Großes Stilbäumchen-wechsel-Dich bei Kompakt. Der Tokioter Kaito eilt ganz vorne weg beim Austausch des Kompakt-schen Minimalpräfix. Austausch gegen was? Im Falle Kaito: Neo-Trance. Die Kölner haben immer noch die überraschendsten Visionen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 64

Trance-House

Die Sause des Seins
Kaito

Köln, Mitte August. Eine mehr oder weniger unausgeschlafene, aber zufrieden durchgerockte Meute bevölkert den Kompakt-Plattenladen. Die alljährliche Kompakt-Sause anlässlich der Popkomm hat mal wieder ihre Spuren hinterlassen. Gutgelaunt trägt man seine Sonnenbrillen und Augenringe durch den Laden, quatscht über den einen oder anderen Track, tauscht Anekdoten aus und freut sich wahlweise über den anstehenden Urlaub oder andere Parties, die man sich als gestandener Raver, wenn man schon mal in Köln ist, nicht entgehen lassen kann.

Hiroshi Watanabe, der gestern bei schon erwähnter Kompakt-Party sein Live-Debüt als Kaito zum Besten gegeben hat, befindet sich noch immer in der festen Jetlag-Umklammerung. Der Japaner aus Tokyo ist das erste Kompakt Signing aus dem Land des Lächelns, in dem gepflegter musikalischer Minimalismus und Kölner Pop-Verständnis viele Freunde hat. Interessanter Weise wird Hiroshis Produzententätigkeit in seinem Heimatland erst jetzt, nach zwei Maxis und dem gerade fertig gewordenen Debütalbum als Kaito, wirklich wahrgenommen. Dabei hat er in den letzten Jahren von Techno (als Quadra) bis House (als Tread) eine ganze Menge Platten und nebenbei noch Musik für Werbespots produziert. Davor war er einige Jahre in Boston (auf dem College) und in New York (in den Clubs), wo er den 4/4 Takt lieben lernte und anfing, seinen Kindheitstraum vom Produzentendasein, den er von seinen Eltern, die Jazzpianistin und eben Produzent sind, in die Wiege gelegt bekommen hat, wahrzumachen.

Kaito Tracks sind sehr episch angelegt. Breitwandformat sozusagen. Die Flächen wandern ähnlich wie bei vielen Dubtechno oder auch bei einigen ruhigeren Kompakt-Tracks z.B. von Wolfgang Voigt langsam aber stetig durch den Raum und erzeugen dabei dieses Gefühl von Weite, das seine Tracks zur perfekten Open Air-Beschallung zwischen Unendlichkeit, Sternen und Kitsch macht. Als im letzten Sommer die erste Maxi erschien, wurde hier und da leise und verschämt das Wort Trance in den Mund genommen, als wenn man die Musik damit stigmatisieren würde oder sich nicht vorstellen könnte, dass so etwas jemals mit dem Kompakt-Gütesiegel in die Plattenläden kommen könnte. Jetzt, ein Jahr später, wird das Kaito-Album ganz bewusst und offensiv als Neo-Trance angepriesen. Eine Einschätzung, die Hiroshi nach eigenem Bekunden einigermaßen verblüfft: “Eine ganze Menge Leute kommen zu mir und sagen, dass ich Trance machen würde. Das ist interessant, weil ich das nie so empfunden habe. Als ich in New York gewohnt habe, liebte ich Junior Vasquez, DJ Pierre und die ganzen New Yorker Tribal- und Hardhouse-Sachen. Ich habe zwar eine Menge Platten auf IQ und Harthouse gehört, aber worauf es mir immer am meisten ankommt, ist ein funky Groove kombiniert mit Detroit-Einflüssen.” Trotz Kaitos Zurückhaltung macht es doch Sinn, ganz affirmativ von (Neo-)Trance zu reden, wühlt sich “Awakening” noch tiefer als seine Maxis in übereinander geschichtete Sound-und Melodieweiten, die den empathisch aufgefüllten Dancefloor dabei nie aus den Augen lassen und gleichzeitig in den Beats sehr housig daherkommen. Das Album macht immer dann am meisten Spaß, wenn er sich auf ein Grundthema pro Track beschränkt und das in einer konstanten Verschiebung langsam ausrollt, ohne in ausladendes Melodiegeplinker abzudriften und zu esoterisch zu werden.

Was Kaito auf jeden Fall schon mal für sich in Anspruch nehmen kann, ist, eines der meistdiskutierten Alben der diesjährigen Popkomm abgeliefert zu haben. Vom leidenschaftlichen Verfechter bis zum mehr oder weniger verständnis- oder interesselosen Abwinken konnte man so ziemlich jede Reaktion irgendwo aufschnappen. “Awakening” scheint also ein Album zu sein, für das man sich Zeit nehmen muss, und das im Zweifelsfall mit jedem Hören wächst. Kaitos Live-Act wurde auf jeden Fall schon mal mit dem frühen Cosmic Baby verglichen. Na dann.

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Elektronische Lebensaspekte.