Stimmiges Debütalbum "Mod"
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 156


Foto: Hilda Engstrand

Alter Schwede, Zufälle gibt’s! Die beiden Produzenten Henrik Jonsson und Joel Alter stammen zwar aus der ähnliche Ecke Schwedens, lernten sich aber erst im Berliner Exil kennen. Gemeinsam haben sie jetzt ihr Debütalbum “Mod” veröffentlicht und man mag fast nicht glauben, dass die beiden nicht schon seit Jahrzehnten an einer gemeinsamen musikalischen Vision werkeln.

Henrik Jonsson hatte sich bisher eigentlich in leiseren musikalischen Gefilden bewegt. Mit seinem Projekt Porn Sword Tobacco stand er bisher für verträumte Ambient-Sounds. Erst auf seiner im Juni 2010 erschienen ersten EP als Gunnar Jonsson, “Muskelminne”, entdeckte der Schwede Beats, die sich auch auf dem Dancefloor wohlfühlen, für sich. Im August dieses Jahres folgte die “Relationer EP”, mit der er sich, zumindest vorerst, der Tanzmusik verschrieb. “Ich habe mich immer für Musik im Allgemeinen interessiert. Damals war Ambient mein Sound und nun möchte ich etwas Neues lernen. Die Reise geht eben weiter”, erklärt Henrik, und dass dafür neben seinem Umzug von Schweden nach Berlin vor vier Jahren auch die Freundschaft zum House-Produzenten Joel Alter eine Rolle spielte: “Ich habe lange nach jemandem gesucht, der mich musikalisch versteht und von dem ich etwas lernen kann. Als ich Joel traf, ergab sich dann plötzlich alles ganz natürlich.”

New Skol
Obwohl beide von der Westküste Schwedens stammen, haben sie sich erst in Berlin kennengelernt. Auf Partys und bei einem Bier ab und an. “Eines Abends kam Henrik dann mit zu mir, um sich einen Synthesizer anzusehen, den ich von einem Freund bekommen hatte. Er hat angefangen, ein wenig darauf zu spielen und ich habe ihm zum Spaß einen Beat gegeben. An diesem Abend war uns eigentlich schon klar, dass wir zusammenarbeiten möchten. Da Henrik ungefähr eine Minute zu Fuß von mir entfernt wohnt, hat es sich schnell ergeben, dass er öfter vorbeikam und wir in fast jeder Session einen Track produzierten”, beschreibt Joel den Ursprung der Kollaboration. Tatsächlich scheinen die beiden als Duo unglaublich produktiv zu arbeiten. Vor knapp einem Jahr fingen ihre Treffen an, mittlerweile haben sie 2 EPs und ein Album produziert, eine Remix-12’’ ist in Planung und nebenbei wird an den Live-Auftritten gefeilt.

Henrik weiß: “Es ist wirklich nicht selbstverständlich, dass man so schnell anfängt, mit jemandem zusammen Musik zu machen. Das ist etwas sehr Privates, woran sowohl Joel als auch ich zuvor lieber allein arbeiteten. Aber wir genießen auch die Möglichkeit, dank des anderen einen Blick in andere musikalische Sphären zu werfen.” Zudem hilfreich sei das Vetorecht gewesen, das die beiden zu Beginn vereinbart hatten. Damit man sich nicht in halbgaren Ideen verfranst, sondern auf Kurs bleibt. So haben sie statt eines Frankensteins eine funktionierende Maschine kreiert. Ein bisschen klingt “Mod” auch nach einer Maschine: reduziert auf das Wesentliche (“Man braucht nicht mehr als fünf Spuren um einen großartigen Track zu machen”, wie Joel sagt), fokussiert, aber rhythmisch dann doch alles andere als berechenbar. Obwohl sich Henrik so sehr in die Kicks verliebt hat. “We just don’t work with bars”, wird unterschwellige Kritik am Laptop-Produzententum angebracht.

Vor allem aber klingt “Mod” wirklich nach einem Album statt einer bloßen Track-Ansammlung. Was zu einem guten Teil wohl daran liegt, dass bei den meisten Tracks derselbe Synthesizer, ein String-Ensemble von Roland, zum Einsatz kam. So schaffen Jonsson/Alter eine Stimmung, die sich durch das ganze Album zieht – einen familiären Sound, wenn man so will. Den einzelnen Tracks hört man ohne jeden Schnickschnack immer deutlich die Idee an, die ihnen zugrunde liegt, auch wenn sie, wie beispielsweise in “Dvärg” auf eine Reise geschickt wird, an dessen Ende sie eine andere ist. “Der Groschen, dass so etwas geht, ist bei uns gefallen, als wir an “Jätten” von der “Olidan EP” gearbeitet haben. Der Track ist 15 Minuten lang und wir fragten uns, ob wir das überhaupt bringen könnten. Aber wir haben die Idee einfach ganz ausgeschöpft – Natürlich konnten wir das! Zunächst hat uns das aber einiges an Mut abverlangt”, sagt Henrik.


Foto: Hilda Engstrand

Wagemod
Aus dieser Arbeitsweise leitet sich außerdem der Titel “Mod” ab, der nicht die britische Jugendbewegung der 50er und 60er meint, sondern einfach schwedisch für Mut ist. Henrik und Joel fühlen sich als schwedische Produzenten, es war also klar, dass ihre Musik auch schwedische Titel tragen würde. Da beide aber derzeit hauptsächlich auf Englisch kommunizieren, war ihnen auch hier eine positive Konnotation des Titels wichtig. “Dass eine gewisse Stimmung so wichtig für unser Projekt ist, haben wir gemerkt, als ich eines Abends “Acapella”, den zweiten Track des Albums im Berliner Cookies spielte. Da herrschte plötzlich eine komplett andere Atmosphäre, als hätte man das Dach gesprengt”, erinnert sich Joel. Da Mut auf Schwedisch “Mood” gesprochen wird, hätte der Titel also passender nicht sein können.

Gerade weil ihre Musik alles andere als konzeptuell zustande gekommen ist, ist es eigentlich irre, wie stimmig das ganze Projekt erscheint. Auch das Artwork spiegelt perfekt ihre musikalischen Intentionen wieder. Die Cover der beiden EPs zierten in einem Second-Hand-Laden erstandene Gedenkteller aus Trollhättan, der Stadt, in der Henrik zeitweise lebte und aus der auch Joules Großvater stammt. Trollhättan, was so viel wie “Trollberg” bedeutet, spielte früher eine wichtige Rolle für die schwedische Industrie, hier stand zum Beispiel das erste Kraftwerk des Landes. Den beiden Tellern sieht man trotzdem die ländliche Natur der Stadt an, die sich auch hinter den Synth-Klängen Jonsson/Alters nicht verbergen kann: “Viele Freunde aus unserer Heimat meinen uns immer noch diesen naturalistisch-romantischen Feel anhören zu können. Und da ist wohl auch was dran. Denn als wir herausfanden, dass wir auch einen sehr ähnlichen Background haben, war uns klar, welches Bild wir mit unserer Musik zeichnen wollten. Wir wollten keinen klinisch reinen Sound, sondern etwas Nebligeres, Wärmeres schaffen. Ich mag die kleinen Geräusche, die ein Synthesizer auf den Tracks hinterlässt. Schon allein das Geräusch, wenn man ihn einstöpselt ist inspirierend für mich”, erzählt Henrik.

Neben ihrer ästhetischen Vorstellungen haben Jonsson/Alter auch ihr Interesse an Literatur gemeinsam. Der Eröffnungstrack zu “Mod” beispielsweise ist ein Gedicht des großen schwedischen Poeten Gunnar Ekelöf, das von Selbsterkennung und -kritik erzählt. Ihm wohnt ein Maß an Verständnis und Selbstreflektion inne, das auch Jonsson/Alter mit Leichtigkeit permanent an den Tag legen. Über die Aufnahme stolperte Henrik zufällig im Internet, erst später stellten sie fest, dass die gelesene Version nicht vollständig war. Besonders das schien Henrik aber so ideal: “Gerade dadurch ist es aber so ein starkes Statement. Mit ‘Wer sagte, du wärst gleichgültig?’ zu enden, lässt viel mehr Freiraum zur Interpretation. Etwas, das wir auch mit unserer Musik bieten wollen.”

Jonsson/Alter, “Mod”, ist auf Kontra Musik/Clone erschienen.

One Response