Wir schreiben das Jahr 1997 und die Blöcke sind gebildet. Drum'n'Bass, wenn der Begriff im allgemeinen Verständnis überhaupt noch das ganze Genre umfaßt, ist inzwischen in viele Lager gespalten. Daran gibt es wohl kaum noch etwas zu rütteln. Man spricht,
Text: uli wombacher aus De:Bug 04

Justice

Uli Wombacher

Wir schreiben das Jahr 1997 und die Blöcke sind gebildet. Drum’n’Bass, wenn der Begriff im allgemeinen Verständnis überhaupt noch das ganze Genre umfaßt, ist inzwischen in viele Lager gespalten. Daran gibt es wohl kaum noch etwas zu rütteln. Man spricht, wenn auch ungern, von Techstep, Jump Up, Jazz oder Ambient, um nur einige der wohl meist den Kern der Sache verfehlenden Begriffe zu nennen. Höchst erfreulich ist diese Entwicklung natürlich für die Schubladendenker und vor allem die Plattenhändler. Nichts macht dem Plattenverkäufer mehr Spaß als das Erstellen neuer Fächer, unter denen dann schön säuberlich alle Platten des Genres einsortiert werden können. Schwierig wird es jedoch für die Künstler, die stilistisch entweder einen Schritt voraus sind oder schon immer dazwischen lagen und sich keinem Lager so richtig zuordnen ließen. Justice, bekannt von Blame & Justice war von Beginn an dabei, ist heute Labelmacher von Modern Urban Jazz und sicherlich so ein Mensch und die große Aufmerksamkeit kam ihm deswegen bisher noch nicht zu Teil. Im Gegensatz dazu hat sein langjähriger Weggefährte Blame den Weg ins Bukem-Lager genommen, der kürzlich in der zweiten Logical-Progression LP gipfelte. Über siebenJahre Studioarbeit, den Abbruch einer Karriere als Bankkaufmann und alles was sich sonst noch so in Luton, dreißig Meilen nördlich von London tut, habe ich mit Anthony Bowes aka Justice besprochen.

De:Bug: Die meisten haben dich erstmals in der “Blame & Justice – Ära” wahrgenommen. Jetzt produzierst du solo. Wie kam es dazu?

Justice: Ich habe mit “Blame” angefangen Musik zu machen. Wir waren beide auf dem selben College, hörten beide Hip Hop und haben dann mit dem DJ-ing angefangen. Als wir dann ein Schulpraktikum machen mußten, hatten wir die Möglichkeit, das in einem Studio zu tun. Durch die Leute dort kam ich erstmalig mit Equipment in Berührung und als die zwei Wochen vorbei waren und ich wieder zum College mußte, sagten die, ich könne jederzeit wiederkommen. Das haben wir gemacht und schließlich haben wir unseren ersten echten Track fertiggemacht: “Death Row” auf “Chill Records”.

De:Bug: Wie ordnest du das heute musikalisch ein?

Justice: Ich denke “Death Row” kann man als Drum& Bass bezeichnen, aus heutiger Sicht. Es gab damals noch gar nichts derartiges. Wir gingen nicht ins Studio und sagten: “Hey, wir machen einen Drum’n’Bass Tune”. Wir kamen vom Hip Hop und wollten einen Track machen. Eigentlich kam der Sound dann eher zufällig zustande. Wir sind auf dieses Loch gestoßen und nachdem ein paar Magazine die Platte ok. besprachen, war klar, daß es noch mehr Leute außer uns gab, denen das gefiel. Also entschieden wir uns auf der Schiene weiter zu fahren. Es gibt auch welche, die behaupten, wir hätten Drum’n’Bass damals miterfunden. Ob das so stimmt kann ich nicht sagen, es gab zu der Zeit jedoch noch keine Goldies oder so, vielleicht hat Alex Reece schon Tracks gemacht. Ehrlich gesagt, kann ich’s nicht genau sagen.

De:Bug: Wie kam es dann zum Kontakt mit DJ Pulse? Es gab ja Veröffentlichungen auf seinem Label?

Justice: Da gab es mal ein Fotoshooting für das ID- Magazine vor ungefähr 3 Jahren. Wir waren beide eingeladen, haben uns dort kennengelernt und ganz gut verstanden. Mit der Zeit hat sich eine Art Freundschaft entwickelt, jeder ruft mal an, fragt was so los ist… Blame und ich haben die “Chapter 1” und die “Chapter 2″ bei ihm veröffentlicht. Blame und Pulse hatten zu der Zeit auch Tracks für Moving Shadow gemacht. Pulse wollte schon damals, daß ich etwas bei ihm rausbringe. Das hat aber nie richtig hingehauen. Nun, nach 3 Jahren endlich habe ich eine Single für ihn gemacht, dann gab’s die Savage Times-12”, die auch noch mal auf der kommenden LP enthalten sein wird.

De:Bug: Du hast schon eine LP veröffentlicht, die Icons auf Modern Urban Jazz.

Justice: Icons waren Blame und ich zusammen. Zu der Zeit war das eher so eine Art Experiment. Wir haben es Icons genannt, weil wir den Namen “Blame & Justice” schon woanders benutzt hatten. Im Endeffekt lief die LP ganz gut, obwohl sie etwas untypisch entstanden ist. Wir haben so um die 6000 Stück verkauft und noch mal 4000 in den U.S.A., wo React sie lizensiert haben.

De:Bug: Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit “Blame” aus. Im Moment sieht es ja aus als fühlte sich Blame ganz wohl unter Bukem’s Fittichen.

Justice: Das ist wohl richtig so. Blame macht im Moment sein eigenes Ding, aber so war das auch vorher schon öfter mal. Wir waren zwar oft zusammen, jedoch hat jeder immer schon eigene Sachen gemacht. Es war Zeit einen Schritt nach vorn zu tun und die eigenen Ziele zu verwirklichen. Das heißt jetzt aber nicht, daß wir in Zukunft nichts mehr zusammen machen. Viele dachten, wir wären im Streit, dem ist aber nicht so.

De:Bug: Modern Urban Jazz läuft unter deiner Regie. Was wird in Zukunft passieren, wo willst du mit dem Label hin?

Justice: Die letzte 12″ in diesem Jahr wird die “Justice & Tertius”. Im nächsten Jahr wird dann wieder etwas neues kommen. Im Moment bin ich dabei, die ganze Sache ein wenig neu zu strukturieren, zumal ich auch noch andere Dinge erledigen muß. Es gibt viel Arbeit. Bis vor vier Monaten habe ich noch full time in einer Bank gearbeitet, dann kamen einige DJ-Jobs, ich bin nach Amerika wegen des Icons-Projektes und schließlich habe ich mich entschlossen nur noch zu produzieren. Den Job habe ich vor ungefähr 4 Monaten aufgegeben.

De:Bug: Wie sieht es mit anderen Labels aus? Du hast ja auch auf Basement und Precious Materials veröffentlicht. Es war auch kürzlich was auf einem neuen Label Funk 21.

Justice: Funk 21 macht ein Freund von mir. Ich habe die erste für ihn gemacht und sie sollte dann auch funky klingen. In Zukunft wird da noch mehr rauskommen, aber das Label muß sich erstmal entwickeln. Die Sachen auf Precious Materials und Basement habe ich für die Jungs von Vinyl Distribution gemacht, im Grunde genommen sind es ihre Labels. “Precious Materials” ist ein gutes Outlet für die “etwas anderen” Tracks.

De:Bug: Wenn du Tracks fertig hast, wer bekommt dann die Dats – wer spielt die Tracks?

Justice: Das meiste, eigentlich alles, bekommt Blame. Dann spielt auch noch Fabio viele der Tracks. Manche gebe ich auch Grooverider. Ehrlich gesagt bin ich aber gar nicht so erpicht darauf, meine Sachen irgendwelchen Leuten zu geben, damit sie gespielt werden. Ich halte mich aus dieser Dubplate-Geschichte lieber raus. Es gibt noch ein paar Leute aus der Jazzszene, die meine Tracks wollen, das war’s dann aber auch.

De:Bug: In letzter Zeit gab es viele Remixe von dir, unter anderem zwei auf Substance, einem Label daß man eher dem Trip Hop zuordnen kann. Gibt es eine engere Zusammenarbeit mit Substance?

Justice: Wohl eher nicht. Es ist so, daß der Typ, der Substance macht, ganz in Ordnung ist. Ich habe Remixe zu seinen Tracks gemacht und es war wirklich strange. Ich war eigentlich gar nicht so zufrieden mit dem, was ich da als Remix abgeliefert habe. Letztendlich hatte ich nur gemacht, was mir ideenmäßig gerade in den Kopf kam. Glücklicherweise fanden die es dann aber gut.

De:Bug: Wie gehst du im Idealfall an einen Remix heran?

Justice: Eigentlich plane ich kaum etwas von vornherein. Ich verwende das, was ich an Material bekomme, zum Schluß kommt aber ein eigener Track heraus. Ich richte mich nicht nach dem Original. Ich vermeide es sogar, mir das Original zu oft anzuhören, weil einem das bezüglich des Sounds schon etwas vorgibt. Das hast du dann im Kopf und unterbewußt taucht es beim Arbeiten immer wieder auf. Das ist störend. Als ich kürzlich mit Net Kelly von den Underwolves den Remix für eine Pop-Band namens “Mulu” machte, haben wir uns das Original überhaupt nicht angehört. Von den Sounds, die wir bekamen, war auch nicht alles verwertbar, also nahmen wir die Vocals und machten einen eigenen Track. Mit dem was da rauskam, bin ich übrigens sehr zufrieden.

De:Bug: In deinen Tracks hört man öfter analoges Equipment. Detroit-Techno scheint dich nicht unwesentlich beeinflußt zu haben. Sampelst du noch viel, und wenn wo nimmst du’s her? Du sagtest, du kämest ursprünglich vom Hip Hop.

Justice: Als Einflüsse muß ich sicherlich Leute wie Roy Ayers nennen, aber ich habe auch schon von Earth, Wind & Fire gesampelt. Wenn ich zeitlich vorangehe, ist sicherlich auch Detroit ein großer Einfluß. Ich mag Carl Craig, Kenny Larkin, Rhythm is Rhythm und so was. Das bleibt im Kopf, die Art wie die Strings klingen. Speziell im Moment mag ich auch wieder analoges Equipment. Glücklicherweise habe ich einiges an analogem Gerät im Studio zu stehen. Letztendlich klingt analog auch wärmer. Eigentlich sample ich immer weniger. Früher hätte ich vielleicht eine Acidline gesampelt, aber warum soll ich sie nicht selbst spielen. Wenn du heute Acid in meinen Tracks hörst, dann bin ich das. Ich mag diesen Sound halt. Allgemein mag ich einen dezenten, melodischen Vibe in meinen Tracks.

De:Bug: Die letzte “Modern Urban Jazz” klang aber verhältnismäßig hart.

Justice: Das liegt daran, daß ich sie mit Endemic Void (Tertius) zusammen gemacht habe. Immer wenn wir zusammen arbeiten, wird es ein wenig düsterer. Tertius alleine ist eher jazzy. Als Team ist es jedoch wieder etwas anderes.

De:Bug: Bist du noch viel in Clubs unterwegs?

Justice :Eigentlich nicht. Ich kann mich nicht einmal an das letzte Mal in London erinnern. Ich gehe lieber mal in ein Pub auf ein Bier oder so. Ich bekomme beim DJ-ing mit, was in den Clubs los ist. Das genügt mir. Außerdem wird es bezahlt. Früher war ich viel aus aber das hat sich beruhigt.

De:Bug: Wer kauft deine Platten, hast Du da ein wenig Feedback?

Justice: Oh, das wüßte ich selber gerne. Ich kann es mir zwar so ungefähr vorstellen – es sind wohl eher die Jazz-Leute. Richtig eingrenzen läßt es sich aber nicht. Die Platten verkaufen sich gut. Ich bin zufrieden. Eine Modern Urban Jazz verkauft so um die 1200 – 2300 Stück. Letzteres war die beste.

De:Bug: Die neue LP soll im September auf Creative Wax rauskommen. Gibt es musikalisch eine Verbindung zu deinem eigenen Label? Der Titel “Justice presents: Modern Urban Jazz” läßt darauf schließen.

Justice: Nein, die Idee war es einfach eine LP auf Creative Wax zu machen. Es sind nicht ausschließlich Tracks von mir drauf. Es featured auch neue Sachen von Endemic Void und Shogun. Es ist vielmehr ein Konzept, eine Idee. Ein Album ist etwas anderes. Wir haben für die LP ungefähr 3 Monate gebraucht, auch aus Zeitgründen war etwas Aufwendigeres nicht möglich, aber wenn mehrere Leute an so einer Sache arbeiten, kann man in kürzerer Zeit zum Ziel kommen. Wenn ich mit “Endemic Void” zusammen gearbeitet habe sind pro Woche meist 2 Tracks entstanden. Schließlich hatten wir sogar noch überschüssiges Material, so daß wir auswählen konnten. Mit dem Endergebnis bin ich zufrieden…

Die LP erscheint voraussichtlich im September ’97

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Elektronische Lebensaspekte.