Rap, Trap und Viper Tea
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 166

HipHop mauserte sich in den letzten Jahren zur Musik der Stunde – es ist aber aber nicht alles Gold was glänzt. Die Abrechnung mit Rap.

Am Anfang stand die Sichtung eines Phänomens: Wie blinkende UFOs am Nachthimmel amerikanischer HipHop-Tradition schien sich eine neue, von ganz jungen Protagonisten gelenkte Untergrund-Rap-Szene abzuzeichnen, die von East Coast zu West Coast, von Atlanta bis Chicago reicht. Im Windschatten vom juvenilen Großangriff des anfänglich unabhängigen, inzwischen aber mit Sony verbandelten Odd-Future-Kollektivs, poppten plötzlich überall Crews und Klans aus dem ausgelaugten Boden und verströmten die erfrischende Botschaft, dass etwas im Gange sein könnte, das über Hipster-Hysterien und die jährliche Freshman-Auswahl auf dem Cover des XXL Magazins hinausgeht: HipHop ist wieder wer, jetzt aber wirklich. Die vielen neuen Gesichter, Namen, Spielarten und Unterspielarten ließen die Hoffnung aufkeimen, dass mit dem Generationswechsel auch ein Paradigmenwechsel im immer gleichen Rap-Böse-Böse-Stereotyp aus Gewalt, Drogen und Promiskuität in Sicht sein könnte – zumindest wiesen die soften “Based”-Lebensweisheiten eines Lil B, die verkifften Ozean- und Wolken-Rap-Produktionen von Clams Casino, Main Attrakionz etc. und der so angenehm nachvollziehbare Fashion-Fetisch des über-hübschen A$AP Rocky darauf hin. Die mit dieser Entwicklung verbundene, endgültige Eingemeindung von HipHop und Rap in elektronische Clubzusammenhänge (Schlagwort Trap – mehr dazu später), in Hochglanz-Lifestyle-Magazine und jeden Musikblog von Oer-Erkenschwick bis Honolulu, ver- wischten aber auch – zumindest für meine auf Hipness gebürstete Popkulturbrille im weißen, europäischen Mittelstandsgesicht – die Grenzen zwischen den hofierten Art-School-Cuties aus Brooklyn, der in klassischer HipHop-Manier nachrückenden Rookie-Riege (die von kleineren Labels geschult und begleitet wird, bis sie Major- Deals zugeschustert bekommt) und den vor Authentizität schwitzenden, selbst zusammengefriemelten und mit allen Effekten, die ein billiges Videobearbeitungsprogramm hergibt, aufgemotzten Hood-Viralitäten aus den Händen selbsternannter Nachwuchstalente. Man schaue sich nur ein beliebiges Video des blond-gebraideten und unlängst von Mad Decent gesignten Trash-Rappers Riff Raff an.

Gras und Hustensaft? Klar doch.
Mykki Blanco, Whiz Kalifa und irgendeine freche kleine Socke mit Mic und Videohandy, die vor ihren irren No- Name-Freunden aus’m Kiez rumspringt – alles das Gleiche also? Eine einzige, zeitgemäße, glückliche, neue, unabhängige HipHop-Familie mit A-hell-of-a-Anschlussfähigkeit an meine aus den Achtzigern mitgeschleppte, naiv-ro- mantische Vision des ehrenhaften, sich selbst genügen- den Untergrunds? Quatsch mit Soße. Die wollen doch eh alle nur gesignt werden. Oder doch nicht? Als Adressaten meiner Frage wollte ich mir die allerjüngsten Beispiele vornehmen, die Jugend von heute, die geschickten Kinder des Internets, die offensichtlich mit Twitter-Konto und YouTube-Channel auf die Welt gekommen sind. Sasha Go Hard, Amber London, Kitty Pryde, HBK Gang, Chill Black Guys und wie sie alle heißen, die 15- bis 20-jährigen Kleinstunternehmer im Game. Wie ticken die? Schule? Eltern? Berufswunsch Rapper? Also in Kontakt treten, hin- schreiben via Facebook und obskuren Gmail-Adressen und – warten. In der Zwischenzeit Video über Video schauen und langsam die Unterschiede im vermeintlich Gleichen erkennen. Wenn der 25-jährige A$AP Rocky den “Purple Swag” ausruft, das Gras sich auf den Tischen türmt, und die Inspirations-Droge Nummer-1, die die Rap-Szene in aller angeberischen Öffentlichkeit beherrscht wie nie zuvor, theatralisch verherrlicht, dann mag das ein winziger Fortschritt gegenüber Gangsigns und Knarren-ins-Gesicht-halten sein. Die gleiche Symbolik im Homemade-Video einer Teenager-Clique muss aber anders gewertet werden, auch wenn es schwer fällt. Ist doch total witzig, wenn in Chill Black Guys Filmchen zu “Smokin’ On Purp” direkt nach dem Aufstehen der erste Blunt gerollt wird, mit einem iPad als Brösel-Unterlage, ha ha, wie jetzt! Und im nächsten, natürlich lila eingefärbten Flick, diese ganzen niedlichen Kinder sich mit Hustensaft- Sprite-Mische zuschütten, Purple Drank, purple purple, alles Rausch, hilarious, lass ma’ rumhüpfen. Wieso machen die das? Weil an teure Autos, Bitches und Money schlecht heranzukommen ist mit 15. Aber Gras und Hustensaft? Klar doch. Und wenn dann doch mal einer an eine Waffe gerät, Uzi Alter, dann wird sie auch mitgeschleppt und es wird gefährlich herumgefuchtelt, ganz wie bei den Großen. Ausgerechnet das sind dann die Videos mit den meisten Klicks, die kleinen Rappern wie dem minderjährigen Chicagoer Chief Keef einen Deal mit Interscope besche- ren. Wer mit 15 schon fünf Videos raus hat und 20.000 Follower auf Twitter, der lässt sich auch kapitalisieren, ganz bestimmt, ob als Sensationsmeldung auf dem Musikblog oder als Major-Label-Protegee. Sex kann jeder, aber jung sein? Das geht schnell vorbei, also ran an die Kids, ab- verkaufen. Und während ich noch Direct Messages nach Antworten auf meine Interview-Anfragen durchforste, fällt ein Schuss. In Chicago wird der 18-jährige Lil JoJo von seinem Fahrrad geholt. Tot. Und ein 17-Jähriger twittert: “HahahahahhahahahahahahahaahhAAHAHAHAHA #RichNiggaShit Its Sad Cuz Dat Nigga Jojo Wanted To Be Jus Like Us #LMAO”. Krass, wer sagt denn sowas? Eben jener Chief Keef, Baby Thug, Großmaul, Vollidiot, der kräftig Beef hatte mit Lil JoJo und jetzt vom Chicago Police Department vernommen wird. Und schon lange verbandelt sein soll mit einer stadtbekannten Gang. Im nachfolgenden medialen Tumult lerne ich: Nicht nur meine Brille ist verrutscht. Der Regen der Schuldzuweisungen setzt ein: Wie konnte Interscope so jemanden signen? Wie konnte Kanye West so jemanden supporten? Wieso sind wir und die gesamte amerikanische Musikpresse auf so jeman- den hereingefallen? Dieses Monster! Tja, vielleicht weil es so einfach ist, unter dem Deckmantel der Popkultur alles und jedes nur auf seine Marktfaktoren, welche das auch immer gerade sein mögen, zu durchleuchten – der große neoliberale Rock’n’Roll Swindle.

Mit der Knarre in der Hand
Und auch, weil wir nicht mehr auseinanderhalten können, wer hier eigentlich was kopiert. Die Kinder die Erwachsenen, das Leben die Kunst? Erzählt “The Wire” die Realität nach oder stiftet es sie gar? Selbst das sonst so moralisch einwandfreie Leitmedium Pitchfork gesteht einen Fehler ein und nimmt ein älteres Video-Interview von der Seite, das Chief Keef ausgerechnet auf einem Schießplatz zeigt, mit Knarre in der Hand. Wie passend und cool, hatten die Redakteure weiland bestimmt gedacht, das gibt Klicks. Das ewige Presse-Dilemma. Zwischen all den Kommentaren und weisen Ratschlägen aus dem Munde altväterlicher HipHop-Legenden, die sich im Weiteren häufen, meldet sich auch Chief Keefs Großmutter in der Chicago Sun-Times zu Wort: “Wann soll denn der Junge Zeit haben für das ganze Gangster-Zeugs, der ist doch immer zu Hause!” Ok, durchat- men, noch mal hinsehen: Für Granny ist der kleine Chief ein lieber Junge mit einer bösen, aber imaginären Rap-Persona. Für die Presse ist er der Wurf der Saison, mit dem sich sogar im selbstkritischen Abgesang noch Leserzahlen schinden lassen (gerade jetzt, zum Beispiel). Und für mich? Genau so ein kleiner Wichser, wie die Kinder-Stresser, die mich in der U-Bahn schon mal fast verprügelt hätten, Problem-Kiez, ihr wisst schon. Mit dem Unterschied, dass ich mir von diesen Kids keine Videos ansehe. Depression. Sogar meine der- zeitige Favoritin Sasha Go Hard hat es mir nun fast vergällt. Die zarte Rapperin – immerhin schon 20 – soll ebenfalls an der Peripherie Chicagoer Gangaktivitäten gesichtet worden sein. Ich hatte sie für ein Schulmädchen gehalten, das sich gerade mal für ihr tolles “Tatted Like a Biker Boy”-Video ein bisschen Tinte und Make-Up auf die Haut hat schmieren lassen und die Bandana, die sie in einigen Szenen vor dem Gesicht trägt, nur als Zitat und Empowering-Gestus instrumentalisiert. Fragen kann ich sie nicht – es gibt keine Rückmeldung. Als ich gerade aufgeben will, flattert doch noch eine Mail ins Postfach: Mein Twitter-Kumpel ISSUE rettet meine Welt.

Der 17-Jährige lebt irgendwo in der Bay Area und ist der Sohn von Rap-Mogul E-40. Er hat ein paar Mixtapes raus, einige wenige Videos, in denen er sich niemals selbst zeigt, dafür eine Vorliebe für europäische Luxuskarossen. Glaubt man seinen Texten, fährt er täglich mit einem Lamborghini in die Schule. Der Herr Papa hat sich längst in die HipHop Hall of Fame eingeschrieben, das Familienkonto sollte entsprechend gut gefüllt sein und das Leben in der Hood weit entfernt. ISSUE wächst offensichtlich behüteter und mit besserer Schulbildung auf als seine Altersgenossen in den sozialen Brennpunkten von Chicago. Wenn er von der Schule nach Hause kommt, hebt er ein paar Gewichte und setzt sich dann wieder vor seinen Computer, um, wie er sagt, seinem “Hobby” nachzugehen. Das Hobby heißt Teaholics, sein Label, und ist bezeichnend für die Droge der Wahl des jungen ISSUE: Er trinkt ausschließlich und viel AriZona Eistee gemixt mit blauem Gatorade, das Getränk trägt den schnittigen Namen Viper Tea. Alkohol? Gras? Sonst was? Nein. Was hält er von den Weed-Eskapaden seiner Peergroup? “Im Augenblick nervt es mich wirklich, ständig jemand sagen zu hören ‘Smoking weed with a bad one’. Sicher, ein paar Weed-Songs sind ganz gut, ‘Get Lit’ von A$AP Rocky oder ‘Up’ von Wiz Khalifa, aber das war’s auch schon”, sagt er und wischt mit einem Satz die Relevanz dieser Tracks vom Tisch: “Sie könnten eine Botschaft haben, wenn die nicht im Gegensatz zu ihrer Fixierung auf Weed und Frauen stünde.” Kennt er denn seine jugendlichen Mitstreiter? Ich zähle alle Namen auf, die mir einfallen. “Tja, der Trend ist riesig aber nein, ich hör’ mir das nicht an. Mit einer Ausnahme: Denzel Curry vom Raider Klan (dem auch SpaceGhostPurrp angehört, siehe 4AD-Special in DE:BUG 164, Anm.d.Red.). Wir werden wohl gemeinsam etwas aufnehmen. Einige dieser Künstler suchen sich einen nachgemachten Lex-Luger-Beat, schreiben einen Text, der sie irgendwie mit der ‘Hood’ in Zusammenhang bringt und haben eine 3-Wörter-Hookline. Nun gut, viele Leute mögen das, ich für meinen Teil aber nicht. Alles klingt gleich. Rap ist nunmal das Genre der Stunde und bestimmte junge Rapper ziehen ihren Vorteil daraus, vorsichtig ausgedrückt. Ich mache solche Songs mit links, gib mir fünf Stunden und ich hab’ ein Mixtape mit 15 dieser Tracks fertig, das ist wirklich nicht schwierig!”, erklärt er mir. Na gut, ein wenig gesundes HipHop-Posertum wollen wir ihm zugestehen, das hat Tradition und ist wohl unausweichlich als jüngster Sohn in einem Haushalt, in dem jeder singt oder rappt. ISSUE wurde schon mit Elf von seinem Bruder Droop-E in die Kunst des Produzierens eingeweiht und hat seitdem an die 1000 Beats auf Halde, von denen er erst einen Bruchteil veröffentlicht hat, als Hobby wohlgemerkt. Eigentlich würde er gerne Filmkomponist werden, sein Idol ist der große John Williams (E.T., Star Wars, Superman uvm.). Und wie schätzt ISSUE seinen eigenen Stil ein? Ich schlage Cloud Rap vor, er ergänzt um Buzzed Out und Based, nur um wieder abzuwiegeln und die offizielle Teaholics-Einsortierung zu verkünden: No Genre. Als Beispiel nennt er seinen Freund und Label-Artist Avispado und dann passiert etwas ganz Wundervolles. Ich erhalte einen Link über Twitter, der mich zum neuen Mixtape von Avispado führt, “Mixes of the Frenzied”, und mir fast die Tränen in die Augen treibt: Was für ein Talent! Alles wieder gut. Zum Abschluss möchte ich wissen, wo ISSUE sich in fünf Jahren sieht und bekomme die Antwort: “In Europa wahrscheinlich. Ich fühle da eine Verbindung, eine Art Aura, die ich in den USA nicht spüre. Unsere Rap-Szene ist zwar die beste der Welt, trotzdem verstehen viele hier nicht das Genie hinter meiner Arbeit. Sie wurden vom ‘real rap’ einer Gehirnwäsche unterzogen und akzeptieren nichts anderes.” So ist es wohl.

Trap Rap
ISSUE ärgert sich noch kurz, dass er zu jung ist, um wählen zu dürfen und im November für Obama zu stimmen und weg ist er, mein neuer Posterboy für Tee, Sportwagen und Genialität. Und sonst? Da war doch was. Genau: Trap. Dieses Genre darf auf unserer Tour zur Jugend des Rap nicht fehlen. Trap, so wird im Gangster-Sprech die gehetzte, unfreie, von Drogen, Bullen und Gangrivalitäten geprägte, ausweglose Position des Badman bezeichnet: in der Falle. Also genau die Lebensrealität, die von den kleinen Chief Keefs und Lil JoJos so tragisch nachgeahmt wird. Jetzt dient Trap als Überbegriff für den Siegeszug der härteren Rap-Gangarten durch die Clubs der ganzen Welt. Dirty South, Crunk, Bounce und Hyphy als Muttergenres, schwere Beats, ruffe Lyrics und eine 808, mehr braucht es nicht, um von der neuen, EDM-besoffenen Rave-Elite elektronisch aufgearbeitet zu werden, mit noch fetteren Basslines, noch krasseren Kickdrums und 145 BPM, die sich so dankbar mit Dubstep oder UK Bass mixen lassen. Die Hipster haben es wieder geschafft. Und sauber gemacht. Nirgends findet so wenig reales Gangstertum bei so direkter Bezugnahme statt, wie beim heißen Scheiß der Saison. Sieht man in die ungläubigen aber interessierten Gesichter der “echten” HipHop-Produzenten in Atlanta oder Chicago, die in der unlängst erschienenen und von Mad Decent koproduzier- ten Doku “Certified Trap” Tracks zu hören bekommen, die Szene-Produzenten wie Diplo, Flosstradamus, Lunice oder Trap-A-Holics nach ihren Vorlagen gemacht haben, könnte es vielleicht an ein paar mehr Stellen zu einer Aufweichung der Gehirnwäsche kommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Depression Ende.

ISSUE: twitter.com/#!/IHeardISSUE
Avispado: twitter.com/AvispadoMusic
Teaholics Records: teaholics.tumblr.com

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Elektronische Lebensaspekte.

16 Responses

  1. Jonas

    … und so dreht es sich weiter, das Rad der Zeit. “Genres are for journalists” …