Techno-Hypnose
Text: Benedikt Bentler aus De:Bug 173

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Text: Benedikt Bentler

Jon Hopkins entdeckt auf seinem neuen Album “Immunity” den Techno und schafft erstaunlicherweise einen radikalen und doch eleganten Übergang von brachialen Beats zu sanftmütigem Frickel-Ambient. Ein Album, das von hartem Kontrast und ganz viel Liebe zum Detail lebt.

Ein Skater bahnt sich unter der aufgehenden Sonne seinen Weg durch die karge Landschaft der Ostküste. Kleine Städte mit weißen Holzhäusern ziehen in Slow-Motion vorbei, das Sternenbanner der USA bewegt sich im Wind. Ein brennender Reifen, ein Radfahrer, ein Mann mit einer Ziege, das Meer. Slalom am Mittelstreifen, hier ein Flip, da ein Sprung. Unendlich ruhig, unendlich idyllisch und ohne Pause, als hätte der junge Skater eine niemals endende Kondition. Irgendwann geht die Sonne unter, die Lichter einer Stadt und von Autos tauchen auf. Ein neuer Tag bricht an, der Junge auf dem Rollbrett fährt wie hypnotisiert immer weiter, steigt irgendwann ab und läuft an einem Haus vorbei, das ein Graffiti ziert: “Everything must end!” Doch anstatt der Welt zu gehorchen, steigt er wieder auf sein Brett, die Kamera ganz nah an seinem Gesicht.

Flow finden
Das Video zu “Open Eye Signal”, der ersten Single aus Hopkins neuem Album “Immunity”, spiegelt seine Arbeit in vielerlei Hinsicht wieder. Ein perfektes Video zum Ambient-Sound des Briten könnte man meinen. Sein Debüt “Opalescent” auf Just Music stand 2001 als reinrassiges Ambient-Album beim britischen Feuilleton hoch im Kurs, in den Jahren darauf perfektionierte er seinen Stil in Produktionen mit Brian Eno und Coldplay und öffnete sich mit “Insides” auf Domino Records 2009 auch der verspielten Elektronika. Doch es kommt immer anders als erwartet: Tatsächlich wird der Skater im Video von einem treibenden Technotrack begleitet; Ton und Bild geben sich so kontrastreich wie das neue Album selbst. “Ich treffe die Entscheidung zu einem bestimmten Sound nicht bewusst. Ich folge dem, was mich beschäftigt und für ‘Immunity’ waren das eben die zahlreichen Shows mit anderen Musikern, deren Publikum sich stundenlang bis in die Hypnose tanzte und völlig die Zeit vergaß”, erzählt Hopkins. “Ich habe mich gefragt, wie diese Musik funktioniert und wollte dieses Phänomen selbst ausprobieren.”

Hopkins geht seinen neuen stilistischen Weg nicht zögerlich, nicht tastend. Er marschiert geradewegs in Richtung Techno, als hätte es für ihn nie etwas anderes gegeben. Dieser Eindruck entsteht bereits, wenn “Immunity” langsam anrollt. Assoziationen zu Nathan Fake und Moderat werden geweckt. Kein Wunder, denn “Nathan ist ein guter Freund von mir und hat großen Einfluss auf meine Musik, er hat ja auch schon für mich geremixt. Moderat mag ich ebenfalls sehr und kenne die Jungs auch”, sagt Hopkins. Trotzdem musste er diese Musik erst völlig neu für sich entdecken, sie in ihrer Gänze verstehen: “Ich habe über Wochen gejammt, nur um den Flow zu finden. Es sollte möglichst natürlich klingen, weniger nach Maschine.” Das ist ihm gelungen, nach 08/15-Sounds sucht man auf der Platte vergebens. Seinen technoiden Höhepunkt findet das Album in “Collider”, dem clubbigsten Track der Platte und gleichzeitig Hopkins’ Liebling: “Er ist mit fast zehn Minuten unglaublich lang, düster und treibend, aber doch irgendwie hoffnungsvoll. Ich liebe diese Kombination. Ich möchte, dass die Leute meine Musik im Club erfahren, sie fühlt sich auf der Tanzfläche am besten an.”

Entschleunigung
“Collider” ist der energetische Zenit des Albums, dann folgt ein radikaler Bruch. Ambient, Entschleunigung pur. Dabei wirkt der Wechsel keineswegs wie eine 180-Grad-Drehung, sondern eher wie eine passend gelegene Abzweigung zurück auf die altbekannte Route, eingeleitet durch: ein Piano. Das Klavier sei der Ausgangspunkt für Hopkins Einstieg in die Musikwelt gewesen, erklärt er. “Ich habe mit fünf oder sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Meine Eltern trieben das voran und schickten mich als Teenager am Wochenende aufs Royal College of Music, wo ich auch einen Wettbewerb gewonnen habe. Der Preis? Ich durfte Ravels Klavierkonzert in G-Dur mit einem Orchester spielen. Ich habe es gehasst. Als diese Musik geschrieben wurde, war es der Sound der damaligen Zeit. Aber jetzt ist viel Prestige und elitäres Gehabe mit dieser Musik verknüpft. Ich liebe klassische Musik, aber das Umfeld, in dem diese heute stattfindet, gefällt mir nicht und ist meiner Meinung nach auch nicht richtig. Als ich das erste Mal in ein gutes Studio kam und diese Geräte und den Mac sah, hat mich das von der ersten Sekunde mehr begeistert, als alles Organische zuvor.”

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Dem zweiten Part auf “Immunity” entzieht Hopkins das Tempo völlig. Die harten Bässe liegen nur ein paar Minuten zurück, und doch sind sie der Wahrnehmung völlig entfleucht. Frickelig und mit Liebe zum Detail schichtet er Spur für Spur übereinander, eines der Kennzeichen seiner Musik, lässt den Sound für sich sprechen und hält dadurch den Spannungsbogen. Eine Technik, die er sich beim Vater des Ambient abgeschaut hat, erklärt er: “Was mich an Brian Eno beeinflusst hat, ist sein Umgang mit Zufällen oder Unfällen in der Musik. Man muss sie entstehen lassen und auch die Welt außerhalb des Studios mit einbeziehen. Ansonsten unterscheidet sich Enos Ambient schon stark von dem, was ich mache. Seine Musik ist wie ein Teil des Raums, eine zusätzliche Dimension.” Hopkins gerät ins Schwärmen, was nicht verwundert, arbeitet er doch schon seit 2004 mit Eno zusammen. Aber ist Brian Eno nicht ein Idol für jeden Ambient-Musiker? Das wisse er zwar nicht, aber zumindest auf seinem iPod sei “Lux” derzeit das meist gespielte Album.

“Everything must end”, und so verabschiedet sich “Immunity” im totalen Gegensatz zum brachialen Anfang ganz leise und sanft. Man fragt sich nicht nur, wann die Zeit zwischen erstem und letztem Track stehengeblieben ist, sondern auch wie zum Teufel man dort hingekommen ist, ohne über eine unelegante Wendung gestolpert zu sein. Die Frage, ob “Immunity” jetzt nur ein kurzer Trip in die Beat-orientierte Welt war, oder eine langfristige Veränderung in seiner Karriere, lässt Hopkins offen. “Ich werde nie aufhören Ambient zu machen, so viel ist sicher. Nächstes Jahr steht auch noch eine neue Platte mit King Creosote an, die wird eher ruhig und langsam. Mehr weiß ich aber noch nicht.”
Hopkins lässt sich eben treiben – von Tag zu Tag, wie der Skater im Video zu “Open Eye Signal”, weiß aber auch wann die Zeit gekommen ist, abzusteigen, nur um die Fahrt in eine andere Richtung wieder aufzunehmen.

Jon Hopkins, Immunity, ist auf Domino/Good To Go erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.