Vor allem sind sie so seltsam schön, wie befremdlich: die Screenshots des amerikanischen Künstlers John Haddock. Ob Auseinandersetzungen mit Copyright oder dem Nachbau von Fernsehbildern als Skulptur, immer wieder kreist Haddock um Bilder, die wir wiederholt gesehen haben und kennen, an die wir uns gewöhnt haben. Übertragen in ein neues oftmals verniedlichtes Format (Comic, Game, Spielzeug) lässt uns Haddocks Arbeit alles nochmal neu und drastisch sehen.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 69

Bilder Bootlegging
John Haddock

Im Designstyle von Computerspielen wie Sims und mit isometrischer Perspektive tauchen wichtige historische Ereignisse nach 1945 auf. Ob das Attentat auf Martin Luther King 1968, der Selbstmord Quan Ducs als Protest gegen den Vietnam Krieg 1963 oder die Polizeiübergriffe auf Rodney King in LA 1991, jedes Mal liegt ein in den Medien überpräsentes Photo zugrunde. Der in Tempe, Arizona lebende amerikanische Künstler John Haddock (*1960), der hierzulande bisher nur am ZKM Karlsruhe in einer Gruppenshow “CTRL [Space] – Rhetorik der Überwachung von Bentham bis Big Brother” (ZKM, Karlsruhe, 2001) vertreten war, visualisiert in seiner Arbeit den Status von medialen Bildern. In einer Quasi-Wiederholungsschleife setzt er sich bevorzugt mit politischen Ereignissen auseinander. Im Bootlegging überbekannter politischer Ikonen fährt Haddock die Ereignisse auf ihre basalsten Momente herunter. Ein oder zwei Bildelemente klappen das Wiedererkennen des Bildes auf und zeigen die Fähigkeit der Bilder, komplexe Begebenheiten über ein einziges Image memorieren zu können. Der Gimmick liegt in der simsig-popbunten Verniedlichung als Verfremdungsmoment. Die Rekreation politischer Geschehen im Gamesetting ist der Versuch, über die neue Generierung eine Bedeutungsspannung herzustellen. Dabei kommt die Grausamkeit des Dargestellten in der Darstellung erst einmal abhanden, tritt aber eben durch seine Abwesenheit hervor. Die völlige Künstlichkeit der Spielfigur Martin Luther Kings scheint die Tragödie wegzublenden. Scheint. In der Verschiebung werden die Figuren zu Dispositiven, stellen die Wirklichkeit erneut zur Disposition. Die Verniedlichung fordert einen neuen Blick auf ihre Symbolik. Haddock emotionalisiert die Bilder nicht. Die isometrische Perspektive führt zur weitgehendsten Reduktion der Dramatik. Ein weiterer Dreh in Haddocks Arbeit ist, dass sich unter die realpolitischen Gegebenheiten Fiktionalitäten wie Filmstills (The Godfather) mischen. Im Schnittpunkt von Gamelook, Nachrichten und Fiktion haben sie die gleiche Beeinflussungsmacht.
Während er in der letzten Zeit zunehmend skulptural arbeitet, holte sich Haddock für die Arbeit “Screenshot”, mit der er so was wie seinen künstlerischen Durchbruch erzielte, seine Ausgangsfotos, wie der Titel schon andeutet, aus dem Internet, baute sie dann mit Photoshop 4.0 nach und stellte sie nach der Fertigstellung wieder ins Netz – und jedem zur Verfügung. Aus Computerimages werden wieder Computerimages, die sich zwar hinsichtlich der Materialität ihrer Trägeroberfläche nicht unterscheiden, doch mit ihrem Aussehen – die Bildpixel sind bei Haddock extrem ausgestellt – hat sich auch ihr Content geändert.

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Elektronische Lebensaspekte.