Für sein Debut-Album hat Kaos Terranova und Ghost Cauldron ausgeblendet und sich mit sich selbst, alter Technologie und Disco als Heimathafen auseinander gesetzt. Hallo Fremder ...
Text: Felix Denk aus De:Bug 90

Disco mit Handwerkerehre
Kaos

Von Prof. Dr. Frankie Knuckles ist folgende Beobachtung überliefert: House-Produzenten würden eigentlich gerne Disco machen, können das aber nicht. Gesagt ist gesagt. Laut dieser Knuckles’schen Defizithypothese wäre House eine etwas unglückliche und bemitleidenswerte Mischung aus musikalischem Unvermögen und materieller Armut. Kaos kann da nur mit den Schultern zucken. Ihm doch egal. Nerdige Bedroomproducer sind das Vorletzte, was ihn interessiert, und Minimalhouse, das ist so langweilig digital und kühl.

“Hello Stranger”, Kaos’ Debut-Album, ist vieles, aber sicher kein House. “Punk Funk?” Kaos macht ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Nein, auch nicht. Was es ist, das ist ihm nicht so wichtig. Irgendwie Disco, aber eine Disco, die all ihre Mutationsformen bis hin zu Chicago House gleich mitdenkt. Wäre “Hello Stranger” 1981 erschienen, Ed Bahlman hätte jedenfalls mindestens drei Stücke für 99 Records lizenziert. Doch es gibt nicht nur neurotischen Funk mit handgespieltem Bass, Live-Percussion und überdrehtem Geschrei, sondern auch einige elegische Disco-Fantasien mit luftigen Keyboardläufen und als Finale ein Stück namens “Bang The Box”, das, man ahnt es schon, das einzige Sample der Platte enthält.

Mit Terranova oder Ghost Cauldron hat Kaos’ Beitrag zur Remusikalisierung der Dance-Music nichts zu tun. Von einem Konversionserlebnis kann er trotzdem nicht berichten. “Das kommt so vom Auflegen”, kommentiert er seinen Stilwechsel. Da habe er eben im Laufe der Zeit ein großes Herz für alte Disco-Platten entwickelt. Weil er ohnehin im Trixx Studio in Berlin-Kreuzberg arbeitet, das bis zur Decke mit Arps, Moogs und anderen Vintage-Synthesizern bestückt ist, lag der Gedanke eben nahe, ein Disco-Album zu original Disco-Produktionsbedingungen aufzunehmen. Immerhin ein halbes Jahr dauerte das. Dabei kamen unter anderem Erlend Øye, Khan und Snax und Matt B. Safer von The Rapture zu Jam-Sessions vorbei. Ehrensache, dass auch der Säulenheilige der DIY-Disco, Daniel Wang, einige Keyboard-Parts für das Album eingespielt hat. Und um nicht nur im Hintergrund an Knöpfchen zu drehen, setzte sich Kaos auch mal selbst hinter das Schlagzeug.

So viel Selbstgemachtes. Und so viel Aufwand! Sie scheint allmählich zu verblassen, die gute alte Techno-Utopie vom Tanzen zu Verhältnissen, die sich jeder schnell zu Hause programmieren kann. Immerhin, von Kaos und seiner Disco-Supergroup wird man dabei bestens unterhalten.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.