The Olivetti Chronicles
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 128


John Peel
The Olivetti Chronicles. Three Decades Of Life And Music
(Bantam Press)

John Peel war immer auf Augenhöhe mit der Musik. Außer kurzen, knappen An- und Abmoderationen und gelegentlichen Bemerkungen zum Fußball und The Fall blendete der Radio-Moderator seine eigene Person völlig aus. Genau das war der Grund, warum sein Publikum so an seiner Expertise interessiert war. Also schrieb er. Dass er das konnte, beweist die Autobiografie “Margrave Of The Marshes”, die er bis zu seinem Tod immerhin zur Hälfte fertig stellte und die schließlich von seiner Ehefrau vollendet wurde.

Aber dieser Rückblick auf sein Leben war nicht das erste Mal, dass sich Peel an die Schreibmaschine setzte, im Gegenteil: Seit den 1970er Jahren schrieb er regelmäßig. Kolumnen, Konzertkritiken, Reiseberichte, Episoden aus dem Leben eines BBC-Moderators. Veröffentlicht wurden die im Guardian, im Observer, Sounds, Radio Times und vielen weiteren Magazinen, von denen viele nicht über den Fanzine-Status hinauskamen. Peels Familie hat nun die ihrer Meinung nach besten Stücke dieser immensen Sammlung veröffentlicht.

“The Olivetti Chronicles” ist ein überraschendes Buch und eine fast rauschhafte Erfahrung, denn es kombiniert Peels pointierte Beobachtungsgabe, für die wir ihn im Radio immer so geschätzt haben, mit unerwartet persönlichen Einblicken in sein Leben, Popkultur und Zeitgeschichte. Wohnt er Mitte der 90er einem Madonna-Konzert bei, spielt die beschwerliche Anreise mit seiner ganzen Familie zur Wembley Arena eine ebenso große Rolle wie die bis ins letzte Detail geplante Performance. Fährt er Fahrstuhl mit Kylie Minogue, sind Ausführungen zur Popmusik dieser Zeit, die sein Sohn zu Hause auf voller Lautstärke hört, unerlässlich.

Peel ist dabei immer glaubhaft, spielt seine eigene Rolle nie in den Vordergrund, wundert sich viel mehr darüber, warum er als Radio-DJ immer wieder an Orten ist, wo er, so könnte man glauben, seiner Meinung nach gar nicht hingehört. Hat er nicht noch eine Sendung zu produzieren? Dieser Widerspruch zwischen seiner eigenen Rolle und der Position des bezahlten Beobachters löst sich in den drei Jahrzehnten, die dieses Buch umfasst, nie auf. Zum Glück! Denn genau in diesem Zwiespalt kann man Peels tatsächliche Sicht auf die Dinge plötzlich zwischen den Zeilen ganz klar lesen.

Der Fairness halber sei allerdings noch erwähnt, dass sich einige der Texte uns Nicht-Engländern nur schwer erschließen, wir waren einfach nicht dabei! Das schadet dem Lesespaß aber nicht im Geringsten. Der Großteil von Peels Artikeln lässt uns aus unserer heutigen Perspektive problemlos anknüpfen. Außerdem sind alle Texte ausgesprochen knapp und die Langeweile ist somit schnell überblättert. John Peels Beobachtungsgabe ist auch heute noch unerreicht und nicht mit Gold zu bezahlen. Egal ob Glastonbury, The Smiths, Happy Mondays, die Abrechnung mit Bryan Ferry, der tote Fuchs im heimischen Garten, Reading Festival, Public Enemy, die Geburt seiner Kinder, Sub Pop oder Mixmaster Morris … Peel ist immer auf Augenhöhe mit der Musik.
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Elektronische Lebensaspekte.