Selbstbewusste Debüt-Ode an die Heimat
Text: Markus Hablizel aus De:Bug 116


East-London-Musik, nicht Grime. Genre-Festlegungen lenken angesichts der sozialen Brisanz von Kanos autobiografischem Album nur ab. “London Town” ist nicht anderes als die UK-Einlösung von Chuck Ds Forderung nach einem “schwarzen CNN”.

“It was the Streets that raised me/Streets that paid me/Streets that made me a product of my environment/Yo, I’m a product of my environment“

Immer geradeaus

Keine Ahnung, auf welche Spur genau “This Is The Girl“, die erste Single-Auskopplung aus Kanos neuem Album “London Town“, führt. Vielleicht auf die Anthems-not-Bangers-Spur, was an dem von Craig David gesungenen Zuckerwatte-Hook liegen mag. Vielleicht auch auf die Perfekter-Schwiegersohn-Spur, die Kano durch Treue, Enthaltsamkeit und Konzentration aufs Wesentliche in Text und Bild umreißt. Vielleicht aber ganz einfach auch auf die falsche. “London Town“ ist nämlich mitnichten ein Album im Geiste der (zwei) großen britischen Boybands der 90er, auch wenn der eine oder andere Song durchaus in diesen Rahmen passen würde. Immer wieder wird über melancholische Pianomelodien gehaucht, süß gesungen und Streicher tun, was sie am besten können: streichen.

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In erster Linie ist das zweite Album des Londoner MCs aber ein seltsam einnehmender Bastard voller Teenage Angst, Melancholie, großer Fresse, Resignation und Zuversicht, der sich jeder einfachen Kategorisierung – inhaltlich wie musikalisch – dankbar entzieht. An “London Town“ können sich Fans wie Musikjournalisten lange und heftig reiben, bis ihnen ganz warm um Herz und Hirn wird.

Keiner kümmert sich

Is it just me, oder darf man sich schon ein wenig wundern, dass bislang in keiner mir bekannten, sich mit aktuellen Popmusiken auseinander setzenden Zeitschrift ein Aufsatz zu Dizzee Rascals vor gut einem Vierteljahr erschienenem Über-Track “Sirens“ und dem korrespondierenden Video (des noch jungen Jahrtausends!) publiziert wurde?

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Is it just me, oder darf man sich schon ein wenig wundern, dass der mittlerweile 18. tote Jugendliche in London allein in diesem Jahr und die von Politikern und Polizei daraus abgeleitete (Kurz-) Schlussfolgerung, afro-britischen Kids mangele es an vernünftigen Vorbildern, Rapper würden ja nur zu Gewalt und Verbrechen anstiften, keiner mir bekannten, sich mit aktuellen Popmusiken auseinander setzenden Zeitschrift einen Artikel wert war?

Is it just me, oder sind auch noch andere der Meinung, dass Genrestreitigkeiten angesichts der Alben von u.a. Dizzee, Lethal Bizzle und nun Kano in solch einem Klima getrost hintenangestellt werden dürfen, ohne zwangsläufig zu einem Spaßbremsen-State-of-Mind zu führen?

Der Protegée

Das mit einem synthetischen Bassstoizismus unterfütterte und dem Album-Opener “The Product“ entliehene Eingangszitat bringt nicht nur die Kano-Werdung von Kane Robertson, sondern auch sein neues Album auf den Punkt. Ohne die Straße aka East London wäre er nicht das, was er heute ist: ein MC mit einer satten Portion Skills und Credibility. Ohne die Straßen aka Mike Skinner wäre er heute nicht, wo er ist: auf dem Semi-Major 679 Recordings, bei den MOBO Awards, auf Mobiltelefonen, around the World. Und doch sollte man immer dreimal hinsehen und -hören, bevor man allzu alttestamentarisch an Wort und Schrift kleben bleibt.

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Skinner mag Katalysator für Kano gewesen sein und musikalisch Spuren hinterlassen haben, aber dessen auf Dauer geschaltete Überhöhung britischer Lad Culture mit allen Nettig- und Abscheulichkeiten ist seine Sache nicht. Auch waren die Straßen seiner (im Alter von 22 Jahren) nicht allzu weit zurückliegenden Jugend noch andere. Als Teil der in East Ham rulenden N.A.S.T.Y.-Crew (nicht Gang) lief er eher Gefahr, für beschissene Rhymes ausgelacht zu werden, als von 14-jährigen BMX Bandits abgestochen oder erschossen zu werden. Somit gehört er vermutlich zu der Generation an Londoner Künstlern, nach denen alles anders geworden zu sein scheint: “Dizzee und ich, wir haben es gerade noch einmal durch die Tür geschafft, bevor sie uns vor der Nase zugeschlagen wurde. London hat sich total verändert und das Musikbusiness auch. Heute gibt es kaum noch Pirate Radio oder Raves, es regieren Myspace, Channel U, Youtube und Mixtapes.“

Heimatliebe

Um hier weder Autor noch Künstler falsch zu verstehen, Kulturpessimismus geht anders. “London Town“ erzählt von Veränderung – von persönlicher und sozialer. Und in den besten Momenten wird die Wechselwirkung der beiden Ebenen deutlich. Dann, wenn der Künstler Kano merkt, dass die dunklen Orte, an denen er sich immer wieder befindet, nicht nur etwas damit zu tun haben, dass mit dem Erfolg richtige Freunde zu falschen werden, Rampenlicht nicht nur Gutes mit sich bringt und der Major an sich eher eine Geldvermehrungs- denn Kultursubventionierungsmaschine ist. Wenn ihm nämlich aufgeht, dass nicht nur Kano und Kane Produkte ihrer Umgebung sind, sondern auch all die anderen in den marginalisierten Bezirken von “London Town“ und anderswo im ehemaligen “Cool Britannia“ von Tony Blair. Dass vielleicht der ein oder andere Fehler im System existiert und Aufhören keine Alternative ist.

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Und plötzlich stolpert er über “Police And Thieves“, einen 30 Jahre alten Song von Junior Murvin und Lee “Scratch“ Perry, und merkt, dass das Problem kein neues ist, sondern immer wieder neue Qualitäten erreicht. Und so cheesy seine folksy Adaption mit dem Titel “Fighting The Nation“ auch anmuten mag, so ist sie doch Teil eines – wenn auch diffusen, wenig zielgerichteten – Aufbegehrens einiger Londoner Künstler, die angesichts der sich nicht gerade zum Besseren kehrenden Situation in den britischen Ghettos den Finger wieder öfter in die Wunde legen.

Zeitzeuge

Ohne fahrlässig einem jugendlichen Romantizismus zu verfallen, so erfährt man auf den Alben und in Interviews mit Kano oder Dizzee ein gutes Stück mehr über die Probleme und die Lebenswelt junger Afro-Briten und -Britinnen als Scotland Yard durch hilflose Trips nach South Central Los Angeles, um sich dort Nachhilfe für das jüngst gelaunchte Projekt “Operation Curb“ zur Eindämmung von Ganggewalt abzuholen. Was im Fall von Kano etwas mit seiner ganz persönlichen Konstitution zu tun hat: “Ich bin als Privatmensch nicht sehr offen. Auf meinen Platten sage ich also Dinge, die ich im realen Leben so nicht sagen würde.“

Und doch begreift er seine Alben als jeweils ein Kapitel seines Lebens und behauptet so, um ihm ganz vornehm meine Interpretation in den Mund zu legen, eine Art öffentlich zugänglicher Zeitzeugenschaft. Und wenn man auch nicht sofort Chuck Ds vielfach dekontextualisierte Rede vom HipHop als schwarzem CNN in einen neuen Zusammenhang werfen mag, so ist mit “London Town“ zumindest dieses Jahr schon das zweite Album nach Dizzees “Maths + English“ erschienen, das den Eindruck vermittelt, man könne die Verhältnisse wieder ein wenig zum Tanzen bringen.
Aber hey, maybe that’s just me.
http://www.679recordings.com

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Elektronische Lebensaspekte.