John Thomas gehört mit seinem Label Logistic zu den wenigen französischen Renegaten, die Musik nicht als Fashionvictims betreiben, sondern als technophile Erbverwalter einer Black Music-Geschichte, die afrikanische Masken, George Benson und live gejammtes Klavier verträgt.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 54

Frankreich ohne Filter
John Thomas

Es ist merkwürdig mit Frankreich. Während überall sonst sich die Szenen verschiedener Musikrichtungen gerne und ständig neu vermischen und vor allem, wenn Menschen verschiedener kultureller Backgrounds zusammenkommen und sich Hybriden neuer Stilrichtungen entwickeln, scheint das in Paris z.B. ganz anders zu sein. Seit Jazz hat dort eigentlich nichts mehr zusammengefunden. Es gibt klar getrennte Szenen, die sich seit Jahren auf vor allem einen Aspekt von Musik konzentriert haben, und der heißt meist Style. So als ginge es weniger darum, Musik weiterzuentwickeln, sondern vor allem ein Abbild von Musik zu erschaffen, dass irgendwie hip sein könnte. (Filterhouse und Loungemusik sind die Folgen dieser fast japanischen Ideologie, wir können das alle runterleiern…) Musik als Mode. 80er Elektropop mit ein wenig House, weil das immer geht. Laurent Garnier z.B. hat auch schon so gut wie aufgegeben, noch an Techno zu denken. Und Funk war ja nie sein Ding. Die gewaltige Posse der ehemaligen Kolonien entwickelt zwar eine reiche Musikszene, aber eben auch getrennt von allem anderen.
Neben “Logistic Records” und seinem Sublabel “Telegraph” und dem Label von Ark gibt es kaum etwas, das dem noch etwas entgegenzusetzen sucht und in den Verbindungen zwischen verschiedenen musikalischen Kulturen, die in Amerika z.B. oft ganz selbstverständlich erscheinen (siehe UR oder die starke Verbindung von House und harten Technotracks) nach Wegen sucht, Techno wieder in der Linie der Erbschaft von schwarzer Musik, von Funk, Jazz und HipHop weiterzuentwickeln mit allen technologischen Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Etwas, das auch vielen der großen Detroiter heutzutage schwer fällt, den Draht zu aktuellen Technologien in der Musik zu halten, entwickelt sich hier in diesem Pool aus Leuten rings um John Thomas, Cabanne und Ark mit eben dieser Reminiszenz an Detroit und was an schwarzer Musik durch Detroit hindurchschien in einem fast luftleeren Raum, aber vielleicht deshalb mit umso größerer Intensität. Zu seinem ersten Album auf Logistic Records befragten wir John Thomas.

Von George Benson lernen…

DeBug: “Blackstage” scheint mir auf ein darkes Thema hinauszuwollen. Das Cover mit der Maske verbindet Körper und Mysterium. Woher kommt das.

John: Der Einfluss für das Cover stammt von “White Rabbit” von George Benson. Ich wollte diese seltsame, etwas mysteriöse Seite haben, aber vor allem meine Zugehörigkeit zur afrikanischen Kultur zeigen. Die Maske, die ich benutzt habe, ist ein Souvenir, das mir so wichtig ist, dass ich es unbedingt für mein erstes Album verwenden wollte.

DeBug: Um etwas Background zu bekommen, würde ich gerne wissen, woher du kommst. Was für eine Situation und was für Musik um dich herum war und was dazu geführt hat, selber Musik zu produzieren und aufzulegen.

John: Ich bin in Schwarzafrika und Südamerika aufgewachsen, bis ich 12 war. Meine Eltern hatten Nachtclubs, in denen ich schon angefangen habe aufzulegen, als ich 10 Jahre alt war. Aber erst mit 14 wollte ich wirklich DJ werden. Meine Mutter ist ein Fan von Musikern wie James Brown und Stevie Wonder, und ich glaube, das war es auch, was mich dazu gebracht hat, generell Black Music aus Amerika zu lieben. Ich erinnere mich noch gut, als meine Mutter eines Tages Dee Lites “Groove Is In The Heart” mitgebracht hat. Das war die erste Platte, die ich wirklich unglaublich gerne gemixt habe. Nachdem ich dann DJ war, wollte ich vor allem Tools für DJs machen, minimale aber funkige Tracks.

Technokraten-Funk

DeBug: Wie wichtig ist für dich der Schritt von eher technobasierten Tracks hin zu immer mehr Funk und Jazz beeinflussten Sounds und wie passt das zu der Attitude, die Technologie immer mehr in den Vordergund zu stellen, wie es auf Blackstage ja passiert?

John: Ich bewundere den Funk, den es in Techno gibt und der über Techno hinausgeht und sich einfach auf den Dancefloor richtet. Ich wollte elektronische Musik machen, die sich mehr dem annähert, was ich zuhause auch höre. Funk, Soul, Jazz der 70er. Auf dem Album habe ich mit Musik experimentiert, die eine andere Art zu hören verlangt, obwohl es die Einflüsse von Techno bewahrt. Es erscheint mir irgendwie natürlich, dass sich Experimente sehr stark an Jazz, Funk und HipHop annähern. Ich will mich nicht diesem Kanon eines Stils anschließen.

DeBug: Wofür kämpfst du mit deinen Tracks? Es ist für Frankreich ja eher ungewöhnlich, so etwas zu vertreten. Das meiste befindet sich dann doch im Lounge- oder Filterhouse Bereich, mit ein wenig Elektro und Elektronika Einflüssen oder vielleicht noch Gabba. Aber Funk und Detroit ist abgesehen von vielleicht Ark und ein paar Leuten, die jetzt als West London Sound gelten, doch eher selten.

John: Ich liebe halt Grooves und das ist es, was ich mit meinen Tracks anvisiere. In Frankreich gibt es davon wirklich nicht viel. Die meisten Franzosen, die Techno machen, sind eher 80er beeinflusst. Das sagt mir allerdings gar nichts. Es gibt was Techno betrifft wirklich nur eine Handvoll Leute wie Ark oder Cabanne, von denen ich glaube, dass sie mir ähnlich sind. Dafür aber gibt es ja woanders Leute wie Robert Hood, Claude Young oder Jeff Mills, die HipHop und Jazz genauso lieben wie Techno. Die Clubs in Frankreich für so etwas sind auch relativ rar. Es gibt das Rex und Batofar in Paris und ein paar Promoter, die ab und an mal eine Nacht machen, aber im Vergleich zu anderen Ländern ist das alles sehr wenig.

DeBug: Wie ist Logistic entstanden? Und wie arbeitet ihr alle zusammen?

John: Alex, der das Label macht, und ich waren schon Freunde, bevor er sich entschlossen hatte, mit meinen ersten Produktionen so gegen Ende 96 das Label zu starten. Die Idee war, eine Struktur zu entwickeln, in der ich meine verschiedenen Projekte veröffentlichen konnte. Wir beide haben eine sehr präzise Idee hinter jedem Konzept und jeder Kollaboration, die wir machen, weshalb uns alles auch etwas Zeit kostet. Wir wollten zum Beispiel nie viele Acts signen, wie es so viele Label tun. Uns reicht es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, zu denen man eine musikalische Affinität verspürt. Eben das ist es auch mit der “D” Sammlung, die eine Serie von 6 Maxis ist, auf der die Orginaltracks jeweils von einem Act geremixt werden, den wir bewundern.

Samples sind Materie

DeBug: Auf dem neuen Album sind viele Tracks sehr präzise und mit sehr kleinteiligen Sounds gemacht, wie arbeitest du generell?

John: Ich mag es, sehr präzise und minutiös zu sein. Denn wenn ich einmal einen Track begonnen habe, dann arbeite ich auch so lange daran, bis mir jedes Detail gefällt. Je länger ich für das Album gebraucht habe, desto genauer entwickelte sich auch die generelle Form des Albums in meinem Kopf. Es sollten alle meine Einflüsse erscheinen, aber das ganze dennoch sehr homogen wirken. Cabanne, ein Freund, mit dem mich wirklich viel verbindet, hat auf 7 Tracks des Albums mitgemacht. Er ist ein ausgebildeter Jazzmusiker, der irgendwann angefangen hat, elektronische Musik zu machen. Bei mir ist es genau andersrum. Das mag ich so gerne an unserer Zusammenarbeit, dass man sich in der Mitte treffen kann. Er ist auch seit zwei Jahren mein Pianolehrer, und ich mag es tatsächlich, ein Instrument spielen zu lernen. Es ist einfach eine andere Erfahrung, als elektronische Musik zu machen. Meine Samples benutze ich wie Materie. Mikroklänge, die mir erlauben, mehr mit ihnen zu arbeiten und sie zu benutzen wie ein Instrument. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit, das anders ist als von einem Sample eingeschlossen zu werden. Ich mag sehr gerne Ruhe in Stücken, denn das gibt ihnen einen Effekt des Aufatmens, das den Groove verstärkt. Dann kommen Effekte und Synthesizer, manchmal auch noch Gitarren oder Klavier, das wir selbst spielen. Es gibt diesen einen Track, der so etwas wie ein augenzwinkernder Hinweis auf Funk der 70er ist, bei dem ich Schlagzeug gespielt habe, Cabanne Gitarre und Nico, ein Freund, Klavier. Das haben wir live in unserem Heimstudio aufgenommen und uns entschlossen als Jamsession rauszubringen. Eine reines Experiment für uns alle.

DeBug: Gab es Producer, die dich in der letzten Zeit stark beeinflusst haben?

John: Ja, Leute wie Flanger, Herbert oder auch John Tejada haben für mich eine neue Richtung gebracht, eine neue Möglicheit für elektronische Musik geöffnet, denn, anders als viele immer behaupten, erleben wir gerade einen wahnsinnigen Evolutionsschub und ich bin sehr neugierig, was noch alles passieren wird in den kommenden Jahren.

DeBug: Wo siehst du dich in der Geschichte von Black Music?

John: Ich hänge sehr an der schwarzen Kultur generell, weshalb ich auch regelmäßig nach Afrika zurückfahre. Black Music bringt mir einen solchen Erfahrungsreichtum, dass es mir natürlich erscheint, an dieser Art Erbschaft weiterzuarbeiten.

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Elektronische Lebensaspekte.