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Text: robert andersen aus De:Bug 31

Oekonux Ð von der Anarcho-Informatik zur Wirtschaftsanalyse Auf welche Probleme und Themen sind die Mitglieder von Oekonux gestossen? Die folgenden Auszüge aus der Oekonux-Mailingliste spiegeln den momentanen Diskussionsstand zwischen Open-Economy, Neoliberalismus und Marx’ Eschatologie des Kapitalismus wider. Pflegeleichte Füll-Möglichkeiten: majordomo@mikrolisten.de (Oekonux) cluetrain@topica.com (Cluetrain Manifest) Re: [ox] Ueberlegungen zur Liste · From: Pit Schultz · Date: Sat, 24 Jul 1999 22:57:16 +0200 >> open-economy, ok. aber dann ist man mitten drin im schlamassel. >> “offene weltmaerkte” ist ja genau der punkt, an dem sich staaten >> und firmen, eu und usa, neoliberale und altlinke seit langem >> zanken. > >…und du meinst, man assoziiert dann mit open-economy das falsche, >nämlich “offene weltmärkte”? in etwa. der begriff “open” wurde soviel ich weiss von eric raymond ins spiel gebracht, seines zeichens waffenfreak und neolibertarian (sowas wie ein rechter anarchist). “open:good closed:bad” ist ein slogan von wired magazine, seines zeichens vertreter einer radikalen digitalen neuen oekonomie, sprich verschaerftem globalem neoliberalismus. und selbst George Soros, der ja sein geld an der boerse verdient, verbindet mit ‘open societies’ und der einfuehrung von demokratie ganz diskret auch die oeffnung der maerkte. es mag sein, dass im bereich der standards und betriebsysteme der begriff open schon eine weile herumgeistert. vielleicht treffender, wenn auch nicht ganz von verwirrungen unbelastet, ist Apple’s auslegung: “public” source license. offenen quellcode als quasi oeffentlich im gegensatz zu privat (geschlossen) zu definieren scheint mir ein ganz spannender ansatz. sofern man aber auf der ebene von systemen und deren theorie bleibt, von mir aus. aber oekonomie ist eben nicht ideologiefrei :) > Wenn du beispielsweise irgendwas mit “free” machst, dann >landest du wieder bei der Assoziation mit einer Liberalisierung von >Märkten, usw. hm. “liberal” und “frei” sind eher zwei verschiedenfarbige socken. der freiheitsbegriff von stallmann wuerde mich ueberhaupt mal sehr interessieren. meint er die liberté der franzoesischen aufklaerung, oder eher die des amerikanischen cowboys/farmers oder eher den der spaeten 60er Hippiebewegung? ist er eher Existenzialist oder Zen- Buddhist? jedenfalls ist “frei” noch viel problematischer als “open”, weil ja voellig offen ist, welche Freiheit gemeint ist. (hallo rosa luxemburg) >Entweder wir finden uns mit dem Handicap ab und lassen alles wie es ist, >oder wir kreieren ein ganz neues Wort. naja, am anfang war das wort und er nannte es byte. faende schon interessant die wortumgebungen und herkuenfte etwas zu untersuchen, bevor man sich mit den gelaeufigen begriffsbildungen zufrieden gibt. [ox] Marx und Erloesung · From: “Stefan Meretz” · Date: Sun, 1 Aug 1999 17:30:51 +0100 > ist der tauschwert per definitionem (und ist die definition zb von marx > fuer uns bindend) nur an die warenform geknuepft? Mir fiele kein Grund ein, das nicht anzunehmen. > oder ist die warenform nur die bisher maechtigste aeusserungsform des > tauschwerts? wie verhaelt sich die gabentauschtheorie (marcel mauss, > spaeter dann baudrillard – symbolischer tausch und tod ua -) dazu? Gabentausch, Potlasch, Geschenkökonomie etc. ist mit dem Begriff des TW nicht angemessen fassbar – IMHO. > vgl. auch das kommunistische manifest, die aufhebung alter (tausch) > verhaeltnisse durch das kapital? restrisiko? Ja, alle Vorformen wurden untergepflügt. TW fasst aber die entfaltete Form im Kap. und nicht die Vorformen. (…) > was ist marx’ theorie wert ohne seine eschatologische gewisssheit der > (selbst)aufhebung des kapitalismus? Vorab: Eschatologie = Lehre vom Endschicksal der Menschen und der Welt. Meine Meinung: Ich brauche so eine religiös verbrämte Zielsetzung nicht. Ich will schlicht verstehen, was abgeht. Und Marx liefert immer noch eine Menge nützlicher analytischer Begriffe. Dafür brauche ich ihn (neben anderen) und für sonst nix. > fuehren wir hier die debatten der junghegelianer neu auf? werden also > stilfragen entscheidend (stil als biographischer, immer auch persoenlicher > einbruch in die alltaegliche naturform der gesellschaftlichen verhaeltnisse, > als “dialektischer blitz”, im sinne von benjamin und barthes?) oder ist der > verabsolutierte stil (bei bauer, stirner, etc. hiess es das subjekt etc.) nur ein > kleingarten an der peripherie der (markt)gewalten? Ich kenne keine Junghegelianer-Schublade. Was du mit Stilfrage meinst, versteh ich nicht. Interessieren würde mich die Bedeutung hinter der “alltäglichen Naturform der gesellschaftlichen Verhältnisse”. Und mit dem Kleingartenbild kann ich auch nix anfangen. Sorry. Was willst du sagen? Freundlichst, Stefan [ox] Ahnung und Bewusstsein (Re: Ehrenamt und Tauschwert) · From: “Stefan Meretz” · Date: Fri, 13 Aug 1999 09:11:23 +0100 Hi Sabine und Listige, (…) Ich meine drei Fragenkreise zu erkennen: 1. Ist die geahnte “Sache” *da* oder nur Zuschreibung? 2. Wie wird aus Ahnung Bewusstsein? 3. Wovon hängt die Richtung der Entwicklung ab? Zum Beantworten brauche ich zwei Voraussetzungen: A. Individuelles Handeln: Menschliches Handeln ist nicht determiniert, sondern frei – klarerdings im Rahmen der Bedingungen. Die Bedingungen sind nicht unmittelbare Handlungsauslöser etwa analog zum Computerprogramm: if Bedingung then Handlung, sondern sie sind die Prämissen unseres Handelns. Kurz: Handessn ist nicht bedingt, sondern begründet (und über Gründe läßt sich trefflich streiten, denn sie sind subjektiv). B. Geschichte: Begründetes Handeln der Individuen bedeutet gesellschaftlich nicht Beliebigkeit der historischen Entwicklung. Gründe sind immer auch potentiell gemeinsame Gründe oder Interessen, die kollektiv überindividuell wirksam werden – immer in Auseinandersetzung mit den Bedingungen, die wiederum durch das Handeln verändert werden. Der durchschnittlich-gesellschaftliche Effekt des Handelns bringt gesellschaftlich historisch-logische Entwicklungsformen hervor, die rekonstruierbar und - versuchsweise – antizipierbar sind. Zu 1.: Ist die geahnte “Sache” *da* oder nur Zuschreibung? Eine Frage der Erkenntnis. Mit A. sage ich nun, dass Verhalten von Individuen *von außen* nicht ergründbar ist (auch wenn traditionelle Psychologie genau das versucht). Anders auf überindividueller, gesellschaftlicher Ebene: Hier kann ich Entwicklungslogiken rekonstruieren, so ich über die angemessenen analytischen Zugriffe verfüge. Dabei kann ich Fehler machen, aber prinzipiell ist ein Erkennen möglich auch ohne eine bewusste Versprachlichung durch die Akteure. Zu 2. Wie wird aus Ahnung Bewusstsein? Will ich da auch individuell ran, dann kann nicht das nur _mit_ den Akteuren machen, oder es _selbst_ machen (sofern ich Akteur bin), jedenfalls nicht *von aussen*. Wenn das Erkennen über “Spass”, “Lernen” etc. hinaus gehen soll, also Allgemeines im Besonderen erkennen will, dann geht das nur über das gemeinsame Entwickeln der oben genannten analytischen Begriffe. Bewusstwerden ist folglich eine Art Selbsterkenntnis mit Hilfe angemessener Denkmittel. Zu 3. Wovon hängt die Richtung der Entwicklung ab? Du schreibst “…weil doch das was *ist*, jenes bestimmt, was kommt und nicht umgedreht… “. Kommt drauf an, was du mit “bestimmt” meinst. Wenn du das im Sinne von Voraussetzungen für die weitere gesellschaftliche Entwicklung meinst, dann ok. Wenn du das aber im Sinne einer Determination unabhängig vom Handeln der Menschen siehst, dann nein. Wieso “nein”, wo ich doch von historisch- logischen Entwicklungsformen sprach? Das hängt vom Abstraktionsgrad ab, also von der Ebene der Verallgemeinerung, auf der jedes Besondere im Allgemeinen aufgehoben ist. Finde ich diese Ebene, dann habe ich ein wirkungsvolles Analyseinstrument in der Hand (letztlich dreht sich Wissenschaft genau um ein solches Finden, auch wenn das oft *nicht bewußt* ist). Ich selbst, das hast du ja nun schon zur Genüge mitbekommen, bringe den analytischen Begriff der Produktivkraftentwicklung ein. Mit diesem Begriff meine ich ich gesellschaftliche Entwicklungslogik überindividuell darstellen zu können, in die die Besonderheiten (wie Linux – puh, der Bogen ist endlich da!) schadlos eingehen können. Und mit dem Begriff meine ich dann auch Richtungen der Entwicklung erkennen zu können. Jetzt habe ich die Frage nicht inhaltlich, sondern nur erkenntnistheoretisch beantwortet, aber dabei belasse ich es jetzt. Inhalt wäre konkret *Toyotismus* mit seiner Entwicklungslogik, dazu ist auch noch eine Frage von Dir, Sabine, offen. In den nächsten Tagen, jetzt erst mal ein Punkt. Etwas länglich geworden, aber es gibt ja noch die freundliche -Taste, gell ;-) Bye, Stefan [ox] Tausch & Utopie · From: Rainer Fischbach · Date: Tue, 17 Aug 1999 03:15:53 +0200 1. Ökonomie der Aufmerksamkeit, Reputation, etc.: (…) eine ausführliche Diskussion zu Thema ÈÖkonomie der AufmerksamkeitÇ, in der ich darauf aufmerksam machte, daß Aufmerksamkeit * kein Eigentum sondern etwas vorübergehend Geliehenes ist, * von den Anlässen und Gegenständen, denen sie gilt, kaum ablösbar ist, * deshalb normalerweise weder hortbar noch handelbar ist, * in den meisten Situationen eher asymmetrisch verteilt ist * und last not least keinesfalls immer als Bonum sondern oft auch als Malum erfahren wird. Letzteres geht nicht nur den Objekten der Herzblatt-Reporter so. Auch die Banker, die der Züricher Volksmund nicht zufälligerweise Gnomen nennt, ziehen es vor, ihre Geschäfte diskret im Dunkeln abzuwickeln. Das alles gilt analog auch für die Reputation. Im Hintergrund solcher Versuche scheint mir der Imperialismus des neoliberalen Weltbildes zu stehen. Alles muss irgendwie als Äquivalententausch verstehbar sein. Es darf keine Ausnahmen geben. Wert ist eine Abstraktion, die die Güter der Ökonomie kommensurabel machen soll. Die entwickelten Tauschgesellschaften haben eine gesellschaftliche Institution entwickelt, die dem Wert eine konkrete Form gibt: das Geld. Marx und vor ihm schon die älteren bürgerlichen Ökonomen glaubten, die gesellschaftliche Substanz des Wertes in der Arbeit fassen zu können. Der so gefasste Wert ist jedoch unmittelbar weder durch den monetären Preis einer Ware noch durch das konkret in ihr steckende Arbeitsquantum (den Wert bestimmt die durchschnittlich, beim Stand der Produktivkräfte notwendige Arbeitszeit) zu messen. Was bleibt ist nur die Hypothese, dass der Markt letztlich die Proportionalität von Preis und Wert herstellt (in dieser Hinsicht hatte Marx ein ähnliches theologisches Vertrauen in den Markt wie die Neoliberalen ;-). Dass das in einer von Monopolen beherrschten Wirtschaft stattfindet, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Das beste Gegenbeispiel ist M$. Die Annahme, dass die Wertabstraktion sich auf alle menschlichen Lebensäusserungen ausdehnen liesse, oder genauer: ihnen eigentlich zugrunde liege, ist jedenfalls recht abenteuerlich. Das wird zwar immer wieder versucht, scheitert jedoch regelmäßig. (…) Es gibt einfach eine Vielzahl von nicht tauschrationalen Motiven: Hier kämen von dem Verlangen nach Berühmtheit oder Reichtum (auf Umwegen, die in einer Gesellschaft, die immer mehr nach dem Prinzip Èthe winner takes allÇ funktioniert, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zum Erfolg führen und deshalb so wenig wie das Lottospielen als tauschrational gelten können) über die Begeisterung am Programmieren oder guter Software, dem Bedürfnis nach sozialem Kontakt und Meinungsaustausch, bis zu der moralischen Überzeugung, dass man der Allgemeinheit auch etwas geben muss oder zu Zielen wie dem, Bill Gates oder gar den Kapitalismus zu stürzen, alles Mögliche (auch in Mischung) in Frage. 2. Transaktionskosten Es stellt ein grobes Missverständnis dar, die Transaktionskosten mit den Kosten der elektronischen Verteilung gleichzusetzen. Gerade der Einsatz ÈkostenloserÇ Produkte aus dem Internet kann mit horrenden Transaktionskosten verbunden sein. Die Informationsbeschaffung, die Produktauswahl, der Einkauf von Support etc. können hier sehr aufwendig sein. Auch mit kommerziellen Produkten liegen diese bei Systemeinführungen in grossen Unternehmen hoch genug – oft höher als die Lizenzkosten für die Software oder die Hardwarekosten. Solange die Leute aus der Freien Softwareszene den IT-Typen aus der Industrie auf genaue Fragen nur antworten Èdas gibts doch alles irgendwo, irgendwie umsonst im InternetÇ werden die sie nicht ernst nehmen. (…) 4. Fordismus, Taylorismus & Toyotismus Stefan Meretz verwendet die Begriffe Fordismus und Toyotismus als Bezeichnungen für konkrete Formen der Arbeitsorganisation. Die Schöpfer dieser Begriffe (die Theoretiker der französischen Regulationsschule wie Lipietz, Aglietta, u. a.) verstehen darunter jedoch ganze Ensembles von (rechtlichen, politischen, sozialen) Reglements sowohl auf betrieblicher als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, die jeweils nicht nur einer Stufe der Produktivkraftentfaltung entsprechen sondern auch einen (die Machtverhältnisse reflektierenden) Klassenkompromiss darstellen. Dass der Toyotismus keine für die Arbeit besonders günstigen Machverhältnisse reflektiert, dürfte sich schon herumgesprochen haben. Reduziert man Fordismus auf die Arbeitsorganisation und hierin speziell auf die Fertigung am Fliessband, dann trifft der Begriff die Realität im Europa der Nachkriegszeit sehr schlecht. Für Massenproduktion nordamerikanischen Stils waren hier meist die Märkte zu klein. In den wichtigsten deutschen Industriezweigen, dem Maschinen- und dem Anlagenbau, spielte und spielt das Fliessband praktisch keine Rolle. Auch in der Bauindustrie, der in praktisch jedem Land eine große Bedeutung zukommt, gibt es keine Fliessbänder. Wie kann ein Modell, das nur für einen kleinen Bruchteil der Arbeitspätze massgeblich ist, zum Signum einer Epoche werden? Das ist so einfach nicht plausibel. Selbst wenn man dabei bleibt, den Fordismus nur von der Arbeitsorganisation her verstehen zu wollen, berührt man mit dem Hinweis auf das Fliessband höchstens die Oberfläche. Das Entscheidende an der Fordschen Innovation war jedoch garnicht das Fliessband, sondern die Montage aus standardisierten, vorfabrizierten Teilen. Die ist zwar eine notwendige Bedingung für das Fliessband, bietet jedoch auch unabhängig davon viele Vorteile. Allerdings setzt das die horizontale Integration des gesamten Fertigungsprozesses voraus (die Teile sollen ohne Nachbearbeitung zusammenpassen) und genau das macht die Schwierikeit des Übergangs zur fordistischen (in diesem Sinne) Industrieorganisation aus. Das Scheitern der Sowjetunion und von (um auch einmal ein kapitalistisches Beispiel zu nennen) Grossbritannien als moderne Industrienationen hatte genau damit zu tun, denn dieser Schritt hat eben gesellschaftliche Voraussetzungen, die weit über die unmittelbare Arbeitsorganisation hinausreichen. Es ist deshalb auch unzulässig, Fordismus (auch industrieorganisatorisch verstanden) und Taylorismus gleichzusetzen. Taylorismus hat mit der vertikalen Integration der Arbeitsprozesse ausgehend von deren Top-down-Zergliederung zu tun. Die beiden finden sich zwar oft zusammen, können jedoch auch unabhängig von einander auftreten. Vor Allem jedoch: Wenn man auf das Entscheidende: die horizontale Integration schaut, dann ist auch der Toyotismus fordistisch. Er ist sogar dessen konsequente Weiterentwicklung, weil er dessen Prinzip über die Fabrik hinaus auf ganze Netze von Fertigungsstätten (auch unterschiedlicher Unternehmen) und gleichzeitig auch noch auf eine Vielzahl von Produktvarianten ausdehnt. Er erweitert den Integrationsbereich flexibel sowohl hinsichtlich der einbeziehbaren Fertigungsstätten als auch hinsichtlich des herstellbaren Produktspektrums. Hierzu sind sowohl die vernetzten IT-Systeme (die nicht die Produktivität, sondern die Flexibilität steigern) als auch (unter bestimmten Bedingungen) die ÈneuenÇ Arbeitsformen instrumentell. So neu sind sie nicht: In Deutschland gab es auch in der Automobilindustrie bis in die 60er Jahre noch in manchen Bereichen Gruppenarbeit. Die Souveränität, die sie gewährt, ist unter den heutigen Bedingungen jedoch vor allem die zur gegenseitigen Disziplinierung, sprich: zur gruppeninduzierten Intensivierung der Ausbeutung. Ohne Zweifel hat sich in den letzten Jahrzehnten in der unmittelbaren Arbeitsorganisation an manchen Orten Manches geändert, doch ich halte es für problematisch, darin das Wirken säkularer Tendenzen von geschichtsphilosophischem Gewicht sehen zu wollen. Empirische Untersuchungen zeigen auch, dass die organisatorischen Innovationen bezogen auf die ganzen Volkswirtschaften viel geringeren Umfangs sind als z. B. in der Managementliteratur behauptet. Es gibt nach (so glaubte man damals) vielversprechenden Ansätzen zu mehr Produzentensouveränität in den 80er Jahren auch eine nicht zu unterschätzende Bewegung zurück zu den alten Formen. Das Wort von der Retaylorisierung macht die Runde. Vielen Unternehmen ist der Aufwand mit den neuen Formen viel zu gross und der Erfolg zu ungewiss. Man sollte sich einfach nicht durch die paar Glitzerbeispiele blenden lassen, die kurzfristig irgendwelche Schreiber der Managementpresse enthusiasmieren. Vielleicht hat Stefan schon recht damit, dass das Kapital den Faktor der Subjektivität mobilisieren müsste, um die Stagnation zu überwinden; doch anscheinend hängen da die Trauben einfach zu hoch oder es geht wohl, auch da gebe ich Stefan recht, grundsätzlich nicht. Ganz trivial war die Lehre aus der Krise der 70er doch, dass Mehrwertproduktion eben doch die Ausbeutung von Arbeit erfordert und dass Überakkumulation die Realisierung des Mehrwerts gefährdet und generell die Profitrate schmälert. Bestimmt hat das Kapital mehr von Marx gelernt als die Arbeiterbewegung, deren degenerierte Reste sich gerade endgültig ins geschichtliche Aus befördern (ÈBlair + Schröder = BlöderÇ dichtete kürzlich ein WOZ-Redakteur). Mit oder ohne Gruppenarbeit und Entfesselung der Subjektivität wird unter Toyotismus die vom grossen Kapital zu Lasten der Arbeit und des kleinen Kapitals gewonnene Flexibiliät auf der Ebene der Arbeitsbeziehungen und der industriellen Beziehungen, doch auch gegenüber dem Staat (durch Outsourcing, ÈflexibleÇ Arbeitsregelungen, ÈflexibleÇ Vernetzung, ÈflexibleÇ Lieferverträge inklusive Just-in-time-Lieferung, prekäre Arbeitsverhältnisse, Deregulation, Steuersenkungen, etc.) zu verstehen sein. Liebe Grüße Rainer Re: [ox] Re: Von den Interessen zur Bewegung · From: Sabine Nuss · Date: Wed, 08 Sep 1999 01:09:29 +0200 Hallo Stefan und andere! Ist ja interessant, dass hier die gleichen Fragen zum Thema gewälzt werden, wie wir es zu Anfang gemacht haben. Insofern würde ich auch “ein zurück auf Los” vorschlagen, da dort wohl die Knackpunkte liegen. Auch wenn Stefan schreibt, dass wir von oekonux da schon weiter waren, so doch noch nicht weit genug, so scheint es mir. Ich habe mal die Punkte rausgegriffen, die ich meine. Stefan Merten schrieb: > > Hi Jointis und Oekonuxen! > > Ich leite diesen meinen Reply auf eine Mail der joint-Liste mal auch > an die oekonux-Liste weiter, da auf beiden Listen sehr verwandte > Themen diskutiert werden und das sicher auf beiden von Interesse ist. > > 15 days ago Frank Oppenheimer wrote: > > Jens Himmelreich wrote: > >> Stefan Mn: > Klaro. Nur dass der Kapitalismus hier schon von einem > postkapitalistischen Produkt gesponsort wird – und das ist mindestens > auf dieser Stufe der Vergesellschaftung wohl neu. Hier nur kurz: “postkapitalistisch” – kann man dieses Wort nicht erst im Postkapitalismus – wie immer der aussehen soll – retrospektiv mit Gewissheit sagen, weil das Alte doch nur erkennbar ist, wenn das Neue zur Norm wird? Keiner hätte bei den Enclosures im 16. Jahrhundert und drüberraus gedacht, dass die Entkoppelung von Boden und Bauer und die Schaffung von Lohnmenschen, ihr wisst schon, “postfeudalistisch” ist und eine neue Produktionsstufe einläutet, oder? (…) Liebe Grüße Sabine

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