John Tejada ist nicht zu fassen. Der kalifornische Techno-Produzent bewegt sich nicht ZWISCHEN den Feldern House, Elektronika, Drum and Bass. Er bewegt sich IN jedem dieser Felder so, als wäre es sein einziges. Mit extrem unterschiedlichen Alben in der Pipeline setzt er ein Statement gegen Cross Over und für die Nicht-Fixierbarkeit des Produzentensubjekts.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 69

Zehn feste Burgen ist unser Gott
John Tejada, das Techno-Rhizom

San Fernando Valley, Los Angeles. Nur 15 Minuten bis Hollywood. Mit dem Auto selbstverständlich. Von dort bespielt John Tejada die elektronische Welt und setzt sie regelmäßig Zerreißproben aus, weil ihm eine soundpragmatische Herangehensweise völlig fremd ist: Drum and Bass, HipHop, Techno, House oder Weird Electronica. Tejada bewegt sich scheinbar überall. Immer sucht man signifikante, möglichst lang andauernde ästhetische Aussagen über die Stile und den Musiker John Tejada zu fixieren, und ständig hinterlässt Tejada nur misslungene, verschwommene Momentaufnahmen im Polaroid-Format, irgendwo zwischen Studio-Stühlen und dem kalifornischen Leben nach Falcon Crest. Und plötzlich, letztes Jahr, untermalte im amerikanischen Fernsehen ein von ihm komponierter Song einen Werbe-Spot der neuen Instant-Kamera Polaroid I-Zone. 10 gestochen-scharfe Bilder for this wacky spontaneous Moments. Was sollte signifikanter sein? Auch für ESPN und Fox hat Tejada schon Musik produziert, Film insgesamt zu einem wichtigen Medium auserkoren. Was ihm da so momentan durch den Kopf geht? “I’m wondering if Terry Gilliam will be able to make his new movie without everything falling apart again.“
John Tejada wirbelt den Planet Electronica gar nicht mal durcheinander, operiert er doch auf säuberlich getrennten musikalischen Territorien, um keine unentschiedenen Zonen entstehen zu lassen, von Cross-Over-Gesten ganz zu schweigen. In diesem Prozess sind die Bilder, die Tejada hinterlässt, schnell inaktuell, werden mit der Einwegkamera gleich mit entsorgt. Möchte uns Tejada etwa Fallen stellen, die zwingend den ideologischen Gehalt elektronischer Genres reflektieren? Mehr noch: Bastelt Tejada vielleicht insgeheim an der Zersetzung elektronischer Lebensentwürfe, weil er die Bewegungen einer Schlange beherrscht und uns wie müde Maulwürfe aussehen lässt? Einfach, weil er alles Identitätsstiftende verachtet? Ok, nur housy House-People allein hat es nie gegeben. Aber nun sind wieder zwei Alben erschienen, die nicht nur seine bis auf den kleinsten Floor vorgedrungene Produktivität, den extrem hohen Output, die ungeheure Qualität insgesamt verdeutlichen, sondern unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können. Wieder gibt es keine Berührungspunkte. Das scheint die Geschichte John Tejadas zu sein. In Wien geboren, die Mutter Opern-Sängerin, dann auf nach Kalifornien, jenseits von South Central Hip Hop-Spielplätze entdeckt, später dann ein eigenes virtuoses Techno-Label (Palette) gegründet. Und jetzt? “I’m not a gun.” Das thront nicht nur kurz vor der Oskar-Verleihung als virtuelles Emblem über den Filmfabriken Hollywoods, dahinter verbirgt sich auch ein neues Projekt Tejadas, das ihn zusammen mit dem diplomierten Gitarren-Virtuosen Takeshi Nishimoto scheinbar spielerisch leicht auf den einst von Tortoise errichteten Post-Rock-Tempel Chicagos katapultiert, zumindest in die Nähe einer frühen Phase der McEntire-Crew bringt – sagen wir die “TNT”-Phase – ohne allerdings allzuviel Experimentalelektronik mitschleppen zu müssen, einfach: Gitarre, Drums und Emo-Icons. So plätschern Jazz-elegische Kompositionen durch den Raum, fast zeitlos. Würde man Theo Parrishs “Paradise Architects“ über diese Szenerie legen, so wäre ein städtisches Flimmern fast perfekt, Post-Rock gar ein flambierter Tempel.

Aber dann gibt es ja noch Arian Leviste, der in L.A. schon mal aufgesucht werden sollte, nicht nur um The Real John Tejada-Story zu erzählen, dann aber von einem Debug-Autoren nicht aufgefunden wurde. Mit ihm zusammen produziert Tejada mittlerweile seit 12 Jahren die elektronische Nomenklatura. Beide haben soeben für Playhouse ein hochgradig erregendes Album fertig gestellt, dass keine minimalen Ästhetiken abrufen muss, um subtil vorzugehen, etwas, dass Tejada zurecht als “Real Progress“ bezeichnet und zwischen Techno und House anzusiedeln ist: “Ich sehe unsere Musik wirklich nicht auf dieser minimaleren Schiene, obwohl mir das immer wieder Leute sagen. Unsere Musik ist eher subtil. Das zeigt sich in den vielen Struktur- und Melodie-Wechseln. Das liegt auch daran, dass wir Musik nicht deswegen schreiben oder planen, um einen sicheren Sound zu erhalten. Wir schreiben sie einfach.“

Szenen der Moderne

Mit “I’m not a gun“ simuliert Tejada Szenen der Moderne. Das Album “Everything at once“ gleicht einem Akt mit 11 Szenen: Jede kleine szenische Gitarren-Monade taucht auf, um auf eine sehr narrative Weise den Zustand gegenläufiger und rhythmischer Urbanität zu illustrieren. Trotzdem wirkt alles unscharf und lässt das disjunktive Ereignis verwischen, weil es immer Verknüpfungen zu geben scheint. Der städtische Raum dient nur als Kulisse eines melodischen Flows, der nicht montiert werden muss, nichts ins Groteske treibt, weil alles von einem instrumentellen Charme getragen wird, der einem fast schon glatten Sound-Entwurf entspricht, in dem das Dialogische zum selbstredenden emotionalen Monolog avanciert. Ich und die Stadt. Je deutlicher sich “I’m not a gun“ der Struktur von Tortoise nähert, um so stärker werden dabei Moden des Neo-Existentialismus und andere moderne Filme (der Stadt) abgespult, die keine Furchen hinterlassen – absoluter Gegenentwurf zu Jeff Mills neokubistischem “The Other day“ oder seiner Re-Interpretation von Metropolis: Obwohl das Produktions-Duo Tejada/Nishimoto nichts fortschreiben möchte, scheint sich “I’m not a gun“ einem farbigen Klang-Eindruck des Allgemeinen verpflichtet zu fühlen und nicht partikularer Zerrissenheit, d.h. einem Bild-Partikel, einem mechanischem Ausschnitt der fragmentarischen Struktur der Stadt. Statt serieller Bewegungen sind Geschichten mit klarer Abfolge entstanden, Variationen unbändiger Leichtigkeit und Schwere – hört sich so nicht auch die New York-Trilogie Paul Austers an? Durch die “authentische“ Sprache der Instrumente überwiegt die Erzählung. Aber worauf verweist das Bild der Stadt?
Alle anderen Veröffentlichungen Tejadas, ob auf Plug Research, Immigrant Releases oder der eigenen Palette-Serie lassen ganz andere Zeichen floaten: Ein Teddybären-Paar zuletzt auf Plug-Research, eine frühe Immigrant-Platte zeigt ein vorbeifahrendes großes Cabriolet, kurz vor der Grenze. Dort überwiegen künstlich zusammengebaute Gangster-Styles, irgendwie unterhalb kalifornischer Ideologie. Immer wieder taucht Tejada in Szenen und Bildern ein, die seine Vorliebe für Comic zu negieren scheinen: “Der Name des Projekts ’I’m not a gun’ ist eine Metapher für einen Zustand, in dem man etwas tut, was man nicht glaubt zu tun. Es kommt eigentlich aus einem Cartoon mit dem Namen ’Der Eisenriese’.“

Nicht eine kalifornisch-mexikanische Grenz-Region, nicht Tijuana oder San Diego werden als periphere Bildauschnitte gezeigt, sondern ein stadtromantizistischer Zug begleitet “I’m not a gun“. Zum Schauplatz des Post-Rock-Formats wurde die nordafrikanische Metropole Kairo gewählt: Das Cover wirkt wie ein vorgeschobenes Bild, das eine atemberaubende Kulisse ohne Zentrum zeigt und eine fast asignifikante Ästhethik distanzierter voyeuristischer Unübersichtlichkeit anvisiert. Ordnung hat nur der Blick des Betrachters auf die gesichtslose Geisterstadt. Darin spiegelt sich ein fahriger, fast uninteressanter performativer Riss, wirkt es doch wie die journalistische Aussicht vom Fensehturm in Bagdad. Doch, so Tejada:”Takeshi und ich wollen eigentlich nur auf Ideen jammen: Ich spiele Schlagzeug, er Gitarre.“

Irgendwas Ist Immer

Mit dem Playhouse-Album “Fairfax Sake“ präsentiert sich John Tejada wiederum wie ein alter Bekannter. Und doch lässt sich Tejada nicht einfangen. Er ist verschwunden, wirkt abwesend, wenn nach Worten gerungen wird. Dann bespielt er bereits ein anderes musikalisches Plateau. Damit avanciert er zum Protagonisten post-ideolgischer Soundentwürfe, verkörpert, so unschuldig, die oft schon rezipierte Figur des Musikliebhabers: “I just really enjoy making music. Lucky for me it’s my job now.“ Tejada im Jazz-Radio, später im Pirate-Radio, dann im Fernsehen. Kein irres, atemloses Switchen bestimmt das Leben Tejadas. Denn alles kommt ohne Interferenzen aus. So schreitet Tejada voran, ein Stück selbstgebaute elektronische Zeitgeschichte im Hintergrund und mit der Gewissheit: “I’ll keep staying in the Valley!” Dort, am Mulholland Drive.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

John Tejada, der Mann aus der Traumfabrik Los Angeles mit den tausend musikalischen Gesichtern. Zwischen Hip Hop, uneasy Listening und der etwas merkwürdigen Variante von Detroit Techno huscht der Grenzgänger zwischen den Stühlen, Labeln und Stilen hin und her.
Text: felix denk | superfelix@iname.com aus De:Bug 48

Gerade noch Techno?
John Tejada

John Tejada macht es einem nicht leicht, ihm zu folgen. Das gilt nicht einmal nur für seinen enorm hohen und stilistisch äußerst vielseitigen musikalischen Output, sondern fängt schon bei viel profaneren Dingen wie seinem Wohnort an. Zuerst freute man sich, dass es wieder mal einen talentierten neuen Produzenten aus Detroit gibt, der das musikalische Erbe der Stadt mit der Muttermilch aufgesogen hat, ohne das gleich als Diktat zu verstehen. Irgendwann konnte man vermuten, dass John Tejadas Produktionen nicht das heiße neue Ding aus der Motorcity sind, sondern eher aus Ohio stammen müssen. Da hat jemand Detroit verstanden, zerlegt die Vorbilder in alle Einzelteile und setzt sie so unlinear und vertrackt zusammen, dass man schon gar nicht mehr von Postdetroit sprechen möchte. Schlussendlich entpuppt sich Los Angeles – elektronisches Beinahe-Niemandsland, gäbe es da nicht Plug Research, Cytrax und eben John Tejadas Label Palette – als seine Homebase. Im Prinzip ist es natürlich völlig egal, aus welcher Stadt man kommt. Wenn John Tejada nicht gerade irgendwo auflegt, ist er sowieso vor allem in seinem Studio. Andererseits schafft eine Stadt wie Los Angeles, in der Techno nie wirklich ankam und man folglich kaum auf Label- und Clubinfrastrukturen zurückgreifen kann, die Notwendigkeit, sich nach außen zu orientieren. Entsprechend weit sind die Releases von John Tejada gestreut. Seit 91 produziert Tejada Techno, konnte damals allerdings schon auf einige HipHop Veröffentlichungen auf Ruthless Records (dem Label von Eazy-E) als Blood of Abraham zurückblicken. Der erste Techno Release kam dann 94 auf dem Londoner Label A 13, weitere folgten auf Multiplex, R&S, Mosaic und Defocus. Mit Dan Bells 7th City Label fand John Tejada neben den eigenen Outlets ein zweites Standbein, das seine emotionale Nähe zu Detroit unterstreicht: “Ich bin zwar aus Los Angeles, aber die Leute, mit denen ich mich musikalisch verbunden fühle, waren schon in Detroit. Irgendwann habe ich Dan Bell kennengelernt, der jetzt ein guter Freund ist, so kam das dann mit 7th City.” Sein “Gerade noch Techno”-Style, der immer eine Spur zu merkwürdig ist, als dass man ihn völlig reibungslos von den Ohren übers Gehirn in einen Hüftschwung umsetzen könnte, ist dadurch gekennzeichnet, dass er einen verhältnismäßig klassischen Technoentwurf mit einer Vorliebe für Harmonien und Sounds zwar nachempfindet, allerdings im Einsatz der Mittel stark variiert. Kein Wunder also, dass John Tejada oft in Verbindung zu Grenzgängern wie Dan Curtain, Morgan Geist oder Titonton Duvanté gebracht wird. In steter Regelmäßigkeit kann man das auf seinem eigenen Label Palette hören, das seit 96 am Start ist. Mittlerweile erreicht der 15. Release die Plattenläden, eine Koproduktion zwischen John Tejada und Titonton Duvanté mit dem Titel “Only for the Freaky Ones”. Der Stil von Palette, für den neben John Tejada auch Arian Leviste verantwortlich ist, entwickelte sich in eine etwas housigere Richtung, allerdings ohne die charakteristische Sprunghaftigkeit in den Tracks zu vernachlässigen. Seit neuestem ist Palette kein reines Autorenlabel mehr, wie John Tejada nicht ohne Stolz verkündet: “Wir haben mittlerweile endlich Artists auf dem Label, aber prinzipiell soll das schon familiär bleiben. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind alles gute Freunde, mit denen man sich gut versteht, gerade wenn mal was schiefgeht. Also, der erste Artist ‘von außen’ ist DJ Abstract aus San Francisco, der eigentlich Drum and Bass Produzent ist und ein Label namens Numa betreibt. Er hat vor einiger Zeit angefangen, Housetracks zu machen, die wirklich gut sind.” Zwar sind John Tejadas Produktionen im Laufe der Zeit ein wenig clubfreundlicher geworden, trotzdem bedarf es nach wie vor flinker Finger und einem guten Ohr, seine Tracks in ein Set einzubauen. Die letzten Produktionen bestachen unter anderem durch verstärkten Einsatz von Instrumentierungen aller Art: “Ich verwende gerne Vocals und ich spiele Gitarre über die Tracks. Auf der neuen Scape Compilation, Staedtizism 2, ist zum Beispiel ein Track, auf dem ich Gitarre spiele. Auf der nächsten Palette, die ich mit Titonton Duvanté produziert habe, sind auch ein paar live Drums.” Tejada, der Multi-Instrumentalist. Das eröffnet natürlich Möglichkeiten, wie das Post Rock Projekt “I am not a Gun” mit dem Jazz Gitarristen Mr. Moto oder die Downbeatproduktionen auf Defocus zeigen. Vocals sind Vertrauensache, das ist klar. Entsprechend lässt Tejada da nicht jede(n) ran. “Ich habe gerade mit dem Divine Styler zusammengearbeitet, einem bekannten Hiphop Artist, der auf MoWax veröffentlicht. Außerdem habe ich auch gerade drei Tracks mit meiner Mutter gemacht, die Opernsängerin ist.” Das ist natürlich eine eher ungewöhnliche Kooperation. Geht die Zusammenarbeit denn so ganz ohne Generationskonflikt über die Bühne? “Meine Mutter ist ziemlich locker und hat mich immer bei dem, was ich tue, unterstützt. Außerdem kennt sie die Musik, die ich so höre, seit ich ein Kind war. Diese Art von Musik ist also nicht neu oder merkwürdig für sie. Ich habe einen Freund, der produziert sehr schräge Avantgarde Musik, jeder findet seine Sachen komplett durchgedreht, außer meiner Mutter, die sagt nur ‘Ah, das ist ja interessant’. Im Wesentlichen singt sie Fragmente aus Opern über den Beat, ein Track mit französischem und einer mit italienischem Text. Der dritte ist ohne Worte.” Bei Tejadas Projekt Mr. Hazeltine wird der ohnehin schon weite Rahmen noch ein wenig weiter gedehnt. Was in der Diktion von Plug Research als uneasy Listening bezeichnet wird, ist der konsequente Versuch, jede Erwartungshaltung entschieden zu unterwandern. Die nächste Mr. Hazeltine Platte ist schon in der Warteschleife und, wie sollte es anders sein, sie hat so gar nichts mit den bisherigen Releases zu tun. “Ein driving Dubtrack, so im King Tubby Style. Kommt vermutlich als 7″ heraus.” Alles Andere als eine Überraschung wäre ja auch wirklich eine Überraschung.

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