Das dritte Album des Amerikaners in harmonischem Zwiespalt
Text: Bianca Heuse aus De:Bug 154

John Maus ist ein intellektueller und gleichzeitig grundnaiver Kindskopf. Neben seinem Studium der Musik, Philosophie und Politikwissenschaften schreibt der Amerikaner Songs, die spielerisch Unbekümmertheit und Wut, Romantik und Politik in sich vereinen. Sein drittes Album beweist, dass eigenbrötlerische Grübelei längst nicht mit der Pubertät aufhört. Es bleibt kompliziert.

Es ist nicht immer leicht, John Maus zu verstehen. Das hat nicht nur mit der transatlantischen Telefonleitung zu tun. John ist ein ehrlicher Mann. Und ein wirrer Mensch. Er spricht mit einem Vokabular, von dem einem beinahe schwindlig wird, mit zitternder und doch lauter Stimme. Er habe ein Problem mit der altmodischen Sprache, der er sich notgedrungen bedienen müsse, entschuldigt er sich. Sperrig sei sie und die Wörter schränkten ihn ein. “Alles, was ich denke oder von mir gebe, ist die Idee irgendeines alten Mannes, der sich früher schon viel eloquenter ausgedrückt hat, als ich es heute kann. Und dabei gar nichts mit meiner Realität zu tun hatte! Ich kann nicht einen einzigen Gedanken festhalten, der ganz allein meiner ist”, tönt es vom amerikanischen Ende der Leitung.

Everyday Struggle
Man ahnt es schon, auch mit der Musik nimmt er es nicht leicht. Und obwohl man es Maus’ drittem Album “We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves” mit gewohnt unbekümmerten Synthesizer-Klängen und meist skizzenhaften Texten einfach nicht anhört, liegt auch seiner Musik ein langwieriger Prozess zugrunde: “Was meine Arbeit an Musik von der mit der Philosophie unterscheidet, ist, dass die Denker beim Komponieren erst einmal zum Fenster hinausfliegen. Mein Problem damit ist ganz einfach, eine Idee zu finden, die mir wertvoll erscheint. Das kann sehr frustrierend sein – besonders wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit manche meiner Freunde ein Album nach dem anderen machen können und die alle toll klingen.” Damit gemeint ist zum Beispiel Ariel Pink. Mit dem hat sich Maus während seines Musikstudiums am California Institue Of The Arts angefreundet und mit ihm teilt er auch ein gutes Stück Soundästhetik. Nicht Johns futuristischer Synthpop und die schrägen, tiefen Vocals haben etwas mit der experimentellen Gitarrenmusik seines Freundes gemeinsam, was sie verbindet sind die kindliche Verspieltheit und unerschrockene Schrägheit ihrer Songs.
“Pop entsteht in einem anderen Prozess als Zwölftonmusik oder Klassik, alle übrigen Unterscheidungen erscheinen mir allerdings eher wie eine Marketingmasche. Sie ergeben nicht wirklich Sinn für mich”, erklärt John, der auch an Schönberg und Beethoven einen ordentlichen Narren gefressen hat: “Dieser irre Kampf, Musik vom Status Quo zu emanzipieren, erstaunt mich zutiefst. Das waren Musiker, die unsere Anschauung von Musik grundlegend verändert haben. Aus Dankbarkeit dafür möchte ich etwas aus mir selbst zurückgeben.”

Ein Romantiker des Selbst
Dieses Selbst war auch ein Grund für John, zurück in seine Heimatstadt Austin in Minnesota aufs Land zu ziehen. “Ich wollte einfach nicht den Ablenkungen der Stadt ausgesetzt sein und mich ständig hin und her bewegen müssen. Ich dachte, es wäre eine gute Idee und ich könnte mich hier besser aufs Schreiben konzentrieren. Na ja, war es dann doch nicht. Es hat sich herausgestellt, dass es besser ist, sich mit kreativen Menschen zu umgeben. In dieser ständigen Einsamkeit wird man nur verrückt. Ich würde gern mit all meinen Freunden hier leben, aber so war es eine miese Entscheidung aufgrund meiner romantisierten Vorstellung vom Landleben.” In diesem Moment einer weiteren Leidensartikulation des John Maus wird er aus dem offenen Fenster von einem Bienenschwarm attackiert. John muss das Telefon aus der Hand legen, kurz flüchten. John ist angeschlagen, er mag nun auch noch ein bisschen zerstochen sein, aber Maus bleibt ein Romantiker. Und zwar auf eine politische Art und Weise, mit dem Anspruch kompromissloser Singularität, wie er ununterbrochen betont. Die Konzentration auf das Wesentliche, das, was einen Menschen tatsächlich ausmacht: Seine Gedanken, Gefühle und die kreative Äußerungsweise jener. All dem müsse man ermöglichen, sich voll zu entfalten, sein ganzes Potential auszuschöpfen. Und das Ergebnis teilen. Das alles ist eine ganz große Sache für Maus. Er meint es ungebrochen ernst. Kunst gehört für ihn nicht in Museen oder in ein luxuriöses Wohnzimmer an der Upper East Side, sondern auf die Straße, wo sie alle sehen können. So einfach wie seine Sicht auf die Welt, so reduziert und beinah kindlich tönen Maus’ Texte. Bestes Beispiel dafür ist der Song “Rights For Gays”, von seinem letzten Album “Love Is Real”: John glaubt nicht an Kategorien wie hetero- oder homosexuell, für ihn gibt so viele Geschlechter wie Menschen. Da diese Theorien in einem Song aber unmöglich zu teilen sind und Diskriminierung Homosexueller immer noch stattfindet, fordert er in “Rights For Gays” Rechte für etwas, an dessen Existenz er letztlich gar nicht glaubt.

Utopie aus dem TV
Dass sich Menschen also unendlich aufeinander zu bewegen und sich miteinander statt mit dem übrigen, verhüllenden Schnickschnack (zu dem zum Beispiel die Kategorie “schwul” für ihn gehört) beschäftigen, darum sollte es Maus zufolge gehen. So erklärt sich auch der Titel seines dritten Albums: Der Schnickschnack muss weg. Was nicht wesentlich ist, muss zensiert werden. Weil es uns ablenkt und nicht von Bedeutung ist. Wenn er in dem Song “Cop Killer” dann davon singt, einen Polizisten umzubringen, meint er damit natürlich nicht, tatsächlich einen Menschen zu töten. Gemeint ist die Idee eines Polizisten und das, wofür sie steht. In Maus’ Augen ist das Unmenschlichkeit, die Regierung, der Krieg. Dass er dafür kein Mitleid aufbringen kann, überrascht wohl niemanden. Genauso wenig wie seine Liebe zur “United Federation Of Planets”: Diese Vereinigung von 150 Planeten der Milchstraße, die der Fernseh-Utopie Star Trek entstammt, lebt in post-kapitalistischer, konstitutioneller Demokratie jenseits aller sozialen Ungerechtigkeiten und würde, so John, über die Barbarei unserer Gesellschaft lachen.

Diese Federation lebt Johns Traum, aber auch in der Gegenwart bleibt er Optimist – oder etwas in der Art. Das letzte der elf Stücke auf “We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves” trägt auch deshalb den Titel “Believer”. Im Video ist neben John auch Jackie Chan zu sehen, dessen Prä-Hollywood-Phase es Maus angetan hat: Die Choreographie und das Wagnis jener politischen Komödien seien etwas, das es zu Erhalten lohne. Und wo etwas geschaffen wurde, das immer noch wertvoll ist, darf schließlich auch noch gehofft werden, dass es nicht das letzte Mal war. Solange sich ein gewisser Idealismus im kreativen Prozess durchsetzen kann. John hält denselben vorerst fest in seiner Essenz verschlossen.


http://www.myspace.com/johnmaus

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Elektronische Lebensaspekte.

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