In Zeiten der Dorf-Discoisierung der elektronischen Musik lässt sich der Techno-Mittelstand von Kanzleramt in seinem Lebensprojekt der Verteidigung und Weiterentwicklung Bad Nauheimer Detroit-Werte nicht aus der Ruhe bringen.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 87

Langzeit-Business oder Total Recall
Kanzleramt, Diego und Double X

Das Überbordend-Freudige, das graue, technoide Drängen, die aufblitzenden Melodiekristalle: Heiko Laux’ Label Kanzleramt lässt keinen Aspekt des technoiden Rausches aus. Mal ist es bloße Kraft, mal glutrote Hitze, mal treibende Wut, später feinsinniger Charme und satte Schönheit.
Debug fragt nach den Produktionsumständen der letzten Alben-Releases und nach der gegenwärtigen Verfassung der Techno-Szene. Zu Wort kommen Diego, der gerade sein sechstes Album auf dem Label veröffentlicht hat, sowie Alexander Kowalski und Torsten Litschko, deren Debut-Album als Double X bald erscheinen wird. Die Musiker werden von Kommentaren und Analysen des Label-Managers Ronny Krieger ergänzt.

“OPEN“
Debug:
Diego, was hast du dir auf dem neuen Album erarbeitet? Was markiert es?
Diego:
Ich war überhaupt nicht glücklich mit “Open“. Für mich ist das Album noch im Anfangsstadium. Wenn ich so musikalisch produzieren will, wie ich es da versucht habe, brauche ich noch ein paar Jahre, bis ich wirklich fit bin – so ist es harmonischer Bullshit. Ich kann entweder Techno oder Musik machen, aber beides zusammen finde ich zurzeit einfach nur doof. Ich weiß nicht, wieso ich meinen Techno downgrade, indem ich musikalische Elemente einfüge.
Ronny:
Da gab es einen Konflikt mit Heiko [Laux]. Diego wollte ein neues Album produzieren und Heiko zehn straighte Techno-Stücke geben – der wollte aber genau das Album, wie es erschienen ist: mit Jazz, mit Musik.

Debug:
Und wie klingt der richtige Techno?
Alexander:
Viel härter.
Diego:
Nein, nicht unbedingt härter, aber tiefer und nicht so musikalisch. Techno lebt eher von den Sounds, weniger von den Melodien. Es sind keine Sound-Tüftler mehr am Werk. Dabei gibt es noch so viele geile Sounds, die man verarbeiten kann.

Debug:
Ich hatte den Eindruck, dass das durch ist.
Diego:
Das wird einfach nicht mehr weiterentwickelt, weil jeder jetzt das Gefühl hat, er muss Musik machen: kombinieren und genreübergreifend arbeiten.
Alexander:
Auf alten Platten haben Leute noch nach Sounds gesucht, die den Track tragen können. Heute ist es eher das Drumming und ein paar Sequenzen.
Diego:
Das finde ich eben schade, weil das für mich den Reiz ausgemacht hat. Wenn ich Musik hören will, kauf ich mir eh’ eine Jazz-Platte.

“A:LIVE“
Debug:
Torsten und Alexander, was war eure Ausgangssituation?
Torsten:
Wir hatten Lust auf Party, auf Rock’n’ Roll. Das Projekt gibt es ja schon fünf Jahre und es war nach all der Zeit, in der Alex solomäßig unterwegs war und ich mit Sender Berlin alles andere gemacht habe als Musik, die logische Konsequenz, ins Studio zu reiten und Rock’n’ Roll zu machen.

Debug:
Was ist das Besondere an der gemeinsamen Produktion?
Alexander:
Mich muss man manchmal bremsen, weil ich zu schnell allein dabei bin.
Torsten:
Es ist nicht immer einfach, Alexanders Strukturen zu zerstören – manchmal hat’s geklappt, manchmal weniger.
Alexander:
Es macht einfach Spaß, es ist freier. Wir sind abgegangen, wollten Techno machen. An einigen Tagen haben wir Jams aufgenommen, an anderen diese Sketche zu Tracks verarbeitet. Wir arbeiten gerne schnell, das ist flüssiger.

Debug:
Und wenn du alleine produzierst? Da gibt es schon eine Ebene von Komposition?
Alexander:
Von Überdachtheit. Ich habe mir gerade einen Digital-Mixer gekauft, um Total Recall zu haben, weil ich immer in der Lage sein möchte, an den Tracks jederzeit weiterzuarbeiten. So kann ich ein Stück einen Monat in Ruhe lassen und dann mit frischen Ideen weitermachen.
Diego:
Das find ich witzig, ich will gerade von dieser Konstruiertheit weg.
Alexander:
Ich will den perfekten Track machen.
Diego:
Ich will herumspielen und erstmal nichts komplett ausarbeiten.
Alexander:
Ich will einen Track machen, wo alles sitzt. Ganz kleine Breaks, die exakt auf dem Punkt sind.
Diego:
Ich hab das Gefühl, wenn ich mir zu viel überlege, sind die Tracks nicht deep genug. Ich mag keine Strukturen, es muss alles unlogisch sein, abgefuckt.

Debug:
Alexander, du hast deine Arbeitsweise drastisch geändert …
Alexander:
Das erste Album ist live als Jam aufgenommen worden. Da hatte ich einen Sequenzer im Loop laufen; alles war auf dem Board und sämtliche Aktivitäten liefen über das Board. Die Breaks konnte ich nur so machen, wie es mit zwei Händen möglich war. Bei “Progress“ entdeckte ich das Sequenzing, da gab es viel mehr Einflussmöglichkeiten.
Ronny:
Gerade die letzten Kanzleramt-Alben haben eine extreme Komplexität erreicht. Das Diego-Album hat teilweise Bigband-Charakter: Unglaublich viele Harmonien beziehen sich auf dieselbe Stelle.

KANZLERAMT
Debug:
Wie wirkt sich das Label Kanzleramt auf eure Produktionen aus?
Diego:
Oft unbewusst: Kanzleramt ist ein Brand, hat eine Klangfarbe, die musst du hinbekommen.
Alex:
Das ist ein Phänomen: Wenn irgendjemand, etwa ein Damon Wild, eine Platte für Kanzleramt macht, klingt die wie eine Kanzleramt-Platte. Über die Jahre passen sich die Artists der Vorgabe von Heiko an.
Diego:
Deshalb möchte ich für eigene Musik ein eigenes Label haben.

Debug:
Was ist die Idee des Kanzleramt-Sounds?
Alexander:
Es ist weniger eine Idee, eher eine Soundästhetik.
Ronny:
Manchmal will Heiko den Sound gar nicht so definiert haben. Die Artists geben ja kein fertiges Album ab, schicken vielmehr Tracks und Heiko wählt seine Favourites aus. Das wird zum Selbstläufer und Spannendes fällt heraus. Das ist der Zwiespalt: Auf der einen Seite ist es gut, eine Brand vorzugeben, andererseits begrenzen die Produzenten sich selbst. Irgendwann gab Heiko seine Charts ab und stellte fest, dass sie zu 75% aus Kanzleramt-Platten bestehen – da hat er dann aufgehört DJ-Charts zu schreiben.
Weil gerade eher alle DJs dieselben Hits spielen, finde ich die Tendenz, aus einem ganz bestimmten Ansatz heraus zu arbeiten, gut und notwendig. Es hat als Familie angefangen mit Johannes, Anthony, Heiko, das haben wir beibehalten, als wir uns professionalisiert haben. Wir wollen uns auf die Künstler konzentrieren. Heiko vermisst zurzeit weniger gute Tracks, sondern Künstler, die eine langfristige Perspektive aufmachen.
Diego:
Schon bei unserem ersten Telefon-Gespräch hat er gesagt: Du kannst jetzt hier eine Platte machen, ich will aber, dass wir weiter zusammen arbeiten.
Thorsten:
Andere Erfahrungen haben wir mit Sender Berlin bei Tresor Records gemacht. Nach dem enormen Erfolg des ersten Albums waren alle Möglichkeiten da. Es entstand ein großer Druck, es wurde viel geredet und wenig realisiert. Wir haben die Konsequenz gezogen und veröffentlichen das dritte Album auf dem eigenen Label Ungleich.
Ronny:
Das Erfolgsrezept kann nur ein Langzeit-Business sein. Mit Alexander und Diego haben wir Masterpläne entwickelt, es ging nie um die Verkaufszahlen der ersten Alben.
Torsten:
Da wird nicht nur von Familie gesprochen, sondern Familie gelebt.

“PLACES“
Diego:
Techno war die Loslösung von musikalischen Strukturen, jetzt werden die wieder eingeführt: Das ist ein Rückschritt. Techno hat auf eine andere Art und Weise funktioniert, nicht musikalisch in dem Sinne, wie wir das kennen.
Alex:
Weil viele das auch nicht konnten. Die konnten gerade mal die 909 programmieren und ein paar Sequenzen hinschrauben, dann war’s das aber auch schon. Dann haben sie auf der 303 ein bisschen blöd rumgedaddelt und Tracks aufgenommen.
Diego:
Ich meine ja auch nicht die blöden Tracks, sondern Joey Beltrams “Places“.
Alex:
Ich weiß auch nicht, ob der Joey damals Musik machen konnte, der konnte sequenzen.

Debug:
Das neue Album ist unfassbar schlecht.
Diego:
Auch die letzten Sachen auf Stx waren grässlich.
Alex:
Ich hab ihn im Tresor live gehört – das war cool: Disco-Schranz, das gab’s vorher noch nicht, das hat er erfunden.
Ronny:
Jetzt wollte er sich musikalisch entwickeln und hat Disco-House für sich entdeckt. Bisher hat er keine Musik gemacht, sondern ein extremes Gespür dafür gehabt, bangin Tracks mit einer unglaublichen Wucht rauszulassen.

TECHNOPOP
Diego:
Den Trend zum Poppigen finde ich bedenklich: Techno braucht einiges an Aufmerksamkeit, an genauem Hinhören, bis man in die Musik reinkommt. Ich weiß nicht, ob die neue Eingängigkeit positiv ist.
Alexander:
Ist sie nicht. Dadurch wird die Musik zu Kirmes-Techno.
Ronny:
Techno müsste in eine andere Richtung gehen, wie engagiert produzierte Achtziger-Jahre-Platten, eine Depeche Mode Platte mit 128 Spuren etwa. Die hörst du zum achtzigsten Mal und entdeckst eine Snaredrum, die dir zuvor noch nie aufgefallen ist – so was passiert bei Techno nicht. Früher sind die naiv-kreativen Bands ins Studio gekommen, da gab es Produzenten, die die Aufnahmen über Monate detailliert ausproduziert haben. Heute können die Leute durch die Self-made-Geschichte viel mehr alleine machen, trotzdem entwickelt niemand zu Hause das Know-how für eine 64-Spur-Produktion. Vielen würde es helfen, sich vom Dogma der absoluten Selbstständigkeit frei zu machen und mit einem Produzenten oder Engineer zusammenzuarbeiten.
Alexander:
In den professionellen Produktionen steckt eine Frische, da hört man, dass da Freaks am Abgehen sind. Ein Track wie Kylies “Slow“ ist von szene-eingebundenen Leuten produziert, das Instrumental ist ein Clubtrack.

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Elektronische Lebensaspekte.