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Text: sascha kösch aus De:Bug 31

/digitaler Kapitalismus/kriminalität Kriminell im Handumdrehn Grauzonen des digitalen Kapitalismus ”Konvict? Kriminal? Miskommunikation. Every state tries to categorize its citizens in order to gain control over them. Dont let this happen to you.” http://www.m-nus.com, november 1999 Wir nehmen ein Beispiel. Neulich, am anderen Ende der Telefonleitung ein Mensch Namens “Büro Dr. Vosseler”, der Satz: “Jeder, der sich ein MP3 File downloaded, das nicht legal ist, macht sich strafbar, und auch der Versuch einer Straftat ist eine Straftat.” (Aus dem Gedächtnis kopiert.) Heisst: Du klickst, du bist im Visier der IFPI-Taskforce (denn dort sass das Büro, in der Schweizer Zweigstelle der “International Federation of the Phonographic Industrie”). Sie waren gerade damit beschäftigt, den Professor einer Schweizer Technischen Hochschule per Einschreiben aufzufordern, unter Verweis auf die Aufgabe der datenschutzrechtlichen Bedenken (heisst: kannst du vergessen, den Datenschutz, Herr Professor). Alle Seiten auf seinen Servern zu “schliessen” (Ordnungsamtjargon) und die Adressen aller “Anbieter” (Wirtschaftsjargon) der “auf ihrem Server befindlichen MP3 Files” (wohlgemerkt unspezifiziert, mit keinem Hinweis mehr auf legal, illegal usw.) herauszurücken. Aber scharf waren sie vor allem auf die Logfiles. Sämtliche IP Adressen wollten sie, die einen “Download erfolgreich oder nicht erfolgreich veranlasst haben”. My IP is my Home Das lassen wir uns mal eben kurz auf der Zunge zergehen. My IP is my Home, das gilt natürlich nicht für jeden. Normalerweise bekommen Leute, die sich über irgendeinen belanglosen Zugang wie etwa Boris Becker in der AOL-Werbung einloggen, eine eher kryptische ãPseudo-IP” Adresse zugewiesen. Gelten tut das aber schon immerhin für jedes Lan (Local Area Network) und jede ausgiebige Standleitung usw. Also: Kriminalität leicht gemacht. Bei Altavista einen Namen eingeben, nach Audiofiles suchen, draufklicken, und ab in den Knast. Toll oder? Das schnelle Kriminalisieren geht übrigens auch mit jeder Menge anderer Datenformate, nicht nur mit Musik. Verurteilt worden ist bislang noch niemand wegen so etwas. Vermutlich und hoffentlich – jedenfalls, wenn die Welt sich auch nur halbwegs so entwickelt, wie wir das vermuten – wird auch nie jemand deshalb verhaftet. Aber es dürften zumindest einige Leute entlassen werden, was heute ja fast das gleiche ist wie Gefängnis, denn LANs sitzten vorzüglich in Büros, und der Chef sieht es gar nicht gerne, wenn ein Anwalt anruft, egal weshalb. Wo ist hier eigentlich das Problem. Die Gesetze können es nicht sein, denn die bestimmen erst mal, was legal oder nicht ist. Also: Begriffe. Immer Ärger mit den Begriffen. Nachdem es bislang immer noch nicht gelungen ist, digitalisierte Musik so wasserdicht zu machen, dass sie, bevor man sie hört, erst mal Auskunft darüber gibt, ob sie legal ist, legal gekauft oder kopiert wurde, von wem, wessen Bankkonto bezahlt hat usw. (ein Problem, dessen Lösung die Secure Digital Music Initiative “verspricht”), kann jedes Musikhören, jeder Klick eine Straftat sein. Der Begriff ãmp3″ wird per se kriminalisiert. Irgendetwas kann da in den Grundmechanismen der Gesellschaft nicht so ganz stimmen. Früher stand mal so etwas wie: Unauthorized Reproduction usw. and Public Performance usw. auf jeder Schallplatte (prohibited usw.). Aufführungs- und Urheber-Recht sollten damit geschützt werden. “Freunden”, ein nicht ganz legaler Begriff, durfte man trotzdem eine Platte leihen, die sie dann auch anhören durften. Es war eine einfache Welt. Technologischer Vorsprung (die Fähigkeit, Musik auf Schallplatten zu pressen z.B.) wurde gerne für Geld gekauft. Viele Freunde sollte man allerdings nicht haben, heute weniger denn je, am besten jedenfalls keine mit fester IP Adresse. Digitale Freunde kann es per se nicht geben. “Alle Menschen sind meine Freunde” ist ein Ausdruck, der heute offensichtlich als kriminelle Veranlagung genetisch verifizierbar ins Grundgesetz und geächtet gehört. Ein gutes Gedächtnis auch, denn kopieren ist ja schliesslich strafbar, egal ob durch die Adern Blut fliesst oder Geld. “Das Gehirn darf kein Speicher ohne © sein”, schlagen wir als einen weiterer Satz fürs Grundgesetz vor. Die legale Grauzone, die in der Musik immer existiert hat (sing niemals, ohne der GEMA Bescheid zu sagen, das Ende vom Lied) ist immer solange lebbar, bis eine neue Technologie kommt und der Industrie Angst einjagt, nicht zuletzt, weil die Rechte gerne mal auf Begriffen sitzt, die heutzutage kein Mensch mehr versteht, wie z.B. Werk, Idee, usw. und weil der technologische Vorsprung sich langsam verlagert, von einem Medium zum andern. Als hätte die EMI nicht grade über 6 Monate ein Plus von 72% (vor Steuern, wegen Online) eingefahren. Al würde nicht überall mit wankenden Begriffen (Kopie, Original, Medium, Beziehungen usw.) gearbeitet, die ein Gesetz eigentlich gar nicht zulassen dürften, die aber immer transparenter werden. “Gib mir mal eben die IP Adressen deiner Downloads”, ist heutzutage in ungefähr das Äquivalent zu: “Mit wem hast du wann welche Schallplatte gehört oder hören lassen, wann war deine Tür nicht abgeschlossen, bzw. ein Fenster auf, und dürfen wir mal eben die Fingerprints von der Hülle nehmen”. Fragen, die sich vor einem Jahrzehnt niemand getraut hätte zu stellen). Mehr noch. Lange Zeit war Verbrechen etwas, dass sich über einen jahrhundertelangen Kodex von Verhalten als quasi selbstverständlich eingeprägt hat. Man wusste im Zweifelsfall, was ein Verbrechen ist. Unwissenheit war eher die Ausnahme. Heute ist das anders. Besagter Herr “Büro Dr. Vosseler” erklärte mir unverblümt, weil ich nun nicht glauben wollte, dass Downloaden von MP3 eine Straftat sei, dass man doch wissen müsse (und in diesem Wissen liegt heutzutage der Schritt vom Kriminellen zum ordentlichen Bürger), dass dieser und jener Act (er nannte Namen von Megastars, die ich nicht kannte, und ich befürchte, dass das nicht daran liegt, dass sie Schweizer Megastars waren) von diesem und jenem Label sei, und es dann nur auf der Homepage des jeweiligen Labels legale MP3 Files von ihm geben könne. Auf dem Schulhof Marken auswendig lernen, ist also keinesfalls ein blosses Posertum, sondern eine Vorbereitung auf ein fast unmöglich gewordenes Leben ohne Vorstrafen. Auf welchem Label ist Ricky Martin? Ihr wisst es nicht? Ihr seid Straftäter. Markennamen, Firmenzusammenhänge, Labelzugehörigkeiten, die kleinsten Fitzelchen der Bewegungen in der Informationstechnologie, all das ist nicht länger ein Teil einer digitalen Kapitalkultur, nein, es ist ihr Gesetz. Brennt euch die Logos ins Gehirn. Aber wagt ja nicht, sie abzuspeichern.

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Elektronische Lebensaspekte.