Funk gesucht und dabei auf den Blues gekommen
Text: Björn Schaeffner aus De:Bug 111


Er hat den Funk gesucht und ist dabei auf den Blues gekommen. Mit seinem Debütalbum auf Stattmusik setzt Kalabrese dem Songwriter-House helvetischer Prägung eine Krone auf.

Wenn Berlin arm, aber sexy ist, um es mit Bürgermeister Klaus Wowereit populistisch zu formulieren, was ist dann Zürich? Wohl reich, aber sicher nicht unsexy ist die Stadt an der Limmat. Dazu ist die Zürcher Szene zu offensichtlich gut drauf, feiert sich selbst, die Nacht, den Tag und Substanzen durch. Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk sozusagen. Es scheint, als hätte die “Dachkantine”, die sich vor einem Jahr in einer fast einwöchigen Endsause den Garaus gemacht hat, gar nicht die Lücke hinterlassen, die dem städtischen Clubleben nachgesagt wird. Für erstklassige Line-ups zwischen Deep House, Minimal Techno und Freestyle sorgt in Zürich vorab die “Zukunft”, der Laden im rotlichtgeschwängerten Kreis 4.

Zu den Machern des Klubs gehört auch Sacha Winkler alias Kalabrese. “Ich bin ja eher durch Zufall in diese Rolle reingeraten. Und jetzt macht’s mir einen Riesenspaß.” Auf sein Debütalbum “Rumpelzirkus”, das Ende März auf dem Zürcher Label Stattmusik erscheint, hat der 33-Jährige mit dem Stück “Oisi Zuekunft” (Unsere Zukunft) auch eine Hommage an den eigenen Club gepackt. Gleichwohl hat der Produzent ein ambivalentes Verhältnis zum Nachtleben: “Mit reinem Dancefloor-Funktionalismus kann ich wenig anfangen. Umso mehr versuche ich, mit meiner Musik einen romantischen Kontrapunkt zur gängigen Minimal-Dominanz zu etablieren.”

Spätestens seit seiner “Chicken Fried Rice”-Platte auf Perlon hat sich Sacha mit kruden Lyrics und einem rauchigen Timbre dem Songwriter-House verschrieben. Dabei steht für den einstigen Drummer der Schweizer HipHop-Band Sendak der Groove im Vordergrund. Auf seiner letztjährigen “Hühnerfest”-EP etwa ist ihm ein absoluter Floorfiller gelungen. Das Stück “Auf dem Hof”, kürzlich von Luke Solomon und Crowdpleaser remixt, könnte mit seiner Live-Bläser-Partie noch jede sibirische Einöde in eine brodelnde Festhütte verwandeln.

Zusammen mit eben diesem Crowdpleaser hat Kalabrese auch den Sound initiiert, welcher dem Album den Namen gegeben hat. Als Rumpelsoundsystem zelebrierten die beiden den Charme des Unperfekten. Rumpeln? Kalabrese macht es in seiner neuen Zürcher Wohnung als Herbertsche Trockenübung vor: Er richtet sein Neumann-Studiomikrofon aus, lässt Kugelschreiber und Blatt Papier auf dem Tisch kreisen, ähnlich einem Besen auf einer Snare-Trommel. “Ein Geräusch, das ich so gesampelt habe, war der Ausgangspunkt für meinen Track ‘Auf dem Klo’. Darüber habe ich dann die Texte und den Groove gelegt.”

Kalabrese liebt die Ungeschliffenheit solcher Samples. Dabei geht es ihm weniger um elektronische Geräuschmusik als um den Song im klassischen Sinne. “Eigentlich wollte ich für das Album den euphorischen Kick von ‘Auf dem Hof’ weitertreiben. Die Trennung von meiner langjährigen Freundin hat die Stücke dann aber melancholischer gefärbt. Als ich mich im neuen Studio niederließ, war’s saukalt dort. Und ich war einfach nur traurig. Was blieb mir anderes übrig, als den Elektro-Ofen einzuschalten und die Gitarre auszupacken?” Tracks wie “I’m a Heartbreak Hotel”,”I can hideaway no more” oder “Not the same Shoes” zeugen von diesem Blues – letzterer im Duett mit der Genferin Kate Wax. Für sein “Rumpelzirkus”-Album hat Sacha dabei auch befreundete Musiker verschiedenster Richtungen zusammengetrommelt. So verquickt “Rumpelzirkus” elektronisch generierte Beats mit Live-Elementen aus Jazz, Funk, Folk, Ragga, Rock und Blues.

Am Ende ist es die olle “Disco mit dem Handclap”, die Sacha ein Leuchten in die Augen treibt. “Vielleicht ist es meine Mission, die Dancefloors mit mehr Wärme zu versorgen. Meine Musik soll direkt in die Hüfte fahren, mitten ins Herz treffen.” Einfach sexy losrumpeln, keine Frage.
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Elektronische Lebensaspekte.