John Maeda ist der Design-Star am MIT. Mit seinem nebulösen Projekt "Simplicity" versucht er, Kreativität gegen Nützlichkeits- und Zahlendenken in Stellung zu bringen. Computer müssen wieder unperfekter werden.
Text: Sascha Pohflepp aus De:Bug 99

Design by Politics

Das MIT Media Lab in Boston ist für Menschen, die sich mit der Zukunft von digitaler Technologie beschäftigen, ein eher mythischer Ort. Gut gefüllt mit Visionären und Budgets wird an der Zukunft von Mensch und Maschine geforscht. Erst letzten Monat hat der ehemalige Leiter Nicholas Negroponte mit großem Wirbel bei der UN den $100-Laptop vorgestellt, ein ambitioniertes Projekt, das nichts Geringeres verfolgt, als die “dritte Welt” mit WiFi und Handkurbel ins Netz zu bringen. Negropontes Nachfolger am Media Lab heißt Prof. John Maeda, ist 38 Jahre alt, Asian-American und hat mit seiner Mischung aus amerikanischem Spirit und japanischer formaler Einfachheit die Grundlagen für das geschaffen, was wir momentan als generatives Design bezeichnen. Auch Processing ist ein Produkt seiner Studenten aus der Aesthetics and Computation Group am Media Lab. Seit einiger Zeit hüllt sich Maeda jedoch in Schweigen und arbeitet zusammen mit Studenten und einem Konsortium aus Technologiefirmen an einem Projekt namens SIMPLICITY, über das er, abgesehen von ein paar Blog-Einträgen hier und da, kaum etwas preisgibt. Wir haben die Gelegenheit genutzt und John Maeda in Berlin zu einem Interview getroffen, nachdem er hier den diesjährigen Lucky-Strike-Award entgegengenommen hatte.

Debug: Mr. Maeda, Sie haben gesagt, eine Art von SIMPLICITY sei der sich auch im digitalen Leben äußernde Wunsch danach, “wieder normal zu sein”.

Ich glaube, dass die Technologie ein Indikator ist. Menschen geben mehr Geld für neue Technologien aus, weil sie glauben, dass sie dadurch irgendwie zufriedener würden. Aber, und vielleicht geht es Ihnen genauso, ich habe kein Verlangen, einen neuen Computer zu kaufen. Man muss sich von dem künstlichen Bedürfnis nach mehr Technologie befreien.

Denken Sie, dass die technologische Revolution bisher von Ingenieuren vorangetrieben wurde, die in erster Linie technische Herausforderungen im Blick haben?

Ja, ich glaube, dass es bei Technologie um messbaren Fortschritt geht und dass man immer etwas messen kann, das schneller und billiger ist. So macht man Business. Aber was den kreativen Bereich betrifft; schauen Sie sich da z.B. Adobe Acrobat an. 35 Megabyte und es kann nur Bilder darstellen. Also passt sich die Software der Geschwindigkeit an, sie wird nicht schneller, sondern nur fetter. Das ist ein Problem.

Woran liegt das?

Ihre Frage nach den Technokraten deutet bereits darauf hin: Die Firmen sind so angelegt. Der Grund dafür ist meiner Meinung nach, dass MBAs die Technologiewelt übernommen haben.

Könnte Luxus in Zukunft darin liegen, ein undigitales Leben zu führen, weniger Technologie und Newsfeeds?

Das ist eine Art Paradox. Anfangs wollen wir alle einfache Dinge. Dann, wenn wir länger damit gelebt haben, wollen wir mehr. Also liegt es eher daran, Dinge zu gestalten, die sich ändern können. Die Leute haben jahrelang über anpassungsfähige Interfaces geredet, aber es ist bisher nichts passiert. Wir entwickeln am MIT derzeit ein neues Modell für Software, Open Studio, das Software wieder simpel macht. Es ist dafür ausgelegt, mit mehr Features erweitert zu werden, und wird so komplex, wie Sie es wollen.

Wie würde man diese Art von SIMPLICITY am schlauesten vermarkten?

Ich bin nicht nur daran Interessiert, SIMPLICITY zu vermarkten. Ich bin daran interessiert, kreatives Denken zu vermarkten. Ich glaube, dass kreatives Denken verschwindet, weil Unternehmen so stark auf messbare Ergebnisse fixiert sind und man glaubt, dass die Wirtschaft sich belebt, wenn Fähigkeiten wie Lesen und Mathematik in der Bevölkerung gefördert werden. Die Frage ist also: Wie verbessert man den Wert von Kreativität? Wie bekommt man Politiker dazu, daran zu glauben, dass mehr Kreativität gut für die Wirtschaft ist? Wenn man sich die Literatur über Outsourcing anschaut, schreiben alle: “Die Jobs gehen nach Indien, Rumänien, Pakistan, aber keine Sorge! Wir in der ersten Welt haben diese Sache namens Kreativität!” Trotzdem streichen die Schulen gerade diejenigen Fächer, die Kreativität fördern. Eben aus diesem Grund mache ich gerade einen MBA, um zu verstehen, warum das so ist und wie diese Leute aus der Wirtschaft denken.

Wer könnte etwas an dieser Entwicklung ändern?

Das ist die Aufgabe der Bevölkerung, es ist keine Aufgabe der Technokraten oder der Künstler. Die Leute wissen nicht, dass die Dinge viel besser werden könnten. Diese Einstellung muss sich ändern.

Wird es nicht irgendwann Reaktionen in Bezug auf die Qualität der Technologie geben?

Daran glaube ich nicht, denn die jungen Leute werden von der Unterhaltungsindustrie kontrolliert. Solange wir das als Generation nicht als fundamentales Problem angehen, wird in dieser Hinsicht nichts passieren. Ich mache meine Kunst, aber ich arbeite auch an der Frage, wie man die Welt auf lange Sicht ändern kann.

Wir wissen immer noch nicht, worum es bei dem SIMPLICITY-Projekt genau geht.

[lacht] Oh ja, es ist komplett geheim!

Wie sollte eine angemessene Ausbildung ihrer Meinung nach aussehen?

Ich bin mir nicht sicher, wir tasten uns da gerade noch heran. Am MIT können wir in dem Open-Studio-System modellhaft Ökonomie und Mathematik im Kontext von Kunst unterrichten. Einige Leute sagen: “Das ist furchtbar, wieso wollen sie das vermischen?”, aber die Realität ist: Kunst ist Business.

Passiert im Netz nicht auch gerade etwas? Die Entwicklung hin zu den lange versprochenen intelligenteren Systemen von Wikis oder die Medienmacht von Bloggern?

Ja, aber vergessen Sie nicht, dass der Computer sich von der Textverarbeitung her entwickelt hat. Also kann er sehr gut Texte editieren und das ist die am meisten verbreitete Funktion im Netz. Aber in der Zukunft wird der Computer sich in etwas verändert haben, dessen grundlegende Bausteine mehr können werden als Textverarbeitung. Das Blog-Phänomen hängt damit zusammen, dass auch das Interface der Computer mit dieser Vergangenheit verbunden ist. Wenn man so will, werden Medienunternehmen gerade von Individuen an die Wand gedrückt, die dadurch sehr mächtig scheinen. Aber wie man sehen kann, müssen sie sich, wenn sie Geld mit ihrem Blog verdienen wollen, ebenso verhalten wie die Massenmedien: werben und Sell-out betreiben. Dann werden sie letztlich zu Magazinen umformatiert und wir sind wieder genau dort. Ich denke, dass die neue Generation auf den großen Sprung wartet, aber der wird dort nicht geschehen.

Was wäre denn der große Sprung?

Das fundamentale Problem ist meiner Meinung nach, dass der Computer nicht flexibel ist, sondern ganz im Gegenteil eher limitiert. Das liegt daran, dass Computer heutzutage viel zu perfekt sind, um verschiedene Sichtweisen zu akzeptieren. Eins ist eins – für immer. Menschen dagegen sehen etwas, z.B. das hier [zerknüllt Papier in der Hand], und können es sich in ihrem Geist als verschiedene Objekte vorstellen. Für einen Computer kann es immer nur ein Objekt sein. Der wirklich große Sprung wäre also, Computer weniger perfekt zu machen. Ich denke, dass die Zukunft der Computer in großem Maße von dem Umgang mit Vieldeutigkeit abhängen wird.

Das klingt, als wäre alles bis hierhin ein ziemlicher Fehlentwurf gewesen.

[lacht] Es war eine Probe! Eine Probe, die sich wiederholt. Es könnte sich immer und immer wiederholen. Ich persönlich glaube nicht, dass es sich ändert. Aber ich denke, dass es die Leute zwischen 20 und 40 sind, die eine Chance haben, die geopolitische und ökonomische Aufmerksamkeit auf diese Fragen zu lenken. Das ist die Herausforderung.

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Elektronische Lebensaspekte.

mit dem Autopilot den Computer lenken.
Text: Marcus Hauer aus De:Bug 44

Webdesigner John Maeda und sein neues Buch “Maeda & Media”

Designer sind wie Fliegen, hat man sie einmal auf den Geschmack gebracht, sind sie nicht mehr zu stoppen im Flug auf die tolle Beute. John Maeda ist da ein bisschen anders! Natürlich kommen hier viele glückliche Umstände zusammen: Erstens ist er japanischer Abstammung, zweitens in Seattle geboren, drittens hat er am MIT studiert und viertens ist sein Vater Tofu-Produzent und Koch gewesen. Mit 33 Jahren ist John Maeda mittlerweile schon ein Stern unter den neuen Designern, auch wenn man ihn nicht wirklich Designer nennen kann, zumindest nicht in einer Reihe mit anderen (außer seinem Vorbild Paul Rand vielleicht). Außerdem kann er die großen Webdesignfabriken wie Razorfish, Sapient und Rare Medium wirklich nicht leiden und vergleicht sie gerne mit dem Todesstern aus Star Wars. Dieses Jahr ist Herr Maeda auch institutionell ganz oben angekommen, als Nachfolger von Nicholas Negroponte (Autor von “Being Digital”) ist er nun Direktor des Media Lab am MIT, hier leitet er die Aesthetics and Computation Group.

ANFANGEN
Begonnen hat alles mit einem Master in Computer Science im Jahre 1989, womit er allerdings nicht sonderlich glücklich war und nochmal in Japan ein klassisches Kunststudium begann. Nach einigen Jahren als Grafikdesigner eröffnete er mit seiner Frau Kris die eigene Agentur mit Klienten wie New York Times Magazine, Absolut Vodka und Shiseido. Gleichzeitig wurde er 1996 ans Media Lab berufen, um dort die Aesthetics and Computation Group aufzubauen. Hier sollte Technologie mit Ästhetik vereint werden, was 1999 in dem Klassiker “Design by Numbers” erste Früchte trug. Dabei geht es um ein Verständnis von Computer und Design fernab von Versionsnummern und Anti-Aliasing. DBN ist eine Mini-Programmiersprache, mit der Programmier-Newbies ein besseres Verständnis von den graphischen Möglichkeiten des Rechners bekommen sollten. Parallel dazu erschien ein Handbuch in Tutorial-Form und es wurden Kurse an anderen Schulen eingerichtet. Bilder zu programmieren wurde zum State of the Art Konzept, was glücklicherweise immer noch nicht veraltet ist, da wohl darin so etwas wie die Zukunft von kreativen Prozessen verborgen liegt.
“Gab es früher eine Balance zwischen Technikfortschritt und Kultur, führt heute die Technik weit voraus. Das hat den Effekt, als würden die Hände immer größer und der Verstand immer kleiner.”

BEING DIGITAL
Schnell könnte man auf den Gedanken kommen, dass Herr Maeda seine Kreativität dem Computer übergibt und ihm Subjekt, Künstler und Werk völlig egal sind. Doch weit gefehlt, denn da beginnt die Sache erst spannend zu werden – sein handschriftliches Logo mit Jahreszahl findet man auf allen Grafiken von ihm. Egal ob sie mit dem Stift oder mit Prozessorleistung erstellt worden sind. Seine Idee von Programmieren und Gestaltung basiert auf einer Vorstellung von Künstler und Ingenieur in einer Person, wodurch seine Studenten am MIT auch aus beiden Richtungen entstammen. Sein größtes Problem hat er allerdings mit aktueller Software. Denn um einen Computer einzusetzen, ist das Einzige, was man seiner Meinung nach heutzutage benötigt, Cleverness. “Wenn sie das geschafft haben, können sie per Knopfdruck alles wiederholen. Das kann ihr Gehirn ruinieren”.
Die Frage ist also, beflügelt der Computer unsere Kreativität oder lässt er uns nur zu seinem Sklaven werden, und wir wissen gar nicht mehr, wie unfrei und determiniert uns Software eigentlich macht? “Noch vor 10 Jahren musste man mühsam aus einem Buch die Codes eingeben. Wenn man heute einen Computer startet, fragt er einen, welchen Online-Dienst man nutzen möchte und über welchen Browser man den Internetzugang wünscht. Man glaubt, dass dies der Weg ist, wie es läuft. Ich hingegen bin der Meinung, dass man einen Schritt weitergehen muss. Nur so können wir feststellen, was die Einzigartigkeit der Technologie eigentlich bedeutet.”

DAS BUCH
Nach zehn Jahren publiziert Maeda mit “Maeda & Media” bereits eine Retrospektive über sein Schaffen. Das ist vielleicht ein wenig strange, aber mit seinen 464 Seiten ist dieses Buch ein wirklich sehenswertes Objekt, das man jedem ans Herz legen kann, der an ein Leben nach Designers Republic glaubt. In einer Mischung aus Autobiographie und Manifest bekommt man ein Gefühl dafür, was Design kann und in Zukunft auch sein muss.

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