Der Züricher Sacha Winkler ist gegen zu viel Perfektion und für den Moment, wenn John Travolta in Staying Alive morgens nach Hause torkelt.
Text: Sarah E. Schwerzmann aus De:Bug 98

TISCHLEIN DECK DICH

Calabrese. Namensanhängsel für scharfe Gerichte in Italien, zumindest in manchen Teilen des Landes. Eine Liebeserklärung an La bella Italia? Das Land, in dem Männer noch baggern und mit behaarter Brust durch die Vie und Calle flanieren dürfen? Weit gefehlt. Kalabrese kommt aus dem grauen und pulsierenden Zürich, in der schönen und idyllischen Schweiz. Aufgewachsen ist er mit Hendrix, John Coltrane, Frank Zappa und Fred Frith beziehungsweise deren Platten. “Meine Mutter hörte früher sperrige avantgardistische Musik. Coltrane beim Staubsaugen und so. Das ist schon ziemlich krass, es hat mich geprägt.”
Angefangen hat alles in einem wohl stylish gammeligen Übungsraum. Mit 13 Jahren Schlagzeuger einer psychedelischen Rock-Band. Kalabrese, der damals noch gar nicht Kalabrese, sondern einfach Sacha Winkler war, hat sich hinter die Drums gesetzt und einfach losgejammt. Dann kam HipHop. Mitglied der Zürcher Hiphop-Band Sendak. Rewind plus ein paar LP-Aufnahmen. Irgendwann beginnt er sich fürs DJing und Produzieren zu interessieren. Und hakt sich bei Aktivisten der Zürcher Techno-Subkultur unter. Klar, dass Kalabrese mit diesem Background einen anderen Sound hervorbringt. Mit Disco, Chicago House und Techno, vermischt mit Rap-Accapellas und minimalen Grooves, schusterte er sich ein feines Süppchen zusammen. Talk Talk und Prince auch mal gerne inbegriffen. Auch heute noch. “Ich bin eher der DJ, der soulfull spielt, es gibt keine monotonen Sets von mir. Natürlich gehe ich dabei eigene Wege und will mich nicht einem Klubsound anpassen müssen.“
Klar, dass dieser Vorsatz konsequent durchgesetzt wird, auch wenn es darum geht, selber Mucke zusammenzukrümeln. 2001. Debut mit Airolo auf Stattmusik. Dann zwei Jahre Funkstille. Schnell mal ein paar Socken und Unterhosen in ein Köfferchen gepackt und schnurstracks nach Berlin gereist. Mal kurz bei Perlon-Labelchef Thomas Franzmann geklingelt. Und dann im Februar 2004 die Maxi: “Chicken Fried Rice”. Und da ist er wieder, der rote Faden, der dann mit der “Hühnerfest EP” noch weitergesponnen werden sollte: Essen. “Ich versuche, die schweren Themen wie Liebe, Tod und Politik zu umgehen. Das würde in Anbetracht meines Englischhorizonts nur peinlich. Und darum konzentriere ich mich auf Dinge, die ich mag. Und Chicken Fried Rice ist halt mein Lieblingsmenu – meine persönliche Hymne für Zuhause.”
Was Food für Kalabrese, ist für Fans und Freunde seine EP: eine Gaumenfreude. Der minimale Funk, versetzt mit einem Schuss von Kalabreses Vocals, die übrigens nur aus Sängernot heraus entstanden sind und gerade deshalb so charmant wirken, lässt die Beine flattern und eignet sich sowohl für den Dancefloor wie auch fürs Küchenradio. Das fand man dann auch nicht nur in Zürich, sondern auch im Ausland. Kein Grund für Kalabrese, die Bodenhaftung zu verlieren. Weiter geht’s mit der “Hühnerfest EP”, die gerade auf Stattmusik raus ist, wo im kommenden Mai auch Kalabreses erstes Album erscheinen soll. Im Visier: der Rumpelfunk; die Betonung auf das lebendig Unperfekte. Konkret: weniger Laptop-Perfektion, weniger PlugIns, mehr Mensch, mehr Romantik. Im Studio, auf dem Dancefloor. Durch die Nacht. Hauptsache, der Magen grummelt nicht und das Gefühl stimmt. “Oft enden die guten Nächte betrunken, beseelt von der Musik, von der Stimmung im Morgengrauen und man fühlt sich auf dem Heimweg wie John Travolta in Staying Alive, dabei brummt der Schädel und am nächsten Tag hat man kein Vortanzen am Broadway, sondern muss aufs Arbeitsamt oder ins Büro.”

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Elektronische Lebensaspekte.