Schwereloser Synthiepop und introvertiert: Die Junior Boys. Ihr neues Album ist jedoch kantiger und bringt die Rückkehr der Schwerkraft.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 132


Schwereloser Synthiepop für nachhaltiges Hören ist die große Kunst von Jeremy Greenspan und Matt Didemus. Fast hätten sie sich zu den introvertierten Pet Shop Boys der Nuller-Jahre gemausert. Aber jetzt setzen sie kantigen Anspruch gegen den Sekundenkonsum der Internet-Generation.

Die Junior Boys machen es jetzt wie Daniel Kehlmann. Sie praktizieren nach dem Erfolg erst mal ein bisschen Selbstreflektion. Ihr neues Album will schwierig sein und leicht zugleich. Aber vor allem ist es: schwierig.

Dabei galt für die Junior Boys bisher: Wenn du Musik suchst und sie nicht findest, weil du plötzlich nur noch Platten zu hören kriegst, die klingen, als hätte eine Grottenolm-Familie aus Berlin Friedrichshain die gesamte elektronische Musik gekapert, dann gibt es eigentlich kaum was besseres als die Junior Boys. Diese Zwei-Mann-Band ist ein Heilmittel.

Sie macht Musik, die einen spüren lässt, dass es da draußen noch mehr gibt als Abfuck-Rave und Noise-Projekte von Kunsthochschulstudenten, und zwar Pop-Musik, die auch völlig unbedarfte Menschen hören können – und dafür muss man erst mal verdammt dankbar sein. Die beiden Boys sitzen auf einem schmalen Sofa im Erdgeschoss einer Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg, der eine schläft halb, der andere redet und redet und draußen strahlt die Sonne rein.

Wir befinden uns auf der Deutschland-Etappe eines Hardcore-Interview-Marathons. Gestern waren sie in Paris und morgen sind sie in London. Sie tun eigentlich seit Tagen nichts mehr als Fragen zu beantworten (“Euer beschissenster Auftritt?“ / “Euer bester Auftritt?“ / “Wie würdet ihr selbst eure Musik beschreiben“ / “Welches Hot-Chip-Mitglied würdet ihr bei euch in der Band aufnehmen?“ / “Was macht die Techno-Szene Kanadas so interessant?“).

Jeremy Greenspan und Matt Didemus, die sich in dieser Konstellation seit 2004 Junior Boys nennen, aber auch mal gerne als The Junior Dogs, Virginia Boys oder Junior Brothers angekündigt werden, wenn sie in einer Radiosendung zu Gast sind, nehmen das ziemlich locker. Egal wie blöd die Fragen sind. Sie erklären es allen und sind freundlich. Sie sagen, dass sie aus Hamilton in Kanada kommen, einer mittelgroßen Arbeiterstadt, da zusammen aufwuchsen, dass sie als Teenager gemeinsam die Techno-Szene in Windsor und Detroit erobern wollten, aber dass sie keiner so richtig dabei haben wollte, weil Techno damals eine “No New Members“-Politik zu haben schien.

Beide sind sie jetzt 29 Jahre alt und längst Mitglieder ihres ganz eigenen Clubs. Sie tragen karierte Hemden zu Jeans, sind haarig und kräftig gebaut. Sie machen zärtliche Musik. Aber sie sehen nicht besonders zärtlich aus. Sie sehen aus, als würden sie ein Tier mit bloßen Händen erwürgen, wenn es ihnen in die Quere kommt.
Natürlich reden sie vor allem über ihr neues Album. Und es wird schnell klar: Es ist das schwerste bislang. Superschwer sogar, weil: Die Chance nicht zu versagen, ist eigentlich gleich Null.

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Es ist die Daniel-Kehlmann-Situation. Sie waren erfolgreich und jetzt müssen sie irgendwie nachlegen und weitermachen. Der Druck kommt vom letzten Album von 2006. ”So this is goodbye“ war eine viel gelobte und gespielte Borderline-Disco-Platte, der Gesang war weich und klebrig wie Zuckerwatte, die Instrumentierung aufregend alt und neu zugleich – ihre Musik klang kalt und leicht, als wäre sie dafür gemacht worden, auf den Sonnenkollektoren einer durchs Weltall eiernden Raumstation zu tanzen.

Und als dann auch noch ein paar sehr gute Produzenten (darunter Carl Craig, Morgan Geist und Kode9) ihr Album neu interpretierten, hatten sie auch im Partyland gewonnen, einem Ort, der für sie bis heute ziemlich wichtig ist. ”Ich fand an Tanzmusik immer toll, dass es um eine extrem intensive Hörerfahrung geht. Die Idee ist ja, du gehst hin zu diesem Ding: Und dann hörst du für Stunden und Stunden Musik. Ich meine, ich habe ja nicht mal Drogen genommen.

Du hörst dir die Musik an, wie sie sich langsam entfaltet, und dann verstehst du’s plötzlich, was das soll mit der Musik und den Songs und diesen ganzen ewigen Wiederholungen“, sagt Jeremy Greenspan.
Was jetzt kommt, ist kein Album. Es ist ein künstlerischer Lackmustest. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Frage, ob sie das Zeug haben, gemeinsam mit Hot Chip die elektronische Pop-Band dieser Tage zu sein.

Im Grunde haben Jeremy Greenspan und Matt Didemus nun für die Daniel-Kehlmann-Situation auch eine Daniel-Kehlmann-Antwort gefunden. Nach dem Erfolg, nach der Aufmerksamkeit, kommt erst mal ein bisschen Selbstreflexion. Das Schreiben, Musikmachen, den Arbeitsprozess analysieren und etwas Neues schaffen daraus. Die Junior Boys sind eine extrem strukturiert arbeitende Band.

Sie haben eigentlich immer eine Art Konzept, dem sie für ein Album folgen. “Bei ’So this is Goodbye’ drehte sich alles um diesen einen Frank-Sinatra-Song. Es ging um Nostalgie, darum, mit surrealer Traurigkeit auf sein Leben zurückzublicken“, erzählt Jeremy Greenspan.

Beim neuen Album “Begone Dull Care“, was zu Deutsch so viel heißt wie “Trübsal ade“, geht es, was erst mal ein bisschen putzig klingt, um einen wahnsinnig begabten kanadischen Animationsfilmer namens Norman McLaren, der in den 50er Jahren tolle, abstrakte Bilder für Jazz-Musik entwarf. Aber eigentlich geht es natürlich um mehr. “Norman McLaren entwickelte eine Arbeitsweise, die sehr unmittelbar und spontan war.

Er zeichnete direkt auf den Film. So eine Art von Action Painting. Er hatte diese Strategie, dass er sich nicht mehr für lineare Erzählungen interessierte. Es waren einfach nur Ideen, die schnell kamen und schnell umgesetzt wurden. Er spielte mit der Technologie und ich wollte, dass das Album so ähnlich ist. So wie er Filme machte, wollte ich Musik machen“, sagt Jeremy Greenspan.

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Es ist also eine Meta-Betrachtung des kreativen Lebens geworden. Es geht um den Traum der Unmittelbarkeit, die künstlerische Lobotomie, den Wunsch, das Abwägen, Rationalisieren, Durchdenken abzustellen und zu vernichten.“ ”Die Kunst durch sich sprechen zu lassen“, wie Jonathan Meese das nennt.
Das Blöde ist nur, dass man davon auf “Begone Dull Care“ erst mal nicht viel mitkriegt, weil es einen als das genaue Gegenteil von Unmittelbarkeit anspringt. Das Album ist kompliziert. Es ist keine Umarmung, keine Einladung mehr, sich auf das Space-Disco-Schiff beamen zu lassen. Die Schwerkraft hat ziemlich zugeschlagen.

Jeremy Greenspans Stimme ist wie immer weich und süß. Doch in der Softheit schwingt diesmal eine Spur Aggression mit. Es gibt Lieder auf dieser Platte, die klingen beim ersten Hören zumindest wie eine Aufforderung, sich in weißen Jeans auf den Balkon zu stellen und mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Regen hineinzusingen. Pathos-technisch definitiv ein Stück weit ins finstere Reich des Lächerlichen trudelnd. Womöglich ist das ja auch gewollt, dieses Komplizierte, Sperrige, ein bisschen Übertriebene. “Das Album erfordert die Mitarbeit der Hörer. Beim ersten Mal sagen sie vielleicht: Ich habe keine Ahnung, wie ich mich jetzt fühlen soll oder was diese Musik von mir will.

Wir wollen ein Zeichen setzen gegen diese unkonzentrierte Soundbyte-Kultur des Internets, die sich in letzter Zeit immer mehr ausbreitet. Wo Musik produziert wird, die sich schon nach fünf Sekunden offenbaren muss“, sagt Jeremy Greenspan. Vom elektronischen Großpop-Projekt aus betrachtet ist diese ganze Problematisierung der Musik natürlich an sich schon ganz schön problematisch. Darf Pop anstrengend sein? Rein gegenwärtig betrachtet würde man ja erst mal sagen: bitte nicht. Aber langfristig funktioniert so was ja seltsamerweise oft. Das sieht man ja auch an David Bowie. Grade die komplizierten Terror- und Problem-Phasen werden dann später abgefeiert wie nix.
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Elektronische Lebensaspekte.