Man hat das Gefühl, dieses Buch beginnt ganz normal. Eine amerikanische Reportage über zwei Jungs, die der SanFran-Ideologie folgt: Das Internet als der wichtigste Platz im Leben. Spiel, Spass, Spannung und Kommunikation. Ja, ja, Amerika mal wieder. Aber dann wächst dieses Buch. Und es wächst vor allem, weil es soziale Differenzen nicht ausblendet, wie es die kalifornische Netzideologie ja schon öfter getan hat (jetzt keine Identitäten mehr - im Netz sind wir alle gleich und so...), sondern geradewegs darauf herumreitet.
Text: mercedes bunz/ sascha kösch aus De:Bug 34

/buch/internet Das Internet ist es nicht gewesen – Gesellschaftsterror Geeks von Jon Katz Autor Jon Katz ist einer dieser sympathischen 50jährigen, die den ideologischen Backbone im Netz irgendwie erträglich machen können, immer wieder. Katz liebt das Internet. Und das nicht, weil bei jeder Erwähnung die Müslischale seiner Tochter im heimischen New Jersey ein wenig voller wird, sondern weil er ihm verfallen ist. Restlos, mit einem Glauben, den er mit einigen seiner Zeitgenossen wie Bruce Sterling, Lois Rosetto und Neal Stephenson teilt. Kein Wunder, dass sein neustes Buch sich den Kids widmet, die in dieser Welt leben und sie für sich beanspruchen. Geeks. In “Geeks” erzählt Katz auch seinen Lebenslauf. Das macht er in allen seinen Büchern, in Häppchen. So packt er seine ersten Begegnungen als – damals noch und mittlerweile wohl auch wieder – “Rolling Stone” Schreiber mit Wired Gründer Rosetto hinein, der sich nach dem Verkauf von Zeitung und Internetsite Hotwired frustriert in ein Landhaus zurückgezogen hat. Er erzählt knapp, wie er vom Fernsehen (man kann das in Katz’ Sign Off nachlesen) zum Netz kam, vom Krimiautor (The Last Housewife, Family Stalker…) zu einer Art selbsterklärtem Moralist des Netzes, zu einem Aufklärer (im nicht politischen Sinn, sondern eher philosophischen) und einem Analysten der Warnungen vor dem Netz wurde, einem der wenigen, die selbst von der Geek & OpenSource Gemeinde anerkannt werden (slashdot.org). Die kommentieren seine Artikel auf Slashdot gerne mit Katz-Hasstiraden, weil er keiner von ihnen ist. Katz ist nicht wirklich “techsavy”, wie es heisst. Wie aber nicht nur das Buch “Geeks” zeigt, vermittelt er zwischen realem und Internet-Leben als eine Art Moderator. Sujet Beobachtet hat er zwei Jungs, Jesse und Eric, die in der spiessigen Kleinstadt Caldwell in Idaho leben und deren Psychogramm (altmodisches Wort, altmodisches Ding) er malt. Auf das Thema Geeks kam Katz, als ihm auf einer Büchertournee auffiel, dass sich die Verhältnisse für einen Teil von ausgegrenzten Jungs radikal verändert hatten. Techniknerds, Computerfachidioten, bleiche, bebrillte, unkommunikative und unsportliche Typen bekamen plötzlich mit der technischen Revolution Internet eine ganz neue Rolle: “Wir betreiben die Systeme, die die Welt am laufen halten”, wie ein Geek meint. Sie, die während der Highschool Mühe hatten, auf eine Party eingeladen zu werden, sind mit einem Mal als Arbeitskräfte ausserordentlich gut bezahlt und begehrt. (Deutschland muss sie sogar mittlerweile aus anderen Ländern importieren.) Jesse und Eric, die beiden Jungs, die Katz begleitet, leben in einer feindlichen Umwelt. Tagsüber arbeiten sie in der Reparaturwerkstatt eines Computerladens, nachts surfen sie im Netz. In der christlichen Schule, sagen wir besser gleich: in der gesamten religiösen Stadt, finden sie sich ausgegrenzt, weil sie z.B. an dem Hype der Mormonen auf der einen und Markenklamotten auf der anderen Seite weder teilnehmen wollen, noch können. Auf Autoritäten reagieren sie allergisch. Sie kommen aus einem Working Class Background, und obwohl sie äusserst intelligent sind, kam in ihrer Umgebung niemand auf die Idee, sie auf das College zu schicken oder sie zu einem Stipendium zu ermutigen. Ihre Umwelt überliess sie grösstenteils sich selbst. Nur der Englischlehrer erkannte das Potential dieser Jugen und gab ihnen eine eigene Identität: Er gründete mit ihnen den Geek Club. Become what you are. “Das Netz ist meine Sicherheit,” meint Jesse. “Es ist meine Community. Es ist kein Ersatz für das Leben. Es ist mein Leben.” Und Jesse und Eric benutzen das Internet für schlichtweg alle Fragen. Von der Suche nach einem Job-Headhunter bis zum Kochen von Truthahn scheint Altavista auch alles zu wissen. Angestachelt von Katz, der den Jungs erklärt, dass ihnen mit ihrem Wissen ein Job in jeder Stadt Amerikas offen steht, verlassen sie Idaho und ziehen nach Chicago, nur um in einem Loch in einem schwarzen Neigboorhood zu landen, in dem es nicht mal schnellen Kabelmodem-Access gibt. (Ein wenig beachtetes Thema, dem sich John Katz an anderer Stelle gewidmet hat, ist die Problematik von Schwarzen im Netz). Den weiteren spannenden Weg der Jungs zu berichten (und es endet nicht alles toll wie im American Dream, das kann man versichern), das wäre wohl gemein. Viel wichtiger ist auch, das Katz noch ein zweites Thema dazunimmt, das verdeutlicht, worum es ihm eigentlich geht. Sozialer Terror Das Drama von Littleton, wir erinnern uns – zwei Jungs übten einen Terroranschlag auf ihre Highschool und die Mitschüler aus. Beide werden in der Öffentlichkeit als Geeks beschrieben. “Warte es ab”, macht Jesse Katz aufmerksam, “sie werden die Geeks als Sündenbock nehmen. Sie werden Computerspiele und das Internet schuldig sprechen. Das Leben für Geeks, wie ich es einer bin, wird jetzt auf der Highschool die Hölle sein.” Jesse hat Recht gehabt. Amerikanische Zeitungen sahen das Internet stärker denn je als Hort von Kinderpäderasten und zukünftigen Bombenlegern. Diese Diskussion hat mittlerweile ihren Weg bis zu uns gefunden. Das Internet verroht unsere Kinder und Jugendlichen. Durch Quake, Doom und illegale MP3s lernen sie, wie Verbrecher zu denken, und üben die üble Tat. Und so weiter. (Dass diese Diskussion schon beim Fernsehen geführt wurde und es dort sowieso tagtäglich viel Schlimmeres zu sehen gibt, daran braucht man wohl nicht mehr zu erinnern.) Angespornt von Jesse beginnt Katz auf dem Internetforum für Nerds, Slashdot.org, eine kritische Auseinandersetzung mit der Hysterie: “Es geht nicht darum, ob das Netz ein Ort für Hasskrämer oder Bombenbauer ist und ob Videogames aus unseren Kindern Killer machen. Das Littleton, Colorado-Töten hat das Spotlight darauf gerichtet, dass für so viele individualistische, intelligente und verwundbare Kinder die Highschool ein Höllenschlund des Ausschlusses ist, ein Ort von Grausamkeit, Einsamkeit, kaputten Werten und Wut.” Nicht die Kinder sollte man als aussätzige Internetsüchtige verdammen – so Katz’ Argumentation – sondern nachfragen, was sie zu Killern gemacht hat – und eines ist sicher – wie Millionen friedlicher User zeigen: Das Internet ist es ebensowenig gewesen wie das Shootinggame Quake, dessen Website PlanetQuake mehr als 70 000 Besucher am Tag hat. In Amerika begann man nichtsdestotrotz mit der Jagd nach Geeks. Ein Grossteil der Schulen entwickelten Geek-Profile. Die Jagd nach den bereits Ausgegrenzten hatte begonnen. Katz dokumentiert dies in seinem Buch mit unzähligen Mails, die er zu tausenden als Antwort auf seine Essays bekommen hat: “From: Peter in Boston. Ich bin ein Geek, und ich bin stolz darauf. Ich werde geschlagen, man spukt auf mich, schubst mich herum, verspottet mich. Sie werfen Essen nach mir und die Lehrer tun so, als würden sie es nicht sehen. (…) Sie stehlen meine Aufzeichnungen, nennen mich Geek, Tunte oder Freak, zerreissen meine Bücher und haben schon zweimal in meinen Locker gepisst. Sie schneiden mein Hemd auf und zerreissen es. Sie warten auf mich im Jungsklo und schlagen mich nieder. Ich muss eine Stunde warten, wenn ich nach Hause gehe, um sicher zu sein, dass sie nicht mehr da sind. Ich glaube ehrlich, sie tun das hauptsächlich, weil ich klüger bin als sie, und das hassen sie. Und das wirklich erstaunliche ist, sie sind die populärsten Leute in der Schule …” Man hat – auch in Deutschland – in den letzten Jahren sowohl im Journalismus von Tageszeitungen bis zum Fernsehen, als auch der Theorie und Philosophie die Kontrollgesellschaft auf Vernetzungen und technische Kontrollmöglichkeiten, auf Erfindungen wie Chips im Bein, GPS oder Internet und dem gläsernern User zurückgeführt. Aber man sollte sich nichts vormachen. Besser als jede technisch hochgerüstete Kontrollgesellschaft funktioniert immer noch die ganz normale Ausgrenzung durch die soziale Norm. Genau, detailliert und massiv. Jeden Tag. An Arbeitsplätzen, in Schulen und Familien. Diese enorme Macht, die sich durch soziale Kontrolle entlädt, ist die eigentliche Technik, auf der die westliche Gesellschaft beruht. Sie beruht darauf, Menschen zu übersehen, zu übergehen, ihnen ihre Ohnmacht klar zu machen. Katz zeigt mit Geeks, dass es Möglichkeiten gibt, dieser Macht auszuweichen oder sich ihr gar in den Weg zu stellen. Das Internet ist nicht per se gut, aber es ist eine davon.

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Elektronische Lebensaspekte.