User-Generated Content stiftet Gerechtigkeit, er ist angesagt und vor allem reich an Rendite - soweit der Mythos. Was Investoren wirklich vom Hype um Web2.0 halten, steht auf diesem Blatt.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 108

Nachdem der Web2.0-Buzz knappe 18 Monate primär eine große Nabelschau war, ist das Kind mit Googles 1,65-Milliarden-Dollar-Kauf von YouTube endgültig erwachsen geworden. Vor allem in Europa hat man den Eindruck, dass erst der Knall in Folge von großen Beträgen kommen musste, bis Blogs, Podcasts und Fotologs auch außerhalb der Medienlandschaft als ernsthafte Assets betrachtet werden. Dabei steckt hinter jeder vermeintlichen Medienrevolution notgedrungen auch ein ökonomischer Unterbau. Im Fall der Netz-Entrepreneure, jung, innovativ und mittellos, spielen Private-Equity-Unternehmen oder genauer Venture Capitalists eine wichtige Rolle. Und wer jetzt laut aufschreit, der bucht sich lieber schnell sein VirginAir-Ticket nach San Francisco und schaut sich die Tatsachen hinter seiner Lieblings-URL genau an.

4200 Prozent Rendite
Fast jede Neugründung, die sich auf einem größeren Markt bewegen will, bedarf nach der Entwicklungsphase finanzieller Mittel, um Angelegenheiten wie Vertrieb und Marketing im großen Stil umzusetzen. Diese Mittel fließen meist in Form von Eigenkapital in die Firma ein, womit auch eine Beteiligung am Unternehmen selbst einhergeht. Für den Fall, dass man auf dem internationalen Markt arbeiten will, d.h. schnell relativ viel Geld braucht, sind Venture Capitalists (VC) die nahe liegenden Partner. VCs arbeiten meistens mit einem oder mehreren Investment-Fonds, in welche verschiedene, institutionelle Anleger (Unternehmen, Universitäten) einzahlen. Mit diesem Geld investiert das VC-Unternehmen in hoffnungsvolle Neugründungen, versucht diese so schnell wie möglich zum Erfolg zu führen und dann gewinnbringend zu verkaufen. Da diese Investitionen als risikoreich gelten und nicht zuletzt die Fehlinvestitionen kompensiert werden müssen, wird beim Verkauf eine relative hohe Rendite (um die 20 Prozent) erwartet. Diese Tatsache ist dem Image der Investoren wenig zuträglich, gerade in letzter Zeit mussten VCs oft als Feindbild herhalten. Dabei existiert diese Form des Investments schon seit über dreißig Jahren und hat vor allem vielen amerikanischen Web-Angeboten erst eine Existenz ermöglicht. Eines der erfolgreichsten Beteiligungsunternehmen dort ist Sequoia Capital. Sequoia hat u.a. Apple, Nvidia, EA, PayPal, Yahoo, Google und zuletzt YouTube auf die Beine geholfen. YouTube tauchte erst letzten Winter ernsthaft auf der wortwörtlichen Bildfläche auf. Im November 2005 erhielt Sequoia für 11,5 Millionen Dollar 30 Prozent der YouTube-Anteile, im Oktober 2006 konnten diese 30 Prozent für 495 Millionen wieder verkauft werden – so läuft das VC-Geschäft im besten Fall.

YouTube-Klone wollen Geld
Um ein wenig hinter das Balance Sheet in Web2.0-Zeiten zu schauen, hat Debug sich bei Venture Capitalists umgehört und ausführlich mit Christian Leybold gesprochen, der BVCapital auf dem europäischen Markt führt. BVCapital wird, mit Sitz in San Francisco und Hamburg, von den ehemaligen AOL-Europe-Chefs geleitet und hat bzw. hatte mit Del.icio.us, Angie’s List oder Azureus jede Menge Web2.0 im Portfolio. Die Tatsache, dass fast drei Viertel der Belegschaft in den USA sitzen bzw. die Investments auch zum Großteil dort getätigt werden, deutet an, wie problematisch das Thema in Europa immer noch ist. Und Leerstellen in der vermeintlichen Zeitgeist-getriebenen, heimischen “Wirtschaft“ zeigen sich auch, wenn man induktiv vorgeht, also die Details betrachtet. So widmete der FAZ-Wirtschaftsteil, das deutsche Business-Leitmedium, am 11. Oktober 2006 fast zwei komplette Seiten der YouTube-Akquisition. Dabei wird auch erwähnt, dass Murdochs MySpace.com bald in einer deutschen Version kommt, wobei diese zu dem Zeitpunkt schon (ganz offensichtlich) über einen Monat online war. Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass auf der IFA 2006 (Anfang September in Berlin) sechs von sechs Mitarbeitern am T-Mobile-Stand – mit Fokus Web’n’Walk – noch nie etwas von YouTube gehört hatten. All dies signalisiert Unsicherheiten auf beiden Seiten, bei Investoren wie Gründern; da kommt es schon mal vor, dass ein Businessvorschlag per Mail eingereicht wird, “mit dem Hinweis, dass man ein ähnliches Geschäftsmodell wie YouTube plane und dazu zum Start fünf Millionen Euro benötige”. Aber wie macht man es denn richtig? Dazu hat Christian Leybold von BVcapital ein kleines FAQ auf seinem Blog blogging.vc veröffentlicht. Letztendlich ist aber nicht nur das Wie, sondern vor allem der eigentliche Inhalt, das Business-Modell, entscheidend.

C. Leybold: Wir haben bei Del.icio.us investiert. Das fanden wir sehr interessant, weil es in dem Bereich letztlich drei verschiedene Aspekte gibt, die eine “Community“ liefern kann bzw. im besten Fall liefern sollte. Zunächst sollte sie irgendetwas haben, was den Leuten einen echten Nutzwert bringt. Zweitens muss sie ein nachgeordnetes Interesse befriedigen. Das kann bei MySpace Musik sein oder bei Facebook die Angabe der Nutzer-Handynummern. Oder dass man das Thema Dating unterschwellig mit reinnimmt. Man muss im Prinzip eine Form von “value propostion“ liefern. Drittens: Das Netzwerk muss per se einen gewissen Mehrwert liefern. Die Tatsache, dass andere Leute auch noch auf dieser Site sind, muss einen spürbaren Effekt haben. Bei Google hingegen habe ich, wenn man mal von der technischen Implementierung am Backend absieht, genauso viel Nutzen, wenn ich es allein nutze. Bei del.icio.us ist der erste Anreiz ganz einfach “Ich kann meine Bookmarks besser verwalten“ und quasi als Abfallprodukt fällt ein Mehrwert für die Community ab.

Nachhaltigkeit ist ein notwendiges Kriterium, und das nicht allein auf der Ebene, dass das Unternehmen schon übermorgen die großen Gewinne ausschüttet.
CL: Das Ziel ist schon, etwas zu bauen, was langfristigen Wert generiert. Ebenso gilt es, nicht in ein reines Feature zu investieren. Wir fragen uns immer: Ist es ein Stand-alone-Business oder ist es sozusagen nur ein Balkon, den man an ein Haus anbaut? Und wie lange hat so etwas Bestand? Ist das nur eine ganz kurze Sache, die morgen als kleines Feature, als Knopf 37 bei Yahoo auftaucht?

Sieht ein VC-Investor hier auch eine inhaltliche Revolution? Werden da nicht theoretische Modelle über den Haufen geworden, wenn Nachahmung so wenig kostet, ergo die Markteintrittsbarrieren gewaltig sinken?
CL: Man muss sich fragen, was ist die “barrier of entry”? Ist es die Technik? In der klassischen Denke wäre das dann das Patent. Oder ist es prinzipiell die “Audience“, also eine Community aufgebaut zu haben? Und im Internet ist es eben häufig die Community.

Zudem sich gerade eine Trendwende im klassischen Konsumentenverhalten abzeichnet.
CL: Folgen hat es sicher. Die Frage ist aber grundsätzlich: Was ist Ursache und was ist Wirkung? Ich glaube, technische Rahmenbedingungen sind ganz wichtig, eben Sachen wie Digitalkamera oder Breitbandanschluss. Außerdem die Tatsache, dass die Macher selbst inzwischen kapiert haben, wie Social-Networking im Internet funktioniert.

Dabei gibt es für Leybold ganz klar ein Killer-Feature im Web 2.0-Kosmos, das nicht zuletzt auch YouTube so stark gemacht hat.
CL: Das hat meistens mit Feedback zu tun. Wenn du es schaffst, eine positive Feedback-Schleife zu kriegen, dann wird es vital.

Nur, hat das auch abseits der Wertschöpfung Auswirkungen?
CL: Natürlich setzt irgendwann der Effekt einer gewissen Demokratisierung ein und das verändert natürlich die Medienkultur. Erst mal dadurch, dass es in der Vergangenheit einen Dialog gab zwischen wenigen Medien auf der einen und vielen Konsumenten auf der anderen Seite. Hier ist der Dialog natürlich immer nur einseitig und hört dann auf, wenn die Zeitung gedruckt ist. Heute ist theoretisch erst mal eine Viele-zu-viele-Beziehung möglich, weil sich die Seite der “Sender“ auch ständig verändert, eben je nach Aktualität der Themen. Und dann kommt es auf die Relevanz an. Digg.com ist letztlich ein Beispiel dafür, wie so etwas passiert, und das hat dann natürlich einen Effekt auf die Art und Weise, wie man Inhalte konsumiert.

Gerade, wenn man sich die VC-Landschaft in den USA anschaut, wird deutlich, dass man als Investor immer noch den Spagat zwischen großem Geld und unkonventionellem Ansatz meistern muss:
CL: Die Early-Stage-Investments sind oft Baustellen. Es ist nicht so, dass da immer ein komplettes Team und ein Fünf-Jahres-Plan vorhanden sind und am Ende steht irgendeine Zahl, an die man glaubt. Das ist es nicht. Ich meine, als wir bei del.icio.us investiert haben, und das ist jetzt auch schon wieder eine Weile her, haben viele Leute, wirklich sehr viele Leute, gesagt: “What the hell?!”. Die Leute sind damals auf die Site gegangen und fanden es eine absolut schwer verständliche, auf Technik-Fans zugeschnittene Site. Da ist man schon sehr früh dran und es kann natürlich auch sein, dass der Markt es eben nicht akzeptiert.

Aber genau das macht doch schließlich die Innovation aus?
CL: Ja, dann ist es vielleicht ein gutes Investment. Dazu vielleicht noch ein Punkt, der wichtig ist: Irgendwann gehst du von den Early-Adopters in den Massenmarkt. Aber die Grenze zum Massenmarkt verschiebt sich nach oben, in dem Maße, in dem es immer mehr Technik-affine User gibt. Sprich, man brauch immer mehr User, um wirklich zu wissen: Ist es ein massenmarktfähiges Modell? Und mit Massenmarkt meine ich wirklich die Leute, die E-Mailen und bei Amazon einkaufen können, aber sagen, das Internet ist kaputt, wenn Google down ist.

Und hier wird deutlich, dass es sich bei Web2.0 – wenn überhaupt – um eine schleichende Revolution, also einen Prozess und kein plötzliches Phänomen handelt:
CL: Als Venture Capitalist haben sich viele das letzte Mal 2001 mit dem Internet beschäftigt. Dann wacht man auf, es ist 2005/2006 und sagt, “Oh jetzt ist Web 2.0, alles was jetzt passiert ist Web 2.0.” Aber letztendlich hat es in Wirklichkeit eine kontinuierliche Entwicklung gegeben. Natürlich, durch die positive Wahrnehmung im Markt, passiert wieder viel mehr im Netz. Aber, dass irgendwann der Schalter umgelegt wurde und dann das Internet neu erfunden wurde, das sehe ich jetzt nicht unbedingt so.

Immer auf dem Boden bleiben, heißt die Devise. Dabei betonen stets alle Venture Capitalists, dass es Ihnen nicht nur um das finanzielle Investment geht, sondern man als VC auch persönlich, unabhängig vom Geld eine Hilfe sein will und muss. So wird z.B. bei Sequoia.com jede Investition personalisiert, indem sie auch nach außen als das Projekt eines Mitarbeiters, einer Persönlichkeit kommuniziert wird Aber wie sieht das konkret aus?
CL: Man hat als VC das Privileg oder einfach das Glück, unheimlich viel zu sehen. Zum einen, weil man sich wirklich jeden Tag mehrere Business-Pläne mit neuen Ideen anguckt. Zum anderen – wir haben jetzt ein Portfolio von ungefähr 15, 16, 17 Firmen – weil man ständig aus der Vogelperspektive sieht, was funktioniert und was nicht funktioniert. Man lernt insbesondere, wenn man in Segmenten investiert, die miteinander zu tun haben und nicht sagt, ich habe jetzt ein Medizintechnik-, ein Energietechnik- und ein Internet-Investment; und zwar nicht, weil wir die allerschlausten Leute der Welt sind, sondern einfach weil wir unheimlich vielen, sehr schlauen Leuten ausgesetzt sind, kann man schon eine ganze Menge an interessantem Input bzgl. Produkt, Marketing etc. liefern. Die andere Art von Hilfsleistungen ist die, dass man versucht mit dem eigenen Netzwerk zur Seite zu stehen. Das zahlt sich vor allem bei der Vermittlung von neuen Jobs oder Positionen aus. Gerade in den USA ist es so, dass die Leute bei der Jobsuche oft VCs ansprechen.

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Elektronische Lebensaspekte.