Infrastruktur war gestern: Myspace-Designer und Mashup-Programmierer bauen sich im Schatten großer Anbieter ihre eigenen kreativen Nischen.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 108

Wunder gibt es immer wieder. In der IT-Welt kommen sie gerne in Form von 17-jährigen Genies daher. Leuten wie Androo Raggio zum Beispiel. Der südkalifornische High-School-Student brachte sich Anfang des Jahres ein bisschen HTML bei, weil ihn das Aussehen seines Myspace-Profils langweilte.

Anfangs guckte er sich einfach nur Code und Tricks bei anderen Myspace-Nutzern ab, um seine eigene Seite zu verschönern. Dann widmete er sich den Profilen seiner Freunde – und entwickelte ganz nebenbei so etwas wie einen eigenen Stil. Großflächige, verspielte Grafiken, die aussehen wie Kinderbilder oder Collagen – aber garantiert nicht wie die Myspace-typischen Neunziger-Jahre-Hässlichkeiten.

Wie Raggio lernen derzeit tausende von Teens Webdesign, indem sie sich am Verschönern von Myspace-Profilen versuchen. Manch einer lässt sein Profil aussehen wie eine PSP. Andere feilen so lange am Myspace-Code, bis ihre Seite aussieht wie ein WordPress-Blog. Oder sie experimentieren mit gewagten Javascript-Layern, die dann von Myspace regelmäßig wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen gelöscht werden.

Diese heranwachsende Generation von Webdesignern überspringt gerne mal die klassischen Karrierestufen. Anstatt sich lange mit irgendwelchen Praktika rumzuquälen, gestaltet man lieber die Seiten seiner Freunde. Bis dann irgendwann eine Plattenfirma anklopft. Oder ein Filmstudio. Oder, im Fall von Androo Raggio: Eine Stadtillustrierte, die ihn im Juli kurzerhand auf die Titelseite hiefte und zum “Meister des Myspace-Designs” erklärte. Fünf Monate, nachdem er zum ersten Mal einen Blick auf HTML-Quellcode geworfen hatte.

Von der Fabriketage ins Café
Myspace-Designer sind nicht die Einzigen, die sich in der Welt des Web2.0 an neuen Geschäftsmodellen versuchen. Dabei geht der Trend immer mehr zum Parasitentum. Anstatt Google, Yahoo & Co. Konkurrenz machen zu wollen, sucht man sich einfach komplementäre Nischen. Verbessert die Produkte der Großen und nistet sich in ihren Schatten als Parasit ein.

Das deutlichste Anzeichen für diesen Trend ist die Veränderung der Gründer-Mythen. In den Achtzigern waren diese von Garagen dominiert. Wer in der Microcomputer-Revolution eine Rolle spielen wollte, musste seine Prototypen auf Vaters Werkbank zusammenlöten. Der Dotcom-Boom der Neunziger hatte dagegen seine Fabriketagen. Startups waren cool und produktiv, wenn sie dutzende von Mitarbeitern in ein Großraum-Büro sperrten und mit prall gefüllten Kühlschränken und kostenlosen Massagen bei Laune hielten. Der Erfolg eines Unternehmens wurde kurz vor dem Crash denn auch nicht mehr am Umsatz, sondern an der Zahl der angemieteten Fabriketagen gemessen.

Die Web2.0-Generation hat nun einen weiteren Ort mythischer Produktivität entdeckt: das Café. Auf der ganzen Welt werden Großstadt-Cafés von Laptop-Nutzern in Beschlag genommen, die den halböffentlichen Raum kurzerhand in ihr eigenes Mikro-Büro umfunktionieren. Mit kostenlosen Wifi und reichlich Koffein bastelt man dort an Mashups und Web-Plattformen, während im Hintergrund das Bittorrent-Fernsehprogramm für den Abend heruntergeladen wird.

Ganz wie in den vorangegangenen Jahrzehnten bilden sich dabei bereits erste Legenden heraus, die in zehn oder zwanzig Jahren mal das Äquivalent zur HP-Garage bilden werden. Plätze wie Coupa Café zum Beispiel, das als einer der besten Orte gilt, um in Palo Alto auf Startup-Gründer zu treffen. Oder Ritual Roasters. Das Café in San Franciscos Mission District ist so etwas wie die inoffizielle Zentrale der örtlichen Web2.0-Wirtschaft – und sicher der einzige Gastronomiebetrieb der Welt, in dem Kunden ausdrücklich gebeten werden, beim Anstehen an der Theke doch bitte nicht zu bloggen.

Nie wieder Serverräume

Doch das Café ist für Web2.0-Parasiten mehr als nur ein Ort, an dem man ungestraft seinem Laptop-Zombietum freien Lauf lassen kann. Cafés sind auch Teil eines Gesamtkonzepts, das auf das systematische Vermeiden eigener Infrastruktur abzielt. Man will nicht die Fehler der New Economy wiederholen. Nicht abermals das Wuchern der eigenen Organisation mit realem Wachstum verwechseln. Sondern Dinge lieber überschaubar halten.

Der kalifornische Startup-Gründer Greg Olsen beschreibt diesen Arbeitsstil als “Schritt zum Beduinentum”. Seinen Kollegen in der Branche gibt er den Rat, sich lieber auf die eigenen Produkte als auf den Aufbau einer komplexen Infrastruktur zu konzentrieren. In einem viel beachteten Blog-Eintrag zu dieser Idee präsentierte Olsen dann gleich auch eine Art Kochrezept für ein modernes Bedouinen-Startup. Die dort aufgelisteten Tipps lesen sich wie das Gegenteil jedes New-Economy-Startups: “Bau keinen Server-Raum auf, stell keine IT-Kräfte ein. Lass die Ingenieure an den Produkten der Firma arbeiten, anstatt sie mit Betriebsangelegenheiten zu beschäftigen.”

Olsens Polemik ist nicht ganz uneigennützig. Seine Coghead genannte Firma bietet Startups die Möglichkeit, sich ohne großen Entwicklungs-Aufwand eigene Web-Applikationen zusammenzuklicken. Firmen können damit zum Beispiel komplexe Projekt-Management- oder Buchhaltungs-Lösungen erstellen, ohne auf eigene Server oder Entwickler angewiesen zu sein.

Coghead ist nur einer von vielen Anbietern, der Startups eine Netz-basierte Infrastruktur zur Verfügung stellt. Eines der interessantesten Angebote kommt von Amazon – einer Firma, die selbst unglaublich viel Infrastruktur aufgebaut hat. Die will sie nun offenbar nutzen, um den Web2.0-Parasiten eine Heimat zu bieten. Den Anfang machte Amazons “Simple Storage Solution” – ein Hosting-Angebot, das mit flexiblen 15 US-Cent pro Gigabyte monatlichen Speicherplatz und 20 Cent pro Gigabyte verbrauchtem Traffic klassische Webhoster alt aussehen lässt.

S3 wird unter anderem vom Elephantdrive.com genutzt. Das Startup bietet seinen Nutzern damit in der Beta-Phase kostenlosen Speicherplatz für persönliche Backups an. Doch Amazons Angebot zieht auch unerwartete Parasiten an. So nutzt Microsoft S3, um damit Software-Downloads zu verbreiten. Amazon denkt derweil schon weiter. Die Firma bietet mittlerweile auch Rechenzeit zum Pfennig-Tarif an.

Mashups: Parasitentum, remixed

Parasitäres Web-Business ist dank solcher Angebote heute leichter denn je: Rechenzeit und Speicherplatz werden nach Bedarf eingekauft. Das Backend wird ausgelagert. Zahlungsmodalitäten übernehmen Paypal und Google Checkout. Das Ganze lässt sich modular im Café zusammenklicken. Geld verdient man mit Adsense. Und wer unbedingt Waren verkaufen will, der setzt eben auf Cafepress, Spreadshirt und Mixonic – jedenfalls, wenn es um T-Shirts, CDs und dergleichen mehr geht.

Die wahren Könige des Web2.0-Parasitentums sind jedoch die Programmierer von Mashups. Sie kombinieren geschickt existierende Ressourcen und schaffen damit neue Plattformen mit minimaler eigener Infrastruktur. Besonders beliebt ist dabei das Verbinden von Google Maps mit Kleinanzeigen für Gebrauchtwagen, Wohnungen, Immobilien und dergleichen mehr.

Anfangs war unklar, wie Mashup-Programmierer mit so etwas eigentlich Geld verdienen können. Mittlerweile haben sich Partnerprogramme als eine der wichtigsten Einnahmequellen herauskristallisiert. Die Affiliate-Branche wurde bisher von den Parasiten des Web 1.0 dominiert, unnötigen Mittelmännern, deren aggressives Marketing nicht selten in Spammen ausartete. Web2.0-Parasiten bemühen sich stattdessen lieber um ein besseres Produkt – und nützen damit auch den Großen der Branche.

Darin ähnelt dann auch der Myspace-Webdesigner dem Mashup-Programmierer. Beide bedienen sich existierender Infrastruktur, um ihrer eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen. Langjährige HTML-Kenntnisse sind dafür ebenso unwichtig wie opulente Fabriketagen und vollgestopfte Serverräume. Was zählt, sind gute Ideen. Dass sich damit dann tatsächlich auch Geld verdienen lässt, ist eins dieser kleinen Wunder des Web2.0. Aber wie heißt es so schön: Wunder gibt es immer wieder.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.