Großer Gefühlsraum: Chanson und Bassdrum
Text: Anton Waldt aus De:Bug 119

Der Meister großer Disko-Gefühle meldet sich in Albumlänge zurück und entzückt in gewohnter Manier mit großen Synthie-Kracher-Momenten und flirrenden Emotionen. Warum Köhncke dabei ein zweites Pseudonym ins Spiel bringt, bleibt allerdings rätselhaft.

justus-porto-113.jpg
Fotos: Imagerush

Justus Köhncke ist der unangefochtene Meister vollkommener Disko-Größe. Vollkommen impliziert aber auch: vollständig, und die vollständige Disko-Größe umfasst nicht nur den strahlenden Mittelpunkt der Tanzfläche, auf dem die Helden ihre Arme in den bunten Himmel strecken. Vollständige Disko ist auch die Bar, an der die Verzweifelten schon fünf zu viel intus haben und trotzdem weiterreden und dabei fleißig weiterschlucken. Oder den vollgeaschten Flur, der zum Notausgang führt, die Ego-Einbahnstraße, in der man lautlos zusammenbricht, umgeben vom Lärm und Gestank.

Vollkommene Disko-Größe ist ein permanenter Kampf um Glück und Selbstachtung. Alleine dafür, dass er diesen Kampf immer noch austrägt, gebührt Köhncke unsere Hochachtung, denn mit jedem neuen Track oder Song wird wieder klar: dass er auch stellvertretend für uns alle kämpft. Gleichzeitig ist Köhncke ganz offensichtlich ein Getriebener, der gar nicht anders kann, als sich zwischen der Schönheit großer Popgefühle und dem Bassdrum-Imperativ der Tanzfläche abzuarbeiten.

Großer Gefühlsraum

Nach den Smashhit-Alben “Was ist Musik” aus dem Jahr 2002 und “Doppelleben” von 2005 sind die Erwartungen an neue Werke natürlich extrem hochgeschraubt. Und Köhncke macht es dieses Mal noch einmal extraspannend, indem er die beiden Facetten, zwischen denen seine Musik changiert, auch formal separiert: Für die Popsongs steht jetzt das Pseudonym “Kinky Justice”, neue Tanzflächen-Tracks gibt es unter gewohntem Namen auf der LP “Safe and Sound”.

Kinky Justice widmet sich auf der Vier-Track-EP “Music and Lyrics” gänzlich Coverversionen, wobei die erstaunlichste bestimmt “Candy Says” von Velvet Underground ist und die entzückendste “New Day”, im Original von “Round Two” (aka Mark Ernestus & Moritz von Oswald aka Maurizio aka Basic Channel). Das titelgebende “Doppelleben” des letzten Longplayers soll demnach ab sofort unter getrennten Flaggen geführt werden, was aber schon in der ersten Runde nicht richtig hinhaut, sonst hätte der Titel “It’s gonna be allright” eigentlich unter “Kinky Justice” erscheinen müssen.

Sinn und Zweck der formalen Pirouette bleiben aber auch sonst etwas rätselhaft, denn die Klangräume und die Tempi sind auch weiterhin durchaus kompatibel. Wenn nach dem schier endlosen, atmosphärischen Intro in “New Day” der Beat einsetzt, ist das ein astreiner Kreischmoment für die Tanzfläche. Und auch Sounds bleiben auf beiden Veröffentlichungen durchgehend dem typischen Köhncke-Stil treu: in den Flächen immer schön crisp, der Synthie-Zuckerguss immer ganz knapp auf der richtigen Seite der Kitschschneide, und jenseits vom Tempo zielt hier immer alles auf den ganz großen Gefühlsraum.

justus-dj.jpg

De:Bug: “Kinky Justice”? Da rollern aber ordentlich Assoziationsketten los! Und teils auch in schräge Richtungen, wenn man beispielsweise an Ed Bangers Hype-Duo denkt. Ist das beabsichtigt? Oder hast du eine dezidierte Vorstellung der Figur hinter diesem Namen?

Justus Köhncke: Nun, der Kinky hieß schon lange vor der französischen Dampfwalzencombo – die ich übrigens klasse finde – so. Der lugt halt immer um die Ecke, wenn der Köhncke kurz mal eine Pause braucht vom Bassdrumspaßnuttentum.

De:Bug: Was hat dich in der Entstehungszeit von “Safe and Sound” und “Music and Lyrics” umgetrieben?

Justus Köhncke: Vor allem habe ich viele Gigs gemacht, fast jedes Wochenende, sowohl live als auch als DJ, und das quer durch Europa – also so ganz das postfordistische Boheme-Leben des fahrenden Disco-Gauklers. Als Berufsbild umso aktueller, da man ja heute ausschließlich mit Studioarbeit und Releases, auch bei Majors, keine Existenz mehr hinbiegen kann. Die “Clubbigkeit” von “Safe and Sound” hat sicherlich mit diesen Erfahrungen zu tun, schließlich bewegen wir uns hier im internationalen Universum der Bassdrum. Das ist ein durchaus ausschweifender Lebensstil – als Wieder-Single umso nahe liegender – und hat sich vielleicht in der “technoiden Vehemenz”, die Michael Mayer im Waschzettel bemerkt, einiger Passagen auf “Safe and Sound” niedergeschlagen, so eine gewisse Affirmation der dunklen Seiten. Mein Freund Kinky kam dann unter der Woche gerne vorbei, um zur Abwechslung dann doch mal dem Song als Kunstwerk zu huldigen. Das war dann auch fürs Seelenheil gut …

De:Bug: Ist der Basslauf auf “Feuerland” eigentlich eine Bauhaus-Anspielung (“Bela Lugosi’s Dead”)?

Justus Köhncke: Bestimmt nicht. “Feuerland” ist eine meiner beliebten Malen-nach-Zahlen-Coverversionen. Das heißt, jedes Furz-Detail, das Michael Rother auf dem Original veranstaltet, habe ich quasi abgepaust und nachgespielt mit meinem eigenen Instrumentarium. Für kleine, versteckte Verweise ist da kein Platz – schon gar nicht auf “Bauhaus”, die ich für eine der unerträglichsten, pubertär-prätentiösesten Dreckscombos aller Zeiten halte.

cover.jpg

De:Bug: Dem Vernehmen nach bist du mit deinem Studio in eine ehemalige Schlachterei umgezogen. Hat so ein gekacheltes Studio jenseits der Akustik noch andere Auswirkungen auf die Produktion?

Justus Köhncke: Mein neuer Wunder-Masteringingenieur Cem Oral meinte, ich hätte ein kleines Problem in den unteren Mitten. Ansonsten hatte sicher die Werkstatt/Atelier-Atmosphäre drumherum einen ganz guten Einfluss auf den Arbeits-Spirit: Der Keller gehört zum Studio der Künstlerin Cosima von Bonin, die so großzügig war, mich dort einziehen zu lassen, nachdem mein Wohnungs-Studio wegen Lärmbelästigung nicht mehr benutzbar war. Die vorherigen Nutzungen der Räumlichkeit (Schlachtraum einer Metzgerei, Praxis einer Domina) haben vielleicht auch ein wenig eingestrahlt.

De:Bug: Wen willst du eigentlich mit “It’s gonna be allright” überzeugen? Und was gibt dir die Gewissheit, dass wirklich alles gut wird?

Justus Köhncke: Natürlich mich selber! Wäre man nicht ziemlich gut im Selbstberuhigen und In-die-Tasche-Lügen, wie sollte man denn das alles ertragen?

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.