Da, wo Europa am schönsten ist, in der Provence zwischen den Anwesen von Johnny Depp und John Malkovich, sitzt Justus Köhncke vor Pastis und Powerbook und verabschiedet sich von seinen Absolutheitsansprüchen. Sein neues Album ist ein Bekenntnis zum Doppelleben ohne Zwangsbeglückung.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 89

Voller Elan ins Doppelleben
Justus Köhncke

Justus Köncke entflieht zwischendurch dem Alltag. Out of Cologne. Dann sitzt er abends im Provence-Nest Roussillon, trinkt Pastis im Schmidtschen Anwesen und …

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… Albert Camus. Rollende Tränen. Ein Tag am Grab. Peinlich, nicht?
Justus Köhncke:
Ich habe spätestens seit der tollen Michaela-Meliàn-Platte damit aufgehört, mich für meine SA-Mann-artige Dimensionen erreichende FSK-Folgschaft mit 17 – 22 Jahren zu schämen. Alle vergangenen Begeisterungen waren doch wichtig und gefühlt – oder nicht? Schließe Frieden mit Camus! Jetzt! Oder Manipulation? Auch egal. Die ist ja eh immer da. Umweltgeräusch.

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Okay, aber was machst du abends in Roussillon? Du sitzt in einer Bar, trinkst Pastis und?
Justus Köhncke:
Ich trinke gerade tatsächlich Pastis. Das Schmidtsche Anwesen ist vollkommen abgelegen, so dass ich mich dem Angebot des Hauses hingeben muss, was gar nicht so ein Problem darstellt. Hab ja nichtmal einen Führerschein, aber da müsste ich 50km bis nach Avignon fahren, um
eine Bar von innen zu sehen. Jetzt sind aber alle schon im Bett außer mir, meinem Powerbook und meinem Pastis.

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Verstehe, das Schmidtsche Anwesen. Aber wer ist Schmidt? Du bist echt im Süden Frankreichs? Vielleicht in der Nähe von Johnny Depps Villa und dem Picasso-Anwesen? Warum eigentlich?
Justus Köhnke:
So etwa, ich bin hier in der schönen platten Provence zwischen Marseille und Avignon. Hier lebt der Komponist und Can-Mitbegründer Irmin Schmidt, für dessen Filmmusik-Produktionen ich als Programmierer und Sounddesigner arbeite. Wo Johnny Depp lebt, weiß ich nicht, aber im Nachbardorf Goult hat John Malkovich ein Anwesen, und – bevor er über Nacht mit “Warten Auf Godot” berühmt wurde – hat Samuel Beckett mal in Roussillon gelebt. Man sagt, er hasste es.

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Ist das eine Arbeit, die du liebst oder musst du die machen?
Justus Köhnke:
Absolut beides, das ist ja das Schöne: Es ist ein semi-solider Job, der mein bohemistisches Lebensmodell finanziell ein wenig kittet, und es ist ein Traum, weil ich die Arbeit mit René und Irmin liebe, dabei vorbildlich behandelt werde und auch immer Neues über die Geheimnisse der Musik erfahre – aber auch zurückgeben kann, etwa wenn ich Irmin
die neuesten Software-Innovationen von Native Instruments anbiete, die in
unseren Produktionen zumeist sofort Verwendung finden.

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Es gibt aber nicht die entfernteste Krautrock-Connection in deiner Musik?
Justus Köhnke:
Überhaupt nicht. Das Wichtige, das ich von René Tinner und Irmin Schmidt an “Can-Schule” (Renés Sprache, weil er in den 70ern durch dieselbe gegangen ist) mitbekommen habe, hat mehr mit Präzision, Groove-Mathematik, Minimalismus und Eleganz als mit langen Haaren zu tun.

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Ein Dubtrack wie “Elan”, der beruhigt ungemein, macht wahnsinnig froh, obwohl Tränen in den Augen stehen …
Justus Köhnke:
Oh, das leuchtet mir ein und geht mir ganz ähnlich mit der Nummer, dass sie halt “disco” ist, aber auch etwas ganz furchtbar Elegisches und Trauriges hat. Tatsächlich entstand der Track an einem Tag ziemlicher Verzweiflung und Wut, und wie die allermeisten guten Tracks in rauschhafter Windeseile. Und solche Musik, also Disco mit einem Sehnsuchtsfaktor, hat mich schon immer bewegt und fasziniert, allem voran natürlich Chic – My Forbidden Lover, Sometimes You Win/Sonetimes You Lose … diese gebrochenen Harmonien über einem unwiderstehlichen Dancegroove, hach! Genau diese Kombination hat mich ja auch in den frühen 90ern für Garage House entflammt, als Hans Nieswandt uns in Köln eben den ganzen Strictly-Rhythm-Kram beigebracht hat. Oder “Gipsy Woman”, diese Akkordprogression, so was Trauriges …

Debug:
Ist das Discopop – zwischen Münchner Freiheit und dem New Yorker Salsoul Orchestra? Ich denke da an Tracks wie “Wo bist du” oder “Alles nochmal”.
Justus Köhncke:
Discopop würde ich da nicht so sagen, dafür sind die Nummern ja ein wenig zu Slowmotion. Sie sollen Gefühle transportieren und berühren!

Debug:
Erkläre noch mal, was ein Doppelleben ist: Das letzte Beispiel, was mir in Erinnerung geblieben ist, war ein PDS-Oberbürgermeister aus einem ostdeutschen Dorf, der am Wochenende als Frau in Hamburg lebte.
Justus Köhncke:
Ja, die war vor einigen Jahren in allen Talkshows, ziemlich bewegend und heldinnenhaft. Das Doppelleben ist natürlich im Moment des “Outings” jäh beendet, und die echten Probleme beginnen. Bei der Platte stand dieser Titel für mich eigentlich schon fest, bevor ich überhaupt nennenswert Musik hatte. Er sollte so eine Art Flucht nach vorn vorgeben wegen dieser zwei Arenen, in die ich da steige, also den Club-Dingern und den Songs. Im Gegensatz zur vorherigen Platte “Was ist Musik” habe ich eben gesagt, dass das halt ein Doppelleben ist und da auch nicht mehr krampfhaft versucht wird, diese Welten irgendwie zu fusionieren (außer natürlich im Soundbild, da gibt es schon starke Parallelen), sondern sie einfach nebeneinander zu behaupten. Und sicher wird es auch Leute geben, die ziemlich irritiert sein werden, wenn sie z.B. auf meinen Clubhit “Timecode” stehen und dann das Album hören.

Debug:
Und dann?
Justus Köhncke:
Ende der Zwangsbeglückung. Ich bin doch kein Missionar, ich sing nur gerne und liebe das Format Popsong als Vehikel für Gefühle und Geschichten, in all seiner Rückschrittlichkeit: Denn alles kann sich umstülpen.

Debug:
Das Ende der Zwangsbeglückung? Hattest du diesen Absolutsheitsanspruch immer, hier und jetzt glücklich sein zu wollen?
Justus Köhncke:
Wer möchte das nicht, wenngleich ich Teile meiner Umwelt mit dieser Obsession ziemlich terrorisiert habe.

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Elektronische Lebensaspekte.

Justus Köhncke ist der sture Individualist am Rande der Housemusik. Erst als ein Drittel von "Whirlpool", dann mit seiner Coverversionsplatte "Spiralen der Erinnerung" bewegte er sich immer zwischen unbeschreiblich und unübertrefflich. Auch mit seiner neuen Soloplatte auf Kompakt ist er wieder mindestens so polarisierend wie Freddy Mercury.
Text: sascha horsley aus De:Bug 60

Papperlapapp Disco

Der Englischlehrer Herr Sutherland steht seit fünf Minuten vor meinem Tisch und beobachtet mich. Ich merk’ nichts. Plötzlich poltert er los: “Wer um Himmels Willen ist denn Rüdiger?” Ich dachte, ich hätte aufgepasst und alles mitgekriegt. Tatsächlich aber haben jetzt alle anderen mitgekriegt, was ich seit Stunden auf meinen Collegeblock kritzel. Und dass ich auf Rüdiger steh’.
Beim Telefonieren hat man das auch. Man hört seiner besten Freundin stundenlang zu und malt verräterische Details über wen-man-begehrt auf den Post-it Block neben dem Hörer. Psychischer Automatismus heißt so was dann.
Ich stelle mir vor, wie Justus Köhncke so rumsitzt, sich fragt, was Musik ist und dazu kritzelt. Heraus kommt dann das Cover des aktuellen Albums.
Es war aber anders. Er bittet Michael Krebber, eine Zeichnung von ihm zu machen. Ein Portrait also. Auch Justus hat nicht damit gerechnet, dass es gegenständlich wird. Er bezeichnet es als Krakeln auf Raster mit Perspektive.
Ich unterstelle ihm, dass er mit dem Album so ein bisschen den Soundtrack zum Lieben und Glücklich-Sein geschaffen hat. Ob er auch gerade frisch verliebt ist und sich nur Gedanken darüber macht, was der erste Hit auf dem selbstaufgenommenen Tape für den Auserwählten sein könnte. “Nein. Wenn ich was aufnehme, dann sowieso nicht auf Kassette, sondern auf MD.” Das war deutlich. Tonträgerdiskussion statt Verlieblingshit ausplaudern. Alleinesein aber glücklich und nicht melancholisch.
Musik macht er jetzt ja auch alleine. Bei Whirlpool Productions waren sie zu dritt.

JUSTUS KÖHNCKE: Die Kombination von drei Menschen, die programmierte Dancemusic zaubern, ist nach wie vor ungewöhnlich. Normalerweise gibt es Einzelgänger oder Zweier-Couples. Bei uns sah das dann so aus: Einer sitzt vorm Rechner und die anderen kaspern so rum. (lacht) Erstaunlicherweise ging es zehn Jahre gut. Jetzt gibt es eben ein eigenes Arbeitszimmer.
DEBUG: Wie sieht es da aus?
JK: Die Maxi zu “Weil du mich verstehst” … das Haus auf dem Cover… das ist mein Blick vom Schreibtisch aus. Überbelichtet. So schön hab ich’s, wenn ich aus dem Fenster schau.
DEBUG: Und mit welchem Gefühl im Bauch kannst du am besten arbeiten?
JK: Nix da Gefühl. Zustand! Am besten und am liebsten, wenn ich verstrahlt aus der Disco nach Hause komme.
DEBUG: Ach Papperlapapp Disco. Ihr Kölner habt doch keine Ahnung von ordentlichem Ausgehen. Ihr träumt doch nur von so was wie unserer Panoramabar.
Hui, jetzt wedelt der Durch-und-durch-Kölner aufgeregt mit dem Stadtwimpel. Es folgt ein Monolog über seine Lieblingsstadt. Den mach ich fertig! DEBUG: “Aber wie kommt es z.B., dass böse Zungen behaupten, der 1. FC würde an Karneval als Fussballverein gehen?” Touché. Und Gelächter. Er ist ja kein wirklicher Fussball-Freund, aber die Häme hat er kapiert.
Wir kommen noch mal zurück auf die Panoramabar. Gute Freunde aus Köln hatten ihm schon von dem großartigsten Club in der Hauptstadt erzählt. Er ist sehr neugierig und es wird beschlossen, am Ende des langen Interviewtages da einzukehren.
Ob er denn findet, dass er gut singen kann, wird er gefragt (in Anlehnung an die bereits veröffentlichte Plattenkritik in der letzten Ausgabe). Er schaut mich an. So ein bisschen I-am-a-sexmachine-ready-to-reload-mäßig (Queen) und sagt: “Ja finde ich.” Punkt.
DEBUG: Manchmal legst du doch auch auf. Stehen die Mädels da Schlange, um dir den DJ Koffer heimzutragen?
Er seufzt, macht sich auf den Weg, um ein Bier zu besorgen, und murmelt: “Hach, Jungs wären mir lieber.”
Kleiner Nachtrag: Den Herrn Köhncke hat man bis zum nächsten Tag im Ostgut tanzen sehen. Ich hab verpennt. Nächstes Mal, Justus, versprochen!

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