Die beiden Kanadier Jeremy Greenspan und Matt Didemus sind die große Hoffnung für einen Sehnsuchtspop, der sich nicht in nostalgischer Verklärung verheddert. Genau darauf haben gerade alle gewartet.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 105

Junior Boys

Das zweite Album von Greenspan und Didemus erzählt die Geschichten vom Ankom men, Niedergehen und Rückblicken, aber auch des Dabei-Bleibens.
Wie verhält man sich zu einer Musikgeschichte, der nichts Neues einzufallen scheint? Kann man im Pop rückwärts schauen, ohne in Verklärung zu versinken? Junior Boys machen vor, dass dies nicht notwendig bei besserwisserhafter Rückbesinnung bleiben muss, sondern schlagen als Gestus aktive Aufarbeitung vor.

New Nostalgia

Es wird also von Sehnsucht gesungen. Doch: Nostalgie, Heimweh, Mutterbauch. Sehnsucht nach wohin?
Ein Durchschreiten weitläufiger und nur spärlich gefüllter Shopping Malls. Hotel-Lobbys, Flugplätze, leere Autobahn im Dämmerlicht. All das sind kühle, klischeedurchsetzte Bilder, die globalisierte Version von Casper David Friedrich und erinnern an Edward Hopper in amerikanischer Gegenwartssuburbia oder die Bilder des Berliner Künstlers Tim Eitel.
Man kennt die musikalisch und textlich skizzierten Szenen. Nicht zuletzt von Postkarten oder gerne auch aus der Mercedeswerbung – aber eben auch aus eigener Erfahrung. Diese Situationen, wo man immer, wenn man sich real in einem solchen Bild und angeschlossener Gefühlssoße befindet, gleich mitdenkt – Halt! das ist jetzt aber zu cheesy, das geht so nicht, schnell an was anderes denken, das wird mir zu sentimental romantisch: hier rumstehen, schweigen, langsam losgehen, schauen, weiter Blick, Himmel hängt tief und ist ebenso weit, Licht sieht gut aus, ich sehe mir selber zu – irgendwie still und schön und schlicht.
Diese Bilder funktionieren trotz Gegenwehr immer noch, jeder hat die für sich im Kopf und an Dinge und Orte gebunden, die von da aus etwas öffnen, einen irgendwie in die Vergangenheit befördern können und schon beim ersten Blick so etwas Deja-vu-Haftes haben. Als sei man schon einmal da gewesen.
Genau wie mit den demonstrativen Verweisen an die musikalische Geschichte wird auf “So this is goodbye“ ein Bildkosmos geschaffen, der verblüffend klischeedurchsetzt wirkt und trotz oder vielleicht eben genau über diesen Punkt funktioniert.
Nostalgie als möglicher Fluchtpunkt? Tragisch ist es nämlich schon deshalb nicht mehr, weil die Junior Boys das nostalgische Objekt ins Heute befördern, statt rein melancholisch auf eine vergangene Zeit zu blicken. Pop wird hier weniger als Verwahrungsort von Hipness definiert denn als performative Zeitmaschine. Sehnsucht schwingt vor und zurück.

”In den Texten geht es um den Moment des Zurückblickens. Es ist schwer zu erklären, es ist mehr eine Art des Nachdenkens oder Erinnerns. In halbmelancholischer Art über Objekte und Dinge nachdenken. Es geht um Menschen, die die Dinge um sich herum mit Bedeutung aufladen, im Sammeln Bedeutung finden.
Fotografien, alte Filme, Plätze in der Stadt, in der du wohnst, die du schon lange kennst, wo eigentlich gar nichts passiert, mehr Stimmungen. Architektur kann da auch eine Rolle spielen. Um Menschen, die von solchen Sachen bewegt sind, spielt eine bestimmte Art von Traurigkeit oder Sehnsucht. Ich weiß wirklich nicht, ob du weißt, wovon ich spreche. Darüber hinaus geht es darum, an einem bestimmten Punkt mit etwas zu Ende zu kommen, im Rückblick an einen bestimmten Ort deines Lebens zu kommen, den man dann abschließt – und inwiefern das überhaupt funktioniert.“

Ich frage mich, ob es glücklich ist an diesem Ort? Das hat ja auch schnell so etwas Rückwärtsgerichtetes und Weltverklärendes?

“Darum geht es auf der Platte. In der Vergangenheit haben sich Dinge angesammelt. Davon wird die Vergangenheit ausgefüllt. Es entsteht ein obsessiver Spielraum, der in die Gegenwart reinreicht.“

Bitte nicht berühren, frisch wiederbelebt

Junior Boys machen Synthpop. Ja, doch, in der gröbsten Vereinfachung sagt man das so. Sehr langsam gespielter House wird voll unhousig ständig unterbrochen, Leerstellen machen sich in der Songstruktur ganz weit und lasziver, schwelgerisch-verklärter Gesang schleicht über Tracks, die dann so langsam nicht mehr Tracks, sondern Lieder sind.
Man pegelt die Musik der zwei Kanadier in eine Tradition aus New Wave und 80s Pop, bemüht Human League und New Order, natürlich frühe Disco- und Housemusik, Jamie Principle, Frankie Knuckles. Nach dort, wo Disco noch nicht ganz Dance Musik im heutigen Sinn war, gerade was das Tempo angeht. Man ist immer ein bisschen drunter, so bei 110 Bpm, etwas unter dem konventionellen Tempo, eigentlich zu langsam für House, aber zu schnell, um R’n’B oder HipHop zu sein.
Eigentlich klingt “So this is goodbye“ aber wie das erste, nicht existierende Album von Zoot Woman, es spiegelt die weniger konsequente Version des Zoot-Woman-Konzeptes, denn hier geht es gar nicht so sehr darum, eklektizistisch schnöde Styles auszustellen und am Ende in Rockismen zu versumpfen – das Zitat wird zur naturhaften Praxis. Weniger Glamour, weniger hochtrabend und aufpoliert-gutaussehend, aber im Umkehrschluss auch weniger fresh, das ist eben die Kehrseite.
Die aufgeräumte Version von Hot Chip, die tadellose, klassische, weniger süße, eben nicht ganz so originelle, sondern ehrwürdige Variante. Die so angenehm ungezwungen nichts vormachen muss und deswegen zwar souveräner klingt, aber eben nicht so geil neu und hungrig nach Pophimmel.

Abschied nehmen, Ankommen. Es wurde längst registriert: Die Popkamera schwenkt um. Der Blick geht zurück.
“Please, please don’t touch.“ So tönt es aus Count Souvenir, und beim ersten Hören denkt man das ständig:
Macht das nicht! Nicht auch das noch, diesen überdeutlichen Verweis an die Musik der 80er. Wie mit Weichzeichner und in Zeitlupe rafft sich das Bild zusammen. Es wird weit ausgeholt, man lässt sich Zeit, hält inne. Immer eher weitwinkeliges Fernrohr als rasendes Ranzoomen. Synästhetisch ist das alles sehr pastellfarben. Würde man es heben wollen, wäre es ganz schön schwer.

Niedergehen mit Pop

Popmusik denkt den Anspruch, neu zu sein, zwangsläufig mit, handelt traditionell von Neuem. Neue Geräusche, neue Rolemodells, neue Struktur. Beim ersten Album wurdet ihr sehr für Einfallsreichtum und Cleverness gerühmt, bei der jetzigen Platte scheint mir eine fast absichtliche Reduktion Konzept zu sein.

“Wir sind schon immer sehr an traditionellen Effekten von Popmusik interessiert. Die Geschichte hinter den Sounds. Auch das man zeigt, wo man herkommt.
Wir wohnen immer noch in Hamilton bei Toronto, einer mittelgroßen Arbeiterstadt, und das ist sehr gut für uns. Die Ablenkung ist nicht so groß, dass ist sehr befreiend. Wir stehen nicht unter dem Druck, dies und das zu hören, was gerade in ist. Das ist eben in Großstädten schnell so, auch wenn man das nicht will. Wenn du etwas Neues machen willst, gleichst du es fast zwangsläufig ab mit dem, was sonst passiert. Das nimmt sehr große Energie, die nicht auf das Thema selbst verwendet wird.“

Wenn man aktuelle Vergleiche ziehen möchte, kommt man schnell auf Hot Chip, Zoot Woman, Musiker, die musikalisch und in der Gesamtattitüde sehr durch Referenzen und Zitate sprechen. Ich denke, dass eure Musik sauberer und klassischer klingt und auch irgendwie klarer.

“Ich muss sagen, dass ich die Bands eigentlich kaum kenne. Aber wir achten sehr auf Details und darauf, den Punkt einer bestimmten Ästhetik zu treffen, bewusst zu machen, wie wir klingen wollen, und dann bestimmte Einflüsse auch klar herauszustellen. Für uns ist das eine weitere Ebene des Geschichtenerzählens, die mir in zeitgenössischer Popmusik verloren gegangen zu sein scheint.“

Arrangierte Erinnerung

Alain Resnais ”L’anné derniere à Marienbad“ ist filmhistorisch deshalb so bahnbrechend gewesen, weil sich eine veränderte Art des Erzählens durchdrückte. Die Kamera hing weniger an den Protagonisten als an Gegenständlichkeit und Dingwelt.
Darüber hinaus wurde verbildlicht, wie Erinnerung als produktiver Prozess funktioniert. Vergangene Ereignisse werden an einer Blickverschränkung von Person und Gegenstand aktualisiert und unwillkürlich zurückgeworfen in die Gegenwart. Das Bild aus der Vergangenheit wird reanimiert und wieder verfügbar – allerdings nur unbewusst.
Während bei Resnais die Handlung in einem opulenten europäischen Hotel spielt, wird sie bei den Junior Boys in die Mittelstadt verlegt.

“Es handelt von Grenzstädten zwischen Metropole und Kleinstadt, die völlig unbeachtet sind und von denen es in Nordamerika sehr viele gibt. Obwohl riesig groß und voll mit Menschen, bleiben sie für immer unbeachtet. Aber es passiert etwas in ihnen, auch wenn man den gegenteiligen Eindruck hat. Sie sind Zwischenorte.“

Die Stylehöhle aus ewiglangen Korridoren, ornamentgeschmückter Decke und weitläufig gepflegtem Park in Resnais’ Film spiegelt sich in der lang gezogenen, aber opulenten Soundkulisse der Junior Boys.
Hier herrscht zwar kein bodenloser Eskapismus, aber schon demonstrativ verklärendes Woanders-Sein. Der ganze Science-Charakter, den elektronische Musik in gewisser Weise immer ausgemacht hat, dass neue, bisher ungehörte Sounds organisiert werden und fabelhafte Strukturen das ganze Trackding anders anhören lassen – von alldem keine Spur. Man sollte die Platte dennoch nicht nur als altes, sehnsuchtsvolles Bild und Wandschmuck betrachten, denn es birgt die Möglichkeit, kurz mal auratisch zu sein. Vielleicht aber gibt es von Pop mittlerweile auch nicht mehr zu wollen als diesen Ort verklärenden Woanders-Seins.

Wenn das sich aufdrängende Neue nicht mehr existiert (und ehrlich, keine Sau glaubt an Grime), werden musikalisch eben Mythen wiederbelebt, das machen viele so. Es ist Stigma unserer Zeit, dass die Popgeschichte sich an der Vergangenheit weiterschreibt. Was vergangen ist, ist längst nicht vorbei. Gerade deshalb ist es toll, diese Zeitlichkeit und mithin Vergänglichkeit unzweideutig ins fiktionale Zentrum zu rücken, denn das ist trotz allem, vor dem sich Pop am meisten fürchtet.

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Aus dem Nichts kamen Ende des letzten Jahres die Junior Boys aus Ontario, Canada, mit Poptracks und Fennesz-Remixen. Auf ihrem Debut-Album bauen sie ihre Unwiderstehlichkeit aus. "Last Exit" ist der Topf Marmelade, auf den alle gewartet haben, versprochen.
Text: René Margraff aus De:Bug 84

Junior Boys are go!

Bei den Junior Boys sind es unschlimme 80er Referenzen (also irgendwie schon Melodien für Millionen), vertrackte, an 2Step und R’n’B geschulte Mitwippbeats und eine der besten Stimmen seit langem, die sie zu dem Ding für den Sommer 2004 machen. Einmal im Ohr geht ein Song wie “Birthday“ da auch nicht mehr raus. Das junge Label Kin weiss Bescheid und setzt auf Fennesz und Manitoba-Remixe, die die filigranen Hits auch nicht kaputt kriegen oder gar verschlimmbessern können. Schlaues Marketing im Indietronicsland geht schon okay.

Die Namen hinter den Junior Boys klingen wie aus einem Film: Johnny Dark, Matt Didemus und Jeremy Greenspan. Letzterer steht für den Gesang und einen Großteil der Produktion. Die Grundidee, so gibt Jeremy zu, war es, “Garagetracks mit sparsamen, kalten New-Wave-Akzenten“ zu machen, doch inzwischen schweben sie in ihrer eigenen Soundwelt. In Artikeln und Reviews fallen immer wieder die Begriffe Synthpop und R’n’B (siehe oben); Jeremy wundert das aber auch nicht. “Es macht mir nichts aus. Solange deswegen dann niemand denkt, dass ein Song nach R’n’B klingt und der nächste wie ein Synthpopsong, geht das schon in Ordnung. Es ist schon wichtig, einen eigenen, unverwechselbaren Sound zu haben, nicht nur einen laschen Mix aus verschiedenen Dingen. Allerdings gehe ich mit meinen Einflüssen sehr offen um, daher wundert es mich nicht, wenn sie rausgehört werden.“
Neben den Songs gibt es bei den Junior Boys aber auch Stücke, die wohl eher als Tracks zu bezeichnen sind, ihre Liebe für Basic Channel und vor allem Rhythm & Sound, aber auch den shuffeligen Teil des Kompaktkatalogs verraten. Eine Welt voller Echos und Deepness, allerdings oft etwas runder und poppiger als die “Sachen aus deiner Gegend“, wie Jeremy seine Aufzählung von Favoriten einleitet.
Die Hits der Junior Boys entstehen auch so, wie es sich im Jahr 2004 gehört auf einem Laptop mit Softsynths, erweitert um ein Mikrofon und einen Minimoog, live wird das Ganze auch noch um eine Gitarre erweitert, um der Langeweile von Laptopgigs entgegenzuwirken.

Teach me how to fight
Wie fasst Jeremy die Inhalte seiner Songs zusammen? Es geht um einsame Geburtstage und andere emotionale Tragödien, Zustände jenseits von Unbeschwertheit. “Worum sie sich drehen? Hmmm, wer weiß das schon. In der Vergangenheit war es für mich oft sehr schwierig, Lyrics zu schreiben. Ich versuche aber Songs zu schreiben, die möglichst pathetisch und einsam wirken. Nicht weil ich es mag, mein Herz in diesen Songs ausbluten zu lassen, sondern weil mich das einfach mehr anspricht. Wahrscheinlich ist das meine Art, die Dinge für mich interessant zu halten. Zunächst wollte ich urtypische Popmusiktexte schreiben, das wurde aber durch Bravado und emotionale Exzesse ersetzt, Ruhe und knatschige Verwirrtheit.“

Klingt nach Gejammer? Rettet mir den Tag!

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