Jus Ed heißt bürgerlich Edward McKeithen und steht für House der ersten Güteklasse. Sein Geld zum Leben verdient er sich aber im Gegensatz zu seinen US-Kollegen als Gärtner
Text: Philipp Bullwein aus De:Bug 126


Jus Ed heißt bürgerlich Edward McKeithen und steht für House der ersten Güteklasse. Sein Geld zum Leben verdient er sich aber im Gegensatz zu seinen US-Kollegen als Gärtner. Sein Label Underground Quality mausert sich derweil vom Geheimtipp zur festen Institution aller Deephouse-Afficionados. Über den harten Weg durch die Drogensucht, gemeinsame Produktionen mit seinem dreijährigen Sohn und die Tatsache, dass selbst aus Russland edelster House kommen kann.

De:Bug: Du warst schon in den frühen 80ern DJ, hast dann aber eine Pause eingelegt. Warum?

Jus Ed: Drogen. Drogen und Alkohol, ich war ein Wrack.

De:Bug: Und du hast professionell aufgelegt …

Jus Ed: Yeah, Ich habe 1982 angefangen.

De:Bug: Wann hast du dir die Pause genommen?

Jus Ed: 1985, am Neujahrstag. Ich hatte nicht wirklich eine Wahl, aus meinem damaligen Job wurde ich bald gefeuert, sie haben mir meine Jacke gegeben und mir gesagt, ich solle meinen Kram auf die Reihe bekommen. Es war tragisch …

De:Bug: Bist du dann in Therapie gegangen?

Jus Ed: Nein, ich habe angefangen mit Zwölf-Schritte-Programmen bei den Anonymen Alkoholikern und so weiter. Nach fünfzehn Jahren Achterbahnfahrt, auf und ab, Drogen, Gefängnis, der ganze Kreislauf, war das aber nicht gerade sehr glamourös. Ich habe den Absprung geschafft. Viele andere hatten nicht so viel Glück. Larry Levan zum Beispiel … er war eine Berühmtheit. Er hatte ein Drogenproblem, das ihn letztlich umgehauen hat. Die Kombination aus Drogen und diesem Lebensstil. Die HipHop-DJs waren dann dran als Crack in die Szene kam. Ich bin sehr froh, dass ich es geschafft habe. Ich habe das alles nicht getan, um berühmt zu werden, sondern weil es einfach ein Teil von mir ist. Als ich meine erstes Release raus gebracht habe, habe ich gehofft, dass genug Leute da sind, die sie mögen, damit ich mein Geld zurückbekomme, dass ich in die Pressung gesteckt hatte. Im Grunde habe ich eine CD aufgenommen und einfach ein paar hundert Kopien der Original-CD gemacht. 2001 habe ich dann mit einer Party-Reihe begonnen, weil ich frustriert über den damaligen Zustand der Szene war.

De:Bug: Lass uns einen Schritt zurückgehen. Was hat dich zur elektronischen Musik zurückgebracht?

Jus Ed: Ich habe die Musik nie verlassen, nur die Szene. Ich habe mir jeden Samstag Vic Money’s Show auf 89.7 Kiss FM in New York angehört. Da wurde Club-Geschichte geschrieben. Vic hat die Regeln gebrochen und Underground-House gespielt. Das war großartig. Es gab noch ein paar andere DJs: Tony Humphreys, Timmy D. Rogers, Little Louis Vega. All die Jungs hatten dort ihren Platz. Sie bekamen immer mehr Aufmerksamkeit durch ihre Gigs. Vic war einer meiner Lieblinge und ich bin zu einer Party gegangen, um ihn mit Ruven Torol zu sehen.

Wir haben uns dann kennen gelernt und gut verstanden, uns für die WMC in Miami verabredet, da hat er mich gefragt, ob ich nicht auf einer Privatparty in seinem Haus in der Lower East Side dabei sein wollte.

Ich habe geantwortet: “Ich habe keine Platten”, und er sagte “Bring mit, was du hast”. Ich sagte zu. Als ich ankam, hatte ich sieben Platten, alle frisch von der Conference. Also fragte er: “Wo ist deine Plattentasche?”, und ich sagte “Das ist alles”. Er sagte: “Das? OK, dann spiel sie.”, und ich spielte da für etwa eine halbe Stunde. Ich habe ein bisschen gemixt und er fragte, ob ich mich nicht ihm anschließen möchte. Er meinte: “Du hast offensichtlich Skills.”, und ich war ziemlich verblüfft. Ich war zufrieden damit, Kassetten aufzunehmen, um sie im Auto oder zu Hause zu spielen und ich war glücklich als einfacher Tänzer, weil ich die Musik geliebt habe.

De:Bug: Welche anderen musikalischen Erfahrungen hast du während deiner Pause und dem Abschied von den Drogen gemacht?

Jus Ed: Meine Großeltern waren Jazz-Musiker. Mein Großvater ist schon lange tot, er starb Mitte der 80er. Meine Großmutter lebt aber noch und spielt auch immer noch. Sie haben alles von klassischem Jazz bis zu Ragtime gespielt und mich ermutigt, zur Schule zu gehen. Als ich zehn Jahre alt war, war ich für zwei Jahre auf einer Musikschule. Aber das war eher so ein Chor. Da herrschte eine ziemlich strenge Atmosphäre, also üben, üben, üben! Das war zu viel für mich.

De:Bug: Welches Instrument hast du gelernt?

Jus Ed: Perkussion. Ich habe in einigen Gruppen Schlagzeug gespielt. Mir fehlte aber immer Geduld und Disziplin für die Theorie, ich wollte einfach Musik machen.

De:Bug: Wovon hast du dann gelebt?

Jus Ed: Landschaftsgärtnerei. Ich hatte viele verschiedene Jobs. Ich habe mit der Musik nie angefangen, um Geld zu machen, denn dann kannst du schnell frustriert werden, weil du Interviews vor einer Kamera machen musst und solche Sachen. Ich habe bis jetzt noch nicht mal eine Pressemappe, mein Promoter muss erst noch eine zusammenstellen.

De:Bug: OK, zurück zu deinem Label …

Jus Ed: Das ging in der Zeit nach meiner ersten CD los. Ich habe damals zum ersten Mal die Underground Quality-Radioshow gemacht. Die kam ziemlich gut an. Wir haben uns davon freigemacht, das zu spielen, was in den Clubs gerade angesagt war. Es war eine Rebellion gegen die ganze UKW-Landschaft, gegen das Kommerzielle. Ich höre von vielen Leuten, dass mein Zeug “soulful” sei. Aber das ist es nicht, es sind einfach Sachen von der Straße, die ich hören möchte. Das Label habe ich also nach meiner ersten CD begonnen, die Underground Quality-Partys etwas früher. Das war unser Logo, “UQ”.

De:Bug: In welchen Locations? Habt ihr Räume dafür gemietet oder wie ging das?

Jus Ed: Ach, überall! Vic hat sich darum gekümmert. Er hat alle Clubs, Cafés und Spots ausfindig gemacht und uns auch finanziell lukrative Gigs zugeschanzt. Dann war Vic raus und ich begann mit Loft-Partys. Die waren dann wieder sehr underground.
Man musste auf der Mailing-Liste sein, um eine Einladung zu bekommen. Und die PA hab ich immer aus Connecticut mitgebracht. Das wurde mir irgendwann zu stressig und auch zu heikel. Ich wollte nicht, dass die Polizei unser Equipment beschlagnahmt. Also gingen wir wieder in Clubs. Das habe ich drei Jahre gemacht, dann war es genug. Ich wollte andere Musik spielen und auch eine Plattform für mich selbst haben, aber an der Ostküste kam meine Musik einfach nicht so an.

De:Bug: Um mal einen Eindruck von diesen Partys zu bekommen, wie viele Leute waren da?

Jus Ed: Bis zu 300 Leute. Einmal kam auch die Polizei … eine große Koksparty. Ein Jahr später war ich in Miami und die Leute sahen die UQ-Flyer und sagten: “Hey, seid ihr die Jungs? Oh mein Gott.“ Bis Miami hatte es sich rumgesprochen. Das war cool.

Und dann kamen die Leute vom “My House Your House”-Camp und fragten, ob wir eine Radioshow am Mittwoch machen wollten. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, wer die Show hören würde, also habe ich einfach losgelegt, irgendwas ins Mikro erzählt, Musik gespielt und Leute gefragt, ob ich ihre Sachen spielen sollte. Wenn ich einen Track bekam, habe ich ihn gespielt, auch wenn er meiner Meinung nach Schrott war, weil das der Job eines DJs ist. Du sollst neue Musik präsentieren, da gehört es dazu, auch Sachen zu spielen, die man nicht mag.

De:Bug: Erzähl mehr über dein Label. Hast du einen Masterplan?

Jus Ed: Ich habe die Philosophie, dass du Teil der Lösung statt des Problems sein solltest. Es gibt einen Haufen Leute in der Szene, die sich darüber beklagen, wie es gerade läuft. Wenn ich nach Europa komme, beschweren sich die Leute über Minimal. Ich sage denen: “OK, verstehe ich. Das ist wie bei mir daheim, wo die Leute keine Lust mehr auf souligen Gospel-House haben. Davon haben wir zuviel.” Ihr mögt hier das von uns und wir mögen dort den Minimal-House, den man bei uns nicht immer kriegt. Ich persönlich würde meinen Mund halten und was dagegen tun, anstatt sich darüber zu beklagen. Ich könnte auch einen anderen Sound spielen und damit auf DJ-Tour gehen, aber ich mag den bestimmten Groove und möchte genau das in meinem Set spielen. Da es den aber nicht gibt, mache ich ihn halt selbst. Meine Musik kommt aus mir selbst heraus. Sie ist mein Ausdruck meiner momentanen Stimmung.

Menschen kommen zur mir und fragen mich, was für Geräte ich benutze und was dieser oder jener Sound ist. Mir ist egal, was ich benutze. Der Sound kommt aus mir heraus, deswegen kann man ihn nicht nachmachen. Ein echter Künstler erschafft seine Musik, er ist einzigartig. Da ist nichts konstruiert oder kalkuliert. Wie die Musik von Omar S. Sie besitzt Seele, sehr viel Seele.

De:Bug: Du hast also keinen bestimmten Plan?

Jus Ed: Nein, ich sitze nur herum. Als ich das letzte Mal in Deutschland war, inspirierten mich der Staub, die Sonnenuntergänge, das Fliegen von A nach B. Das Leben inspiriert mich. Mein Sohn wurde geboren und bald werde ich wieder Vater.

De:Bug: Deine Musik reflektiert, was du siehst. Wie ist denn deine Heimatstadt Bridgeport?

Jus Ed: Sie ist ein Zwischending. Ein wenig Stadt, ein bisschen urban. Die Leute haben Geld, manche sind heiter. Es war mal eine Industriestadt, die aber keine architektonische Struktur hat.

De:Bug: In welchem Teil davon lebst du?

Jus Ed: Ich lebe in einem ärmeren Viertel, aber es macht sich langsam (lacht).

De:Bug: Wie sieht dein Alltag aus?

Jus Ed: Ich stehe um halb sieben auf und gehe arbeiten. Als Selbstständiger muss ich schauen, wie das Essen auf den Tisch kommt und wie ich an Geld komme.

De:Bug: Du machst viele Jobs, aber hauptsächlich bist du Gärtner, oder?

Jus Ed: Ja, zuerst kommt der Landschaftsbau, dann die Musik.

De:Bug: Wann produzierst du?

Jus Ed: Ich schiebe es irgendwie dazwischen. Die Wochenenden bin ich entweder im Studio oder verbringe Zeit mit meinem dreijährigen Sohn. Wenn ich dann wirklich Musik produziere, mache ich meist drei/vier Tracks pro Session.

De:Bug: Das geht also sehr schnell bei dir.

Jus Ed: Stimmt. Wenn mich aber andere danach fragen, sage ich es nicht. Ich will sie nicht einschüchtern.

De:Bug: Du hast einen ziemlich ausgefüllten Wochenplan.

Jus Ed: Gärtnerei ist Saisonarbeit, im Winter habe ich deutlich mehr Zeit für die Musik. Da mache ich auch zwei oder drei Tage Musik die Woche. Ich brauche nur eine Idee im Kopf, dann sitze ich oft morgens bis vier an den Tracks, schlafe zwei Stunden und gehe wieder arbeiten. Aber da ich mein eigener Chef bin, geht das.

De:Bug: Du hast auch schon mit deinem Sohn einen Track gemacht!

Jus Ed: Er ist sehr talentiert und es würde mich nicht überraschen, wenn er eines Tages was Großes macht. Momentan feuere ihn einfach an. Er tanzt gerne und DJ Q aus New York besuchte mich zu Hause und beobachtete ihn dabei. Er sagte: “Der Kleine macht sein Ding. Die Musik bewegt ihn. Er ist ein Profi.” Eines Tages kam mein Sohn ins Studio. Er konnte kaum die Tasten drücken, aber er nahm sich die Zeit dafür. Als ich den Drumtrack eines Stückes fertig hatte, spielte er Keyboard. Ich sagte: “Mach das noch mal”, wechselte den Sound und meinte, “Probier das aus”. Dann spulte ich das Aufgenommene zurück und fand es gut. Ich editierte es, aber er spielte es ein, also ist es sein Song.

Wir gehen gerne gemeinsam in Plattenläden. Ich frage dann immer nach meinen eigenen Platten, weil ja niemand weiß, wie ich aussehe. Der Verkäufer antwortete: “Das ist cool. Wenn du wirklich Deephouse magst, dann ist das dein Mann.” Als er mir die Platten vorspielte, sagte mein Sohn: “Daddy, das ist deine Platte.”

De:Bug: Im Radio erzähltest du von einem speziellen Vibe in Europa.

Jus Ed: Wenn du hart an etwas arbeitest, schreibst, tanzt, singst oder ein guter Vater sein willst, ist es schön, wenn dich die Leute wahrnehmen, deinen Einsatz honorieren. Das erste Mal in Europa war ich in Offenbach und auf einmal sah ich die Leute, die meine Platten mögen – nicht nur die Verkaufszahlen. In Deutschland mögen sie meine Musik am liebsten, sie kaufen die meisten Scheiben.

De:Bug: Hast du eine Idee warum?

Jus Ed: Ihr seid so offen. Ihr liebt Musik, die Seele hat. Du kannst zwei Lieder übereinander legen und du hörst sofort, dass da die Seele einer Person drin ist. Ihr habt den Begriff Gänsehaut dafür. Gute Platten müssen dich nur mitreißen, woanders hinbringen. Ich nehme an, ihr mögt einfach gute Musik. Vielleicht ist es auch die Offenheit, Freude auf Neues oder Abwechslung. Oder es ist ein Zeitfenster, in das ich mit meiner Musik gerade reinpasse.

Als meine Musik raus kam, versuchten sie mich in die Detroit-Schublade zu stecken. Das ist pures Marketing! Ich bin weder aus Detroit noch klinge ich wie Theo oder Omar S. Ich kannte diese Jungs gar nicht, als ich anfing Musik zu machen. Dann kam jemand und sagte: “Das klingt wie das echte Zeug.” Aber ich weiß nicht, wie so etwas sein kann, weil mathematisch betrachtet viele Patterns möglich sind. Der Rest kommt aus der Seele, ist Spirit.

De:Bug: Du hast es also für dich neu erfunden.

Jus Ed: Ja. Ob es Glück war oder einfach die richtige Zeit. Auf jeden Fall kopiere ich niemanden.

De:Bug: Welche Pläne hast du mit dem UQ-Label?

Jus Ed: Ich versuche Künstler zu bekommen, die meiner Meinung nach einzigartig klingen. Wie Anton Zap. Für mich ist der Junge der Knaller! Nicht nur, weil er aus Russland kommt, was der letzte Ort ist, an dem du deepe Housemusik mit Seele erwarten würdest. Also versuche ich mein Glück und bringe ihn raus. Aber ich möchte keine große Plattenfirma managen, sondern Leuten eine Plattform bieten. Omar S. hat meinen ersten Track lizenziert und mich zur Hälfte in bar und Vinyl bezahlt. Aber er sagte, “Warte, lass mich das veröffentlichen.” Es war auf der FXHE Compilation ”Detroit Number One“. Und mein Track war total beliebt. Ich bekam Mails nach dem Motto: “Oh, der AM Mix ist heiß, wer ist Jus-Ed? Ich hab noch nie von ihm gehört.“

Danach ging ich zu dem Vertrieb, von dem ich ein Jahr zuvor noch eine Abfuhr bekommen hatte. Aber der Name Omar S. öffnete mir die Türen. Dann füllte ich sofort die Formulare für die Steuern aus. So kam ich ins Geschäft. Jetzt haben wir Jennifer Mayanja, Fred P, DJ Q, Anton Zap und eine weitere junge Frau aus Russland. UQ soll Künstler befähigen, etwas für sich selbst zu tun. Das macht es für mich einfacher. Es mag zwar als Geschäftmodell keinen Sinn machen, aber es funktioniert.
http://www.undergroundquality.com/

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Elektronische Lebensaspekte.

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