Die Musikindustrie der späten 1990er: Konkurrenzkampf, Gier und Schadenfreude an der großen Glocke
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 123


John Niven
Kill Your Friends
Heyne

Eigentlich ist es die Portierung von Ellis’ “American Psycho” in die Londoner Major-Szene von 1997. Niven beschreibt ein Jahr im Leben von Steven Stelfox, A&R in einer nicht näher genannten großen Plattenfirma. Die Nase immer randvoll mit Koks, schwer alkoholabhängig und überschuldet, nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand und ermordet seinen Kollegen, räumt die Konkurrenz aus dem Weg.

Ohne Sinn und Verstand für Musik, signt er eine Girlgroup, einen Drum-and-Bass-Produzenten und verpulvert Millionen an Vorschüssen für deren nicht existierendes Talent. Über weite Strecken liest sich “Kill Your Friends” einfach wie ein pornografischer Groschenroman, doch immer wenn es um die Musik geht, blüht der Roman förmlich auf.

Der Clou: Das Buch ist randvoll mit real existierenden Bands, Managern und Plattenfirmen. Zwischen teuren Abendessen, der MIDEM und Konzertbesuchen in Camden fühlt man sich mittendrin in einer Industrie, von der man plötzlich versteht, warum sie sich selbst gehängt hat.

De:Bug: Herr Niven, ist ordinäre, Ekel erregende Pulp Fiction die einzig angemessene literarische Form, um über die Musikindustrie zu schreiben?

John Niven: Lassen Sie es mich so sagen: Die offensichtlichere Variante wäre gewesen, wenn ein Erzähler in der dritten Person die Karriere eines A&R-Managers beobachten würde, den Lebensweg eines unverdorbenen jungen Menschen, der von der Industrie Schritt für Schritt verdorben wird. Ich fand es spannender, diesen Weg auszusparen und mich direkt in den Kopf des schlimmsten Kerls aller Zeiten zu versetzen, der schon völlig korrumpiert ist, und ihn ein Stück zu begleiten. Und natürlich haben es alle missverstanden! Als das Buch in England erschien, haben alle die Geschichte mit meiner eigenen Karriere als A&R assoziiert und es als halbbiografischen Müll abgestempelt. Vor allem Engländer wissen einfach nicht mehr, wie man einen Roman liest. Es ist zum Verzweifeln.

De:Bug: Dennoch: Sie haben selbst in den 90ern als A&R gearbeitet und diese spezielle Form gewählt und keine versöhnliche Hommage an die Branche verfasst. Da schlummern offensichtlich große negative Gefühle in Ihnen.

John Niven: Weil ich davon überzeugt bin, dass man fast automatisch negative Energie entwickelt. Man bekommt nicht täglich Demos von The Clash, The Smiths oder Bruce Springsteen. Ich hatte Kollegen, die haben in zehn Jahren nicht eine einzige Band gesignt. Das tägliche Leben ist bestimmt von Konkurrenzkampf, Gier und dem Drang, Leute im Nachhinein zu kritisieren, seine Schadenfreude an die große Glocke zu hängen. Die meisten A&Rs wissen schon lange nicht mehr, was sie mögen, was es sich lohnt zu signen, sie rennen Trends hinterher und sind komplett desillusioniert. Als ich noch in der Branche gearbeitet habe, lagen in allen Büros die gleichen Demos. Fürchterliches Zeug. Da wird man unsicher, fängt an zu spionieren, was denn die anderen Labels davon halten. Da fängt die Korruption an, weil man es ja vielleicht doch erfolgreich lancieren kann. Wer weiß das schon!? Sie dürfen nicht vergessen, dass das Buch in einer Zeit spielt, als es der Industrie blendend ging. Wenn man also einen Flop unter Vertrag nahm, hatte man bereits so viel Geld verbrannt, wie es heute gar nicht mehr möglich wäre. Diese Party ist vorbei.

De:Bug: Auch wenn wir uns ein bisschen vom Thema entfernen, interessiert es mich doch, was Sie als mögliche Lösungsansätze in petto haben.

John Niven: Selber machen. Ganz klar. Die neuen Vertriebsmöglichkeiten haben die Majors obsolet gemacht. Auch wenn ich glaube, dass sich die Branche und auch die Majors wieder erholen werden. Die raffgierigen Bosse der großen Firmen brauchen mehr Zeit, um die neuen Technologien zu verstehen. Am Ende wird es aber klick machen. Da sind die kleinen Labels natürlich schon viel weiter. Die Angst ist aber dein täglicher Begleiter, wenn man heute bei einem Major arbeitet. Das Problem ist ja nicht auf die Musik beschränkt. Letzte Woche war ich mit meinem englischen Verleger essen und ich fragte ihn nach eBooks. Er winkte ab, das funktioniere noch nicht gut genug, sei ein Nischenprodukt, Menschen haben gerne echte Bücher in den Händen … ich sah ihn an und sagte: Wissen Sie was, das ist genau das, was wir vor zehn Jahren zum Internet gesagt haben.

De:Bug: Die Stärke ihres Buches ist ein süffisantes Detail. Auch wenn die Firma, in der der Roman spielt, nie mit Namen genannt wird, muss man als Leser davon ausgehen, dass es Universal ist, weil diese Firma als Einzige nicht namentlich genant wird. Obwohl ein Roman, hat “Kill Your Friends” einen starken Doku-Soap-Einschlag, weil ständig real existierende Personen, Bands, Manager, Firmen genannt werden und auch tragende Rollen spielen, sich gerne daneben benehmen. Haben Sie viele Feinde?

John Niven: Es wurde viel spekuliert, weil die Musikindustrie natürlich so egoman ist, dass man es fast als Ehre empfindet, selbst in so einem Roman aufzutauchen. Auch wenn alles komplett übertrieben ist, spiegelt es schon die Situation von 1997 wider. Wenn mir also irgendein Manager vorwirft, 1997 gar nicht in Glastonbury gewesen zu sein und schon gar nicht total zugedrogt … er könnte sich doch sowieso nicht mehr dran erinnern.

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Elektronische Lebensaspekte.

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