Nerds in der Disko
Text: Anton Waldt aus De:Bug 114


Der French Touch aus dem Hause Ed Banger kannte bisher nur eine Richtung: mehr Euphorie, größere Fanhaufen, mehr Hysterie. Mit dem Justice-Album, das via Warner Bigtime gehen soll, fährt der TGV jetzt mit Schmackes an die Wand.

Das auch an dieser Stelle viel gepriesene Ed-Banger-Label kurbelt kräftig an der Fortsetzung des Franzosenwunders. Die Label-Züchtung Justice soll mit Major-Unterstützung von Warner Großes vollbringen, erklärtes Ziel ist es, Daft Punk, den ehemaligen Schützlingen des Ed-Banger-Chefs Pedro Winter, “die Elektro-Krone” abzuluchsen. Klingt nach einer sicheren Nummer, schließlich haben Justice mit dem veritablen Clubhit “Never Be Alone” 2003 die Wahrnehmungsbühne betreten, danach folgten eine Tonne wohlwollend bis euphorisch rezipierter Remixe.

Ist aber keine sichere Nummer, die Justice-Jungs Gaspard Augé und Xavier de Rosnay haben es nämlich glasklar versemmelt. Das Album, das statt eines Namens ein Kreuz-Symbol trägt, schmiert jedenfalls mal so richtig gründlich ab und stellt angesichts des Vorschuss-Hypes eine solide Enttäuschung dar. Da wird in gewohnter Manier elektrisch gebratzt, geballert und geknirscht, aber außer einem müden Schulterzucken kommt nicht viel rum. Hat es sich nachher ausgebangt? Und das auch noch im Zuge eines Ausverkaufs?

Song-Sensationen, Dummy!
Ed Bangers Erfolgsmasche beruht – jedenfalls bislang – vor allem auf den Sensationen des Song-Prinzips. Und zwar aller möglicher Songs von Punk über Pop zu Disco, you name it. Dass es trotzdem auch einen erkennbaren Ed- Banger-Sound gibt, ist dem einheitlichen Amalgam geschuldet, mit dem die Schnipsel und Ideen aus der Welt des Songs tanzflächentauglich gemacht werden: Bratzen sowie Filtern in der Horizontalen des Mischpults. Beides Maschen, die schon Daft Punk erfolgreich für sich vereinnahmt hatten.

Nun hat es Ed Banger mit diesem Rezept für Hybridsounds zwischen Song und Track weit gebracht, und außer geschmäcklerischen Einwänden gibt es daran nichts zu meckern – im Gegensatz zum vermeintlich großen Albumwurf von Justice. Denn hier wird das erste Ed-Banger-Prinzip grob ignoriert, keine Song-Sensation, nirgendwo, kein Hookline-Schnipsel, der begeistert, kein Spannungsbreak, der eine sinnvolle Stimmung erzeugt, kein drollig herausgearbeiteter Einzelklang, der verblüfft. Was bleibt, ist das Elektro-Amalgam über einer zerhackten Struktur, als Track weitgehend unbrauchbar, öde beim Sofa-Hören.

Nerds in der Disco
Wie konnte das bloß passieren? Fest steht, dass Herrn Banger hier sein Glücksgriffhändchen gründlich ausgerutscht ist, ob mehr dahinter steckt und es sich überhaupt ausgebangt hat, bleibt abzuwarten. Der spezielle Fall ist jedenfalls ziemlich schnell aufgeklärt, auch wenn Justice der Jounaille zu echten Major-Konditionen serviert werden: eine Viertelstunde im Mövenpickhotel, das TV-Team drängelt. Gaspard und Xavier sind dementsprechend motiviert, sie lungern auf Sofas im abgedunkelten Mövenpick-Dekor und blättern in den Magazinen der Journaille, die schon da war.

Nach drei Fragen sind die Jungs aufgewacht, die Viertelstunde ist rum und das Justice-Geheimnis gelüftet: Gaspard und Xavier sind Nerds. Und zwar im klassischen Sinn, also technikfixierte Jungs, denen Disco und alles, was damit zusammenhängt, ein ewiges, unergründliches Rätsel ist. Gaspard und Xavier haben ihre Jugend mit Videospielen verbracht, Gaspard und Xavier sehen nur auf Fotos chic aus, Gaspard und Xavier kommen nur in Clubs, wenn sie dort auftreten. Dafür haben sie einen Heidenspaß daran, dass ihr Name ein Google-Versager ist, aber in der Kombination mit der Single “Dance” wieder alles gut wird mit den Suchergebnissen. Da kichert die Newsgroup, aber es bangt nicht für fünf Pfennig.
http://www.edbangerrecords.com

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Mr Funk

    Dieses Album ist absolut episch. Verstehe den obrigen Artikel absolut nicht. Wenn es etwas Vergleichbares gäbe, könnte ich den Diss nachvollziehen. Aber es gibt nichts Vergleichbares, nicht mal ansatzweise und schon gar nicht hierzulande. Respekt für das Album!

  2. Verdine White

    Haha entweder hat der Kritiker das Album selbst nicht gehört, oder er steht einfach nur auf Country, Western und Bluegrass. Mein Ipod behauptet, ich hätte das Album (oder zumindest einige Songs) die letzten zwei Jahre fast 2000 (zweitausend!!!) mal durchgehört. Soooo langweilig kann es ja dann nicht sein. Ich erwarte sehnlichst ein neues Album, hat jemand Infos? Justice hat mit Cross einen Sound neu definiert, verschiedenste Stilistiken zusammengeführt und ein Pop-Werk geschaffen, dass auch den versierten Zuhörer lang lang beschäftigt. DAS ist die Königsdisziplin. Ausser Oizo schafft das sonst derzeit niemand. Thumbs Up! Ich weiß schon, was ich morgen früh im Auto hör… Und du Kritiker, geh kacken!

  3. DK

    Ging mir – als ich damals das erste Mal “Cross” gehört habe – auch so:

    Was finden die alle so irre spannend, an diesem Album, dass da so öde und gewollt aufregend vor sich hin schraubt und knarzt?

    Konnte ich mir nach mehrmaligem Hören immernoch nicht beantworten.