Die kalifornische Marke macht Front mit Öko-Ästhetik. Im HipHop- und Skaterlager hält man das für ein starkes Stück.
Text: Silke Eggert aus De:Bug 93

Jute statt Bling Bling
HipHop-Mode von LRG

“Bigger roots, stronger branches”

Harte Rapper tragen neuerdings seiltanzende Waschbären auf ihren Bäuchen und Brustkörben und scheuen auch nicht davor zurück, mit bastgeflochtenen Rückenansichten auf Hoodies in Erdtönen ihre neugewonnene Liebe zur intakten Natur und Produkten aus dem Dritte-Welt-Laden hinzuweisen. Seit es LRG gibt, sind Giraffen auf T-Shirts cool, denn seit es LRG gibt, wissen wir, dass diesen Tieren wie auch ihren Trägern ein Rundumblick gewährt ist, den es nicht zu unterschätzen gilt. Und gemeinsam mit der Lifted Research Group werden wir alle zu friedliebenden Leaf People, denn wir haben gelernt, dass es die Wurzeln zu pflegen gilt, will man sich an dicken Ästen erfreuen.

Von reifen Früchten ist in den griffigen Punchlines bei LRG zwar nicht die Rede, geerntet wurde aber wohl reichlich im Garten von Robert Wright und Jonas Bevacqua, denn seit Gründung des Labels 1999 stieg der Bekanntheitsgrad proportional zum Umsatz gewaltig und die beiden Jungs aus Santa Ana, Kalifornien bekamen wohl ein ums andere Mal die Gelegenheit, sich freudig die Hände zu reiben. Der Versuch, ein Crossover-Label zu schaffen, das bei Skatern als auch HipHoppern den gleichen Respekt genießt, gelang – so outeten sich unter anderem De La Soul, Kanye West, Rob Gonzales, Adelmo Jr. und Kenny Dope als Liebhaber von Baum und Blatt in Bast. In Deutschland ist LRG seit September letzten Jahres erhältlich, und trotz des viel beklagten Konsumschwundes verstanden auch hierzulande die Kopfnicker die LRG-Interpretation von “keepin’ it real” und kauften fleißig – ganz zu schweigen von England und Frankreich, wo man generell aufgeschlossener scheint, den Öko-HippieHopper in sich zu entdecken.

Stüssy rechts überholt?

LRG füllt mit seinen hochwertigen Materialien, den ungewöhnlich verspielten Motiven und dem ganzheitlichen Auftreten von den gefeatureten Artists über die immer wiederkehrende Symbolik bis hin zum aufwändig gestalteten Artwork des Internetauftritts eine Exklusivitätsnische in der HipHop- und Skater-Welt. Wer wagt sich schon an Bast-Caps oder Mützen in Schaffner-Manier mit geflochtener Borte – ein Modell, fähig, zumindest in der Debug-Redaktion Begeisterungsstürme und spontane Heiterkeitsausbrüche auszulösen.
Man gibt sich naturnah und greift aktuelle Debatten auf, ohne konkret politisch zu werden – neben den stets wiederkehrenden Natur- und Tiermotiven gab es in einer der letzten Kollektionen für den Beastie-Boys-Beipflichter das Motiv einer tibetanischen Kleinfamilie zu erwerben, aktuell ist unter anderem ein afrikanischer Trommler zu sehen – dabei steht das Bild für sich und wird nicht durch Appelle an das Politik- oder Umweltbewusstsein überreizt – so bleibt es dem Käufer frei überlassen, die aus Maschinengewehren emporrankenden Blumen als pazifistischen Traum oder doch eher als Hommage an den Kölner Karneval zu interpretieren. Credibility verleihen dem Produkt die prominenten Träger; nicht umsonst suchte man sich wohl hauptsächlich Vertreter des conscious HipHop aus. Überreizung wohl auch deshalb nicht, weil ganzheitliche Correctness auch von Wright und Benacqva nicht angestrebt wird – produziert wird in China.

So knüpft denn auch das Cowboy- und Indianerthema der kommenden Herbstkollektion, das abgesehen von den Aufdrucken in vielen Details, wie einem applizierten Schriftzug aus hanfgedrehtem Lasso, wieder aufgenommen wird, eher an die Vermittlung eines allgemeinen Wild-West-Lebensgefühls an, anstatt in irgendeine Richtung den Zeigefinger zu erheben.
Wer diesen sowieso nur in Kombination mit dem kleinen fünften Finger gen Himmel recken und dabei die Zottel-Mosch-Matte ekstatisch schütteln möchte, oder vielleicht unter Daunenjacke und Base-Cap nur heimlich davon träumt, irgendwann mal so’n richtig großer Rocker zu sein, dem sei LRGs Heavy-Metal-Linie mit reichlich Nieten auf Kappen und zerbrochenen Gitarren auf T-Shirts ans erregt pochende Herz gelegt; in Deutschlands HipHop-Gemeinde traut man sich allerdings noch nicht so richtig und bleibt vorerst lieber bei Vögeln und Blumen. Wir jedenfalls freuen uns schon auf Waschbären, demnächst vielleicht sogar als goldenes Accessoire um den Hals baumelnd, zusammen mit Backenpflastern und Karottenhosen in den Straßen von Berlin-Neukölln wie Mitte-Mitte. Und auf Redaktionssitzungen mit Nietenbesatz. Keep it lifted.

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Elektronische Lebensaspekte.