Gerader Kurs durch tiefe Wasser
Text: Nikolaus Schäfer aus De:Bug 117

Alte Recken an die Decks! Der gebürtige New Yorker hat nicht nur die Entstehung von HipHop, sondern auch von Detroit Techno hautnah miterlebt. Der Cousin von Chez Damier, der im “Music Institute” Mädchen für alles war, traute sich aber erst Anfang des Jahrtausends mit eigenen Tracks an die Öffentlichkeit. Jetzt krempelt Kai Alcé House um.

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“HOUSE, HOUSE, AND MORE FUCKIN´HOUSE“, schreit es einen seit diesem Sommer in dicken Blockbuchstaben von diversen T-Shirts an. Innervisions, das Label von DJ Dixon, propagiert die Neubesinnung auf House Music ja nicht erst seit gestern, aber nun wird per Motto-Shirt Ernst gemacht: Alle sollen wissen, dass die Tage des Minimal-Diktats gezählt sind. Wir bauen eine neue Stadt!

Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, erfreuen sich die verschiedenen Geschmacksrichtungen “Deep-“, “Dub-“ und durchaus auch “Vocal“-House doch tatsächlich wieder zunehmender Beliebtheit in unseren Breiten. Da trifft es sich gut, dass in den letzten Jahren eine neue Generation von House-Produzenten herangewachsen ist, die langsam aber sicher aus dem Schatten der großen Vorbilder heraustritt. Kai Alcé ist einer von ihnen.

Chez Damiers Cousin

1971 in New York geboren, verbringt er die ersten Jahre seines Lebens auf der beschaulichen Karibikinsel St. Croix, pünktlich zur Geburtsstunde von HipHop im Big Apple Ende der 70er ist er aber wieder am Start: “Der Beginn meiner musikalischen Emanzipation – bis dahin bestand mein musikalischer Horizont hauptsächlich aus den Jazzplatten meines Vaters und dem Soca meiner Mutter.“ 1980 geht die Reise weiter nach Detroit und einmal mehr wird der junge Herr Augen- und Ohrenzeuge einer musikalischen Revolution.

Wie so viele hört er gebannt die Radiosendungen von The Electrifying Mojo und Jeff “The Wizard“ Mills. Als 1987 dann das Music Institute eröffnet, ist er mit dabei – als Mädchen für alles: Licht, Garderobe, was immer gerade anfällt … Hauptsache er kann in der Nähe seiner Helden sein. Bald darf er auch Platten auflegen. Es hilft natürlich, dass ein gewisser Chez Damier sein Cousin ist. So bekommt er neben seiner Arbeit im Club Zugang zu den Studios von Transmat und KMS und kann viel an Produktionsarbeit lernen.

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Anfang der 90er geht Kai nach Atlanta, um Psychologie zu studieren. Dort ist House so gut wie gar nicht präsent, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst Parties zu organisieren. Einmal mehr kommen ihm die familiären und freundschaftlichen Bande nach Detroit gelegen: Im Rahmen seiner “Deep Detroit House Sessions” lädt er Leute wie Chez, Alton Miller, Moodymann, Mike Huckaby und Theo Parrish ein und etabliert damit über die Jahre eine feste Partyreihe.

Er selbst verbringt immer noch jede freie Minute in Detroit, um mit den unterschiedlichsten Leuten an Tracks zu arbeiten und noch mehr zu lernen. Chez Damier bildet ihn an der MPC 2000 regelrecht aus, und noch heute ist diese Maschine das Herzstück seiner Produktionen. “Inzwischen sind zwar noch ein paar andere Geräte dazugekommen, aber manche Tracks sind ausschließlich mit der MPC entstanden, so z.B. der Track ‘Gravity’ auf der ‘Broken Headlights’-EP.“

Broken Headlights

Ab 2002 veröffentlicht er Platten u.a. für Track Mode und Moodymanns Label Mahogani Music, es kommen zunehmend Gigs in anderen Städten der USA dazu, und endlich wird man auch in Europa auf ihn aufmerksam. Neben den Bookings bekommt er 2006 von dem englischen Label Real Soon das Angebot, eine EP zu veröffentlichen. Und da “Corner Manouvers“ gut ankommt, darf er im Juni diesen Jahres gleich mit “Broken Headlights“ nachlegen.

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Seine Tracks basieren auf trockenen, fast schon hölzern klingenden Beats, sind nur sparsam durch leichte Chord-Tupfer instrumentiert und vermeiden geschickt jeden Schwulst. Wenn er Vocals einsetzt, sind sie immer sehr dezent gehalten und im Vergleich zu einem Kollegen wie Omar S, der seine Beats gerne mal aus dem Ruder laufen lässt, sind die Produktionen von Kai Alcé aufgeräumt und sauber. Solch ein Understatement macht seine Platten vielseitig einsetzbar. Das mag beim Einstieg in den europäischen Markt helfen, gleichzeitig spekuliert er aber nicht auf schnellen Erfolg in der alten Welt:

Pures Understatement

“Das sind schon zwei ganz verschiedene Angelegenheiten. Obwohl ich die Musik in Europa nach wie vor beobachte, sind für meinen Geschmack seit der Jahrtausendwende wenig bewegende Platten erschienen. Irgendwie sind da die Entwicklungen auseinander gelaufen. Labels wie Philpot und Dial sind aber gerade dabei, wieder an eine Tradition anzuknüpfen, so habe ich mir z.B. die letzte Carsten-Jost-12“ gekauft. Es geht mir aber auch gar nicht um einen Wettbewerb, wer was besser oder vermeintlich richtig macht. Jeder macht, was er am besten kann …“ Pures Understatement.

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Elektronische Lebensaspekte.