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Text: pit schultz aus De:Bug 31

Die dot.com.Ökonomie Was ist digitaler Kapitalismus, zum Beispiel? Die seltsam abgeschlossene Allgemeingültigkeit des digitalen Kapitalismus und die damit einhergehenden Abgrenzungskonflikte lassen sich vielleicht mit einem einfachen Satz Norbert Wieners besser verstehen: ”information is information not matter nor energy”. Schlendern wir mal entlang dieser Begriffe. Der Leitbegriff der Information stellt innerhalb dieser Triade weder Dreieinigkeit her, noch lässt er unendlich viele Auflösungen zu. Vielmehr verdrängte die Kybernetik andere Dreickssysteme westlicher Kulturgeschichte und machte “Information” zum Platzhalter des Machtpools. Um diesen Platz streiteten sich bereits unabhängiges Subjekt, patriarchale Autorität, ödipaler Vater, göttlicher Herrscher, reines Zeichen und absoluter Geist. Money rulez Auch wer die Sichtweise nicht teilt, muss heute zugeben: Money rulez. Das Internet, ehemals Cyberspace genannt, blieb nicht verschont von Kapitalisierung. Im Gegenteil verschlingt die dot.com.Ökonomie einen erheblichen Teil derzeit getätigter Investitionen und lädt ein zur achterbahnartigen Börsenspekulation. Seinen Bekanntheitsgrad erhält die jeweils neue Top10-Website weniger durch eine besondere Idee, sondern durch gigantische Marketingcampagnen in U-Bahnen und Wochenmagazinen. Die Frage lautet: Kann der Finanzmarkt die existierende und weiter explodierende Datenproduktivität noch einholen und in einen stabilen Geldwert fassen? Der Ruf der Hacker: – “Information will frei sein.” – verschmolz mit dem der Banker: – “Alles was fest war, wird nun flüssig”. Die Konvergenz von Kapitalismus und Kybernetik führte zu einem Clondyke-Effekt, der die Errungenschaften beider Lehren deckungsgleich brachte. Erste Geister-Websites liegen hinter uns, doch ganz in der Ferne tut sich ein schwarzes Loch am Finanzmarkt auf. Digitale Industrialisierung Das derzeitige Businessmodell ist das der Industrialisierung, bekannt von Eisenbahnnetz, Elektrifizierung. Erst investieren, dann kassieren. Was für Bereiche gewisser Schlüsseltechnologien gelten mag, trifft nicht für die gesamte Produktivität immaterieller Arbeit im Netz zu: Die unaufhaltsame Ausbreitung der Free Services, Anstieg der Bandbreiten bei fallenden Transaktionskosten, freie Betriebsysteme und Open Source-Software, Mp3-Audio, freie Faxserver, Communities und Internetdienstleistungen incl. Warez und CD-Fern-Kopiererei stellen die Durchsetzbarkeit der Grundlagen digitalen Geldes in Frage. Es mag sein, dass dies ein abgekartetes Spiel ist, eine Fortführung der Geschenkökonomien mit anderen Mitteln, um möglichst viele User süchtig zu machen, sie an Firmen zu beteiligen, ihnen bezahlte Jobs zu geben, um in der anschliessenden Konsolidierung, dem grossen Shake-out der Kleinen, richtig abzusahnen. Doch die freie Marktwirtschaft des Wissens ist nicht auf die Freiheit der digitalen Information vorbereitet. Regulierung Digitaler Konservativismus sieht daher Regulierungsmassnahmen vor, die auf verschiedenen Ebenen greifen sollen. Ziel ist die Sicherung der eigenen Pfründe. Das Stichwort: intellektuelles Eigentum. Die Akteure: ICANN (Internet Weltregierung – under construction) WIPO (Weltorganisation für intellektuelles Eigentum) die bunte böse Firmenwelt der transnationalen Hitech-Konzerne, Eliteschulen, Herrensalons (Bilderberg), Regierungsgremien usw. Die Methoden sind zahlreich. Eine heisst: Mache den Leuten klar, dass “da draussen” ein Krieg tobt, ein babylonisches Elend herrscht und nur der dominante Standard die beste Lösung bietet. FUD – Fear Uncertainty Doubt: Wer abweicht, wird mit Inkompatibilität bestraft. Wer mitmacht, kann nichts falsch machen. Das Draussen ist im weiteren Sinne der soziale Abstieg, dritte Welt und die, die keinen Internetanschluss haben. Eine andere Methode liegt darin, jedem Netzbenutzer eine eindeutige Kennung zu geben (z.b. über die IP Adresse oder den Domainnameneintrag, bzw. die PentiumIII Kennung) und diese für Verschlüsselung begehrter Daten im Namen der Privatsphäre und Sicherheit (s.o) zu nutzen. Verschlüsselung dient, entgegen allgemeiner Auffassung, nicht bloss der Sicherung der individuellen Privatheit, sondern der Sicherung privaten Eigentums. Über Verschlüsselung lässt sich digitaler Code “hart” machen und zentralen Registraturen, z.b. zur Urheberrechteverwaltung, zuordnen. Ähnlich der Einführung des Grundbuches im Feudalismus kommt es zur Parzellisierung und Verknappung von Allgemeineigentum. Digitaler Code soll sich damit wie ein materielles Objekt verhalten und seine “natürliche” Eigenschaft verlieren, endlos kopierbar zu sein. Die letzte und wohl bedenklichste Kontrollmöglichkeit ist eine internationale vollautomatisierte Netzpolizei. Erst erfolgt eine Generalamnestie bis 2000, dann die schrittweise Verfolgung von Copyrightdelikten. Die Kontrollgesellschaft hat viele Möglichkeiten offen, das digitale Subjekt zu konstituieren: Lizenzen, Sendeerlaubnisse, rigide Verwaltung von knappen Ressourcen und nicht zuletzt die von Film, Radio und Fernsehindustrie bekannten “soften” Methoden der informationellen Fügbarmachung bei der Wiedereinführung der Massenmedien. Der freundliche Cyberfaschismus Nach den grossen Menschenopfern und dem Exzess der Industrialisierung in den Vernichtungsmaschinen der Weltkriege und des Holocaust besteht die ernste Frage, welche Opfer in Zukunft im Ernstfall den Siegeszug der Digitalisierung beenden werden, um die nächste Folge der Modernisierung einzuleiten und dessen Grenzen oder Expansionsbewegung zu verteidigen. Der radikale Pragmatismus der Medienaktivisten in und ausserhalb von Firmen und Regierungen, die von Kulturpessimisten beklagte elektronische Unsinnsschwemme, die Aufzählung der Weltprobleme der Ökologie und Ökonomie, die Durchdringung der Informationstechnik in alle Bereiche verhindert nicht die Vermutung, dass wir uns längst mitten in einem freundlichen Cyberfaschismus befinden. : )

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Elektronische Lebensaspekte.