Wer als House-Kenner gelten will, raunt seit längerem den Namen einer Region weiter: Kalifornien. Um Label wie Seasons oder Panhandle und unlegendäre Nackttanz-ab-Mitternacht-Parties entwickelt sich eine Szene undogmatischer Neotechdeepster, die endlich die Dropout-Disco-Farm, die Grateful Dead mit "Blues for Allah" eröffnet hatten, wieder belebt. Mittendrin JT Donaldson.
Text: Felix Denk aus De:Bug 61

51st State Of House
Deepes Kalifornien: JT Donaldson

Samstag Nachmittag in San Francisco: Ein braungebrannter Typ schlurft barfuß die Haight Street in Richtung Golden Gate Park, seine Haare sind zerzaust und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wippt er mit dem Kopf zu einem Beat. Doch zu welchem Beat? Womit füttert dieser erlebnisorientierte Twentysomething seinen Minidisk Player? Und wo geht er hin, wenn es Abend wird und er tanzen will? Lange konnte man meinen, dass eine Houseparty wohl nicht sein Ziel zu sein scheint, und dass eher eine E-Gitarre als eine 909 die Basis für den Soundtrack seines Spaziergangs bildet. Obwohl nicht nur Open Air erfahrene Raver wissen, dass Drummachine und Batik-T-Shirt keine unüberbrückbar unterschiedlichen kulturellen Konzepte darstellen, schien es als existiere in San Francisco, der Bay Area und eigentlich in ganz Kalifornien keine wirkliche Houseszene. Es gab kaum DJs, Produzenten oder Labels, von denen man im fernen Europa mal etwas mitbekommen hätte, und dass obwohl San Francisco eigentlich alle Rohstoffe bietet, die für das Gedeihen einer Houseszene benötigt werden: Freaks, Dropouts, Schwule, schönes Wetter und ausreichend Warehouses in South of Market. Und Kalifornien, war das nicht eigentlich immer schon ein idealer Nährboden für Utopisches, Merkwürdiges aber eben auch Jugendkulturelles und Musikalisches? Das House-Loch, das im gelobten Land der Jugend-, Gegen- und Freizeitkultur klaffte und das lange Zeit lediglich von RaSoul und ein wenig später Miguel Migs notdürfig gestopft wurde, war doch einigermaßen unübersehbar.

Genauso unübersehbar wird dieser Mangel im Augenblick überwunden. Das spannendste, was seit geraumer Zeit an House-Scheiben aus Amerika beim Plattenladen um die Ecke so eintrudelte und die dort versammelten Trainspotter in Aufregung versetzte, kam von der Westküste. Neben den etablierteren Adressen wie Seasons, Panhandle oder Aesoteric sprießen immer neue Label aus dem Boden, deren Veröffentlichungen sich regelmäßig in den Playlists vieler DJs hierzulande wiederfinden. Neben Brett Johnson und Iz & Diz hat der in Los Angeles lebende JT Donaldson, jeweils 50% von 2nd Shift und Undercover Agency, einen beträchtlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Westcoast ”on the map” ist.

Dank dem letztjährigen Album “An Evening in the Listening Room” auf Seasons und den unglaublichen Remixen von u. a. Joshua, also Iz, und Swag ist 2nd Shift das bekannteste Projekt von JT Donaldson. Zusammen mit Partner Tim Shumaker (Home & Garden) wird hier ein relativ klassischer Chicago Style verfolgt. Man arbeitet gerne mit voluminösen Beats, die durch dezent nach hinten gemischte Instrumentierungen aufgeweicht werden, und häufig auch mit Vocals, die unter anderem kein geringerer als Chez Damier beisteuerte. Aber wie kommt man bitteschön dazu, dass Chez Damier für einen die Gesangsparts übernimmt? JT klärt auf: ”Ich habe vor Jahren ein Demo zu Cajual geschickt, die haben sich aber nie gemeldet. Irgendwie ist das Tape Chez in die Hände gefallen und er meldete sich daraufhin bei mir. Damals lebte ich noch bei meinen Eltern und mein Vater sagte mir eines Morgens: ‘Da ist ein Chez Damier für dich am Telefon.‘ Ich dachte natürlich, das sei ein Witz von irgendeinem Freund. Er fragte mich dann, ob ich vielleicht einen Remix für ‘Close’ machen könnte. Danach wurde er so eine Art Mentor für mich.” Um sich von Patenonkel Chez Damier auch mal zu emanzipieren, gibt es die Undercover Agency, die JT Donaldson mit Lance DeSardi betreibt. Hier ist der Stil eher tracky und perkussiv und es wird mehr auf den Beat und den DJ geschielt, wie JT abgrenzt: “Late night dancefloor stuff, more jacking kind of beats.” Auch bei diesem Projekt steht ein Album in der Warteschleife, das ebenfalls auf Seasons erscheinen wird.

Mit Grace Jones in Dallas

Mit Lance DeSardi teilt sich JT Donaldson momentan nicht nur die Wohnung in LA, sondern auch den selben Geburtsort. Beide sind in Dallas aufgewachsen – was ja sicher kein Ort ist, an dem man eine besonders lebendige Subkultur erwarten würde. Aber, klärt JT Donaldson auf, einerseits hatte Grace Jones da in den 80er-Jahren einen Klub, das ist natürlich immer eine Referenz, und überhaupt ist es in Bezug auf das eigene musikalische Schaffen nicht unbedingt ein Nachteil, wenn man aus einer Stadt kommt, in der eben nicht so die Hölle los ist: “Wenn man in Dallas wohnt, ist man weit weg von allem, vor allem von der Musikindustrie. Man lebt eben nicht in einer dieser Städte mit einem großen Markt für Dance Music, wo zu einem gewissen Zeitpunkt gewisse Platten rulen. Man macht die Dinge eher auf einem Level, das einem selbst gefällt, anstatt den Leuten gefallen zu wollen. Vielleicht klingen die Sachen deswegen etwas speziell, vielleicht auch ein bisschen globaler.”

Das mit dem Globalen teilt JT mit Brett Johnson, auch so einem Produzenten der Stunde, der ebenfalls aus Dallas stammt und jetzt an der Westküste lebt. Beide lockern das Korsett des amerikanischen House und klingen mit ihren verwinkelten Grooves ein wenig europäisch. Ihre Produktionen sind häufig etwas minimaler und im Soundbild manchmal etwas techy. Und auch wenn man bei Westcoast-House nicht unbedingt von einem distinktiven Stil sprechen kann, scheint dieser erweiterte Blickwinkel doch charakteristisch für Produktionen von der Westküste. Symptomatisch hierfür ist, dass Label wie Seasons oder Panhandle ungewöhnlich viele europäische Projekte im Programm haben, unter anderem die umtriebigen Freaks, deren größte Fans Swirl People oder Disko-Weirdo Tony Sengore in verschiedenen Tarnkappen. Somit wird das Biotophafte des U.S. House durch weiträumige Vernetzung entgrenzt. Normalerweise lief die transatlantische Kommunikation in Sachen House immer eher one way, zumindest was die ästhetische Seite anging, zurück kamen eher Schecks der Plattenlabels als musikalische Inspiration. JT sieht seinen Sound ohnehin eher in weiteren Zusammenhängen: “Ich war nie einer von denen, wie die Kids aus Chicago, die eben genau den Chicago Sound pushen, oder den Sound aus New York. Wie die meisten Leute aus Dallas bin ich von sehr vielen verschiedenen, auch europäischen Sachen beeinflusst.”

Vom Friseur lernen, heißt…

Für den richtigen musikalischen Input waren zunächst der große Bruder und der Friseur zuständig, die schon früh JTs Begeisterung für Dance Music, vor allem HipHop, aber auch House weckten. Dies führte bald dazu, dass JT das Geld fürs Mittagessen in der High School Cafeteria lieber für den Plattenladenbesuch am Wochenende aufsparte. Als JT 14 war, fand ein Plus 8-Showcase in Dallas statt. Nach zähen Verhandlungen erlaubte die Mutter schließlich, dass er da hingehen dürfte, jedoch unter der Bedingung, dass er um 12 Uhr wieder zuhause sein müsste. Dummerweise fing da die Party erst an. Irgendwie konnte er dann aber doch hin. Mit 15 gewann er einen DJ-Contest – hierzulande ja der sichere Weg, keine Karriere im DJ Business zu machen – und bekam daraufhin die Gelegenheit, mal im Radio aufzulegen. Bookings in Clubs folgten und schon bald war mit Fair Park ein eigenes Label auf die Beine gestellt, dass es auf acht Release brachte. An dessen Nachfolgelabel Central Park ist JT nicht mehr beteiligt, jedoch will er Ende des Jahres wieder ein eigenes Label gründen.

JTs Soloalbum wird jedenfalls einstweilen auf Distance erscheinen. Distance, ist das nicht eines dieser Label, denen man eine etwas lieblose interkontinentale Scheckheftpolitik beim A&R unterstellen würde? JT sieht das eher pragmatisch: “Der Vorteil ist, dass die natürlich sehr gute Vertriebswege haben und außerdem in der Lage sind, ein Budget für ein Album zu erstellen. Ich arbeite gerne mit Musikern und Vokalisten. Die muss man ja auch irgendwie bezahlen.” Aber wozu gibt es denn den Sampler? “Ich habe prinzipiell nichts gegen Sampling, aber manchmal ist es auch für die Musik wichtig, dass man sich nicht nur auf die eigene Plattensammlung verlässt und das, was man da vorfindet, recyclet. Außerdem muss man sich immer auf andere Leute verlassen und Angst haben, dass man verklagt wird.” Aber auf das Talent anderer Leute muss man sich doch auch verlassen, wenn man mit Musikern arbeitet? “Ja schon. Am liebsten würde ich eh alle Instrumentalparts selber spielen, aber außer etwas Keyboard beherrsche ich leider kein Instrument. Trotzdem ist es irgendwie an der Zeit, dass man was schafft, was dann andere Leute wiederum samplen können. Auf meinem Album werden jedenfalls keine Samples sein. Ich bin schon gespannt, wie das klingt, weil in meiner Musik normalerweise auch viele Samples verwendet werden.”

Der Typ von der Haight Street ist mittlerweile im Golden Gate Park angekommen. Als er sich zu seinen Kumpels auf die Wiese setzt, lässt sich ein Gesprächsfetzen aufschnappen, in dem es um die neuesten Bootlegs, die er sich aus dem Netz heruntergeladen hat, zu gehen scheint. Oder ging es doch um den speziellen Funk handgespielter Basslines? Später am Abend jedenfalls hat man ihn glücklich beim Tanzen auf einer Houseparty gesehen.

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Elektronische Lebensaspekte.