Text: Sascha Kösch aus De:Bug 18

Willst Du ein L kaufen SASCHA MACHT MORGEN BESSERE ÜBERSCHIFFT. jonny l Sascha Kösch bleed@de-bug.de One in the Jungle Ob Jonny L nun ein guter DJ ist oder nicht, ist mittlerweile egal. Er gehört jedenfalls zu den wenigen Leuten, die sich trauen würden, Grooverider mit einem kumpeligen “hallo” auf sein Lederjäckchen zu klopfen, ohne daß all ihre Gedanken in einem teuflischen Taumel darüber geraten, ob nun der Schweiß an den eigenen Händen einen Abdruck auf dem gepflegten Rindslederbraun hinterlassen wird, den Grooverider am Ende eines langen und für alle aufregenden Abends daheim als das endgültige Aus für den Betroffenen entziffert. Und er schließlich, mit all seiner als Godfather unbestreitbaren Breakbeat Science müde den Triggerbefehl für sein routiniertes DJ-Mobbingprogramm aufruft und mit einer letzten tragischen Geste der Jugendkultur, die immer weiter nach einem weiter und vorne ruft, die Nummer der Hotelreinigung aus der Minibar fummelt. Nein, Jonny L kann sich auf Grooverider verlassen. Als seine LP “Magnetic” als Testpressung durch das BBC-“One In The Jungle”-Studio flog, widmete der Rider ihm eine glatte halbe Stunde. Spielte Track nach Track und machte es damit quasi zur LP des Jahres. Jonny L, aus dem einzigen der real existierenden Drum and Bass Offs zuhörend, mußte darüber fast lachen. “Ja, das ist Respekt”. Er ist der einzige noch verbliebene Act auf dem spätestens nach den ersten Jungleravezeiten nicht gerade für seine Leistungen in Drum and Bass bekannten Labels XL, das ausserdem auch noch verpasst hat, Optical zu signen. 30.000 Pfund sind für den größten Namen in Drum and Bass heutzutage einfach nicht mehr genug, auch wenn sich noch keiner seine Vorschüsse eingespielt hat – falls er denn die versprochene Platte überhaupt noch gemacht hat oder sie schon rauskommen durfte. Jonny L macht sich dafür seit “Two Of Us” die Not zur Tugend, hielt sich und hält sich auch heute noch aus allem raus, produziert im abgeschlossenen Studio und checkt – wenn überhaupt mal – im Blue Note nach, ob das, was er selber macht, immer noch relevant ist. Es ist. Two For the Show Mit “Magnetic” versucht Jonny L mit Two Step abzuschließen. Den Rhythmus gegen das Ende seiner eigenen Effizienz zu fahren und in der folgenden Kollision aus hämmernden 909-artigen Bassdrums und digitalen Sounds den Weg frei zu machen für das, was nach Two Step kommen mag. “Aber es ist nicht so einfach. Du wirst dich das auch schon gefragt haben. Vielleicht bist du sogar gelangweilt von Drum and Bass. Du glaubst, die Entwicklung ist auf einem Stillstand. Man muß weg von Two Step, aber keiner scheint zu wissen wie”, wirft er als Einschätzung der derzeitigen Lage ein. Aber die Geschichte erzählt immer eine andere Geschichte. “Und trotzdem steht Drum and Bass immer erst am Anfang. Man braucht bloß den gewaltigen Schritt zu hören von Tracks aus dem letzten Jahr und denen jetzt. Man sieht doch, daß sich niemand mehr traut, 2 Tracks auf eine Seite zu machen, auch nicht bei Alben. Der Druck auf den Sound und den Druck, den er machen soll, ist enorm, wird immer größer, und wenn es dann mal von Vinyl auf CD gehen sollte, ist mir das auch egal. Dann muß man wenigstens nicht immer zu Music House, um dort 20 Pfund für ein neues Plate zu bezahlen.” So schnell einige der Tracks auf Magnetic entstanden sein mögen, soviel Arbeit war es auch, genau diese Differenz in die Tracks zu schneiden, die sie aus Mixen herausheben können, ohne mit dem Rest des Sets dabei brechen zu müssen. “Einige der Beats sind sehr harsch. Die ganze Platte hat ein etwas mittiges Gefühl, läßt Dinge aus den Boxen herausspringen. Manche Sounds schweben über dem Mix, anstatt wie bei z.B. Optical Trax alles in diese Streamline-Vision zu integrieren.” Aber mit Fusion, oder gar den langwierigen oft genug lähmenden Versuchen von außen, Drum and Bass stilistisch im Namen einer vermeintlich “freien” Offenheit gegenüber anderen Einflüssen umzudefinieren, hat das bei Jonny L nie etwas zu tun. Fast homöopathisch kommt Heilung immer von innen, gerne durch minimale Dosen. And Three So ist er der erste, der behaupten würde, daß sein Track “20 Degrees” mit Blade nicht wirklich etwas mit Drum and Bass zu tun hat, obwohl er Blade seit “Bring Forth The Guilloutine” (irgendwann Anfang der 90er erschienene Cooperation mit 808 State) für eine Legende hält, die man zurecht nicht mehr vergessen kann. Und die Vorstellung, daß jemand so einen Track in einem Drum and Bass Set spielen würde, um dem Genre zu einer neuen Offenheit zu verhelfen, ist einfach absurd. Wofür es dann auch den Word Of The Street-Mix von Trace gibt. Es bleibt eine Kooperation, ein Track, der Respekt bekundet. Blade kam nach Anruf gerne ins Studio, rappte die Lyrics und war mit dem Ergebnis dann so unzufrieden, daß Jonny L ihm sogar noch einen einfacheren Mix bastelte, den “Live Mix”, der wesentlich näher an der Gradlinigkeit von HipHop liegt. Und dennoch hat “20 Degrees” mehr Chartpotential als die Zusammenarbeit mit Lady Miss Kier, die Jonny L zurecht als etwas “fuzzy” bezeichnet, in ihrer Wohnung traf, wo sie zu einem Midiclick singen konnte. Elektronische Einsamkeit, mehr davon. Jonny L ist eine der Personen, die gerade aus einer Distanz den Ausnahmezustand, als der Drum and Bass immer noch gehandelt wird, auch wenn langsam die breitangelegte Ernüchterung eingetreten ist, rechtfertigen kann. Und alle in der Drum and Bass Welt sind ihm dafür dankbar. Und es ist eine merkwürdige Welt, in der Grooverider auf Hugo Boss Partys seinen Ruf riskiert, Goldie Dominator-Samples wiederaufleben läßt, die deutsche Szene mittlerweile in Holland und Japan als das neue Ding gefeiert wird, Reinforced wie immer immer strangere Platten machen, die auf ihre HipHop Roots schwörenden ehemaligen JumpUp Producer immer mehr wie Techno klingen und Photek auf einmal einen neuen Minimalismus erfindet. Alles falsch und alles genau richtig. ZITAT: Fast homöopathisch kommt Heilung immer von innen, gerne durch minimale Dosen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.


Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 05

Jonny L oder warum der Sommer auch vielleicht jetzt erst anfängt

Mercedes Bunz
bunz@buzz.de

Die ganze Jammerei, der Sommer sei jetzt vorüber, ist doch, seien wir ehrlich, irgendwie albern. Plötzlich tun alle so, als ob sie zu den Nomadenvölkern gehören, dabei hocken die meisten von uns sowieso den ganzen Tag in irgendwelchen geschlossenen Räumen und spätestens ab dem Punkt, an dem man keinen Kohlenofen mehr hat und die Dinger im Winter jeden Tag in die Wohnung hochschleppen muß, sollte das mit dem Jahreszeitengejammer wirklich aufhören. Glaubt man trotzdem daran, können alle Menschen, die sich zu den Nomadenvölkern zählen (und auch der ganze Rest) im Herbst zumindest dadurch getröstet werden, daß die Platten wieder aus den Vertrieben so herauspurzeln, als wäre es nie Sommerloch gewesen. Dieses Jahr definitiv im Drum’n’Bass Sektor und so war auch eine der ersten Fragen unseres einen Layouters, der einen verspäteten Sommerurlaub eingelegt hatte und gerade eben mitten in den Plattenstrom zurückgekehrt ist (er war nach Mallorca geflogen und hatte seinen Spaß mit Klaus Lage Animationen): Welche Platten habe ich verpaßt? Auf jeden Fall gibt es welche. Definitiv tut sich überall was, sei es die Arcon 2, die ein wenig im Sommerloch untergegangene J. Majik oder jetzt Jonny L.
Jonny L auf der Drum’n’Bass Erde zu haben ist beruhigend. Noch zu 10″ Zeiten, ein Format, das beinahe zu seinem Markenzeichen geworden ist, weil es sonst einfach keiner benutzt, erschütterten Tracks wie “Two of Us” oder “Tychonic Circle” die Clubmauern, jetzt folgt also eine LP, “Sawtooth”. Und zwar ohne den ganzen Aufwand, den Goldie und andere um sich herumjonglieren und bei dem man sich langsam wirklich nicht mehr sicher sein kann, ob das zunehmende ‘Ich-bin-ein-totaler-Crack-und-mache-unglaubliche-Musik’ für den nächsten Schritt wirklich nötig ist. Für Jonny L jedenfalls nicht, obwohl er in London wohnt, mit Major Deal und ohne popbusinessiges HipHop-Getue, ist er vom Musikbusiness Virus kein Stück infiziert. Auch auf meterlange Beteuerungen, wer seinen Sound und ihn schon immer gemocht hat, wird verzichtet. Was die Szene angeht, dort hat er sich schon immer eher heraus gehalten und vielleicht gerade auch deshalb mit “Sawtooth” einen Weg aus Darkness mit Darkness gefunden, indem er die Beats und Sounds in einer Weise verschiebt, die Tracks wieder vielfältiger machen, offener. Es sind durchgehend stronge, dichte Tunes, aber mit verschiedenen Atmosphären und Stimmungen, eine der Stärken: wieviel verschiedenes man zwischen und mit Beats und Drums setzen kann – , die Drum’n’Bass ein wenig vergessen hat, seitdem man gelernt hat mit zwei klaren Hauptströmungen zu leben: mellow und darkness. Gleichzeitig ist dann überhaupt nicht schlimm, daß es so ist, denn diese Grenzen, die sich gefunden haben, sind wieder Ränder, auf denen man sich aufhalten kann, um sie weiterzutreiben, zu verändern und neue Grenzen zu schaffen. Es geht weiter.

De:Bug: Seit wann planst Du Sawtooth?

Jonny L: Das Album ist schon seit längerer Zeit geplant, aber weißt Du, die 10″, die ich vorher veröffentlichte, wollten XL nicht schon wieder auf dem Album haben, deswegen mußte ich neue Tunes machen. Ich habe ein bißchen herumgemurkst und es hat gedauert, okee. Jetzt sind neuere Sachen drauf und es ist auf diese Weise auch amalganer. Die meisten Tracks habe ich am Ende noch mal auf den Computer gepackt und ein bißchen dran rum editiert. So sind sie eq-mäßig aneinander angeglichen.
Aber eigentlich sind alles neuere Sachen.

De:Bug: Du hast mit “Detroit” auch einen Techno Track auf dem Album.

Jonny L: Ja, Detroit stammt von 1989. Im Grunde genommen habe ich “Detroit” mit reingenommen, damit die Leute sehen können, was ich in der Zeit der Raves so getrieben habe. Ich wollte unbedingt einen Track, bei dem man etwas von meinen Roots mitbekommt.

De:Bug: Wie findest Du diesen straighten, durchgehenden Beat, der gerade überall benutzt wird? Warum glaubst Du, ist dieser Beat aufgekommen?

Jonny L: Ich mag es, danach zu tanzen. Warum er aufgekommen ist? Die Leute, die tanzen, mögen es einfach. Man kann sich dazu gut bewegen. Im Moment ist es also das Ding, das läuft. Nichts anderes kommt daran so nah dran.

De:Bug: Es scheint z. Z. trotzdem nicht so richtig vorwärts zu gehen.

Jonny L: Ja, die Szene geht im Moment durch eine harte Zeit. Ich meine, es ist immer noch fett, es ist immer noch ‘London Music’ und all das. Es ist eine solide Szene, aber es geht eben mit ihr auf und ab. Sie bekommt alle Aufmerksamkeit, dann wird es wieder ruhiger. Die Presse steht im Augenblick nur auf Speed Garage, das ist alles, worüber sie reden. Offensichtlich hat Roni Size es mit Reprazent noch ziemlich gut hinbekommen, aber eigentlich ist es in London ziemlich ruhig. Ich liebe die Szene, aber im Moment übernimmt Speed Garage das gesamte Interesse.

De:Bug: Woran glaubst Du, liegt das?

Jonny L: Nun ja, im Moment ist es auch so, daß es keine wirklich ‘große’ Platte gibt. Ich glaube, sie warten selber auf den nächsten großen Tune, der das Ganze vorwärts bewegt und bis der kommt, bleibt es ein bißchen so. Es kommen eben ähnliche Tunes heraus mit ähnlichen Beats.

De: Bug: Dein Album ist geht ein bißchen in eine neue Richtung. Es ist definitiv nicht wirklich dark. Piper ist vielleicht am düstersten.

Jonny L: Ja, da war ich fast eine Woche lang im Studio. Die Uhren waren in der Zwischenzeit alle stehengeblieben, ich hatte dieses riesen Tüte voll Gras, daß ich non stop rauchte und außerdem die Grippe, ich mußte die ganze Zeit husten. Also machte ich diesen Tune darüber, sich total beschissen zu fühlen. Es gibt in dem Track auch ein Sampel, auf dem ich huste. Wenn man darauf achtet, kann man es raushören.
Man kann aber nicht nur Sachen in eine Richtung machen, nur dark beispielsweise, dann wird es zu geschlossen. Drum’n’Bass ist verwandt mit HipHop, Techno und all dem anderen. Je mehr Leute auch andere Sachen machen oder mit hineinnehmen, desto mehr Leute werden davon beeinflußt. Veränderungen halten die Szene frisch, sie bewegt sich dann weiter.

De:Bug: Du hast einen Track “S4” genannt, wofür steht das?

Jonny L: Das steht für die Area 51, es ist eine andere Bezeichnung dafür.

De:Bug: Glaubst Du an Außerirdische?

Jonny L: Oh ja, baby, i do. Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich weiß, es ist eine Menge Shit in diesem kleinen S4 Raum passiert und das macht alles Sinn. Ich habe viele verschiedenen Bücher und Magazine darüber gelesen. Das interessiert mich ziemlich.

De:Bug: Sampelst Du aus Science Fiction Filmen?

Jonny L: Ich habe mal was von Blade Runner gesampelt, aber im Grunde arbeite ich nicht so viel mit Sampels. Das ist auch, was meinen Sound ausmacht. Ich habe all die Keyboards und all diese analogen Synthesizer zu Hause, also spiele ich es selbst ein. Ich arbeite auch mit Loops, aber ich schneide sie alle, damit sie verschieden sind. Wenn man also meine Musik hört, klingt es anders als der restliche Drum’n’Bass.

De:Bug: Du hälst Dich auch meistens ein wenig abseits der Szene.

Jonny L: Ich möchte nicht alles miteinander vermengen. Ich mag es, meinen eigenen Platz zu haben. Wenn ich eine Platte veröffentliche, lastet auf diese Weise kein Druck auf mir. Weißt Du, wenn Du ein Teil der Szene bist und all das und Du bringst eine Platte raus, dann wird ein bestimmter Sound von Dir erwartet. Wenn Du also dagegen nicht wirklich in der Szene bist, dann kannst Du machen, was auch immer Du möchtest. Sie können nichts sagen, wenn Du nicht ständig mit ihnen rumhängst. Ich mag sie, ich quatsche immer mit den DJs und all das, ich gebe Peshay, Wax Doctor, Photek und all denen auch DATs. Aber ich habe meine eignen Leute, mit denen ich rumhänge.

De:Bug: Ich habe gehört, Du hattest früher soundtechnisch gesehen ein paar Probleme mit Deiner Plattenfirma.

Jonny L: Früher haben sie versucht ins A&R involviert zu sein und es ruiniert, weil sie versuchten ihre Ideen in die Tunes zu packen. Aber als ich dann klar machte, sie sollten lieber mich machen lassen, wie ich möchte, ging es. Heute A&Ren sie sowieso nicht mehr so viel, auf XL gibt es hauptsächlich nur noch mich. Ich packe denen dann mein Zeug zusammen, ich brauche ihnen nicht einmal mehr ein Demo zu geben, ich packe das gleich aufs DAT, sie hören sich das an, finden das cool und pressen es gleich.

De:Bug: Deine Platten fallen ziemlich auf, es sind 10″ und sie haben ein sehr eigenes Design. Von wem kommt das? Macht das XL?

Jonny L: Keiner sonst macht 10″, es ist also leichter zu wissen, wann ein Track von mir auf den Plattentellern liegt. Es ist was eigenes dadurch. Das Design mache ich mit einem Freund auf einem Mac. Es ist ein Plug-In für Photoshop, Texture Explorer und es kreiert neue Patterns. Ziemlich schön.

De:Bug: Was planst Du so für die Zeit nach dem Album?

Jonny L: Ich will umziehen. Im Moment lebe ich in Barbican, aber ich möchte ein bißchen weiter nördlich wohnen. Es ist zwar nett da, weil es nahe am Westend ist,wo all die Clubs sind, aber mein Studio ist von da eine halbe Stunde entfernt. Immer wenn ich Musik machen will, habe ich diese 40 Minuten lange Fahrt hin und vom Studio zurück nach Hause. Ich möchte mein Studio lieber dort haben, wo ich auch wohne. Wenn ich dann mitten in der Nacht aufwache und einen Tune machen will, kann ich es einfach tun.
Ich arbeite zur Zeit an so hiphoppigem Zeug mit Vocals. Ein bißchen amerikanisch, aber mit Londoner Produktionsstil, also voll Soul, aber mit dieser ‘London edge’, also roher. Das plane ich für das nächste Album. Manches davon werden Songs sein, aber eben in diesem cut up London Style. Der Rest wird instrumental werden. Es werden ziemlich verschiedene Sachen drauf sein und nicht so Dancefloor orientiert.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.