Im Interview über Kurt Cobain, Mode und Familie
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 150

Juergen Teller kommt just aus der Sauna. Der Modefotograf trägt T-Shirt, Trainingshose und Running-Schuhe. Teller ist berühmt dafür, dass er Victoria Beckham für eine Marc Jacobs-Kampagne in eine Einkaufstüte steckte, aus der nur ihre gespreizten Beinen herausschauten, für die Nacktaufnahmen von Charlotte Rampling im Louvre und die Nacktaufnahmen von sich selbst in der Umgebung seines Heimatortes Bubenreuth. Seit 1986 lebt Teller in London. In Berlin werden dieser Tage gleich zwei Ausstellungen von ihm eröffnet. Die eine heißt „Men and Woman“ und zeigt drei Mal die nackte Vivienne Westwood, eingerahmt von Schnappschüssen des bekleidet herumalbernden Fotografen William Eggleston und dessen 5-jährigen Sohn Ed. Auf den Einwurf, dass Ed ja eigentlich kein Mann sei, meint er überlegt: „Es ist gerade gut, dass der eine alt und der andere jung ist. Da hat sich nämlich nicht viel verändert.“ Teller haut sich aufs Hotelbett, es darf losgehen.

Debug: Herr Teller, kann es heute noch so einen wie Kurt Cobain geben?

Juergen Teller: Ich weiß das auch deswegen nicht, weil ich älter bin, Kinder habe und nicht mehr in diesem Musik-Ding drin bin. Aber ich würde eigentlich trotzdem Nein sagen. Ich bin 1991 mit Nirvana auf Deutschland-Tournee gegangen und das war extrem beeindruckend für mich. Danach war das Ganze für mich eigentlich vorbei.  

Debug: In Ihren Kampagnen-Bildern für Marc Jacobs spielen aber immer wieder Musiker eine Rolle, die man als Post-Grunge bezeichnen könnte: Pavement, Sonic Youth, auch Sofia Coppola passt da gut hinein. Knüpft das da an? Ist das ein Juergen Teller, der eigentlich immer noch Kurt Cobain fotografieren möchte?  
Teller: Wer mich auch schwer beeindruckt hat, war PJ Harvey Mitte der 90er. Später habe ich auch Meg White, Rufus Wainwright oder Michel Stipe fotografiert, also es interessiert mich ja schon. Aber es ist genau wie bei den Fotografen: Die denken alle, die sind die wilden Rocker, und ich denke immer: Menschenskinder, das hast du doch schon tausendmal gehört.

Debug: Was ist Ihr aktuelles Lieblingslied?

Teller: Bis vor einem halben Jahr, als ich meinen Sohn morgens in die Schule fuhr, war das Nirvana, weil er das immer hören wollte, voll laut. Das ging mir total auf die Nerven, schon morgens mit dem Gegröle. Er kannte auch die ganzen Texte auswendig mit seinen fünf Jahren. Jetzt hört er aber Lady Gaga und dann eben Justin Bieber.
 
Debug: Sie oder Ihr Sohn?

Teller: Ich wegen ihm. Zum Geburtstag hat er nun einen iPod bekommen und seitdem muss ich den Scheiß permanent mit anhören. Silvester waren wir auf den Malediven, hatten eine Party und mein Sohn hat mordsmäßig rumgezappelt. Dann habe ich natürlich auch ein bisschen rumgezappelt und getanzt. Das war dann Justin Bieber und ich wusste, das habe ich schon einmal gehört vorher.

Debug: Klingt ja nicht nach der klassischen Fanperspektive.  

Teller: Es ist eben ganz anders mit den Kindern. Im Urlaub in Griechenland vor ein paar Jahren zum Beispiel hat meine Tochter mit meiner Frau eine Wette abgeschlossen, ob ich einen bestimmten Film gut finde oder nicht. Es ging um den Musikfilm “Mamma Mia”, der die bekanntesten Schlager von ABBA nachspielt, mit viel Gesinge und Meryl Streep. Meine Tochter meinte: Papa wird den Film lieben, total sein Geschmack. Meine Frau dagegen war 100% sicher, dass ich den Film sofort ausschalten werde und hasse. Und wer von den beiden verliert, musste vom Kliff ins Meer springen. Von ganz oben, wo sonst immer nur ich runtergesprungen bin. Dann fing der Film an und ich dachte: “Was zur Hölle ist das? Das ist furchtbar.“ Fürchterliches Zeug. So nach drei Minuten. Aber plötzlich haben meine Kinder angefangen zu singen. Und bereits beim zweiten Lied war ich voll dabei. Heute muss ich sagen: Ich liebe den Film.

Debug: Kann man das eigentlich mit Ihrer Beziehung zu Mode und Fotografie vergleichen? Der ABBA-Film wäre dann die Mode und die Protagonisten in ihren Shootings wären Ihre Kinder.

Teller: Mode ist ja kein Scheiß für mich. Ich sehe das natürlich schon als Brot und Butter. Aber ich glaube, ich bin mittlerweile ziemlich gut darin, zu sehen, welche Idee ein Designer für seine Kollektion hat und wie er die schneidert. Mode ist ja ein ernstes Business und es geht um sehr viel Geld. Gleichzeitig ist es aber auch totaler Blödsinn und der größte Spaß. Und dieses Theater, das mag ich. Es ist natürlich auch schwierig.

Debug: Bei Ihnen wirkt es eben gar nicht schwierig, ich glaube, deswegen mag man Sie.

Teller: Die einfachsten Sachen sind ja immer die besten. Die Arbeiten der Künstler von Fischli/Weiss etwa, das schaut auch aus wie hingerotzt, dennoch ist es unheimlich schwierig zu machen. Es schaut eben völlig blöd und bescheuert aus – auf eine total gute Art und Weise. Das ist irrsinnig schwierige Kopfarbeit, dass so was überhaupt funktioniert. Und so ähnlich ist das auch bei mir.

Debug: Oder auf diesem coolen Plattencover “Green Mind” von Dinosaur Jr. – haben Sie das gerade im Kopf? Ein kleines Mädchen, Schwarz-Weiß-Fotografie, mit einer Zigarette im Mund. Es ist von dem Fotografen Joseph Szabo.

Teller: Ja, das kenn ich. Sie steht am Strand. Das Original-Foto hab ich sogar.

Debug: Sammeln Sie Kunst?

Teller: Ja. Es kann aber irgendwas sein. Komischerweise habe ich ziemlich viele Skulpturen. Wo ich mir immer dachte: Ich kauf doch keine Skulpturen! Aber offensichtlich habe ich Skulpturen, wo mir überhaupt nicht klar ist, dass es welche sind. Zimmer voll Skulpturen.

Debug: Was unterscheidet die 90er von den 2000er Jahren?

Teller: In den 90ern war ich jung und in den 2000ern ging‘s bergab. So würde ich das sehen.

Debug: Sie wirken so bodenständig, inszenieren sich gerne als Fußballfan. Fanden Sie das jemals unangenehm, den Leuten in ihrem Heimatdorf in Bubenreuth zu sagen, dass Sie Modefotograf sind?

Teller: In meinem Heimatdorf nicht. Das war mir wurscht. Die haben ja eh keine Ahnung von irgendwas. Woanders war mir das eher peinlich. In London, Paris oder New York. Dort hieß es immer von mir: Ich bin Modefotograf, aber ich mach auch andere Sachen, Plattencover habe ich auch schon gemacht. Ich mache nicht nur Mode. Mittlerweile ist mir das aber egal. Ich bin gerne Modefotograf.  

Debug: Man könnte Ihren Stil ja insofern fränkisch nennen, als dass Sie “eigensinnig und stur“ seit Jahren eine ähnliche Ästhetik entwickeln. Hatten Sie von vornherein ein Konzept?

Teller: Nö, das hat mit Konzept überhaupt nichts zu tun. Das ist eine grundsätzliche Überzeugung, da lässt man sich nicht reinreden, das entwickelt sich. Man macht ja instinktiv immer, was man will. Es gibt keinen anderen Weg.

Debug: Ich stelle mir Juergen Teller bei der Arbeit immer mit einer Kamera in jeder Hand wild durch die Gegend blitzend vor. Stimmt das Bild?

Teller: Ich arbeite fast immer mit zwei Kameras, das ist richtig. Zwei Contax G2. Mit den selben Objektiven und dem selben Film.  

Debug: Im Zeit-Magazin hatten Sie zuletzt eine Kolumne, in der Sie ein Bild zeigten und dazu eine kleine Geschichte erzählten. Hatten sie erwartet, dass das mit dem Schreiben so gut klappt?

Teller: Eigentlich ja. Ich war mal im Weihnachtsurlaub in Japan und sollte dort ein Journal des Pariser Modemagazins Purple fotografieren. 120 Seiten schwarz-weiß, und ich hatte die Deadline verpasst. Da habe ich denen gesagt: Ich gehe in den Urlaub und mache was in Japan. Und dort angekommen habe ich gemerkt, dass Japan von den japanischen Fotografen bereits viel besser fotografiert worden ist. Es ist ja alles überhaupt schon so extrem visuell attraktiv in Japan. Ich dachte, wenn ich das jetzt mache, bin ich nur ein billiger Araki. Mein Sohn war damals elf Monate alt, totaler Jet Lag, und dann die ganzen Windeln, Milch, der Schnee, es war schweinekalt, Zähne hat er auch noch bekommen und mitten in der Nacht war er hellwach, völliger Wahnsinn. Ich dachte: Ich bin ja den ganzen Tag mit dem Kind beschäftigt und kann mich hier überhaupt nicht darauf konzentrieren, was ich fotografieren will – und da wurde mir plötzlich klar, ich nenne das Buch einfach “Ed in Japan“. Weil ich ja auch die ganze Zeit mit ihm zusammen bin. Daraufhin habe ich angefangen meinen Sohn Ed zu fotografieren. Und dadurch, dass ich ihn fotografiert habe, hat sich auch Japan mir eröffnet. Dann habe ich dazu auch noch einen Text geschrieben und bekam da bereits total gutes Feedback.

Debug: 2005 haben sie für das Auktionshaus Phillips de Pury & Company den Katalog einer Juwelen-Auktion fotografiert, mit ihrer Tochter und ihrer Mutter als Models. Warum verbinden Sie das Private mit dem seelenlosen Produkt?

Teller: In dem Fall war das ja noch gar nicht so privat. Es war ja keine Reportage darüber, wie es bei mir zu Hause ausschaut. Die wollten das halt mit Supermodels machen. Und ich dachte eben, die jungen Models, die können ja eigentlich alle überhaupt nichts mit dem Schmuck anfangen, die tragen selber auch gar keinen Schmuck. Ist irgendwie langweilig. Aber dann dachte ich mir: Meine Mutter, die findet doch Schmuck gut. Und meine Tochter hat auch Spaß am Verkleiden. Meine Idee war, dann zahlt einfach Phillips meinem Onkel und meiner Mutter den Flug und wir machen uns eine gute Zeit. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn etwas für mich gut ist, dann haut es auch für den Kunden hin.  

Debug: Sind eigentlich mehr Frauen als Männer nackt auf ihren Bildern?

Teller: Ja, oder ich bin nackt.

Debug: Liegt das am Model- und Modebusiness?

Teller: Würde ich eigentlich nicht sagen. Ich mache ja auch Portraits und da sind viele Männer dabei. Aber durch die Mode werde ich sicher schon ein paar mehr Frauen fotografieren.

Debug: Was interessiert sie denn an Ihnen selbst als Nackedei?

Teller: Der Körper interessiert mich. Wie der gebaut ist, wie der alles bewegt. Die Haut, die Farbe und die Muskeln. Das fasziniert mich. Mit den Nacktaufnahmen von mir habe ich eigentlich angefangen, weil ich sehen wollte wie das ist, von mir fotografiert worden zu sein. Und dadurch, dass ich viel mit Mode zu tun habe, wollte ich auch keinen Dresscode. Ich wollte nur ganz nah ran und mich fotografieren, ohne Anzug oder so etwas dazwischen. Jedes Foto von mir ist allerdings gewissermaßen ein Selbstportrait. Weil ich mir alles selbst ausdenke, was ich fotografiere, wo ich mich als mein Model hinstelle.

Debug: Zwei große Missverständnisse in der Arbeit Juergen Tellers: 1. Mode ist ihm total egal. 2. Er macht nur uninszenierte Schnappschüsse.

Teller: Das mit den Schnappschüssen ist natürlich totaler Quatsch. Wenn man zum Beispiel das Bild von Victoria Beckham in der Marc-Jacobs-Tüte nimmt: Da muss ich ihr meine Idee ja vorher erst einmal erklären, und diese überdimensionale Tüte anfertigen lassen für irre viel Geld, Studio mieten, wir müssen rüberfliegen, Abendessen mit David Beckham und das ganze Zeug. Licht, Haare und Make-Up noch nicht einmal mitgerechnet. Was ist denn bitte daran ein Schnappschuss? Wenn du das der Victoria vorher nicht erklärst, dann ist doch Sense. Dann klappt das nicht. Im Grunde muss man doch sagen, dass meine Arbeiten ziemlich sophisticated sind, aber dadurch, dass ich auch kommerziell erfolgreich bin, sehen das auch die Deppen und klar verstehen die das nicht. Das nimmt man ihnen ja auch nicht übel.

Debug: Hätten Sie noch ein drittes Missverständnis, das man klären müsste?

Teller: Anti-Fashion. Dass ich die Models immer so hässlich fotografiere oder ungeschminkt. Auch totaler Blödsinn. Viele meiner Fotos sind komplett Fantasy und glamourös. Bei vielen Modefotografen erkennt man ja überhaupt nicht die Kleider. Was der Designer sich gedacht hat, was für Stoffe das sind, alles hinter Schatten oder Überblendungen versteckt. Bei mir steht die Mode im Vordergrund.

Debug: Nach den Beinen von Victoria Beckham, die aus der Tüte gucken, oder wo Sie mit Charlotte Rampling auf dem Steinway knutschen. Hat man da am Ende Angst, dass es das jetzt wirklich war. Dass da nichts besseres mehr kommt danach? Was machen Sie am nächsten Tag?

Teller: Das hatte ich öfters. Ja. Wie soll ich das noch toppen? It‘s over. Dann heißt es: Was anderes machen. Einfach leben. Schach spielen. Tennis spielen, sich um die Kinder kümmern, versuchen paar neue Gerichte zu kochen. Sachen anschauen. Viel machen, nichts machen. Aus irgendeiner Ecke kommt sie dann reingezwitschert, die neue Idee. Was aber gut ist mit dem Alter: Du bist dir deiner sicherer.

Debug: Was um Himmels willen ist ein aufrichtiges Bild?

Teller: Wenn es aus dem Tiefsten deines Herzens kommt. Aus dem Bauch heraus und aus dem Kopf. Dass nur du dieses eine Bild machen konntest. Oder eben Mapplethorpe, Mikhailov oder Eggleston.

Debug: Noch eine blöde Frage am Ende: Sind dünne Frauen die besseren oder nur die schöneren Menschen?

Teller: Wirklich eine total blöde Frage, die brauche ich eigentlich auch gar nicht beantworten, aber gut: Ich finde auch dickere Leute gut. Ich finde mich ja auch gut.

3 Responses

  1. Ich, Fan « …Und So Zeug

    […] Jahren hängt dieses großartige Juergen-Teller-Foto über meinem Schreibtisch: Mein Lieblingskünstler mit meinem Lieblingsbier in meiner […]