbäck, John, beherrscht fast alle Stile des aktuellen elektronischen Dancefloors.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 98

Unheimlich perfekt

Als Jugendlicher war John Dahlbäck HipHop-Fan und dilettierte in dem Genre auch als Produzent. Auf Techno und House kam er über die “Stockholm Sessions”-Mix-CD seines Cousins Jesper. Die Stimmlosigkeit der Musik faszinierte ihn: Techno und House erschienen als eine körperliche, mitreißende Musik, die ihre extreme Wirkung erst auf einer guten Club-PA entfaltete. Geschmacksbildend waren DJs aus dem Umfeld von Svek.
Zunächst war John besonders Deep-House-Fan. Es war eine Ehre für ihn, sein Debut auf dem Liebings-Deephouse-Label Deep4Life von Chris Gray zu veröffentlichen. In den darauffolgenden dreieinhalb Jahren produzierte er mehr als dreißig Maxis, das neue Album “Man from the Fall” ist bereits sein zweites. Wie viele hatte er in der letzten Zeit das Gefühl, dass Deep House einen Art Endpunkt erreicht hat, dass die Chords und die Melodien dieser Musik in eine Art Wiederholungsschleife geraten sind – und vor allem bringen sie sowohl ihn selbst wie auch das Publikum immer weniger zum Tanzen. John begann sich für Verbindungen von House und Techno, von Rave-Sounds und House-Chords zu interessieren, die als Genre Tech-House ja auch eine der dominantesten Kräfte auf dem elektronischen Dancefloors der letzten Jahre sind. Tatsächlich erscheinen heute nur noch überraschend wenige reine House-Platten, die gar nichts Technoides enthalten – und vice versa: House und Techno haben ihre Strahlkraft auch als entgegengesetzte Masterpläne verloren. Dementsprechend liegt die Spannung in Johns Tech-House-Produktionen in dem nuancenhaft herausgearbeiteten Kontrast zwischen den housigen und den technoiden Elementen in den Tracks – diese Musik läuft ständig Gefahr, ineinander zu fallen und vollständig durchschaubar zu werden. Bei einem Mathew Johnson oder in der Szene um Clone wird House als Bezugspunkt deshalb immer unwichtiger, stattdessen arbeitet man mit Disco-Elementen – die soziale Notwendigkeit dieses Bezuges ist nicht unbedingt zu erkennen.

Filofax-Techno
Auf “Man From the Fall” hat John seinen Tech-House-Sound um Popsongs erweitert. Ursprünglich schwebte ihm ein Listening-Album vor, in der Auseinandersetzung mit dem Label Systematic entwickelte sich dann doch ein Floor-orientierter Sound. John: “Das gesamte Album könnte ein einziger Track sein, ein roter Faden zieht sich durch alle Stücke. Es ging um Homogenität.” Die Durcharrangiertheit seiner bisherigen Produktionen steigert sich hier durch das Pop-Moment noch einmal: Das Trackhafte von Techno wird fast vollständig von song-analogen Strukturen reterritorialisiert. Alle Elemente passieren genau in dem Moment, in dem man sie erwartet: Dass man einmal den reinen Groove aushalten müsste, dass ein Sound hereinbräche, mit dem man nicht gerechnet hat, passiert so gut wie nie. Man würde sich schon freuen, wenn die HiHats mal ein paar Takte später oder gar nicht einsetzen würden. In dieser Musik entgleitet nichts, nichts steigert sich über ein bestimmtes Maß hinaus. Zu diesen Tracks kann man sich nicht gehen lassen, weil sie nicht das geringste Vertrauen in einen haben: Sie lassen einen nicht für acht Takte aus den Augen. Natürlich ist ein solches Moment der Optimierung auf vielen aktuellen Platten zu hören, und letztlich meistens nicht ergiebig. Bei einem Trentemøller erzeugt dann die soundtechnische Übererfüllung, seine Hyperbrillanz doch wieder einen Reiz. Wenn John in den Sounds oft originell und spielerisch ist, wird deren Spannung oft durch die Festgefügtheit der Arrangements aufgehoben, und die ist in ihrer Geschlossenheit unerbittlich. Im Zeitverlauf der Tracks erlaubt er sich kaum jene so notwendigen Öffnungen, Leerstellen, Redundanzen, Verdichtungen oder Explosionen. Er betreibt eine Art von Zeit-Management, die den elektronischen Dancefloor in letzter Konsequenz zu einer erwartungsgemäßen Abendunterhaltung macht.
Zuletzt hat John den poporientieren Sound des neuen Albums zu Gunsten eines minimaleren Ansatzes hinter sich gelassen, der z.B. auf seiner Hug-Maxi auf Kompakts neuem Sublabel K2 zu hören ist. Man wird aus Johns Vorgehen nicht schlau. Es ist irritierend, dass er sich in so kurzer Zeit so extrem viel erarbeitet hat, dass dabei aber kaum so was wie ein eigener Kosmos entstanden ist und es keine Momente der Abweichung gibt: weder Mangel noch Überschuss. Seine Stilwechsel verlaufen oft analog zu den Moden des Dancefloors, und die Stücke entsprechen denen überraschend stark. Offensichtlich liegt der Spaß für John im pausenlosen Produzieren und Veröffentlichen, im Hin- und Herwechseln zwischen den Stilen, im perfekten Erfüllen der Standards. In seiner Musik wird das, was ja gerade das Andere, das Unwahrscheinliche sein soll, zur Normalität.

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Elektronische Lebensaspekte.