Weshalb Musik bestenfalls aussehen sollte wie die eigene Seele, erklärt der finnische Houseproduzent Jori Hulkkonen. Sein neues Album nähert sich ganz romantisch der Unerreichbarkeit an.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 65

Internationalität scheint das Los der Finnen zu sein. Gezwungenermaßen, in der finnischen Pampa sind die Fans gezählt, die zu den Listening Househarmonien von Jori Hulkkonen dem rieselnden Schnee im Vorgarten zusehen. Und Jori ist ganz Global Player, der vom Küchentisch aus rult. Er operiert nach Frankreich mit seinem Hauslabel F-Communications und mit Brique Rouge, oder nach Kanada, wo er mit Tiga kollaboriert. Aber wegziehen, wozu? Es gibt sein Studio unter der Woche, das Auflegen am Wochenende, seine Radioshow, finnische Datschen mit Sauna im Anbau und die Einöde um die Kleinstadt Turku. Es gibt anständige Jahreszeitenwechsel, einen düsteren Winter und einen erhellten Sommer. Außerdem feiern die Finnen die besseren Parties, dank der Wodka-Kultur, einem Überbleibsel aus der Zeit, als man noch ein Teil Russlands war.

Joris Jugendkaff Kemi war in den 70ern und 80ern das Zentrum kommunistischer Aktivitäten. “Eine kleine Arbeiterstadt mit zwei großen Fabriken, die die ganze Stadt ernährten. Das war alles ziemlich konservativ. Meine Rebellion bestand darin, sich für futuristische elektronische Musik zu interessieren.” Und weiter: “Das erste mal in Russland war ich 1997 zum Auflegen. Da ist ein Club irgendwo in Sibirien, der internationale DJs bucht. Der Ort heißt Irkutsk am Baikal-See an der mongolischen Grenze. Er besteht aus Holzhäusern der 30er- bis 50er-Jahre und aus sowjetischen, monumentalen Betonbauten. Der Club sieht dagegen aus wie ein englischer Megaclub, der genauso in Berlin stehen könnte. In Finnland haben wir eine ähnliche Perspektive, nämlich gerade mal einen ausländischen DJ pro Monat.”

Ende der 80er widmet sich Jori inspiriert von den Pet Shop Boys, Italo Disco und Derrick May den elektronischen Klängen, mit seinen Kumpels und Schulfreunden gründet er 1993 das Label LUMI. Mittlerweile auf Sparflamme: “Es ist schwierig, ein Label mit Qualitätshouse von Finnland aus zu starten. Es gibt nicht viele Künstler und wie soll man internationale auf einem kleinen finnischen Label ohne Geld signen. Heute machen wir nur noch Sachen, die sonst niemand will. Labelarbeit ist ein Vollzeitjob und ich wollte immer Musik machen.”

sanft abgeglitten

Auf seinem aktuellen Album “Different” macht er Musik für frostige Winterabende mit Polarbeleuchtung. Für Northern Lights, rosa am Horizont schimmernd. Er bemerkt: “Meine Wurzeln liegen bei House, aber die Sounds und die Annäherung an die Songstrukturen sind eher old-school Detroit Techno. Ich mache auf den Alben keine Musik für Clubs, keine Tracks für den DJ. Jeder Song hat eine musikalische Idee.” “Different” hat eine eigene Qualität an Softness mit bewusster Ungriffigkeit und sanftem Abgleiten ins Easy Listening. Eine Wonne wie schon der “Let Me Luv U”-Hit seiner letzten Platte. Da schwingt wenig Eindeutiges mit, sondern ein Dahintreiben-Lassen in seichten Wellen und den Sandboden gerade mit den Fingerspitzen aufwirbeln können. Ein Abdriften ins warm Glitschende, ins tief Romantische. Jori erklärt: “Das Produzieren und das Konzept eines Albums ist was Romantisches an sich, da es Anfang und Ende hat wie eine Reise. Romantik ist einerseits etwas Wunderschönes. Gleichzeitig so distanziert, entfernt und unerreichbar. Etwas, dass man will, wovon man aber weiß, dass es seine Besonderheit verliert, wenn man es hätte. Sehnsucht ist was Zerbrechliches, das man sorgsam behandeln muss. Diese Unerreichbarkeit macht sie erst schön und schafft die Atmosphäre. Hoffnung muss es aber immer geben.”
Das gilt auch für ihn? Jori: “Wenn man Kunst macht und eine Karriere darauf aufbauen und dabei ehrlich sein will, dann muss das, was man tut, wie man selbst aussehen. Man kann sich ein Image aufbauen und Musik machen, die aussieht wie das Image. So funktioniert Pop, aber das wäre nicht ehrlich. Man sollte Musik machen, die wie die eigene Seele aussieht.” Die seinige ist französisch: Labelmates Laurent Garnier, Shazz oder St. Germain sind Herzensverwandte.
Aber wie kommt jemand, der so stimmungsschönen House generiert, als “Tiga&Zyntherius” zum Struppi-Electro-Cover “Sunglasses after Night”, Corey Harts 80er Hit. Ist es streng abgesicherter Stilbruch, Reminiszenz an die Jugend oder ein Heissa auf Gigolo Records’ Trashglamour. Jori sagt: “Da ging’s nur um Spaß und die Arbeit mit Tiga. Ich bin schließlich in der Zeit aufgewachsen. Als ich anfing gab es nur einen Stil bei Clubmusik, im Sinne, dass man Acid auflegen konnte und mit den Beatles weitergemacht hat. Das ist auch mein Ansatz der verschiedenen Genres, man muss immer offen sein. Die größte Gefahr bei einer Musikkarriere ist, dass man sich zu oft wiederholt. Man darf nicht in einem Sound steckenbleiben.” Ein Punkt, seine Remixe von Cabaret Voltaire nicht zum Elektro Clash zu verwursten, sondern “Elemente vom frühen 90er Rave” zu benutzen, wie er sagt: “Vielleicht wird das die nächste Welle.”

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Elektronische Lebensaspekte.